Terror im Imperium
Moritz Hieronymi, Peking
Nachbetrachtungen zu den Folgen der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA
Christopher Nolan hat es wieder geschafft. Wie schon bei seiner Oppenheimer-Verfilmung legt der US-amerikanische Filmemacher in seiner Adaption der Odyssee einen in Teilen subversiven Antikriegsfilm vor. Die Irrfahrt des Odysseus gerät zu einer ständigen Flucht vor den unkontrollierbaren Nachwirkungen des Trojanischen Krieges, in der der Protagonist zwar mit strategischer Genialität alle Herausforderungen zu meistern weiß, bei der er aber zusehends einsehen muss, dass er kein Subjekt, sondern nur Objekt der Geschehnisse geworden ist. Für Nolan gibt es keine Helden mehr; das Soldatische endet in den Todesmühlen des vermeintlichen Gotteswillens. Verstörend, einer Kleist’schen Ekelästhetik gleichend, wird gezeigt, wie die Schattenkrieger im Trojanischen Pferd drei Tage lang in ihrer eigenen Scheiße ausharren, bis der richtige Moment zum Angriff gekommen ist. Und obwohl diese heldengleichen Soldaten des Agamemnon doch für eine gerechte Sache kämpfen, vergreifen sie sich an der trojanischen Zivilbevölkerung, martern Frauen und Greise, schänden die Tempel. In der Nekuia, der Unterwelt, schlachtet Odysseus das geforderte Tieropfer, um seine gefallenen Kameraden ein letztes Mal um Rat zu bitten. Zum Vorschein kommen die im Dreck gebadeten, einstigen Heroen, die sich am Opferblut wie der Kannibale laben.
Doch Nolans apokalyptische Vision ist kein in der Antike verharrendes Epos. Sie findet ihre historische Entsprechung in den Trümmern des 11. September 2001. So wie das Trojanische Pferd als trügerisches Instrument in die Stadt eindrang, drangen die Attentäter mit entführten Passagiermaschinen als lebende Waffen in das Herz des amerikanischen Imperiums ein – ein Angriff, der die Vorstellung von staatlicher Souveränität ebenso pulverisierte wie Nolans Heldenbild. Die Mobilmachung eines unbegrenzten Krieges, der keine Rücksicht mehr auf zivile Sphären nahm, zeigt: Nolans Bild der entgrenzten Gewalt ist keine Fiktion, sondern die Realbeschreibung eines Imperialkrieges, dessen Folgen bis heute nachwirken.
Die vertane Chance – oder wie andere Welt möglich gewesen wäre
Wladimir Putin war der erste Staatschef, der George W. Bush nach den Anschlägen anrief. [1] Am 24. September 2001 legte er einen Fünf-Punkte-Plan vor: Austausch geheimdienstlicher Erkenntnisse, Öffnung des russischen Luftraums für humanitäre Hilfsflüge, Zusammenarbeit mit den zentralasiatischen Republiken Usbekistan und Tadschikistan für die logistische Versorgung der Afghanistan-Operation, Beteiligung an Suchaktionen und humanitäre Hilfe. Putin verglich den Kampf Russlands in Tschetschenien mit dem amerikanischen Kampf gegen al-Qaida und nannte die tschetschenischen Militanten »Schüler Bin Ladens«. Bush antwortete gegenüber Putin mit ungewöhnlichem persönlichen Vertrauen: »Du bist der Typ Mann, den ich gerne neben mir im Schützenloch hätte.« [2]
In diesem amerikanischen Schützenloch saß neben Russland noch ein aus heutiger Sicht überraschender Akteur: Der Iran, seit der Geiselkrise von 1979 Erzfeind der USA, jetzt inoffiziell wichtig für die USA-Geheimdiplomatie. Nach dem Angriff auf Afghanistan und der Niederwerfung der Taliban spielt die Islamische Republik mit ihrem Unterhändler Mohammad Javad Zarif eine Schlüsselrolle bei der Bonner Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001, die über die Nachfolgeregierung in Kabul entscheiden sollte. Das Bonner Abkommen, das Hamid Karzai als Übergangspräsidenten einsetzte, kam nach Einschätzung des Council on Foreign Relations »mit erheblicher diplomatischer Hilfe des Iran« zustande. [3] James Dobbins, der US-Sondergesandte, würdigte Zarifs Beitrag später öffentlich. [4]
Gleichzeitig hatte China bereits drei Monate vor den Anschlägen, im Juni 2001, mit der Gründung der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) ein multilaterales Instrumentarium geschaffen. Die SCO definierte auf ihrem Gründungsgipfel die »Drei Übel«: Terrorismus, Separatismus, Extremismus. Ihre Konvention zur Bekämpfung dieser Bedrohungen wurde am selben Tag unterzeichnet wie die Gründungserklärung. Die Regionale Antiterror-Struktur, die permanente Koordinationsstelle der Organisation, nahm 2004 in Taschkent ihre Arbeit auf.
