»… gegen jede Theorie des ›Abwirtschaftenlassens‹«
Ellen Brombacher, Bundessprecherin der KPF
Zum Jahrestag der Ermordung Ernst Thälmanns
Anfang 1944 – ein gutes halbes Jahr bevor die Faschisten ihn umbrachten – schrieb Ernst Thälmann im Zuchthaus Bautzen: »Die Geschichte unseres Lebens ist hart, deshalb fordert sie ganze Menschen. Du, ich und alle Mitkämpfer für unsere große Sache müssen alle stark, fest, kämpferisch und zukunftssicher sein.«
Liebe Genossinnen und Genossen, wir stehen hier, legal agierend, nicht hinter Gittern; niemand von uns muss Folter erleiden. Insofern ist unsere derzeitige Situation unvergleichlich besser als jene Thälmanns nach seiner Verhaftung am 3. März 1933 bis zu seiner Ermordung am 18. August 1944.
Nur einen Vorteil hatte er uns gegenüber: Er war zukunftssicher. Unaufhaltsam marschierte die Rote Armee vorwärts; Partisanenarmeen und Widerstandsbewegungen in den besetzten Ländern Europas kämpften gegen die deutschen Okkupanten.
Die Zweite Front war Anfang 1944 noch gar nicht eröffnet, der D-Day – die Landung der West-Alliierten in der Normandie – erfolgte erst am 6. Juni 1944. Man ließ sich Zeit im Westen. Und Nachfahren tun heute so, als sei nicht Stalingrad, sondern die Normandie kriegsentscheidend gewesen.
Ja, Thälmann konnte zukunftssicher sein; tragischerweise nicht für sich – aber für die Menschheit.
Das können wir nicht. Kriege und Konterrevolutionen überziehen die Erde – nicht nur, aber zunehmend. Ich zähle hier nichts auf. Die an diesem Denkmal Versammelten wissen, wovon die Rede ist. Die Gefahr eines atomaren Infernos ist unübersehbar. Und gerade, weil wir uns in dieser Situation befinden, müssen wir – wie Thälmann es formulierte – stark, fest und kämpferisch sein; auch ohne uns sicher sein zu können, dass es nicht zum Äußersten kommt.
Im Mittelpunkt unseres Handels steht der Kampf um den Frieden, gegen die Erlangung der Kriegstüchtigkeit, gegen Wahnsinnshochrüstung, die jede Sozialpolitik, jeden Schutz der Umwelt sukzessive zunichtemacht, gegen die Militarisierung der gesamten Gesellschaft, gegen die Wehrpflicht, gegen den Popanz, »der Russe« stünde bald in Brandenburg, gegen die Russophobie, die hierzulande besonders unerträglich ist. 27 Millionen tote Sowjetbürger stehen auf deutschem Konto.
Dieser Kampf um unser aller Existenz bringt vorerst keine großen Siege. Siegertypen sind nicht gefragt, sondern Menschen, die stark, fest und kämpferisch sind. Sind diese Worte lächerlich in Anbetracht der Anzahl der heute hier Versammelten? Karl Liebknecht gab bereits 1917 auf Fragen dieser Art eine Antwort aus dem Zuchthaus Luckau: »… aus der Nacht gibt’s Rettung, nur eine Rettung freilich: den Entschluss zur Beseitigung dieser Übel sich zum Lebenszweck zu setzen. Nur das Leben ist unmöglich, das alles laufen lassen wollte, wie es läuft.«
Liebe Genossinnen und Genossen, in Vorbereitung meiner heutigen Worte habe ich noch einmal die Thälmann-Rede vom 7. Februar 1933 gelesen, die er auf der illegalen Tagung des ZK der KPD in Ziegenhals hielt. Wir Heutigen beurteilen den deutschen Faschismus von seinem Ende her, also mit dem Wissen um die Monstrosität seiner Verbrechen, die allerdings auch für uns unvorstellbar bleibt. Auf der Gedenkveranstaltung der linken Bundestagsfraktion anlässlich des 22. Juni 1941 lernte ich eine russische Jüdin kennen, die mit drei Jahren in ein Ghetto kam, welches befreit wurde, als sie fünf war. Sie musste mit ansehen, wie die Söhne ihrer Tante, sechs und acht Jahre alt, lebendig ins Feuer geworfen wurden. Das ist und bleibt unfassbar. Die Rede Thälmanns am 7. Februar 1933 war nicht frei von Illusionen, die nicht zuletzt aus der Unvorstellbarkeit der bevorstehenden Dimensionen faschistischen Terrors und dessen Wirkungen resultierten.
Und zugleich war Thälmann illusionsfrei. Er sprach von der Notwendigkeit, einen »heftigsten Feldzug ideologischer Art in den Massen zu führen, gegen jede Theorie des ›Abwirtschaftenlassens‹ der Hitlerregierung«. Wir haben heute keinen Faschismus. Aber es gibt nicht zu unterschätzende faschistische Tendenzen, und das Kapital würde weltweit zur Herrschaftsform des Faschismus greifen, würde diese Diktatur unabdingbar für Profitmaximierung.
Aus dieser Situation resultiert auch: Wir dürfen mit dem Begriff Faschismus nicht inflationär umgehen und ebenso wenig dürfen wir die Gefahr des Faschismus unterschätzen. Jede Verniedlichung von Kräften, die faschistisch sind oder aber keine Probleme mit Nazis bzw. nazistischen Tendenzen haben, ist fehl am Platze. Und die Tatsache, dass die sogenannten Parteien der Mitte mit ihrer Politik Rechtsentwicklungen ermöglichen und selbst betreiben, ist ein Grund, diese zu entlarven, aber kein Grund, Nazis als sekundäre Gefahr zu betrachten. Auch hierzu ließe sich viel mehr sagen. Aber in einer Rede lässt sich nicht alles unterbringen, was auch noch gesagt werden könnte bzw. müsste.
Rede auf der Kundgebung vor dem Berliner Ernst-Thälmann-Denkmal in der Greifswalder Straße am 22. August 2026.