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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Weltuntergangs-Szenarien: Daniel Ellsberg über US-amerikanische Atomkriegspläne

Dr. Reiner Zilkenat, Hoppegarten

2017 erschien aus der Feder von Daniel Ellsberg ein Buch mit dem Titel »The Doomsday Machine« (»Die Weltuntergangsmaschine«). Daniel Ellsberg? Dieser Name stand bislang für den Herausgeber der so genannten Pentagon-Papiere, die 1971 der Weltöffentlichkeit präsentiert wurden und einen umfassenden Einblick in die vom US-Imperialismus insgeheim getroffenen Vorbereitungen des Krieges in Vietnam sowie seine Eskalation in den 1960er Jahren boten.

Bislang war weitgehend unbekannt, dass Daniel Ellsberg seit 1959 als Mitarbeiter der »Denkfabrik« RAND Corporation tätig und seit Anfang der sechziger Jahre als Berater an das Pentagon und das Außenministerium delegiert worden war. Dort erhielt er bald Zugang zu Dokumenten der höchsten Geheimhaltungsstufe (»Keyhole«). Im Rahmen seiner Arbeits­aufträge traf er den damaligen Verteidigungsminister Robert McNamara sowie den Sicherheitsberater der Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson, McGeorge Bundy. Im Oktober 1962 gehörte er zu einer Arbeitsgruppe des permanent tagenden Kri­senstabes, der während der Kuba-Krise gebildet worden war. Daniel Ellsberg, der als »Kal­ter Krieger« sozialisiert wurde und drei Jahre lang freiwillig als Offizier bei der Marine-Infan­terie gedient hatte, erlebte die Jahre als Berater höchster Regierungsstellen als eine Zeit der Desillusionierung.

Schon bald erkannte er, dass die von den politisch Verantwortlichen mit großem medialem Aufwand proklamierte »Raketenlücke« gegenüber der UdSSR frei erfunden worden war. Während der Öffentlichkeit ständig vorgegaukelt wurde, jederzeit könnte ein »atomares Pearl Harbor«, ein Überraschungsangriff sowjetischer Interkontinentalraketen und Lang­streckenbomber die USA heimsuchen, entnahm Ellsberg streng geheimen Dokumenten, dass die Sowjetunion am Anfang der sechziger Jahre über lediglich vier einsatzbereite Ra­keten verfügte, die in der Lage waren, US-amerikanisches Territorium zu erreichen. An­derslautende Bekundungen des 1. Sekretärs der KPdSU, Nikita Chruschtschow, waren ein reiner Bluff, was die damals ausgewerteten Fotos der U-2-Flugzeuge und – bald darauf – der ersten Spionagesatelliten bestätigten. Dagegen stellte die US Air Force zur gleichen Zeit vierzig Interkontinentalraketen in Dienst, deren Ziele in der Sowjetunion lagen. Die Propaganda um die angebliche »Raketenlücke« diente lediglich dem Zweck, immer höhere Militärausgaben gegenüber Senat und Repräsentantenhaus zu legitimieren und die Öffent­lichkeit in Furcht und Schrecken vor dem »Reich des Bösen« zu versetzen. Eine »Raketen­lücke« bestand tatsächlich bis zum Anfang der 1970er Jahre – allerdings auf Seiten der UdSSR.

Die wichtigsten Kapitel des Buches befassen sich mit den Atomkriegs-Plänen der USA in den 1960er Jahren. Ellsberg war erschüttert angesichts der Planungen, die eine physische Vernichtung von mindestens 600 Millionen bis 1 Milliarde Menschen vorsahen bzw. billi­gend in Kauf nahmen. Zur Erinnerung: Die Weltbevölkerung zählte damals etwa 3 Milliar­den Menschen.

Worum ging es dabei? Daniel Ellsberg erhielt Zugang zu den konkreten Zielplanungen des Pentagon, die eigentlich nur eine Handvoll hoher Regierungsvertreter und Militärs kennen durfte. Manche dieser Dokumente trugen sogar den Zusatz »For President’s Eyes Only!« Ihnen entnahm er unter anderem die Einschätzung, dass Finnland in Folge des radioak­tiven »fallouts« der über Leningrad abgeworfenen Atombomben ausgelöscht (»wiped out«) werden würde.

