Antonio Gramscis Einfluss auf die Beschlüsse des VII. Weltkongresses der Komintern 1935 (II)
Dr. Gerhard Feldbauer
Ihre beispielhafte Verwirklichung durch Palmiro Togliatti in Italien
(Abschließender Teil II)
(Fortsetzung von Heft 11/2025, S. 25-30)
Aktionseinheit für »sozialistische Gesellschaft«
Ungeachtet der Haltung Togliattis auf dem Kominternkongress [1935 – Red.] orientierte sich die IKP unter ihm in der Praxis jedoch in schöpferischer Weise an Gramsci und setzte auf der Grundlage seiner antifaschistischen Bündniskonzeption die Beschlüsse des Kongresses Schritt für Schritt um. 1934 gelang es, mit den Sozialisten ein Aktionseinheitsabkommen zu schließen, das Luigi Longo [21] mit Pietro Nenni [22] unterzeichnete. Wichtige Voraussetzungen dafür waren, dass sich in der Sozialistischen Partei 1918 der reformistische Flügel noch nicht als die Partei beherrschend durchgesetzt hatte. 1912 waren die Reformisten aus der Partei ausgeschlossen worden, im Juni 1914 hatten Sozialisten gegen die wachsende Kriegsgefahr einen Generalstreik ausgerufen, während dem es in Rom, Turin, Mailand und weiteren Großstädten zu bewaffneten Erhebungen der Arbeiter kam, die in den Regionen der Marken und der Romagna die Republik ausriefen. Während des Ersten Weltkrieges bezog die ISP Antikriegspositionen, was Lenin als »eine Ausnahme für die Epoche der II. Internationale« hoch gewürdigt hatte. [23] 1915 ging von den »internationalen Sozialisten in Italien« die Initiative zu den Konferenzen der Parteien und Organisationen, die an den Grundsätzen der Internationale festhielten, in Zimmerwald (September 1915) und Kienthal (April 1916) aus, die sich entschieden von den Opportunisten abgrenzten und zum Zusammenschluss der revolutionären Sozialisten führten, was für Lenin »einer der größten Erfolge« war. [24] Die ISP hatte mehrheitlich die russische Oktoberrevolution begrüßt und beschlossen, der Kommunistischen Internationale beizutreten. Davon ausgehend hatte Gramsci zunächst auf die Gründung einer neuen kommunistischen Partei verzichtet und mit Togliatti und weiteren führenden Linken in der ISP die kommunistische Gruppe Ordine Nuovo (Neue Ordnung) gebildet und mit ihr versucht, die ISP in eine »Revolutionäre Partei des Proletariats«, die sich zum Kommunismus bekennt, umzuwandeln. Erst als das auf dem XVII. Parteitag der ISP, der am 15. Januar 1921 in Livorno zusammentrat, an der Weigerung der Zentristen unter Giacinto Menotti Serrati [25], die Reformisten auszuschließen, scheiterte, verließen die Ordinuovisten den Parteitag und gründeten die Kommunistische Partei Italiens als Sektion der KI. Serrati korrigierte später seine Haltung, wurde Führer der Terzinternationalisten, welche die ISP an die KI annähern wollten, brach 1924 mit den Reformisten und trat der IKP bei, die ihn in ihr Zentralkomitee aufnahm. Eine entschieden antifaschistische Haltung bezog der Führer der Einheitssozialisten Giacomo Matteoti [26], der den Terror und die Manipulation der Parlamentswahlen im April 1924 durch Mussolini entlarvte und deshalb am 10. Juni 1924 ermordet wurde. Seine Leiche wurde erst am 16. August gefunden. Matteotis Haltung löste die nach ihm benannte Krise des Regimes aus, die den »Duce« zu stürzen drohte, wovor ihn die führenden Kapitalkreise und der Vatikan bewahrten.
