Zum Hauptinhalt springen

Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Deutsch-jüdisches Familienbild

Ellen Brombacher (Leseprobe)

 

Vor wenigen Wochen erschien das von Ellen Brombacher verfasste Buch »Deutsch-jüdisches Familienbild: Meine Kindheitsmuster und Prägungen«, welches sie vor allem ihren Eltern, aber auch deren nächsten Kampfgefährten, widmet. Nachfolgend dokumentieren wir zwei Auszüge.

Redaktion

 

Befreiung (Bericht aus privatem Nachlass III)

1985, anlässlich des 40. Jahrestages der Befreiung vom Hitlerfaschismus sprach mein Vater vor Angehörigen der Deutschen Volkspolizei über Antifaschismus und Friedens­kampf:

»Nie werde ich den Tag unserer Befreiung vergessen. Es war in den Tagen, an dem das Ende des Faschismus in Berlin besiegelt wurde. Am 3. und 4. Mai 1945 hatten sich die Wachmannschaften der SS aus Mauthausen abgesetzt.

Wochen zuvor ins Lager gekommene Wachmannschaften, rekrutiert aus den alten Jahrgän­gen der Polizei und der Feuerwehr, übernahmen die Kontrolle.

Kein Arbeitskommando war an diesem Tage mehr ausmarschiert und es herrschte eine große Unruhe, denn keiner wusste, was geschehen würde. Diese Unruhe war der Schluss­punkt auf das Gefühl monatelanger Angst, in denen wir keinen Tag wussten, ob wir ihn überleben würden.

Wir ahnten die Pläne der SS, uns letztlich doch noch zu liquidieren.

Viele Häftlinge ertrugen diese gespannte Situation nicht und kamen noch um. Am schlimmsten waren die Bedingungen im unteren Lager, auch Russenlager genannt.

Die sowjetischen Häftlinge dort – meist sowjetische Kriegsgefangene, nicht mehr arbeits­fähig – boten ein Bild des Grauens. Sie vegetierten dahin, erhielten nur noch die Hälfte der ohnehin kaum zum Leben reichenden Rationen und waren tausenden wandelnden Skelet­ten gleich; Knochengerüste mit Haut überzogen.

Unter dem Vorwand, man wolle diese Häftlinge nicht so übergeben und sie im oberen Lager ›hochpäppeln‹, wurden die sowjetischen Gefangenen direkt in die Gaskammern gebracht. Die Nachricht darüber gelangte ins untere Lager und es gab Widerstand gegen weitere Abtransporte. Diese Situation verschärfte die Atmosphäre in Mauthausen aufs Äußerste und das Typische in den letzten Wochen vor der Befreiung für die 20.000 bis 25.000 Häftlinge war die Angst.

Unter diesen Umständen also waren letztlich die SS-Schergen doch abgezogen. Wir stan­den auf der Lagerstraße, und am Vormittag des 5. Mai 1945 näherten sich US-amerikani­sche Panzer; für uns das sichtbare Zeichen der Befreiung.

Der erste Panzer hielt inmitten von zehntausenden Häftlingen auf der Lagerstraße und im wahrsten Sinne des Wortes von oben herab, ohne eine Regung, schaute ein amerikani­scher Offizier aus der Luke des Tanks auf uns; und in diesem Moment sagte Oskar Hoff­mann [1] zu mir: ›Das sind unsere zukünftigen Hauptfeinde.‹ Er hat Recht behalten. Und er wusste, warum er das sagt.

Das Bündnis gegen Hitler war entstanden, weil der Faschismus mit den Mitteln des Krieges auch die kapitalistischen Konkurrenten ausschalten wollte, weil der Hass der Völker die bürgerlichen Regierungen zwang, an der Seite der Sowjetunion zu kämpfen und letztlich, weil die internationale Bourgeoisie nicht den Einfluss der Sowjetunion in ganz Europa wollte.

Worum es vor allem der amerikanischen Bourgeoisie ging, das bewies der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki. Es gab dafür keinerlei militärische Notwendigkeit.

Der US-Präsident Truman ließ die Katze aus dem Sack, als er sagte: ›Das ist der Knüppel, den wir den Russen in Potsdam zwischen die Beine werfen.‹«

(S. 102-103)

 

Besuch in Auschwitz 2007

Nach der Wende lernte ich Kurt Goldstein [2] kennen. Er hatte in Spanien gegen die Faschis­ten gekämpft und die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald überlebt. Am »Tag der Opfer des Faschismus« [3], der in der DDR alljährlich auf dem Berliner Bebelplatz mit einer Kundgebung begangen wurde, an der Zehntausende teilnahmen, hatte der Rundfunk­mann stets übersetzt, wenn spanische oder französische Kameraden sprachen. Goldstein war in der DDR bekannt, und als wir durch die PDS miteinander zu tun bekamen, war er der Ehrenpräsident des Auschwitzkomitees.

