Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Die Operation »Seelöwe« im Kontext von »Barbarossa«

Dr. Wolfgang Biedermann, Berlin

Vor 75 Jahren, am 22. Juni 1940, unterschrieb Frankreich den Waffenstillstandsvertrag in Compiègne. Bis auf England war jetzt der größte Teil West- und Nordeuropas von deutschen Truppen okkupiert. Die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien figurierten als zusätzliche Verbündete. Die Integration des wirtschaftlichen Potenzials (Rohstoffe, Zwischenprodukte und vor allem auch Werkzeugmaschinenfabriken) der besetzten Länder, ermöglichte, »die Rüstung im Jahre 1941 im großen Umfange durchzuführen«. Das unbesetzte Gebiet Frankreichs mit Regierungssitz in Vichy kollaborierte mit Deutschland. Die (teilweise) »Neuordnung Europas« [1] unter deutscher Führung hatte ihren vorläufigen Abschluss gefunden. In der Rüstungswirtschaft, soll heißen in der Reichsgruppe Industrie, war nunmehr die Vision von »Europäischer Großraumwirtschaft«, die es jetzt zu gestalten gelte, in aller Munde. [2]

Das nazistische Deutschland verfügte neben dem enormen rüstungswirtschaftlichen Zuwachs augenblicklich über eine günstige strategische Ausgangsposition gegenüber der UdSSR und hatte wohl den Nimbus »unbesiegbar« zu sein.

Am 31. Juli 1940, die Tinte unter der Kapitulationsurkunde war kaum getrocknet, äußerte Hitler auf dem Berghof in Anwesenheit von Keitel, Jodl, Brauchitsch und Halder definitiv, im Frühjahr 1941 einen etwa fünfmonatigen Feldzug gegen die Sowjetunion zu führen, um diese aufzuteilen. Der Generalstabschef der 18. Armee (Armeeoberkommando [3]), Generalmajor Marcks, erarbeitete hierzu eine erste Aufmarschstudie (5. August).

Die strategische Ausrichtung nach Osten, bereits in Hitlers geopolitischer Schrift »Mein Kampf« (1924) programmatisch festgehalten, erfuhr Mitte August (am 14. 8.) gegenüber dem Chef des Wehrwirtschaftsstabes, General Thomas, also in einem erweiterten Rahmen, eine abermalige Bestätigung. Hitler, so Göring, wünsche nur eine »pünktliche Belieferung der Russen bis zum Frühjahr 1941 […]. Später hätten wir an einer vollen Befriedigung der russischen Wünsche kein Interesse mehr.« [4]

Es war der Zeitpunkt, der den Beginn der intensiven wirtschaftlichen und militärischen Vorbereitung des Überfalls auf die UdSSR markierte. Die Kriegsstreitmacht sollte ferner 180 statt 120 Divisionen umfassen, hiervon 20 neue Panzerdivisionen.

Mit der beginnenden Verlegung erster Verbände und Stäbe aus dem Westen, Anfang September 1940, in östlich gelegene Regionen (Bromberg, Königsberg, Breslau) erging die Anordnung, dass »[…] aus diesen Umgruppierungen in Rußland nicht der Eindruck entstehen [darf], daß wir eine Ostoffensive vorbereiten«. Eine Anweisung, die mit der Dislozierung weiterer Truppen, mit dem intensiven Ausbau der Infrastruktur (Straßen, Schienenstränge, Unterkünfte, Munitionsdepots, Treibstoff- und Lebensmittellager) ein striktes Gebot war.

