Ah Q lebt – oder die Pflicht zur Selbstkritik
Moritz Hieronymi, Peking
Zum 90. Todestag des chinesischen Schriftstellers und Revolutionärs Lu Xun
Japan, 1904. Ein junger chinesischer Medizinstudent sitzt in einem Hörsaal. Auf einer Dia-Leinwand läuft eine Wochenschau: Ein Chinese wird wegen Spionage hingerichtet. Rings um den Studenten sitzen seine Kommilitonen – überwiegend Chinesen, die, wie damals üblich, im hochentwickelten Japan studierten. Im Saal bleibt es still. Keiner regt sich. Gleichgültigkeit gegenüber dem Landsmann auf der Leinwand. Der Student beobachtet seine Kollegen mit Fassungslosigkeit. Sein Name ist Zhou Shuren – später wird er als Lu Xun bekannt. Schon bald danach gibt er das Medizinstudium auf.
Diese Szene steht am Anfang von Lu Xuns literarischer Laufbahn. Sie enthält bereits alles, was ihn bis zu seinem Tod im Jahr 1936 umtreiben wird: die Frage, wie Menschen dazu gebracht werden, ihre eigene Unfreiheit geistig zu akzeptieren. Und die Überzeugung, dass die Veränderung des Bewusstseins keine Nebenfrage ist, sondern eine Voraussetzung jeder gesellschaftlichen Neuformierung.
90 Jahre nach seinem Tod ist Lu Xun in China allgegenwärtig. Jedes Schulkind liest seine Texte, der Lu-Xun-Literaturpreis ist die höchste Literaturauszeichnung des Landes. 2026 findet in Shanghai die »Lu Xun Literaturwoche« statt. Aber die Ehrung dieses literarischen Giganten, der gleich zweimal die Nominierung zum Literaturnobelpreis ablehnte, führt zusehends zur gesellschaftlichen Bürde. Die Diskussionen, wie an einen Literaten und sein Wirken erinnert werden kann, ohne dass dieser zu einem Symbol verkommt, werden zusehends lauter geführt. Ein Teil der chinesischen Literaturwissenschaften warnt deshalb vor einer Verengung seines Werkes und fordert, zwischen dem historischen Lu Xun und seinen späteren Bildern in Gesellschaft und Medien zu unterscheiden.
I. China auf der Suche nach einem neuen Menschen: Die Zeit
Lu Xun wurde 1881 geboren, in einer Epoche, in der die alte chinesische Ordnung zerfiel. Das Kaiserreich der Qing-Dynastie war seit Jahrhunderten geprägt durch hierarchische Beziehungen, konfuzianische Moralvorstellungen und ein starkes Ideal gesellschaftlicher Harmonie. Doch ab 1840 geriet China zunehmend unter den Druck imperialistischer Mächte. Die Opiumkriege (1840–42, 1856–60), die Niederlage gegen Japan 1895, der Boxeraufstand 1900 und die fortdauernde halbkoloniale Abhängigkeit – eine Demütigung folgte der nächsten.
Die Revolution von 1911 stürzte den Kaiser. Aber die darauffolgende Republik löste die Krisen nicht. Militärherrschaft, soziale Ungleichheit, Korruption und ausländische Einflussnahme prägten weiterhin das Land. In dieser Situation formierte sich die Bewegung des 4. Mai 1919. Auslöser war die Empörung über den Friedensvertrag von Versailles: China, das auf der Seite der Sieger gestanden hatte, sollte die deutsche Kolonie Shandong nicht zurückerhalten, stattdessen fiel sie an Japan. Am 4. Mai 1919 zogen rund 3.000 Studenten in Peking zum Gesandtschaftsviertel, um gegen den Vertrag und die eigene Regierung zu protestieren. Die Bewegung griff rasch auf andere Städte über; in Shanghai gingen wenige Tage später Hunderttausende auf die Straße.
Doch diese Bewegung war mehr als ein anti-imperialistischer Protest. Sie wurde zur ersten modernen Massenbewegung Chinas und zur intellektuellen Revolution. Ihre Ziele: die Ablehnung der alten konfuzianischen Traditionen, eine neue Sprache statt des klassischen Chinesisch, die Rechte der Frauen, die Selbstorganisation der Studenten. Es ging um nationale Souveränität, um die eigene Identität, um ein Aufbegehren gegen Bevormundung im eigenen Land. Und es ging um die Frage, die Lu Xun sein Leben lang umtreiben sollte: Welche Menschen produziert eine Gesellschaft – und welche Menschen braucht eine wirkliche Erneuerung?
