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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Madrids Kapitulation 1939

Victor Grossman, Berlin

 

Denkt man an Spanien vor fünfundsiebzig Jahren, findet man keinen Anlass zum Feiern. Eines der tragischsten Ereignisse des vorigen Jahrhunderts bot eine bittere Ahnung dessen, was der Welt sehr kurz danach bevorstand - und ein Symbol für die ganze oft so blutige Achterbahn zwischen 1905 und 1991. Auch düstere Symbole können für heute viel Denkstoff liefern.

Wie ermutigend war das, als eine Volksfront des spanischen Volkes im Februar 1936 einen progressiven Weg wählte! Als dann im Juli die feudale Reaktion und Francos Faschisten dagegen putschten, von Hitler und Mussolini sofort unterstützt, schauten Millionen auf allen Kontinenten, sogar Kinder wie ich - neunjährig in New York -, auf Madrid und Spanien. Von Santiago bis Sydney, von Kapstadt bis Oslo wurde gebangt, gejubelt, gesammelt, demonstriert. Tausende meldeten sich zum Mitkämpfen.

Doch spätestens seit der Aragon-Offensive der Faschisten im Frühling 1938, als sie das Mittelmeer erreichten und die Spanische Republik zweiteilten, wurden die Hoffnungen auf einen Sieg des Volkes immer blasser. Dann Ende Juli, plötzlich und unerwartet, konnte ihre Armee, noch mit den weniger gewordenen, doch verbissen kämpfenden Interbrigadisten, auf Pontonbrücken und in Booten den Ebro überqueren und eine Gegenoffensive beginnen. Wieder entstand Hoffnung!

Nur nicht von Dauer. Die kolossale Übermacht an Panzern, Geschützen und vor allem Flugzeugen aus Hitlerdeutschland und Mussolini-Italien, auch mit vielen, vielen Truppentransport-LKW aus General-Motors-Werken der USA, war einfach zu groß. Die Truppen der Republik mussten im November über den Ebro zurückflüchten, und bis Februar 1939 war ganz Katalonien, mit Barcelona, ebenfalls verloren. Überall fehlte es an Lebensmitteln, an Medikamenten, vor allem aber an den nötigen Waffen!

Was tun? Manche streckten schon lange die Fühler aus, um sich bei Franco geschlagen zu geben. Die Regierung, von Juan Negrin geführt - ein linker Sozialist, der den Kommunisten nahestand - wollte, wenn auch zögernd, weiterkämpfen. Die Armee bestand noch aus etwa 500.000 Soldaten und manche meinten, bis spätestens Herbst könnte sich die ganze Situation in Europa verändern. Im Februar 1939 wurde hin und her gestritten, intrigiert - und vielfach verraten. Die Hauptstadt - oder vielmehr der Regierungssitz, war längst nicht mehr Madrid, sondern mal Valencia, dann Barcelona, nunmehr praktisch dort, wo sich Negrin aufhielt. Und Negrin hielt noch!

Tragische Episode

Am 5. März wurde auch das fraglich. Im Keller des Finanzministeriums in Madrid schuf eine Gruppe einen "Nationalen Verteidigungsrat" und teilte jeglichen weiteren Anweisungen von Negrin eine Absage. Es war ein Putsch - um unverzüglich mit Franco um die Aufgabe der Republik zu verhandeln.

Drei Männer waren ausschlaggebend. Führend war Oberst Segismundo Casado, ein Offizier der alten spanischen Armee, der zwar bis dahin zur Republik hielt und kämpfte, doch immer die Kommunisten hasste, vielleicht nicht nur aus Klassendünkel, sondern auch weil gerade sie, wie die mehrheitlich kommunistischen Freiwilligen in den Interbrigaden, stets besonders engagiert gekämpft hatten.

Neben Casado war der Professor und Politiker Julián Besteiro, vom ganz rechten Flügel der Sozialisten, der ebenfalls Kommunisten hasste und, so schreibt Ludwig Renn, "schon lange Verhandlungen mit England und Frankreich angeknüpft (hatte), um eine bedingungslose Übergabe der Spanischen Republik zu erreichen."

