Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Vor 100 Jahren retteten Arbeiter die Republik und »Demokraten« die Reaktion

Prof. Dr. Heinz Karl, Berlin

Vor nunmehr 100 Jahren, im März/April 1920, erlebte Deutschland eine Sternstunde seiner wechselvollen, von tiefen, unversöhnlichen Gegensätzen geprägten Geschichte. Millionen Arbeiter und andere Werktätige verhinderten durch einen politischen Generalstreik und eine mächtige Welle bewaffneter Aktionen die Errichtung einer reaktionären Militärdiktatur. Aber die damit eröffnete Chance, die Positionen der imperialistischen Bourgeoisie und des Junkertums nachhaltig zu schwächen, insbesondere ihre militaristische Speerspitze abzubrechen, wurde vertan. Das ermöglichte das weitere Erstarken der imperialistischen Reaktion bis hin zur faschistischen Diktatur und zur Entfesselung des Zweiten Weltkrieges.

Die letztliche Niederlage der Novemberrevolution trotz nicht unbedeutender Teilergebnisse motivierte Bourgeoisie und Junkertum und die mit ihnen verbundenen Militärs, den Kampf um die Rücknahme der erzwungenen Zugeständnisse aufzunehmen und auf der Revanchepolitik zu beharren. Das von rechten Sozialdemokraten und bürgerlichen Mittelparteien getragene Koalitionsregime begünstigte dieses Bestreben. Typisch dafür war u.a. die terroristische Durchsetzung eines reaktionären Betriebsrätegesetzes am 13. Januar 1920. [1]

Die Situation spitzte sich weiter zu, als im Februar 1920 die im Versailler Friedensvertrag festgelegte Reduzierung der deutschen Streitkräfte von 545.000 Mann auf 100.000 Mann Heerestruppen und 15.000 Mann Marine durchzuführen war. Das bedeutete u.a., dass von 34.000 Berufsoffizieren 30.000 zu entlassen waren. Als im Zusammenhang damit die Auflösung einer konterrevolutionären Kerntruppe, der in Döberitz bei Berlin stationierten II. Marinebrigade (unter Korvettenkapitän Ehrhardt) angeordnet wurde, entschlossen sich die Militärs – an ihrer Spitze General Freiherr v. Lüttwitz (der bis zum 11. März über die Hälfte aller Heerestruppen unter seinem Befehl hatte) – zu handeln.

Am 13. März (einem Sonnabend) rückte die Brigade Ehrhardt – ungehindert durch Regierungstruppen oder Polizei – in Berlin ein und besetzte das Regierungsviertel.  Reichspräsident Ebert und die Reichsregierung flohen über Dresden nach Stuttgart. Die Putschisten proklamierten den ostpreußischen Gutsbesitzer Dr. Wolfgang Kapp, Mitglied des Aufsichtsrates der Deutschen Bank und des Vorstandes der rechtskonservativen Deutschnationalen Volkspartei, als Reichskanzler und General v. Lüttwitz als Reichswehrminister und militärischen Oberbefehlshaber.       

Sofort brandete eine spontane Streikwelle auf, aus Mitgliedern der Arbeiterparteien und Gewerkschaften bildeten sich Organe der Aktionseinheit, in großem Umfange wurden die Arbeiterräte der Revolutionszeit wiederbelebt. Die Führungen der freien Gewerkschaften riefen zum Generalstreik auf. Am Montag, dem 15. März, erfasste der Generalstreik etwa 12 Millionen Arbeiter, Angestellte und Beamte. Auch die christlichen und Hirsch-Duncker­schen Gewerkschaften schlossen sich an.

Die Putschisten begegnetem dem mit Ausnahmezustand, Standrecht und Exekutionen. Es zeigte sich, dass der Generalstreik, die Taktik der »verschränkten Arme«, allein nicht aus- reichte, die Kapp-Lüttwitz zu beseitigen. Arbeiterwehren bildeten sich und gingen zum Angriff über; im rheinisch-westfälischen Industriegebiet formierten sie sich zur Roten Ruhrarmee.

Der Generalstreik und die außerordentlich erfolgreichen, für die militärische Macht des Regimes – und damit für das Regime selbst – bedrohlichen bewaffneten Aktionen der Arbeiter führten zum völligen Zusammenbruch des Putsches. Am 17. März gaben Kapp und Lüttwitz auf.

Politischer Anspruch der Gewerkschaften

Von großer Bedeutung war, dass – im Gegensatz zur SPD-Führung – die Dachorganisationen der freien Gewerkschaften für die konsequente Fortsetzung des Generalstreiks eintraten und die Entwaffnung aller unzuverlässigen Truppen forderten. Gestützt auf ihre Rolle im Kampf gegen Kapp/Lüttwitz erhoben sie – erstmals! – den politischen Anspruch auf »entscheidende Mitwirkung bei der Neuordnung der Verhältnisse« [2]. Dem entsprach der Vorschlag des freigewerkschaftlichen Vorsitzenden Carl Legien, eine Arbeiterregierung aus Politikern der Gewerkschaften, der SPD und der USPD zu bilden, der auch von der KPD unterstützt wurde.