Das Aktionseinheitsabkommen wurde während des gemeinsamen Kampfes in Spanien zur Verteidigung der Republik am 27. Juli 1937 mit einem klaren antiimperialistischen Bekenntnis vertieft. Beide Arbeiterparteien stellten sich als Ziel, »die Beseitigung des Faschismus und Kapitalismus und den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft«. [27] Als eine Etappe auf diesem Weg nannten sie die »Errichtung einer demokratischen Republik unter Führung der Arbeiterklasse«, die »dem Volk Brot, Frieden und Freiheit sichert und die erforderlichen Maßnahmen ergreift, um die ökonomischen Grundlagen der Reaktion und des Faschismus vollständig zu zerstören«. Dazu wurden als grundlegende Aufgaben »die Nationalisierung des Monopolkapitals in der Industrie und im Bankwesen und die Vernichtung jeder Art von Feudalismus auf dem Lande« genannt. Das Abkommen verwies auf die drohende Gefahr eines europäischen oder Weltkrieges, die durch die Kapitulationspolitik der Westmächte gegenüber den faschistischen Provokationen und Erpressungen erhöht werde. »Wenn ein solcher Konflikt dennoch ausbrechen sollte, wird ihn das Proletariat zur Grabstätte des Faschismus machen«.
Auswirkung auf bürgerliche Opposition
Nach dem Kriegseintritt Italiens im Juni 1940 bildeten Kommunisten, Sozialisten und die kleinbürgerliche Gruppe Giustizia e Libertà [28] ein Antikriegskomitee, dem im Herbst 1942 ein von verschiedenen antifaschistischen Gruppen formiertes Komitee der nationalen Einheit folgte. Ein weiteres Signal setzten die ersten großen Antikriegsstreiks, die am 5. März 1943 in der Industriemetropole Turin mit über 10.000 Teilnehmern begannen und von da auf weitere norditalienische Städte, darunter Piemont und Mailand, übergriffen.
Dass Kommunisten und Sozialisten in Aktionseinheit handelten, wirkte sich auf die bürgerliche Opposition aus. Bereits im Vorfeld der sich abzeichnenden Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad traf Marschall Badoglio [29], der sich 1940 gegen den Kriegseintritt Italiens ausgesprochen hatte und danach am 6. Dezember als Generalstabschef des Heeres zurückgetreten war, im November 1942 in Mailand in der Wohnung des Schwerindustriellen Enrico Falck, König der italienischen Eisen- und Stahlindustrie, mit führenden Großindustriellen, den Mitgliedern des faschistischen Großrates Achille Grandi und Giovanni Gronchi sowie dem Schwiegersohn Mussolinis, Graf Ciano, zusammen, um ein Ausscheiden Italiens aus der faschistischen Achse zu erörtern. Teilnehmer war auch Alcide De Gasperi [30] von den Christdemokraten. Danach kam es zu ersten Sondierungen mit Washington und London bezüglich eines Bruchs mit Hitler. Anlass war, dass die 230.000 Mann zählende Italienische Armata Italiana in Russia (ARMIR), die Mussolini an die Seite der Wehrmacht an die Ostfront geschickt hatte, im November 1942 während der sowjetischen Gegenoffensive in der verschneiten Donezsteppe eingekesselt und größtenteils vernichtet wurde. Nur einige tausend Mann kehrten nach Italien zurück. Neben der katastrophalen Niederlage wirkten fast noch mehr die Nachrichten über das Verhalten der Wehrmacht gegenüber den Italienern. In einem Bericht des italienischen Generalstabes hieß es, dass die Wehrmacht die Italiener während des schrecklichen Rückzuges in der verschneiten Steppe erbarmungslos ihrem Schicksal überließ, die deutschen Verbündeten stets jegliche Hilfe versagten, sich aller verfügbaren Kraftfahrzeuge bemächtigten, unsere Verwundeten ohne Transportmittel, ohne Nahrungsmittel und ohne erforderliche Versorgung zurückließen. Der Bericht, der unter Soldaten und Offizieren bekannt wurde, steigerte die latent vorhandenen antideutschen Ressentiments zum regelrechten Hass auf die Deutschen und gab antifaschistischen Stimmungen Auftrieb. Zumal, wie Badoglio festhielt, sich die deutschen Verbündeten genau so verhielten, als die deutsch-italienischen Truppen sich in Nordafrika im November 1942 nach der Niederlage Feldmarschall Rommels bei El Alamein 1.200 Kilometer nach Westen zurückziehen mussten. Wie an der Ostfront bemächtigten sich die Deutschen auch bei El Alamein, »aller unserer Beförderungsmittel zur Beschleunigung ihres Rückzuges und ließen die italienischen Abteilungen vor unüberwindlichen Schwierigkeiten« zurück. [31]