So gab es, und das muss in aller Deutlichkeit festgehalten werden, im Herbst 2001 ein multilaterales Fenster: Russland, China, Iran und die zentralasiatischen Staaten waren bereit, den Terrorismus als gemeinsames Sicherheitsproblem zu behandeln. Was Washington daraus machte, war das Gegenteil. Im Januar 2002 ordnete Bush den Iran der »Achse des Bösen« zu, unmittelbar nachdem Zarif in Bonn konstruktiv kooperiert hatte. Für die iranische Reformregierung unter Khatami wurde die Bonner Konferenz, die den Höhepunkt iranisch-amerikanischer Zusammenarbeit seit der Islamischen Revolution markiert hatte, zum außenpolitischen Trauma. Der Irak-Krieg 2003, begonnen mit gefälschten Geheimdienstdossiers über Massenvernichtungswaffen, die nie gefunden wurden, löste den Krieg endgültig von seinem erklärten Zweck der Terrorbekämpfung und verwandelte ihn in einen Imperialkrieg.
Kontrolliertes Chaos und seine Dialektik – oder der seltsame Fall des David C. Headley
Der Fall des David Coleman Headley ist die Chiffre für eine Systemlogik, die der »Krieg gegen den Terror« hervorgebracht hat. Headley, geboren als Daood Sayed Gilani, war ein pakistanisch-amerikanischer Sohn aus privilegiertem Haus, der zum Heroinhändler wurde, als Drogenschmuggler vom US-Drogenbekämpfungsdienst DEA als Informant angeworben wurde, sich parallel in pakistanischen Ausbildungslagern der Terrororganisation Lashkar-e-Taiba zum Jihadisten ausbilden ließ und zugleich als Agent des pakistanischen Militärgeheimdienstes ISI operierte. Zwischen 2006 und 2008 führte er fünf Aufklärungsmissionen in Mumbai durch, fotografierte Ziele, erkundete Zugangswege und übermittelte seine Erkenntnisse an seine Lashkar-Führungsoffiziere, von denen mindestens einer eng mit dem pakistanischen Geheimdienst zusammenarbeitete. [5] Er kommunizierte dabei in E-Mails, Textnachrichten und Telefonaten, in denen er offen extremistische Positionen vertrat und Anschlagsziele besprach.
Am 26. November 2008 drangen zehn Bewaffnete der Lashkar-e-Taiba in das Zentrum Mumbais ein. Sie stürmten das Taj Mahal Palace Hotel, einen Bahnhof, ein Krankenhaus für Frauen und Kinder, ein jüdisches Gemeindehaus und ein Café. 166 Menschen starben, 304 wurden verletzt. Während der Angriffe erhielten die Terroristen direkte Anweisungen über Internettelefonie, deren Provider sich in den USA befanden. [6]
Das Verstörende an diesem Fall liegt nicht im Anschlag selbst, sondern in dem, was ihm vorausging. Bereits 2005 hatte eine von Headleys Ehefrauen das FBI gewarnt: Ihr Mann unterhalte intensive Verbindungen zu Lashkar-e-Taiba, habe in pakistanischen Camps trainiert und prahle damit, ein bezahlter US-Informant zu sein, während er eine terroristische Ausbildung durchlaufe. 2007 warnte eine zweite Ehefrau die US-Botschaft. Trotz dieser Hinweise operierte Headley vier weitere Jahre ungehindert. Als er im Oktober 2009 schließlich in Chicago verhaftet wurde und in einem zweiwöchigen Verhör umfassend aussagte, waren die FBI-Agenten nach eigenem Bekunden erschüttert über das Ausmaß seiner Kontakte. R. K. Raghavan Pillai, Indiens oberster Sicherheitsbeamter, formulierte es unverblümt: Headley sei ein Doppelagent gewesen, der gleichzeitig für die USA und für Lashkar und den ISI gearbeitet habe. [7] CIA, FBI und DEA bestritten dies.