In Verhandlungen mit den Gewerkschaften verpflichtete sich die Koalitionsregierung, deren Forderungen zu erfüllen. Daraufhin rief die Gewerkschaftsführung am 20. März zur Beendigung des Generalstreiks auf. Das Agieren der Regierung erwies sich als reines Täu- schungsmanöver, um dem von vollständiger Zerschlagung bedrohten Militär eine Atempause zu verschaffen, in der es sich reorganisieren und umgruppieren konnte. Auch eine Regierungsumbildung am 27. März, bei der Hermann Müller, einer der SPD-Vorsitzenden und bisheriger Außenminister (und Unterzeichner des Versailler Vertrages), als Reichskanzler Gustav Bauer ablöste, der aber als Schatzminister in der Regierung verblieb, der zur reinen Belastung gewordene Noske durch Otto Geßler (quasi ein rechter Flügelmann der Deutschen Demokratischen Partei/DDP) ersetzt wurde, war eine Farce, die Veränderung vortäuschen sollte.

Gebildet von rechten SPD-Führern, Politikern des katholischen Zentrums und der liberalen DDP stabilisierte diese Regierung die Machtverhältnisse. Sie setzte die putschenden Reichswehrverbände – darunter die Brigade Ehrhardt, vor der sie aus Berlin bis Stuttgart geflohen war – in Marsch, um die Arbeiter, die unter Einsatz ihres Lebens die Republik verteidigt hatten, blutig niederzuschlagen. Sie machte den Weg frei für die weitere Konsolidierung und das Erstarken der Reaktion. Unter dem Vorwand, die Reichswehr gegen negative Beeinflussung von außen abzuschirmen, wurde sie zu einem »Staat im Staate« gemacht.

Historische Lehren

Die Vorgänge um den Kapp-Lüttwitz-Putsch vermitteln wichtige Lehren, die auch für die Gegenwart und Zukunft relevant sind.

Das betrifft zum Beispiel den Umgang der Arbeiterbewegung und anderer Linker mit der bürgerlichen Staatsmacht und ihrem Apparat. Wie sich zeigt, ist er nicht neutral, sondern trägt einen ausgeprägten Klassencharakter, der sich in Konflikt- und Krisensituationen be- sonders krass und fortschrittsfeindlich offenbart.

In besonderem Maße gilt dies für die Armee. Im Kapp-Lüttwitz-Putsch erwies sich mit sel- tener Klarheit die politische Rolle des Militärs im bürgerlichen Staat als Bollwerk der Reaktion und über der parlamentarischen Demokratie schwebendes Damoklesschwert. Diese Erfahrung mahnt, allen Tendenzen der Militarisierung der BRD, des Ausbaus der inneren Funktion der Bundeswehr (einer nicht weniger restaurativen Armee, als es die Reichswehr der Weimarer Republik war) mit höchster Wachsamkeit und ausgeprägtem demokratischen Misstrauen zu begegnen.

Aus Legiens Initiative einer Arbeiterregierung und den darum geführten Diskussionen könnte man in etwa schließen: Eine Regierungsbeteiligung wäre anzustreben, wenn sie von einer starken, zielklaren und schlagkräftigen Massenbewegung getragen würde und außerhalb wie innerhalb der Regierung ein politisches Kräfteverhältnis gegeben wäre, das die Durchsetzung entscheidender Kampfforderungen und damit eine Linksentwicklung ermöglichen würde.

Die Entwicklung während des Kapp-Putsches, noch mehr die nach seinem Scheitern, warf ein bezeichnendes Licht auf die Rolle der »bürgerlichen Mitte«. Verhielt sie sich während des Putsches mehr oder weniger abwartend, beschwor sie nach seinem Scheitern und dem Rachefeldzug gegen die kämpfenden Arbeiter lauthals die »bolschewistische« Gefahr.

Auch die Erfahrungen des März 1920 unterstreichen die herausragende, unersetzliche Rolle der Gewerkschaften in solchen Massenaktionen sowie die nicht geringere Rolle der Entwicklung in den Betrieben, der Betriebsräte und anderer betrieblicher Organe.

Schließlich verdeutlichen diese Erfahrungen, wie wichtig, ja unbedingt notwendig für die Auslösung, Kontinuität, Verbreiterung und Steigerung von Massenaktionen ihre organisatorische Basis, handlungsfähige Strukturen, initiativreiche koordinierende Gremien sind, die aus der praktischen Bewegung heraus entwickelt werden müssen, ihr nicht oktroyiert werden können.

Anmerkungen:

[1]  Vgl. H. Karl: Wie das Kapital sich vor Arbeiterrechten »schützt«. In: Mitteilungen der KPF, H. 1/2020, S. 5-7.

[2]  Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. VII, 1. Halbbd., Berlin 1966, S. 221.

Literaturempfehlungen:

  • Erwin Könnemann/Hans-Joachim Krusch: Aktionseinheit contra Kapp-Putsch, Berlin 1972.
  • Klaus Gietinger: Kapp-Putsch 1920 – Abwehrkämpfe – Rote Ruhrarmee, Stuttgart 2020.
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