Kapital für Bruch mit Hitler
Im Juli 1943 stürzten diese Kreise in einer Palastrevolte Mussolini, weil sie in die sich abzeichnende deutsche Niederlage nicht hineingezogen werden wollten, aber auch befürchteten, andernfalls könnte das der antifaschistischen Einheitsfront mit Kommunisten und Sozialisten an der Spitze gelingen. Vittorio Emanuele [32] beauftragte Marschall Badoglio mit der Bildung einer Militärregierung. Nach deren Kapitulation am 8. September 1943 besetzte die Hitlerwehrmacht Nord- und Mittelitalien und entwaffnete die italienischen Streitkräfte. Am nächsten Tag konstituierte sich auf Initiative der IKP ein Comitato di Liberazione Nazionale (CLN), dem alle Oppositionsparteien von den Kommunisten, Sozialisten und Aktionisten bis zu den Republikanern, Christdemokraten und Liberalen angehörten. Es rief alle Italiener zum Widerstand gegen das Besatzungsregime Hitlerdeutschlands und seine italienischen faschistischen Verbündeten auf. »Heute gibt es für die Italiener nur noch eine Front: Gegen die Deutschen und die faschistische fünfte Kolonne. Zu den Waffen«. [33] Nach dem Aufruf entstanden erste Partisaneneinheiten. Etwa 200.000 Soldaten, darunter Teile einer Armee und über zehn Divisionen, leisteten ihrer Entwaffnung durch die Wehrmacht in Italien sowie auf dem Balkan und auf Korsika zum Teil über zwei Monate Widerstand.
Den führenden Palastverschwörern ging es mit Kardinal Giovanni Battista Montini, dem späteren Papst Paul I., darum, wie die amerikanische Zeitschrift »Life« am 14. Dezember 1943 schrieb, »sich von Mussolini und den Deutschfreundlichen zu befreien, das System aber zu erhalten«.
Die Auflösung der Komintern
Ausgehend von den Beschlüssen des VII. Weltkongresses wirkten die UdSSR/KPdSU und die IKP diesem Prozess entgegen. Stalin hatte schon nach dem Überfall Hitlerdeutschlands am 22. Juni 1941 entschieden, die UdSSR werde keinen revolutionären, sondern einen vaterländischen Krieg führen, den die kommunistischen Parteien unterstützen müssten. Dazu hatte Stalin die Parteien der Komintern mit Blick auf die Schaffung einer Antihitlerkoalition angewiesen, die Frage der sozialistischen Revolution nicht aufzuwerfen.
Stalin hatte bereits zu dieser Zeit die Auflösung der Komintern erwogen, um die KPs zu völlig eigenständigen Parteien mit z. T. unterschiedlichen Namen zu machen und sie die im jeweiligen Land anstehenden Aufgaben selbständig lösen zu lassen, Der entsprechende Beschluss wurde dann am 21. Mai 1943 vom EKKI unter Vorsitz Dimitroffs gefasst und am 22. Mai in der »Prawda« veröffentlicht. Damit sollte gegenüber den westlichen Partnern unterstrichen werden, dass die KPdSU im Kampf gegen den Faschismus nicht das Ziel verfolgte, die sozialistische Revolution voranzubringen. Durch die Auflösung würden ihr angehörende Parteien von dem Verdacht befreit, Agenten eines fremden Staates zu sein, hieß es zur Begründung. Hauptziel war dabei, die Antihitlerkoalition zu festigen und die Alliierten zur Eröffnung einer Zweiten Front zu bewegen.
Mit Stalin beraten
Wie aus Dimitroffs Tagebüchern [34] hervorgeht, beriet Stalin mit Togliatti vor dessen Rückreise nach Italien in der Nacht vom 4. zum 5. März 1944 das Vorgehen in Italien. Die UdSSR ging von der Erklärung der Konferenz der US-amerikanischen, britischen und sowjetischen Außenminister in Moskau im Oktober 1943 über Italien aus: dass die gemeinsame Politik der Verbündeten in Italien zur völligen Vernichtung des Faschismus und zur Errichtung eines demokratischen Regimes führen muss. Moskau war klar, dass man die Badoglio-Regierung berücksichtigen musste. Bereits am 8. Januar 1944 war der sowjetische Vertreter im Advisory Council of Italy, einem auf der Moskauer Konferenz geschaffenen Beobachterrat, mit Badoglio, der gleichzeitig Außenminister war, zusammengetroffen, um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu sondieren.
