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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Wortmeldung zum 24.10.1992 (Landesparteitag der PDS Berlin)

Ellen Brombacher, Wolfram Adolphi

 

Es wäre unserer Partei zu gönnen gewesen, sich nach dem Berliner Wahlerfolg und in Anbe­tracht der Flut von sozialen und politischen Problemen auf diesem Parteitag mit Sachfragen befassen zu können.

Und wieder ein Fall am Vorabend der Konferenz. André Brie diesmal. Der Mann, der maßgeb­lich die Linie unserer Partei mit prägte und prägt. Von Beginn an. Und also auch erhebliche Verantwortung trägt für eine Art der Vergangenheitsaufarbeitung, die schnell, allzu schnell oft, schuldig sprach.

Schuld soll benannt werden, wo Schuld entstand. Analyse verlangt mehr als die Summierung subjektiven Fehlverhaltens oder Versagens. Und vor allem um Analyse geht es uns. Um den Umgang mit Geschichte überhaupt.

Vom Herbst 89 bis ins Frühjahr 90 wurde wahllos abgestoßen aus den Parteistrukturen, wer in der DDR Verantwortung getragen hatte. Ausnahmen bestätigten die Regel. Von denen, die in der ersten Reihe mit eisernen Säuberungsbesen kehrten, traf viele schon bald darauf ein ähn­liches Schicksal. Es stellte sich heraus: Auch sie hatten Verantwortung getragen vordem.

Gutwillig läßt sich Erklärung finden: Die SED hatte jegliches Vertrauenskapital verspielt. Neue mußten agieren, damit eine sich wandelnde Partei überleben kann. Zeitdruck herrschte. Da konnte nicht viel gefragt werden.

Ein Fazit: Es ist nicht wenig Härte im Spiel gewesen. Unrecht geschah zur Genüge, auch nach dem 89er Herbst. So etwas kommt vor, in schwierigen Zeiten allemal.

Aber: Jahre sind ins Land gegangen seither. Gorbatschow – auf den sich die Partei in ihrem Erneuerungsprozeß berief – ist politisch gescheitert. Und wohl auch zunehmend moralisch. Keine Illusion der Wendezeit hat sich erfüllt.

Und auch die PDS hat nun schon ihre eigene Geschichte. Auch über die ist zu reden: Über Erfolge und Niederlagen, Erkenntnisse und Irrtümer, Stabilisierungen und neue Bedrohungen zugleich. Über das komplizierte Geflecht von Bündnisbeziehungen und innerem Zustand.

Und zur Geschichte der PDS gehört nicht zuletzt Umgang mit Geschichte. Sprechen wir nicht zum Beispiel über den vierzig Jahre währenden deutschen Sozialismusversuch noch beinahe so wie im Herbst 89? Geht unser Denken tief genug über jene vierzig Jahre und über die drei Jahre danach? Ist es nicht an der Zeit, öffentlich abzulehnen, daß wir uns schuldig fühlen sollen dafür, ein anderes Deutschland versucht zu haben? Schuld trifft uns überall dort, wo wir dieses andere Deutschland verspielten. Die es uns nahmen, werden ihren Schuldanteil nicht benennen. Sieger kennen selten Schuld.

Nun also sind wir in die Welt des Kapitals geraten. Die Sieger diktieren, was Moral ist. Solange wir nicht ablehnen, uns schuldig zu fühlen dafür, daß wir die DDR trugen, solange wird ein Fall nach dem anderen die Partei schütteln. Wir müssen dann nur noch mit zweierlei Maß messen, und unsere Zerstörung ist vorprogrammiert.

Uns scheint die Zeit reif, die Art und Weise der Geschichtsaufarbeitung in der PDS einer prin­zipiellen Prüfung zu unterziehen. Uns scheint auch: Wir haben ein Zuwenig an Analyse und zuviel Aufgeregtheit dafür. Machen wir uns nicht besser, als wir waren, aber auch nicht schlechter. 

(Dokumentiert. Quelle: persönliches Archiv)

 

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