Noch wichtiger, weil er ein großes Armeekorps im nahen Guadalajara kommandierte, war Cipriano Mera, vor dem Krieg ein Funktionär im Bauarbeiterverband und ein führender Anarchist. Die Anarchisten - immerhin, eine der wichtigsten politischen Gruppierungen unter den spanischen Arbeitern und häufig verklärt oder gar glorifiziert - waren im Krieg oft sehr tapfer, doch auch sehr undiszipliniert, vor allem nach dem frühen Verlust von Buenaventura Durruti, ihrem führenden, weitsichtigen Chefoffizier. Mera hatte an vielen Kämpfen teilgenommen - Madrid, Jarama, Guadalajara. Jetzt aber wollte auch er Spanien aufgeben - und Franco um Gnade bitten.

Es folgte eine kurze, äußerst tragische Episode. Die selbsternannte Junta verbot sofort die kommunistische Zeitung Mundo Obrero, setzte die kommunistischen Kommandeure von drei Armeekorps ab und startete eine Razzia gegen alle kommunistischen Kämpfer und Politiker in Madrid. Als die drei Korps sich dem Putsch widersetzten und in Madrid einzogen, um die gesetzmäßige Regierung zu halten, kam es zu erbitterten Kämpfen mit 2.000 Toten. Nach wenigen Tagen, am 12. März, siegte das weitaus stärkere IV. Corps von Mera. Es kam zu einem weiteren Massaker, und der führende Oberst, Luis Barceló, ebenfalls ein früherer Armeeoffizier, doch anders als Casado Kommunist geworden, wurde verurteilt und am 15. März hingerichtet.

Es bestand also kaum ein Hindernis für die Aufgabe an Franco - außer Franco. Casado schickte Unterhändler zu ihm nach Burgos, unterstrich seine Leistungen gegen die Kommunisten und bot die Kapitulation an mit der Bitte, auf Vergeltung zu verzichten und für 25 Tage jedem zu erlauben, der es wünschte, Spanien zu verlassen.

Franco lachte! Er ließ die Casado-Leute zehn Tage warten, ehe er sich herabließ, überhaupt darauf einzugehen, und lehnte jede Bedingung ab. Am 23. März forderte er, dass binnen zwei Tagen die Luftwaffe sich ergeben sollte und zwei Tage danach die ganze Armee die weiße Flagge hissen sollte.

Francos Blutbad

Schlechtes Wetter verhinderte das Abfliegen der Flieger. Casados Unterhändler, die das erklären sollten, wurden nicht empfangen. Stattdessen zogen die Faschisten los gegen einen ganz schwachen Widerstand. Die deutsche Legion Condor war dabei; ihr Kommandeur, Generalmajor Wolfram von Richthofen, schrieb ins Tagebuch: "27. März 1939, Beginn des Angriffs auf Madrid … Unser erster Bombenangriff um 7 Uhr sehr gut … Unser Feuerzauber überwältigend … KRIEG ZU ENDE! Für Legion Condor Schluss!"

Am nächsten Tag, nach zweieinhalb Jahren, konnte Franco mit seinem üblen Tross und dem mit teuren Roben umhängten hohen Klerus in das einst so stolze Madrid einziehen. Nun, mit dessen Segen, ging das Blutbad richtig los; manche schätzen, dass es in den folgenden sechs Jahren 200.000 Hinrichtungen gab, vielleicht viel mehr, unzählige Männer und Frauen wurden jahrelang als Häftlinge gequält. Wo Franco ein Exempel statuieren wollte, ließ er mit der Garrotte, dem Würgeeisen, langsam töten.

Ein wichtiges Signal für Casado und seine Leute zu handeln war die Entscheidung von London und Paris, am 28. Februar, einen Monat zuvor, eiligst Francos anzuerkennen; um die Abgeordneten im House of Commons dazu zu gewinnen, log Chamberlain, der das Gegenteil wusste, dass Franco versprochen hatte, keine Vergeltung zu üben.