Winston Churchill sprach sich danach am 22. Januar unmissverständlich für die Beibehaltung der Monarchie aus und lehnte einen Regierungsbeitritt der CLN-Parteien ab. Franklin D. Roosevelt sprach sich dagegen am 13. März für den Rückzug Emanuels III. von der Politik und für die Einbeziehung der Antifaschisten in die Regierung Italiens aus. Noch am gleichen Tag gab die UdSSR daraufhin im Alleingang die diplomatische Anerkennung der Regierung Badoglio bekannt. Washington und London nahmen danach keine diplomatischen Beziehungen zu Italien auf, ernannten aber Hohe Kommissare. Moskaus Schritt wertete Badoglios Kabinett auf, stärkte seine Position in der Antihitlerkoalition und machte den Premier für den Beitritt der CLN-Parteien zugänglich.
»Wende von Salerno«
Für Togliattis Vorgehen war damit der Boden bereitet. Am 27. März 1944 kehrte er nach 18-jähriger Emigration aus Moskau in den Süden des von den Alliierten besetzten Italien zurück. [35] Vier Tage danach sprach er vor dem Nationalrat der Partei über die Stärkung der Einheit der antifaschistischen Kräfte und die Notwendigkeit, eine neue Regierung zu bilden, die den Charakter eines Übergangskabinetts haben und durch den Beitritt der CLN-Parteien gestärkt und dadurch in die Lage versetzt werden sollte, die Volksmassen zum Krieg gegen Hitlerdeutschland zu mobilisieren. Togliatti ging von Gramscis antifaschistischer Bündniskonzeption aus, vermied aber, das perspektivische Ziel der Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft zu erwähnen. Er begründete das damit, dass das die großbürgerlichen Verbündeten ausschließen und die offene Konfrontation mit Badoglio und dem König bedeuten würde. Gleichzeitig ging er von dem Aufruf der Partei an das italienische Volk vom 8. September 1943 aus, in dem es hieß: »Die Arbeiterklasse wird die Hauptkraft sein, die das italienische Volk zum Kampf führt, um für immer die Macht der imperialistischen Kräfte, die für den räuberischen Krieg und den Ruin der Nation verantwortlich sind, zu brechen. Deshalb darf die Demokratie, die wir meinen, den rechten Kräften nicht noch einmal erlauben, sich in ihr wieder breit zu machen.« Das war eine klare antiimperialistische Orientierung, die nicht den Sozialismus zur Tagesaufgabe erklärte, sondern eine demokratische antifaschistische Ordnung. Auch wenn das sozialistische Ziel nicht genannt wurde, schloss dieser Aufruf langfristig diese Zielsetzung nicht aus.