Ellsberg war außerdem bei »Kriegsspielen« des Strategischen Bomberkommandos (SAC) anwesend, die den Ablauf eines Aggressionskrieges gegen die UdSSR, China und die so­zialistischen Staaten in Europa simulierten. Hier wurde die Eisenhower-Doktrin der »massi­ven Vergeltung« geprobt, in deren Ergebnis mindestens die Hälfte der Bevölkerung in der Sowjetunion und 100 Millionen Bewohner in Osteuropa getötet werden würden. [1] Beson­ders erschütterte ihn, dass die Kriegspläne vorsahen, zusammen mit der UdSSR auch Chi­na atomar zu vernichten. Dies galt ausdrücklich sogar für den Fall, dass China an einem US-amerikanisch-sowjetischen Konflikt, der atomar zu eskalieren drohte, überhaupt nicht beteiligt gewesen wäre. Die Passagen zum Verlauf dieser »Kriegsspiele«, die Selbstver­ständlichkeit, mit der die Generäle des SAC agierten, der menschen­verachtende Zynismus der Offiziere sowie der anwesenden politisch Verantwortlichen so­wie ihre Unfähigkeit, die globalen Folgen eines solchen totalen Atomkrieges in Rechnung zu stellen (z. B. unzählige Verletzte, die nicht hätten versorgt werden können; Entstehung eines »atomaren Winters« mit jahrelangen Missernten und weltweiten Hungersnöten), ge­hören zu den eindrucksvolls­ten Kapiteln.

Eine weitere Erkenntnis drängte sich ihm auf. Während wider besseren Wissens die Gefahr eines atomaren Überraschungsangriffs der UdSSR an die Wand gemalt wurde, handelte es sich bei den Atomkriegsplänen der USA vor allem um »Erstschlagpläne«, deren Berechti­gung intern damit legitimiert wurde, man müsse im Krisenfall einem bevorstehenden An­griff der UdSSR auf das Territorium der USA zuvorkommen (»preemptive attack«). Doch derartige Planungen wurden zu einer Zeit vorgenommen, als die UdSSR zu einem solchen Angriff gar nicht fähig war bzw. eine solche theoretische Möglichkeit auch für eine abseh­bare Zukunft nicht bestand.

Alles das veranlasste Daniel Ellsberg, ihm zugängliche, streng geheime Dokumente zu ko­pieren und an wechselnden Orten aufzubewahren. Manches davon ist mittlerweile beson­ders vom National Security Archive und auf Daniel Ellsbergs Website publiziert worden [2], manches wird zum ersten Mal in seinem Buch mitgeteilt, wobei vor allem die Schilderung seiner Gespräche mit führenden Politikern im Pentagon und aus der Umgebung des Präsi­denten wertvoll ist.

Aber der Autor sorgt sich mit Recht auch um die gegenwärtigen Atomkriegsplanungen der USA. Er verweist darauf, dass alle Administrationen seit den Zeiten Harry S. Trumans sich beharrlich geweigert hätten darin einzuwilligen, niemals als Erste Atomwaffen einzusetzen. Dies galt auch für Barack Obama, unter dessen Präsidentschaft eine groß angelegte »Modernisierung« der Atomwaffen beschlossen worden sei – und es gilt selbstverständlich für Donald Trump. Ellsberg warnt in seinem Buch dringend davor, die Bereitschaft der Herr­schenden in den USA zu unterschätzen, als erste Atomwaffen einzusetzen: Zumindest indi­rekt gab es in den letzten Jahren verschiedentlich öffentliche, an die Adresse des Iran und Nordkoreas gerichtete Warnungen, dass auch diese Option »auf dem Tisch liege«. Der Au­tor zitiert aus entsprechenden Bekundungen gegenüber den Medien. Ausschließen wollten den Ersteinsatz von Atomwaffen im Vorwahlkampf 2015/2016 lediglich zwei Kandidaten, die allerdings nur auf jeweils ein Prozent Wählerstimmen hoffen durften und bald aus dem Rennen um die Präsidentschaft ausgeschieden waren.

Die mehrfach vom russischen Präsidenten Wladimir Putin formulierte Warnung, Hauptauf­gabe der internationalen Politik müsse es sein, einen Atomkrieg zu verhindern, erhält nach der Lektüre von »The Doomsday Machine« eine beklemmende Aktualität. Es bleibt ab­schließend zu hoffen, dass in nächster Zeit eine deutsche Übersetzung vorliegen wird.

Anmerkungen:

[1]  Siehe hierzu Reiner Zilkenat: 91 Atombomben auf Ost-Berlin! Die Planungen der USA für einen Nuklearkrieg gegen den »sino-sowjetischen Block«, in: Mitteilungen

der Kommunistischen Plattform der Partei DIE LINKE, Heft 4/2017, S. 4 ff. und derselbe: Atomkriegspläne der USA 1945 bis 1956. Zu den US-amerikanischen Planungen für einen Nuklearkrieg gegen die Sowjetunion, in: GeschichtsKorrespondenz, April 2017, S. 44-62, www.die-linke.de/partei/parteistruktur/weitere-zu-sammenschluesse/marxistischer-arbeitskreis-zur-geschichte-der-deutschen-arbeiterbewegung/geschichtskorrespondenz.

[2]  Siehe nsarchive.gwu.de und www.ellsberg.net/doomsday-documents. Manches Wichtige in diesem Zusammenhang lässt sich auch auf der Internet-Präsenz der CIA recherchieren: www.cia.gov/library/readingroom. 

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