London, Paris und andere Mächte

Wollten die "westlichen Demokratien", geführt von Englands Neville Chamberlain, den faschistischen Tsunami nicht stoppen? Als Japan 1932 die Mandschurei eroberte und im Juli 1937 von dort aus den Krieg gegen China begann, tat man nichts. 1935-1936 ließ ihr Völkerbund Italien unbehindert Äthiopien erobern. Am 7. März 1936 marschierten deutsche Truppen in das durch Versailles und den Locarno-Vertrag entmilitarisierte Rheinland. Frankreich, mit englischer Unterstützung, schaute zu. Und als Francos Putsch beinahe misslang, bis Hitler und Mussolini Francos Söldnerarmee und seine Kolonialtruppen von Nordafrika nach Spanien flogen, da gründeten England und Frankreich ein "Nicht-Einmischungskomitee", womit jegliche Hilfe für die legitime Republik verhindert werden sollte - während Deutschland, Italien und Portugal schamlos und fast offen Franco weiter beliefern konnten.

Warum nur diese Schändlichkeiten? Gewiss, in Spanien gab es erhebliche Investitionen. Die Faschisten schützten das Privateigentum - jedenfalls das der Mächtigen. Aber eine Volksfront? Für aufgeregte Arbeiter und noch analphabetische Bauern, egal wo, hatte man wenig Sympathie. Dafür entdeckte man nach dem Krieg recht deutliche Dokumente, wie ein Protokoll des Besuchs am 19. November 1937 vom englischen Regierungsvertreter Lord Halifax bei Adolf Hitler, in dem er sagte:

"Man erkenne die großen Verdienste, die sich der Führer um den Wiederaufbau Deutschlands erworben habe, voll und ganz an … Trotz jener Schwierigkeiten (er meinte die immer brutaleren Angriffe gegen die Juden in Deutschland, VG) wären er und andere Mitglieder der Englischen Regierung davon durchdrungen, dass der Führer nicht nur in Deutschland selbst Großes geleistet habe, sondern dass er auch durch die Vernichtung des Kommunismus im eigenen Lande diesem den Weg nach Westeuropa versperrt habe und daher mit Recht Deutschland als Bollwerk des Westens gegen den Bolschewismus angesehen werden könne."

Bald danach wurde Halifax Außenminister und blieb ein Freund des Faschismus bis in den Krieg hinein. Da begreift man, wieso man Österreich mit kaum einem Stirnrunzeln schlucken ließ, im September 1938 in München die Tschechoslowakei zerstückeln (und das noch als Friedenstat feiern) und bald gänzlich ausradieren ließ. Und auch, dass es vor allem England war, das vom Anfang an gegen die Spanische Republik war, ständig gegen sie intrigierte und überall Druck ausübte, damit die Republik nie zu den dringend benötigten Waffen kam.

Es wurde zunehmend klar: London und Paris glaubten, nach Spanien würde Hitler an sein Hauptziel herangehen und die Sowjetunion angreifen, was für sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe bedeutete; die beiden sollten sich gegenseitig zerhacken, so gäbe es eine Rivalin weniger, und der Spuk des Kommunismus wäre aus der Welt verschwunden.

Es wurde - und wird noch heute - vieles an der Rolle der Sowjetunion in Spanien ausgesetzt. Dass viel Trauriges geschah, kann man weder leugnen noch verklären. Damals fanden in der Sowjetunion Prozesse gegen sehr viele statt, die als Feinde deklariert, verurteilt, eingesperrt, auch getötet wurden, darunter manche Helden aus Spanien. Das gehört zur Tragik des vorigen Jahrhunderts.

Es ist dennoch heuchlerisch, ja äußerst verlogen, nicht zu erkennen, dass der heldenhafte Versuch der Spanier, ein menschenwürdiges Leben in ihrem noch halbfeudalen Land zu erreichen, ohne sowjetische Hilfe schon im November 1936 verloren gewesen wäre. Durch die Panzer und Flugzeuge, gewagt durchs Mittelmeer trotz italienischer Bomben und Torpedos geliefert, konnte man Madrid halten. Gewehre, Maschinengewehre, Geschütze - ein Transport auf dem Landweg war ständig von Frankreich verhindert - ermöglichten noch zweieinhalb Jahre lang den Widerstand gegen den Faschismus.