Togliattis Konzeption stieß zunächst auf Widerspruch sowohl bei den Sozialisten und Aktionisten als auch in Teilen der IKP. Diese lehnten ein Bündnis mit der Monarchie, die Mussolini nicht nur mit zur Macht verholfen, sondern auch über 20 Jahre zu den Trägern der faschistischen Diktatur gehört hatte, ab. Ihre Zustimmung banden diese Kräfte schließlich an die Bedingung des sofortigen Rücktritts des Königs, der einen Verzicht auf die Monarchie und die Anerkennung der Republik einschließen sollte. Luigi Longo, einer der Befehlshaber der Partisanenarmee, der andere war der Sozialist Sandro Pertini [36], begründete den Regierungseintritt wie folgt: »Wir haben Badoglio als antideutsche Kraft anerkannt, aber daraus keine politischen und organisatorischen Schlussfolgerungen gezogen. (...) Darüber hinaus haben wir ihn nur nach dem beurteilt, was er politisch und gesellschaftlich repräsentiert, aber nicht überlegt, was er an mobilisierenden Kräften vertritt (auch wenn sie noch nicht mobilisiert sind). Wir haben nur die politischen Unannehmlichkeiten einer Zusammenarbeit gesehen, aber nicht die Schwächen eines nationalen Befreiungskriegs ohne die von ihm kontrollierten und beeinflussten Kräfte«. [37] Longo erreichte, dass die Partisanenkommandeure Togliatti unterstützten, was ausschlaggebend für die Zustimmung der Vertreter des CLN in den besetzten Gebieten war. Diese Kräfte führten den bewaffneten Kampf Schulter an Schulter mit monarchistischen Soldaten und Offizieren und gingen davon aus, dass man die Beseitigung der Monarchie und die Anerkennung der Republik nicht in den Mittelpunkt stellen sollte, sondern die gemeinsame Front gegen die deutschen Okkupanten und ihre Mussolini-Vasallen im Vordergrund stehen müsste. Indem die IKP die Staatsform zunächst offen ließ, betonte sie gleichzeitig ihren grundsätzlich antifaschistischen und antimonarchistischen Standpunkt, nach dem die Nachkriegsordnung die Liquidierung all dessen beinhalten« müsse, »was an reaktionären und faschistischen Kräften verbleibt«.
Nach der Einnahme Roms durch die Alliierten am 4. Juni 1944 musste der König der Forderung des CLN nachkommen und zurücktreten. Als neuer Kompromiss wurde, wiederum auf Initiative der IKP, die Ernennung von Kronprinz Umberto zum Statthalter vereinbart und die Entscheidung über die Staatsform durch ein Referendum nach Kriegsende vertagt. Gleichzeitig wurde Badoglio veranlasst, zurückzutreten und der Liberale Ivanhoe Bonomi zum Ministerpräsidenten berufen. Er wurde durch das CLN ernannt, womit die bisherigen Rechte dem König, darunter auch die Funktion des Staatsoberhauptes, verwehrt wurden. Die Alliierten akzeptierten diese Praxis, nach der auch weiterhin verfahren wurde. Sie stimmten ebenso der Entscheidung der Regierung Bonomi zu, das CLN in Norditalien (CLNAI) in den noch besetzten Gebieten als Organ mit Regierungsvollmachten einzusetzen. [38] Dessen Vorsitzender war der Leiter der Aktionspartei, Ferrucio Parri, [39] mit dem Kommunisten und Sozialisten ihre Positionen im Befreiungskomitee stärken konnten.
Am 22. April 1944 traten dann auf einer Kabinettssitzung in Salerno die antifaschistischen Oppositionsparteien (IKP, ISP, PdA, DC und PLI) in die Regierung Badoglio ein, die damit den Charakter einer antifaschistischen Einheitsregierung erhielt und als Governo Nazionale democratico di Guerra (National-demokratische Kriegsregierung) fungierte. IKP, ISP und PdA besetzten je zwei Ressorts, DC drei, Liberale zwei. Der Kriegsminister, der Marine- und der Luftwaffenminister waren Militärs. Badoglio war als Premier gleichzeitig Außenminister. Das Ereignis ging als »Wende von Salerno« in die Geschichte ein. Der Partisanenarmee traten danach weitere Zehntausende Kämpfer bei, darunter zahlreiche frühere Soldaten der Mussoliniarmee. Mit dem Eintritt der CLN-Parteien in die Badoglio-Regierung gelang es Togliatti, wichtige Grundsätze der Kominternbeschlüsse durchzusetzen. Gleichzeitig verwirklichte er Gramscis These vom »Historischen Block« und setzte damit dessen überragende theoretische Leistung in die Praxis um, womit er sich, wie Georg Lukács einschätzte, als »eine der bedeutendsten taktischen Begabungen, welche die Arbeiterbewegung hervorgebracht hat« erwies. [40]
Teil I dieses Beitrags findet man in der Online-Ausgabe von Heft 11/2026 unter: kpf.die-linke.de/mitteilungen/detail/news/antonio-gramscis-einfluss-auf-die-beschluesse-des-vii-weltkongresses-der-komintern-1935/.