Headley ist deshalb paradigmatisch, weil er die Grundstruktur des entgrenzten Antiterrorkrieges in einer einzigen Biografie verdichtet: Ein Staat, der Terrororganisationen als Instrumente benutzt (Pakistan/ISI), finanziert von einem Staat, der sich als Verbündeter der Terrorbekämpfung ausgibt, überwacht von einem Hegemon (USA), dessen Geheimdienste mithören, aber nicht eingreifen, und dessen eigene Behörden den künftigen Terrorplaner als Informanten führen. Das ist kein Versagen. Das ist die Logik des kontrollierten Chaos: die Instrumentalisierung von Instabilität als Machtmittel. Der Geheimdienst- und Drogenkriegsapparat der USA hielt Headley bewusst als Informanten, um Zugang zu pakistanischen Terror- und Schmuggelnetzwerken zu behalten – selbst um den Preis eines späteren Anschlags, der als willkommene Rechtfertigung für die eigene Aufrüstung diente.
Diese Logik reproduzierte sich im folgenden Jahrzehnt in immer größerem Maßstab. In Libyen führte die NATO-Intervention von 2011 zum Staatszerfall und zur Proliferation von Waffen in die gesamte Sahelzone. In Syrien bewaffneten die USA, die Türkei, Saudi-Arabien und Katar teils dieselben, teils rivalisierende Rebellengruppen, von denen einige zum Islamischen Staat überliefen, der seinerseits aus dem Machtvakuum des zerstörten irakischen Staates hervorgegangen war. Das kontrollierte Chaos erzeugte Kontrollverluste, die sich nicht mehr eindämmen ließen: den IS-Kalifatstaat, die europäische Flüchtlingskrise, die Erosion jener Bündnisstrukturen, auf denen die amerikanische Hegemonie beruhte.
Iran 2026 – oder Carl Schmitts Prophezeiung
Am 28. Februar 2026 begannen die USA und Israel koordinierte Luftangriffe auf den Iran unter den Codenamen Operation Epic Fury und Operation Roaring Lion. In der Eröffnungsphase wurde Oberster Führer Ali Khamenei getötet, zusammen mit mehreren hochrangigen Kommandeuren der Revolutionsgarden. Es war der größte US-Militäraufmarsch im Nahen Osten seit der Invasion des Irak 2003: drei Flugzeugträgergruppen, die 82. und 101. Luftlandedivision, die 10. Gebirgsdivision, SEAL- und Delta-Force-Einheiten. Die offizielle Begründung verwies auf Irans Atomprogramm, die Niederschlagung der Proteste 2025/2026 und die Eskalationsspirale seit dem Zwölftagekrieg mit Israel im Juni 2025.
Was folgte, bestätigte eine Vorhersage, die Carl Schmitt 1963 in seiner Theorie des Partisanen formuliert hatte. Schmitt, der umstrittene Jurist und politische Philosoph, hatte in seiner »Zwischenbemerkung zum Begriff des Politischen« gewarnt, dass die Erosion der konventionellen Feindschaft, wie sie das europäische Völkerrecht des jus publicum europaeum eingehegt hatte, in einen Zyklus von Terror und Gegenterror münden werde, der sich einer Staatenlogik entziehe. Der Partisan, so Schmitt, sei der Ausdruck »wirklicher Feindschaft« im Unterschied zur konventionellen, solange er sich der Instrumentalisierung durch interessierte Dritte erwehren könne. Zugleich sei er ein Vorbote des Endes der Staatlichkeit selbst.