Die Ablehnung der Kommunisten, radikale Maßnahmen gegen Mittelschichten und Gemäßigte zu ergreifen, die von manchen als Prinzipienaufgabe angeprangert wird, war das Resultat zweier Strategien: erstens, in einem Kampf auf Leben und Tod waren nicht enge, revolutionäre Ziele vonnöten, sondern der Versuch, möglichst breite Kreise zu gewinnen. Und zweitens hofften die Sowjetunion und mit ihr die Kommunisten fast bis zuletzt, dass der Druck der Solidarität in Großbritannien, Frankreich und den USA endlich jene Regierungen zwingen könnte, sich von ihrer selbstmörderischen antikommunistischen Strategie zu lösen und sich gemeinsam gegen die Faschisten zu stellen. Die erste Strategie zeigte lange Erfolge. Die zweite blieb unerreichbar.

Das Resultat: Als klar wurde, dass London und Paris lieber Hitler gewinnen ließen, auch gegen die Sowjetunion, beschloss diese, sich nicht von allen kaputtschlagen zu lassen und nahm eine andere Taktik an - den Pakt mit Hitler, mit all den Folgen. Wäre im Spanienkrieg eine andere Entscheidung gefallen, wäre der Welt womöglich alles erspart worden: Coventry und Rotterdam, Leningrad und Hamburg, Dresden und Auschwitz.

Und heute? Auf längere Zeit zumindest ist die rote Gefahr gebannt (außer wohl hier und da in Lateinamerika). Doch das Drängen nach Märkten, nach Billigarbeitern, nach schwindendem Wasser und Mineralien, der Drang nach strategischer Hegemonie und schließlich nach noch mehr Milliarden für die obersten 1 Prozent, oder 0,1 Prozent, ja, die 0,001 Prozent - das ist noch da, stärker denn je, mit den USA nunmehr in Führung, mit ähnlichen Kräften immer noch in England und Frankreich, und jetzt erst recht wieder mit Kräften in Deutschland, oft mit den gleichen Firmennamen wie damals, die ihre Adlerfahnen, mit und ohne Uniformen nun in Europa über die Elbe und Oder hinaus, über das Mittelmeer nach Afrika, über Berge und Wüsten bis zum Hindukusch tragen, und wer weiß, wo noch "humanitäre Hilfe" nötig wird.

Wie damals ist man heute bereit, sich gegen jeden, der es wagt, aus dem befohlenen Ringelreigen zu tanzen, auch mit dem Teufel zu verbünden. Ob nett oder böse, jeder hat zu folgen, sonst droht der Mega-Tod. Die Liste der teuflischen Tanzpartner ist lang, vom iranischen Schah und Pinochet bis zu den blutigsten Fanatikern in Afghanistan und Irak, in Libyen und Syrien. Und auch bis zu Expansionspolitikern wie den Liebermans und Netanyahus. Auch in Kiew lobt, finanziert und beliefert man die schlimmsten Antisemiten, um Unfolgsame loszuwerden und Russland weiter zu umzingeln. Ja, es hat sich im 21. Jahrhundert sehr viel verändert. Aber manches bleibt recht ähnlich. Wie allerdings auch unsere Ziele.

Nachbemerkungen: Seine britischen Freunde ließen Casado ins Exil flüchten. 1961 kehrte er nach Spanien zurück, wurde von einem Militärgericht freigesprochen und veröffentlichte 1968 seine Memoiren. Mera konnte nach Nordafrika flüchten, wurde von den Franzosen an Franco ausgeliefert, wurde zum Tode verurteilt, aber 1946 freigelassen. Er zog nach Frankreich und arbeitete als Maurer bis zu seinem Tode. Besteiro blieb in Spanien, wurde zu dreißig Jahren Haft verurteilt, wo er schon 1940 an Tuberkulose starb. Juan Negrin behielt den Titel als Premierminister im Exil bis 1945, lebte in Frankreich und während des Kriegs in England und starb 1956 in Paris.

 

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2013-10: Von Ford bis Walmart und McDonalds

2013-08: Ein Traum - aber kein »Träumer«

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