Anmerkungen:
[21] Völlig zu Unrecht wird Longo oft in den Schatten Togliattis gestellt. Dabei wirkte er immer ebenbürtig neben diesem. Die Herstellung der Aktionseinheit mit den Sozialisten oder die Verwirklichung der von Togliatti konzipierten »Wende von Salerno« und auf dieser Grundlage die Schaffung der nationalen Einheitsregierung im April 1944 waren auch sein Werk. In die Führung der Partisanenarmee brachte er seine reichen militärischen Erfahrungen aus Spanien ein, wo er als Generalinspekteur im Range eines Divisionsgeneral das Kommando über alle Internationalen Brigaden inne hatte. Unter seinem Kampfnamen »Gallo« wurde er als einer der führenden republikanischen Militärs bekannt. Nach einer schweren Verwundung 1939 nach Frankreich verbracht, wurde er dort verhaftet, ins Konzentrationslager Le Vernet eingesperrt, 1941 an Italien ausgeliefert und dort eingekerkert. Nach dem Sturz Mussolinis schlug für ihn die Stunde der Befreiung. Den Weg seiner Partei in der Zeit des »historischen Kompromisses« sah er mit großer Sorge. In der internationalen kommunistischen Bewegung nahm er kritische Positionen gegenüber der KPdSU ein, die jedoch stets seinem Internationalismus und seiner Einschätzung der Sowjetunion als sozialistischem Staat untergeordnet waren.
[22] 1908 bis 1919 Mitglied der Republikanischen Partei, war gegen Beteiligung Italiens am Ersten Weltkrieg, 1921 trat er in die ISP ein. Zunächst Chefredakteur des »Avanti«, später jahrzehntelang in Spitzenpositionen, darunter als Generalsekretär. Unterzeichnete 1934 gegen die Linie der Sozialistischen Internationale mit Luigi Longo das Aktionseinheitsabkommen. In Spanien Politkommissar der XII. Internationalen Garibaldi-Brigade. Von 1945 bis zum Ausschluss von ISP und IKP aus der Regierung Vizepremier. 1963 bis 1968 unter dem Christdemokraten Aldo Moro Vizepremier der Mitte-Links-Regierung. Ab 1970 Senator auf Lebenszeit.
[23] Werke, Bd. 21, Berlin/DDR 1960, S. 100.
[24] Ebd. S. 369, 396.
[25] War Teilnehmer an der Konferenz in Zimmerwald und vertrat die gefassten Beschlüsse. War Mitglied des EKKI und vertrat zunächst die Aufnahme der ISP in die KI. Später trat er jedoch an der Spitze der Zentristen.
[26] Hatte bei Kriegsausbruch die Teilnahme Italiens am Krieg abgelehnt und gegen die Kriegskredite gestimmt. Verließ 1922 mit einer Gruppe die ISP und gründete die Partei der Einheitssozialisten.
[27] Keine KP der Komintern hat nach dem Kongress 1935 zu dessen Beschlüssen derartig tiefgehend Stellung genommen und sie in der Praxis, wie die folgenden Ausführungen belegen, verwirklicht.
[28] Aus ihr ging 1943 die kleinbürgerliche radikale Aktionspartei (Partito di Azione) hervor.
[29] In den 1920er Jahren war er Exponent der faschistischen Expansionspolitik gewesen und hatte auf Befehl Mussolinis bei der kolonialen Eroberung Äthiopiens das Giftgas Yperit eingesetzt.
[30] Nahm als Christdemokrat aktiv am antifaschistischen Widerstand teil, wurde zu mehrjähriger Kerkerhaft verurteilt, nach deren Verbüßung er im Schutz seines vatikanischen Exils in der Opposition weiter aktiv blieb. An der Spitze oppositioneller Katholiken der aufgelösten katholischen Volksparteileitete er nach dem Sturz Mussolinis 1943 deren Wiedergründung in Gestalt der Democrazia Cristiana (DC). Auf Geheiß der USA verjagte er 1947 Kommunisten und Sozialisten aus der Regierung, blieb bis 1953 Ministerpräsident, setzte die kapitalistische Restauration und den Beitritt zur NATO durch. Nach Wahlniederlage der DC 1953 Rücktritt als Regierungschef.