Der Plan »Seelöwe«

In Bezug auf die weitere Kriegsführung im Westen, begannen am 16. Juli unter der Tarnbezeichnung »Seelöwe« erste Planspiele zur Landung in England. Eine erfolgreiche Invasion, und da herrschte Einmütigkeit im OKW, hatte jedoch die Erringung der Luftherrschaft zur Voraussetzung. In diesem Sachzusammenhang erließ Hitler am 1. August die Weisung Nr. 17 für die Kriegführung gegen England:

»1.) Die deutsche Fliegertruppe hat mit allen zur Verfügung stehenden Kräften die englische Luftwaffe möglichst bald niederzukämpfen. Die Angriffe haben sich in erster Linie gegen die fliegenden Einheiten, ihre Bodenorganisation und Nachschubeinrichtungen, ferner gegen die Luftrüstungsindustrie einschließlich der Industrie zur Herstellung von Flakgerät zu richten.«

Mit dem »Adlertag« am 13. August eskalierte schließlich der Luftkrieg gegen England. Anfang September zeichnet es sich allerdings ab, dass das angestrebte Ziel in weiter Ferne lag. In einem Bericht der Heeresgruppe B zu den Luftkämpfen über England hieß es: »Trotz der hohen Abschusszahlen ist jedoch die Kampfkraft der Engländer ungebrochen.«

Nunmehr richteten sich die Angriffe der deutschen Luftwaffe zunehmend gegen die Zivilbevölkerung. Hitler hatte vorläufig in einer seiner öffentlichen Reden (4. September) unverhohlen mit dem »Ausradieren ganzer Städte« gedroht. London, Coventry und Liverpool bildeten die ersten Ziele intensiver deutscher Bombenangriffe. [5]

Schließlich wurde die Operation »Seelöwe« bereits am 17. September auf einen späteren, unbestimmten Zeitpunkt vertagt, »doch sollen die Vorbereitungen aufrechterhalten bzw. fortgesetzt werden. Die Täuschungsmanöver sollen außerdem verstärkt werden.«

In diesem Kontext stellte die Kriegsmarine für Mitte Dezember 1940 einen verbesserten Prahm in Aussicht. Zahlreiche Landungsübungen und die Ansammlung von Transportraum in bestimmten Häfen am Ärmelkanal und an der Nordsee vermittelten einem Beobachter den Eindruck, dass eine Invasion bevorstünde.

Indessen die deutsche Kriegsmaschinerie aufgrund des rüstungstechnischen Vorsprungs, der Personalstärke des Heeres und der praktischen Erfahrungen in zahllosen Gefechten des Zweiten Weltkrieges gegen die Sowjetunion gelenkt werden wird: »Die russische Wehrmacht sei der deutschen rüstungsmäßig und personell, besonders in der Führung, unterlegen. Für einen Ostfeldzug sei der gegenwärtige Zeitpunkt daher besonders günstig. Es sei zu erwarten, daß die russische Armee, wenn sie einmal angeschlagen sei, einem noch größeren Zusammenbruch entgegengehe als Frankreich 1940«, so die Spekulation.

Die am 6. Dezember ausgearbeiteten Richtlinien für den Überfall mündeten in einen ersten Entwurf für die Weisung Nr. 21 (Unternehmen »Fritz«), die am 16. Dezember die Bezeichnung »Barbarossa« erhielt. Am 9. Januar erging die Anordnung, die Vorbereitungen für das Unternehmen »Seelöwe« einzustellen, »soweit sie nicht der Entwicklung von Spezialgerät und der Täuschung des Feindes dienten.«

»Es gibt kein größeres Geheimnis als das des Krieges«

Dies formulierte, den Überraschungseffekt des »Blitzkrieges« resümierend, der weltbekannte sowjetische Flugzeugkonstrukteur Alexander Jakowlew. [6] In Moskau war man sich seit längerem sehr wohl bewusst, dass Hitler-Deutschland der wahrscheinlichste Gegner in einem Krieg sein werde, jedoch der exakte Zeitpunkt des Kriegsbeginns unbestimmt bleiben musste. Ab 1939 unternahm die UdSSR große Anstrengungen, unverzüglich die Landesverteidigung zu organisieren. Erwähnt sei hier lediglich die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Herbst 1939. Je näher »Barbarossa« rückte, desto intensiver und mannigfaltiger die Täuschungsaktionen. Das OKW erließ im Februar 1941 »Richtlinien für die Feindtäuschung«, deren Ziel es sei, »die Vorbereitungen für das Unternehmen ‚Barbarossa‘ zu verschleiern. Dieser wesentliche Zweck ist für alle der Irreführung dienenden Maßnahmen richtunggebend.«

