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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Reflexionen zur jüngeren Geschichte – Klartexte

Werner Wüste, Berlin

 

Zeitgleich mit dem nächsten Heft wird Anfang Oktober 2009 auch ein Buch erscheinen, sozusagen eine geballte Ladung "Mitteilungen": Klartexte.

Knapp 50 Arbeiten aus den Jahren 1993 bis 2009 sind darin zusammengefaßt. Herausgeber ist der Bundessprecherrat, Verleger edition ost aus der Eulenspiegel-Verlagsgruppe. Sowohl im Buchhandel als auch über die Strukturen der Kommunistischen Plattform wird Klartexte zu bekommen sein. Sein Thema ist die Geschichte.

In seinem Vorwortstellt Hermann Klenner fest:

"Den Herausgebern des vorliegenden Bandes dürfte es schwer genug gefallen sein, aus den in mehr als zweihundert "Mitteilungen" der KPF gebotenen Beiträgen eine der Themen- wie der Autorenvielfalt gerecht werdende Auswahl zu treffen. Ohne um den heißen Brei herumzureden: es handelt sich, wie der Titel des hiermit der Öffentlichkeit präsentierten Bandes schon sagt, bei all den ausgewählten Mitteilungs-Beiträgen um Klartext ... bei den diesmal nicht ausgewählten übrigens auch!"

"Wie wahr!" kann man dazu nur sagen und bekräftigen: Die Macher der "Mitteilungen" seit 1990 dürfen solches Urteil aus berufenem Munde als Anerkennung für ihre Arbeit begreifen. Das sollte mal gesagt werden.

Hier noch weitere Appetit-Anregung aus Klenners Vorwort: "Ernst Bloch hatte nämlich nicht nur behauptet, daß es keinen Sozialismus ohne Demokratie gebe (auch bei Lenin läßt sich übrigens solch ein Satz finden!), sondern ergänzend hinzugefügt (was zumeist interessenbedingt weggelassen wird), daß es auch keine Demokratie ohne Sozialismus gibt. Durchdenkt man jedenfalls den Demokratiegedanken – die Staatssouveränität ergebe sich aus der Volkssouveränität; nicht die Regierenden, sondern die Regierten seien die Herrschenden – bis in seine Wurzeln, dann kommt man nicht umhin, Demokratie als eine auf die Vergesellschaftung der politischen Macht zielende Staatsform zu begreifen."

Wer mehr wissen will, schlage nach! Bei Klenner wie auch bei den anderen Autoren: Brombacher, Benjamin und Goldstein, Karau und Heuer, Ruge, Karl, Reder und Wolff, Lorenz und Krenz, Herold, Lötzsch und Mebel, Villegas, Dahn und Latzo und Pätzold und Hahn und Wüste.

Der interessierte Leser wird jedenfalls viel Nachdenkliches und für sich manches zu Bedenkende finden; unbedingt aber bemerkenswerten Reichtum an Gedanken. Konsequente Bemühung um Wahrheit, auch wenn sie schmerzt. Und beeindruckende Kontinuität seit dem ersten Heft. Meist ernst, aber auch humorig und burschikos, journalistisch zugespitzt und wissenschaftlich gründlich.

Wie zum Beispiel Uwe-Jens Heuer erklärt und begründet, daß antikapitalistischer Kampf nur möglich ist auf der Basis von Vorstellungen einer sozialistischen Alternative, die auch angesichts der gegenwärtigen weltweiten Offensive des Kapitals wach zu halten sind; "... wenn wir also auch nicht wissen, ob die sich zuspitzenden Widersprüche rechtzeitig Kräfte hervorbringen, die eine neue sozialistische Gesellschaft schaffen ..." – bündige Schlußfolgerung aus begründeter Geschichtsanalyse.