Im Iran-Krieg 2026 lässt sich diese Dialektik in Echtzeit beobachten. Die USA zerstörten den Großteil von Irans konventionellem Militärapparat. Aber die Iranischen Revolutionsgarden, die auf asymmetrische Kriegführung spezialisiert sind, behielten die Kontrolle über Schnellboote, Drohnen, Seeminen und Raketen. Irans Antwort war die einer Partisanenmacht: Schließung der Straße von Hormuz, durch die täglich rund 20 Millionen Barrel Rohöl transitieren; Drohnenangriffe auf Ölraffinerien in Saudi-Arabien und auf die US-Botschaft in Riad; Angriffe mit Einwegdrohnen auf US-Stellungen, darunter der Treffer auf ein taktisches Operationszentrum in Port Shuaiba, Kuwait, am 1. März 2026, der sechs US-Soldaten tötete. Der Ölpreis durchbrach die 100-Dollar-Marke.
Die strategische Umkehrung, die Schmitt vorausgesehen hatte, vollzog sich auf beiden Seiten. Der Iran, militärisch weit unterlegen, setzte auf eine Kosten-Ermattungsstrategie: 20.000-Dollar-Shahed-Drohnen gegen Patriot-Abfangraketen, die das Zweihundertfache kosten. Cameron Chell, CEO des Drohnenherstellers Draganfly, brachte die Asymmetrie auf den Punkt: Hundert solcher Drohnen in den Händen einer dezentralen Einheit könnten Terror in einem Nachbarstaat verursachen, wie er nie zuvor vorstellbar gewesen sei. Die Iraner könnten den Krieg mit diesen Drohnen nicht gewinnen, aber wie die Vietcong verfügten sie über eine asymmetrische Fähigkeit, die den Krieg verlängern und politischen Druck erzeugen könne. Das Washington Monthly formulierte die Konsequenz schärfer: Der Verschleiß hochentwickelter US-Waffensysteme gegen iranische Billigdrohnen komme einer einseitigen Abrüstung gegenüber China gleich. Dass ukrainische Techniker im Persischen Golf US-Verbündete berieten, wie man eine 20.000-Dollar-Drohne ohne Patriot-Abschuss abfangen könne, [8] zeigt, dass die Schlachtfelder der Ukraine die Zukunft der Landkriegsführung bestimmten, nicht die US-Ausbildungszentren in Fort Irwin.
Doch auch das Imperium selbst bediente sich der Partisanen-Methodiken. Gezielte Tötungen von Staatsoberhäuptern, Cyberangriffe auf iranische Gebetsapps und Rundfunksender, die Kompromittierung ziviler Kommunikationsinfrastruktur: Die Methoden, die die USA und Israel im Iran-Krieg einsetzten, waren die eines entstaatlichten Konflikts, in dem die Unterscheidung zwischen Kombattant und Zivilist, zwischen regulärer und irregulärer Kriegführung, zwischen Krieg und Frieden systematisch aufgehoben wurde. Die NGO Carnegie Endowment for International Peace warnte, dass der Iran-Krieg in seinem Ausmaß asymmetrischer Kriegführung und KI-gestützter Konfliktführung beispiellos sei und ein globales Drohnen- und KI-Wettrüsten beschleunige, während die Regeln des bewaffneten Konflikts unter dem Druck des Ukraine-Krieges, der israelischen Operationen in Gaza und Libanon und der amerikanischen Manöver im Iran an ihre Belastungsgrenzen stießen.