Der erste Zeitabschnitt bis Frühjahr 1941, hatte die »baldige« Landung in England zum Thema. So kursierten vermehrt Angaben über »neue Transport- und Angriffsmittel«. Ab April, im zweiten Zeitabschnitt, war die »Aufmarschbewegung Barbarossa als das größte Täuschungsunternehmen der Kriegsgeschichte hinzustellen, das dazu diene, von den letzten Vorbereitungen der Invasion nach England abzulenken.« Eine Richtlinie zur Täuschung ausländischer Nachrichtendienste beinhaltete, dass »die starke Konzentration von Truppen im Osten lediglich […] zur Verschleierung des Angriffs auf England« diene.

Vom OKW erging Order, den Kreis der Eingeweihten »Seelöwe« betreffend, zu erweitern. Neben zivilen Dienststellen der Wehrmacht war auch das Goebbelssche Propagandaministerium über die bevorstehende »Landung« in England in Kenntnis zu setzen. Mit einer wesentlichen Einschränkung allerdings: »Es wird dabei darauf hingewiesen, dass das Propagandaministerium in die Feindtäuschungsabsichten nicht eingewiesen werden darf.« Die übliche Einflüsterung, dass es, England betreffend, endlich zur Sache ging, erfuhr eine mediale Steigerung und sollte nirgendwo ungehört verhallen.

Anzufügen bleibt: Das Ziel der Desinformation war daneben die Hitler-Wehrmacht selbst. In der Propagandabroschüre des OKW »Mitteilungen für die Truppe« vom Dezember 1940 hieß es markig: »Das Ziel lautet: Sieg über England. Das Ziel wird erreicht. Das ist die Aufgabe für 1941.«

In summa: alle möglichen Kanäle wurden bemüht, um die tatsächlichen Absichten zu vernebeln. Die besondere Geheimhaltung und die Blendung in Vorbereitung auf »Barbarossa« waren unter strategischen Gesichtspunkten absolut zwingend. Die bis dato erfolgreiche »Blitzkriegsstrategie« sollte nicht nur die militärische Vernichtung der Sowjetunion besiegeln. Denn, so die weitere Spekulation der Kriegsstrategen im OKW, mit der raschen »Erledigung« Moskaus wäre auch das »englische« Problem (Zweifrontenkrieg) obsolet. Der Krieg um die deutsche Vorherrschaft in Europa trat in seine entscheidende Phase.   

Anmerkungen:

[1]  Basierend auf der »Mitteleuropa-Idee« während des Ersten Weltkrieges, die davon ausging, dass Mitteleuropa im Kern deutsch sein wird.

[2]  Die Europäische Großraumwirtschaft (»EG«) sollte im Wesentlichen ein Ergebnis der Initiative der Wirtschaft selbst sein. Der Staat indessen sollte die Wirtschaftsabkommen, Fragen der Zoll- und Währungsunion etc. regeln.

[3]  Bereits im Juli 1940 vom Westen nach Polen zur »Sicherung« der Ostgrenze verlegt.

[4]  Die UdSSR und Deutschland hatten im Februar 1940 einen Vertrag über gegenseitige Warenlieferungen abgeschlossen, der im Januar 1941 noch einmal verlängert worden war. Die UdSSR erfüllte ihre vertraglichen Verpflichtungen getreu bis zum letzten Augenblick.

[5]  »Seit Beginn des verschärften Luftkrieges 8.108,64 t auf England abgeworfen, dazu über 10.000 BSK [Brandschüttkästen].« (Kriegstagebuch des OKW, 11. Oktober 1940).

[6]  Jakowlew, A., Ziel des Lebens, Moskau: Verlag Progress 1982, S. 241.

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