[31] Pietro Badoglio: Italien im Zweiten Weltkrieg, München, Leipzig 1947, S. 54. Andreas Hillgruber: Von El Alamein bis Stalingrad, München 1964, S. 53.
[32] König seit 1900, übergab er am 30. Oktober 1922 Mussolini nach dessen »Marsch auf Rom« den Auftrag zur Regierungsbildung, womit die Monarchie neben den führenden Kapitalkreisen und des Vatikans zur entscheidenden Stütze der faschistischen Diktatur wurde. Im Juli 1943 schlug er sich auf die Seite der Palastverschwörer, die Mussolini stürzten, und beauftragte Marschall Badoglio mit der Bildung einer Militärregierung. Auf Druck des nationalen Befreiungskomitees trat er im Juni 1944 nach der Einnahme Roms durch die alliierten Truppen zurück und ernannte Kronprinz Umberto zum Statthalter. Der rief sich vor dem Referendum im Juni 1946 über die Staatsform zum König aus, um die Monarchie zu erhalten. Nach der Niederlage wurden die männlichen Mitglieder der königlichen Familie wegen ihrer Hetze gegen die Republik, die sie zusammen mit den Faschisten betrieben, des Landes verwiesen und ihre Rückkehr verboten.
[33] Il Combatente, Nr. 1, Oktober 1943.
[34] Tagebücher 1933-1934, Berlin 2000.
[35] Das war 8 Monate nach dem Sturz Mussolinis und der Bildung der Regierung unter Badoglio, was belegte, dass Stalin zunächst verfolgt hatte, wie sich die Ereignisse entwickeln und wie der Premier auf seine Aktivitäten reagierte.
[36] Führender Sozialist und aktiver Antifaschist, nach Flucht ins Ausland 1929 Rückkehr und illegale Arbeit, im selben Jahr Verhaftung und Verurteilung zu Kerker und Verbannung, nach Sturz Mussolinis befreit. Danach führender Vertreter des CLN und einer der Organisatoren des bewaffneten Kampfes. 1968-1976 Parlamentspräsident, 1978-1985 Staatspräsident.
[37] Leo Valiani: Azionisti, Cattolici e Comunisti nella Resistenza, Mailand 1974, S. 312, 365.
[38] Im April 1945, als die Partisanen Norditalien befreiten und in den Straßen von Mailand erbitterte Gefechte tobten, tagte am 25. April in der Stadt die Vollversammlung dieses CLNAI und übernahm als Beauftragter der von den Alliierten anerkannten Nationalen Einheitsregierung die zivilen und militärischen Machtbefugnisse, erklärte den Ausnahmezustand, richtete Kriegsgerichte ein, erließ dazu Dekrete über die Organisation der Justiz sowie der Verwaltung und forderte in einem Ultimatum alle italienischen Faschisten auf, bedingungslos zu kapitulieren. Die Dekrete bildeten die gesetzliche Grundlage für die Erschießung von insgesamt 1.732 Faschisten, die der Aufforderung, die Waffen niederzulegen und sich zu ergeben, nicht nachkamen. Darunter fiel auch das Urteil über Mussolini, der auf der Flucht zur Schweizer Grenze mit mehreren faschistischen Größen hinter Como bei der Ortschaft Dongo von einer Partisanen-Einheit gestoppt und gefangengenommen wurde. Das Urteil an ihm und weiteren führenden Faschisten wurde am 28. April durch ein Exekutionskommando der Garibaldi-Brigaden unter Oberst Walter Audisio vollstreckt. Siehe Walter Audisio: In Nome del Popolo italiano, Mailand 1975.
[39] Mitbegründer und Führer der Aktionspartei, Teilnehmer der Resistenza, Vorsitzender des Nationalen Befreiungskomitees von Oberitalien (CLNAI) undzusammen mit Luigi Longo und Sandro Pertini Organisator der Partisanenarmee. Ministerpräsident der antifaschistischen Einheitsregierung von Juni bis Dezember 1945. Er war ein mit Kommunisten und Sozialisten eng verbundener kleinbürgerlicher radikaler Demokrat. 1963 wurde er zum Senator auf Lebenszeit ernannt.
[40] Zit. in Theo Pinkus: Gespräche mit Georg Luca, Hamburg 1967, S. 71.
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