II. Ah Q: Die Diagnose
1921 veröffentlichte Lu Xun seine berühmteste Erzählung: Die wahre Geschichte des Ah Q. Die Hauptfigur ist ein Landstreicher, der die Xinhai-Revolution (Revolution von 1911, die das Kaiserreich beendete) erlebt, ohne sie zu begreifen, und am Ende als Sündenbock für einen Einbruch beim Gutsherrn Zhao hingerichtet wird. Ah Q ist kein bloßer Dummkopf. Er ist ein Mensch, der unter gesellschaftlichen Bedingungen lebt, die ihn kleinhalten – und der sich gegen diese Bedingungen nicht auflehnt, sondern sich nach ihnen sehnt.
Die berühmteste Szene ist am Hofe Zhao. Ah Q behauptet, mit der mächtigen Familie verwandt zu sein. Herr Zhao lässt ihn rufen und fährt ihn für diese Behauptung an. Noch bevor Ah Q antwortet, wird er verprügelt und aus dem Haus geworfen. Die Schläge sind keine Strafe für eine Tat – Ah Q hat kein Gesetz gebrochen. Sein Vergehen ist eine Behauptung. Er wird geschlagen, weil er die Hierarchie durchbrochen hat. Die Ordnung bestraft, wer ihre innere Verfasstheit missachtet. Ah Q wehrt sich nicht. Er deutet die Niederlage sofort in einen Triumph um: Der Schläger, ein Bediensteter des Zhao, sei ein »Sohn der Schildkröte« (龟儿子) [Entsprechung von Bastard]. Indem Ah Q ihn zum »Sohn« erklärt, setzt er sich selbst als Vater – und da ein Vater über dem Sohn steht, habe er eigentlich gesiegt. Lu Xun beschreibt diese Haltung als »geistige Siegesmethode« (精神胜利法): eine Technik, sich durch Selbsthypnose wieder wohlzufühlen, indem man körperliche Niederlagen in innere Triumphe umdeutet.
Eine individuelle Marotte, die eine gesellschaftliche Form des Bewusstseins annimmt. Ah Q zeigt: Unterdrückung wird durch Gewalt ermöglicht, aber erst dadurch stabilisiert, dass Menschen lernen, ihre soziale Lage geistig zu akzeptieren und später sogar zu rechtfertigen. Entscheidend ist dabei, dass Ah Q die Hierarchie, die ihn ausschließt, nicht infrage stellt. Er sehnt sich nach Zugehörigkeit zu ebenjener Ordnung, die ihn verprügelt. Er will nicht die Abschaffung der Familie Zhao. Er will selbst ein Zhao sein.
Dieses Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft blieb kein exklusives Problem der alten Kaiserzeit. Lu Xuns Zeit war vom Revolutionsversprechen geprägt, welches er selbst nicht mehr miterleben sollte. Wie sehr die Figur des Ah Q zum Sinnbild der neuen Ordnung wird, zeigte Christoph Hein.
III. Heins Ah Q: Die Dämmerstunde der Revolution
1983 – mehr als sechzig Jahre nach Lu Xuns Erzählung – veröffentlicht Christoph Hein sein Stück Die wahre Geschichte des Ah Q (Zwischen Hund und Wolf). Es wird am 22. Dezember 1983 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt. Hein übernimmt das Grundgerüst von Lu Xun mit geradezu pedantischer Treue. Der Zusatz »Zwischen Hund und Wolf« – das französische entre chien et loup, die Dämmerstunde, in der sich Hund und Wolf nicht mehr auseinanderhalten lassen – bezeichnet die Lage des Stücks: eine Zeit, in der Herr und Revolutionär, Knecht und Freund, Wort und Tat nicht mehr verlässlich zu trennen sind.
Das Zentrum der Handlung ist kein Ereignis, sondern ein Wort. Ah Q übernimmt den Begriff der »Anarchie«, ohne seinen Inhalt zu verstehen. Er »besitzt« das Wort: »Es ist ein schönes Wort. Scharf und kräftig. Und es klingt.« Die Nonne bringt den Befund: »Es ist ein ausländisches Wort.« Sprache ersetzt Praxis. Das ist die »geistige Siegesmethode« in ihrer modernen Form: Die Welt wird nicht geändert, sondern durch Ausruf beschworen.
Heins bitterste Pointe ist die Kontinuität der Gewaltapparate. Maske, der Scherge des alten Herrn, bleibt Scharfrichter des neuen Regimes. Der einzige Meinungsumschwung betrifft das Vokabular, nie die Praxis. Auf Wangs Satz »Es gibt keinen gnädigen Herrn mehr« antwortet der Tempelwächter schlicht: »Ich weiß. Er heißt jetzt revolutionärer Herr.«
Hein zeigt damit, was Lu Xun in der Figur des Ah Q angelegt hatte: Die »geistige Siegesmethode« verschwindet nicht mit dem Umsturz der alten Ordnung.