Die geopolitischen Folgen dieser Entgrenzung zeichneten sich bereits ab. Am 7. August 2026 unterzeichneten Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei in Mekka ein Verteidigungsabkommen, das dem Artikel 5 der NATO nachempfunden ist: Ein Angriff auf einen wird als Angriff auf alle behandelt. Das ölreiche Saudi-Arabien, die Atommacht Pakistan und die Türkei mit der zweitgrößten NATO-Armee schlossen sich zu einer sunnitischen Militärfront zusammen, die den wachsenden Zweifeln Ausdruck gab, ob Washington noch ein zuverlässiger Partner ist. Pakistan hatte bereits 8.000 Soldaten, Kampfflugzeuge und ein chinesisches Luftabwehrsystem auf saudischem Boden stationiert. [9] Widersprüchlicherweise unterzeichnete Washington ein 30-jähriges Nuklearkooperationsabkommen mit Saudi-Arabien, das die Anreicherung von Uran auf saudischem Boden unter US-Aufsicht vorsieht: Nichtverbreitungspolitik als Gegenleistung für Kriegsunterstützung. Drei Monate zuvor, am 28. April 2026, hatte die Vereinigte Arabische Emirate ihren Austritt aus der OPEC erklärt, wirksam zum 1. Mai, nach 59 Jahren Mitgliedschaft. Abu Dhabi, das sich im Iran-Krieg deutlich aggressiver positioniert hatte als andere Golfstaaten, signalisierte damit, dass es sich nicht länger an eine Organisation gebunden sah, in der auch der Iran Mitglied ist. Es war der bedeutendste Bruch in der globalen Energiearchitektur seit der Gründung der OPEC+ im Jahr 2016.
Hegemonie am Erschöpfungspunkt – oder Odysseus’ Warnung
Carl Schmitt hatte gewarnt, dass der Partisanenkampf die staatliche Ordnung auflöse. Was sich im Sommer 2026 abzeichnete, war genau das: nicht der Sieg oder die Niederlage einer Seite, sondern die Erosion jener Strukturen, die Sieg oder Niederlage überhaupt als Kategorien sinnvoll machen. Die USA führten einen Krieg, den das Repräsentantenhaus mit 214 zu 208 Stimmen zu beenden forderte, während der Senat mit 49 zu 47 knapp an einer bindenden Resolution scheiterte.
25 Jahre nach dem 11. September 2001 hat sich der »Krieg gegen den Terror« in sein Gegenteil verkehrt. Was als Reaktion auf 3.000 Tote in New York, Washington und Pennsylvania begann, hat offiziell 900.000 Menschenleben gekostet, acht Billionen Dollar verschlungen, 38 Millionen Menschen vertrieben und die Gewaltmittel, die es zu bekämpfen galt, in immer mehr Hände proliferiert. Der Hegemon, der auszog, die Welt sicherer zu machen, hat sie unsicherer gemacht und sich dabei selbst erschöpft.
Dabei ist die Schwäche des Imperiums kein Friedensgarant. Sie ist ein Eskalationsrisiko. Denn wo die hegemoniale Ordnung erodiert, ohne dass eine neue Ordnung an ihre Stelle tritt, entsteht nicht Stabilität, sondern ein Vakuum, in das neue Akteure, neue Bündnisse und neue Gewaltformen vorstoßen.
Odysseus kam heim. Aber er kam als Fremder im eigenen Haus, der sich mit Gewalt zurücknehmen musste, was ihm einst selbstverständlich gehörte. Homer erzählt diese Heimkehr nicht als Triumph, sondern als letztes Gemetzel. Für Nolan wird Odysseus die Einsicht gewinnen, dass der Zyklus von Gewalt vertreten durch seine Generation nur überwunden werden kann, wenn Leute seiner Art überwunden werden. Er gewinnt Penelope zurück, gibt seine politische Macht auf und verschwindet in die Hohe See. Doch die Geschichte lehrt, dass Imperien diese Einsicht nicht aus sich selbst heraus gewinnen – sie werden von den Kräften, die sie unterdrücken, dazu gezwungen. Ob die Vereinigten Staaten diese Einsicht gewinnen werden? Ob sie mit friedlichen Mitteln dem Wunsch der Mehrheit ihrer Bevölkerung entsprechen und ihre interventionistische Politik beenden werden? Oder ob die US-Politik in eine Spirale der Gewalt eingetreten ist, die für den Systemerhalt immanent, ja zum Geschäftsmodell geworden ist, wird die Zukunft zeigen.