Von allen hier versammelten Arbeiten läßt sich sagen: Sie sind starke Belege für die ehrliche und konsequente Bemühung ihrer Autoren um Klarheit. Klartexte eben; und die Autoren sind der wachsenden Schar jener zuzurechnen, die das Antwortsuchen zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben; wie es zum Beispiel diese Kapitel-Überschrift formuliert: "Das Verhältnis von Kommunisten zur Geschichte ist mindestens ebenso das Verhältnis zur Zukunft". Bei diesem Konzentrat von Ellen Brombacher kurz zu verweilen, ist nützlich. Es ist wohl so etwas wie ein Wahrheits- und Aufrichtigkeitskriterium: Wie Du zu dem "vergangenen", dem "frühen", dem "unreifen" Sozialismus, dem ersten sozialistischen Versuch eben, stehst, so auch zu dem kommenden, dem erstrebten, dem erklärten Ziel unser aller Anstrengung. Anders und kritisch gesagt: Wer den gewesenen Sozialismus nur verdammen, nicht aber analysieren will, setzt sich zumindest dem berechtigten Verdacht aus, Sozialismus überhaupt nicht zu wollen.

Positiven Ausdruck solcher Haltung verleiht neben anderen Gisela Karau: "Keine Massenerfahrung versinkt spurlos im Schlund der Geschichte". Oder wenn sie "nur" einfach bekennt: "Mein Gedächtnis weist viele Lücken auf, aber das, was ich im Krieg erlebt und danach über ihn erfahren habe, werde ich nicht vergessen. Wissen ist mir zum Bewußtsein geworden, und es hat mich eine neue Welt ersehnen und bejahen lassen."

Daniela Dahn, im Nachdenken über jenes obskure, aber heftig gewollte "Zentrum gegen Vertreibung", nennt sich selbst eine Nachgeborene und insofern für das, was geschah, "nicht verantwortlich, aber zuständig"; und zieht den Schluß: "Wir brauchen kein Zentrum gegen Vertreibung. Wir brauchen ein ‚Zentrum gegen Krieg’". Und ihr Albtraum ist, in fünf Jahren ein Schreiben des Inhalts zu bekommen: "... teilen wir Ihnen hiermit mit, daß für den Fall der Nichtinanspruchnahme des Ihnen grundbuchlich zustehenden Eigentums die Rechte an dem Haus am Breslauer Ring an die Preußische Treuhand deutsche Ostgebiete verfallen."

Die Reihe pointierender Zitate ließe sich mühelos fortsetzen; aber dem inzwischen sehr wahrscheinlich interessierten, potentiellen Leser soll doch noch Raum und Erwartung für eigene Entdeckungen bleiben.

Muß hier ausdrücklich erwähnt werden, daß aus Sicht des Sprecherrats dieses Buch Antwort auf die Herausforderungen dieses "Jahres der Jubiläen" ist? Daß es als Streitschrift verstanden sein will? Daß es, weil es so in der Natur der Sache liegt, zugleich als Beitrag zur bevorstehenden Diskussion um ein neues Programm der LINKEN zu betrachten ist?

Vor inzwischen fünfzehn Jahren bereits haben Michael Benjamin, Ellen Brombacher, Thomas Hecker, Heinz Karl, Heinz Marohn und Sahra Wagenknecht es für geboten gehalten, eine "Gemeinsame persönliche Erklärung" abzugeben und zu veröffentlichen. Darin heißt es: "Wir bekennen uns zur Legitimität des frühen Sozialismus, und wir bedauern es zutiefst, daß der Beginn realer sozialistischer Entwicklung – zumindest in Europa – vorerst abgebrochen ist. Der Mitverantwortung hierfür sind wir uns bewußt. ... Wir lassen uns durch den Stalinismusvorwurf nicht stigmatisieren, sondern bleiben bei unserem Standpunkt: ahistorische Sicht auf Geschichte ist keine Analyse. Sie bringt keine Schlüsse für Gegenwart und Zukunft. Um die aber geht es uns."

Selbstverständlich ist diese noch immer in höchstem Grade aktuelle Grundsatzerklärung in Klartexte im vollen Wortlaut nachzulesen.

 

Mehr von Werner Wüste in den »Mitteilungen«: 

2008-06: Die Kraft der Schwachen – Für Anna Seghers

2007-12: An die Delegierten und Gäste der Bundeskonferenz