IV. Die Jahre von 1927 bis 1930: Bruch und Organisation
April 1927. In Shanghai ermorden Truppen Chiang Kai-sheks tausende Kommunisten und linke Intellektuelle. Es ist ein Blutbad, das die Einheitsfront zwischen Kuomintang und KPCh zerstört. Lu Xun, der bis dahin gehofft hatte, die Kuomintang könne China erneuern, bricht mit ihr. Er zieht sich nicht zurück. Er wird radikaler.
Am 2. März 1930 wird in Shanghai die Liga linker Schriftsteller (中国左翼作家联盟) gegründet – eine Organisation unter Führung der KPCh, die im Untergrund gegen die Kulturpolitik der Kuomintang arbeitet. Lu Xun, der zu den Gründern gehört, hält die programmatische Rede, die eine Warnung an seine Zunft ist. Unter dem Rubrum »Linke Schriftsteller werden sehr leicht zu rechten Schriftstellern« kritisiert er den vorherrschenden Linksradikalismus junger Autoren, deren Wirklichkeit sich in geschlossenen Räumen abspiele. Sobald diese aber mit der Realität in Berührung kämen, zerbreche der süße Traum vom Umsturz.
Die zweite Gefahr ist die romantische Verklärung der Revolution und der Idealismus. Lu Xun warnt die jungen Autoren davor, dass ihr rein subjektives, theoretisches Bewusstsein in idealistische Schwärmerei abdriftet, wenn es nicht permanent durch die objektiven materiellen Bedingungen – den »Schmutz und das Blut« der realen Massen – geerdet wird. Als Beispiel nennt er den russischen Dichter Sergei A. Jessenin, der die Oktoberrevolution bejubelte und sich später das Leben nahm, weil die Wirklichkeit nicht seinen Träumen entsprach.
Aus dieser Analyse entwickelt Lu Xun vier Forderungen an die Liga: Erstens, der Kampf gegen die alte Gesellschaft muss entschlossen, dauerhaft und mit Blick auf die realen Kräfteverhältnisse geführt werden – nicht mit schönen Worten. Zweitens, die literarische Front muss erweitert werden. Drittens müssen neue Kämpfer herangebildet werden. Viertens muss die Einheitsfront den Interessen der Arbeiter und Bauern dienen – nicht der Selbstverwirklichung der Intellektuellen.
Lu Xuns Rede von 1930 ist der Schlüssel zu seinem Verständnis von revolutionärer Politik. Sie ist die praktische Konsequenz aus dem, was Ah Q verkörpert: Die »geistige Siegesmethode« – sich die Welt schönreden, statt sie zu verändern – kann auch die Linke befallen. Wer die Massen nicht kennt, wird »leicht zum rechten Schriftsteller«, auch wenn er sich links nennt. Kurzum, es ist die Aufforderung, die eigene Praxis immer wieder an der Wirklichkeit zu messen.
V. Ah Q lebt: Lu Xuns Vermächtnis
Hein zeigt am Ende seines Stücks, wie Ah Q hingerichtet wird, aber die Verhältnisse, die ihn hervorbrachten, bleiben. Der gnädige Herr heißt jetzt revolutionärer Herr. Die Figur des Schergens Maske bleibt, was er war. Die Sprache wechselt, die Praxis nicht.
Das ist keine Anklage gegen die Revolution. Es ist die nüchterne Feststellung, dass die »geistige Siegesmethode« nicht mit dem Umsturz der alten Ordnung verschwindet. Sie kann in neuen Formen wiederkehren – als Selbstzufriedenheit, als Dogmatismus, als die Weigerung, die eigene Praxis zu überprüfen.
Lu Xuns Vermächtnis liegt genau hier: Er lehrt uns, dass die Revolution kein einmaliger Akt ist, sondern ein dauernder Prozess der Selbstkorrektur. Eine Gesellschaft, die sich verändern will, muss zwischen verschiedenen Formen der Kritik unterscheiden: Nicht jeder Kritiker ist ein Gegner; entscheidend ist, ob Kritik der Erneuerung dient oder ob sie gesellschaftliche Entwicklung verhindern will.
Die Geschichte Chinas nach 1949 – einschließlich der Reform- und Öffnungspolitik – zeigt, dass gesellschaftliche Erneuerung kein abgeschlossener Vorgang ist. Jede Generation steht vor neuen Aufgaben. Das ist die Bedingung dafür, dass eine Gesellschaft lebendig bleibt.
Lu Xun war kein bequemer Klassiker, sondern ein Schriftsteller, der daran erinnerte, dass wahre Erneuerung immer auch die Bereitschaft voraussetzt, sich selbst zu über-prüfen. Ah Q lebt dort weiter, wo Selbsttäuschung an die Stelle von Analyse tritt.
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