Anmerkungen:
[1] Vgl. Woodward, Bob. Bush at War. Simon & Schuster, New York 2002, S. 43–48. Siehe auch Bush, George W. Decision Points. Crown Publishers, New York 2010, S. 189–191.
[2] Deutsche Übersetzung des Originalzitats von George W. Bush an Wladimir Putin. Die englische Originalversion lautet: »You’re the type of guy I like to have in the foxhole with me.« Dokumentiert bei Woodward, Bob. Bush at War, a. a. O., S. 72.
[3] Deutsche Übersetzung des englischen Originalzitats »with substantial Iranian diplomatic help« aus der Analyse des Council on Foreign Relations (CFR) zur Bonner Afghanistan-Konferenz 2001. Vgl. Dobbins, James. After the Taliban: Nation-Building in Afghanistan. Potomac Books, Washington D.C. 2008, S. 87–92.
[4] Dobbins, James. After the Taliban: Nation-Building in Afghanistan, a. a. O., S. 114–115. Siehe auch das Interview mit James Dobbins im Council on Foreign Relations vom 12. Dezember 2001, in dem er erklärt, dass Zarif »eine konstruktive und unverzichtbare Rolle« bei der Einigung gespielt habe. Zitiert in: The Washington Quarterly, Vol. 25, No. 4, Herbst 2002, S. 23–28.
[5] Vgl. die Strafanzeige des US-Bundesbezirksgerichts für den nördlichen Bezirk von Illinois: United States of America v. David Coleman Headley, Case No. 09 CR 830, eingereicht im Oktober 2009, insbesondere die Abschnitte 14–18 zur Kommunikation mit Lashkar-e-Taiba-Führungskräften wie Sajid Mir und Major Iqbal. Siehe auch Riedel, Bruce. The Search for Al Qaeda: Its Leadership, Ideology, and Future. Brookings Institution Press, Washington D.C. 2010, S. 89–91.
[6] Die Ermittlungsbehörden Indiens stellten fest, dass die Terroristen während der Angriffe VoIP-Dienste (Voice over IP) eines US-amerikanischen Anbieters (wie z. B. Callwave oder AT&T) nutzten, um Anweisungen von ihren Drahtziehern in Pakistan zu erhalten. Vgl. den Abschlussbericht der indischen Untersuchungskommission zum 26/11-Angriff (Ram Pradhan Committee Report), 2009, Kapitel 6 zur Kommunikationsüberwachung, sowie die Analyse von Rabasa, Angel et al. The Lessons of Mumbai. RAND Corporation, Santa Monica 2009, S. 37–39.
[7] Interview mit R. K. Raghavan, ehemaliger Direktor des indischen Central Bureau of Investigation (CBI), in der Times of India vom 22. Oktober 2009 (Online-Ausgabe). Raghavan erklärte wörtlich: »Headley was a double agent – he worked for the US, for the Lashkar, and for the ISI.« Siehe auch seine schriftliche Stellungnahme vor dem indischen Innenausschuss im Dezember 2009, abgedruckt in: Frontline Magazine, Vol. 26, Nr. 23, 2009.
[8] Vgl. ZDF, »Iran-Krieg: Ukraine unterstützt Golfstaaten mit Drohnen-Expertise«, 11. März 2026 (online unter www.zdfheute.de); siehe auch Die Zeit, »Lage in der Ukraine: Ein Versuch, Partner zu werden«, 6. März 2026, sowie NZZ, »Die Ukraine schickt Berater für Drohnenabwehr in die Golfregion«, 23. März 2026. Präsident Selenskyj bestätigte die Entsendung von 201 ukrainischen Militärexperten in die Golfregion, darunter in die VAE, nach Katar und Saudi-Arabien.
[9] Vgl. Reuters, »Pakistan deploys jets, thousands of troops to Saudi Arabia – but no official confirmation from KSA«, 19. Mai 2026 (online unter www.arabnews.pk).