Kurt war ein zutiefst beeindruckender Mensch. Eines Tages fragte er mich, ob ich schon einmal in Auschwitz gewesen sei. Als ich verneinte, sagte er irgendwie rigoros: »Dann fahr auch nicht mehr hin.«

Erstaunt erkundigte ich mich nach dem Grund für seine Reaktion. »Du läufst dort buch­stäblich auf der Asche deiner Familienangehörigen. Wenn man älter wird, wird auch die Haut dünner.«

Ich grübelte, ob ich seinem Rat folgen sollte oder nicht. In mir reifte der Gedanke, dass ich fahren würde, wenn unser Sohn Sascha mich begleitete – und nur dann. So besprach ich es auch mit Pedro, meinem Mann. Sascha sagte sofort ja.

Am 26. Mai 2007 checkten wir in einem Hotel in Katowice ein. Oświęcim lag keine vierzig Kilometer entfernt. Nachts machte ich kein Auge zu. Ein Grauen hatte mich erfasst.

Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg. Im einstigen Stammlager schlossen wir uns einer deutschen Gruppe an. Eine Polin, die glänzend deutsch sprach, führte uns mit von tiefer Empathie getragener Sachkunde durch das Lager. Ich kann und will nicht versuchen, all die Eindrücke dieses Tages in Auschwitz zu schildern.

Auf den Koffern hinter einer riesigen Glasscheibe suchte ich unwillkürlich den Namen Meyerstein. Dann stand ich fassungslos vor einer kleinen Vitrine, darin nur Schühchen von ganz kleinen Kindern. In dem Moment legte mir jemand den Arm um die Schultern. Ganz fest. Es war Sascha.

Später fuhren wir mit einem Bus weiter nach Auschwitz-Birkenau. Da war dieses in Filmen so häufig schon gesehene Tor, durch das die Züge zur Rampe fuhren, zur Selektion. In den Baracken für die, die noch arbeiten »durften«, bevor sie ermordet wurden, standen Öfchen. Nur – zum Heizen hatten die Menschen nichts. Die Temperaturen dort können im Winter bis zu 30 Grad unter null gehen.

Die Führung durch das Lager Birkenau endete dort, wo eine Million Menschenleben ausge­löscht wurden – bei den von der SS in letzter Minute gesprengten Gaskammern und Kre­matoriums-Öfen. Die Öfen waren von Topf & Söhne in Erfurt produziert worden. Eine Frau aus der Gruppe fragte, ob die Ingenieure der Firma gewusst hätten, wofür sie die Öfen montieren.

Die Polin schaute ein wenig irritiert und antwortete dann brüsk: »Natürlich haben sie es gewusst.«

Ein wenig später fragte jemand anderes aus der Gruppe, wie lange die Führung noch dauere. Es sei so heiß.

Sascha war empört. »Haben die nicht zugehört. Ein heißer Tag ist für die ein Problem. Und so blöde Fragen, ob die Ingenieure etwas wussten oder nicht …«

Ich nahm ihn bei der Hand und sagte: »Reg dich nicht auf. Lass uns schweigend zum Tor zurückgehen und an jene in unserer Familie denken, die wir nie kennenlernten und die hier und andernorts ermordet wurden«.

(S. 138-140)

 

Ellen Brombacher, »Deutsch-jüdisches Familienbild. Meine Kindheitsmuster und Prägungen«, Verlag Neues Leben, 1. Auflage, 30. September 2022, ISBN 978-3355019132 (Abb.), broschiert, 238 Seiten, 18 Euro.

Das Buch kann im Buchhandel erworben werden oder direkt beim Verlag über:
https://www.eulenspiegel.com/verlage/neues-leben/titel/deutsch-juedisches-familienbild.html.


Anmerkungen:

[1]  Oskar Hoffmann, am 27. Mai 1904 geboren, war kommunistischer Häftling im Zuchthaus Brandenburg und in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Mauthausen. In der DDR arbeitete er im Bereich der Kulturpolitik.

[2]  Kurt Julius Goldstein (geboren am 3. November 1914, gestorben am 24. September 2007) kämpfte in den Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg, überlebte Auschwitz und den Todesmarsch nach Buchenwald. Goldstein war Ehrenvorsitzender des Internationalen Auschwitz-Komitees und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten. Im Verlag edition ost erschien 1996 seine von Rosemarie Schuder und Rudolf Hirsch verfasste Biografie: »Nr. 58866: Judenkönig«.

[3]  Der internationale Gedenktag für die Opfer des Faschismus war ein von 1952 bis 1990 in der DDR stattfindender Gedenk- und Mahntag und fand jährlich am 2. Sonntag im September statt.

Zurück zur Übersicht