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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Vor 150 Jahren: Koreas »erster moderner Vertrag« – Beginn einer 70-jährigen Unterwerfung

Dr. Wolfram Adolphi, Potsdam

 

Am 27. Februar 1876 schlossen Japan und Korea ein Abkommen, das gern als »Koreas erster moderner Vertrag« gefeiert wird. Aber was – so fragt der US-amerikanische Koreahistoriker Bruce Cumings – wäre mit »modern« gemeint? »Fair? Gleich? In Übereinstimmung mit dem Völkerrecht? Beschlossen von souveränen Nationen?« Nun ja, gibt sich Cumings selbst die Antwort, mit dem »›Gewohnheitsrecht‹ des westlichen imperialen Systems« als Maßstab könne das so gesehen werden. Tatsächlich aber habe dieser Vertrag »die jahrhundertelange essenzielle Gleichheit zwischen Japan und Korea ausradiert« – und zwar mit »Folgen, die bis in unsere Tage reichen.« [1] 

Eine Bedrohung, drei Reaktionen

In der zeitlichen Abfolge steht der Vertrag von 1876 am Ende einer Etappe im großen Prozess der »Öffnung« Ostasiens durch und für den westlichen Imperialismus im 19. Jahrhundert. Im Jahrhundert zuvor war das südasiatische Indien durch Großbritannien kolonisiert worden, hatten die Niederlande, Frankreich und wiederum Großbritannien die Kolonisierung »Hinterindiens« mit den heutigen Staaten Südostasiens betrieben, aber erst jetzt, im 19. Jahrhundert, waren die technischen und militärischen Möglichkeiten geschaffen, auch die großen alten Reiche China, Japan und Korea auf dem Seeweg mit einer solchen militärischen Wucht zu erreichen, dass der zu erwartende Widerstand gebrochen werden konnte.

China war unter den drei Reichen das erste, das sich dem Druck ergab. Im Ergebnis seiner Niederlagen in den beiden »Opium-Kriegen« 1839-1842 und 1856-1860 mit Großbritannien sah es sich gezwungen, das Land so zu »öffnen«, dass den Briten und den ihnen folgenden Mächten ein fast ungehinderter Raub an Rohstoffen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen möglich wurde. Das Kaiserreich erwies sich als zu schwach nicht nur, um erfolgreich militärischen Widerstand leisten, sondern auch, um die so dringlich gewordene Modernisierung der Wirtschaft und Gesellschaft in Gang setzen zu können. Die Folge war ein über Jahrzehnte sich hinziehendes Siechtum mit der Niederlage im Krieg gegen Japan 1894/95 und der Demütigung durch die Intervention der imperialistischen Länder Großbritannien, Frankreich, USA, Deutschland, Italien, Österreich-Ungarn, Russland und Japan zur Niederschlagung des »Boxer«-Aufstands 1900-1901. Die Revolution von 1911 stürzte dann zwar die Kaiserherrschaft, führte aber in eine durch Bürgerkrieg und japanische Aggression bestimmte Zerrissenheit, die erst mit der Gründung der Volksrepublik am 1. Oktober 1949 ein Ende fand.

Ganz anders Japan. Als in der Tokyo-Bucht 1853 die US-amerikanischen »Schwarzen Schiffe« auftauchten, erwiesen sich seine Herrschaftsstrukturen als höchst flexibel und anpassungsfähig. Erkennend, dass militärische Gegenwehr zwecklos war, machte die Oberschicht den USA zwar Konzessionen, setzte dann aber mit der Meiji-Restauration 1868 eine »Revolution von oben« in Gang, mit der das Land unter formaler Erneuerung der Kaiserherrschaft innerhalb dreier Jahrzehnte zu einem modern organisierten, wirtschaftlich und militärisch bedeutenden Machtfaktor im geopolitischen Kräftespiel wurde. Japan »entfernte sich« – schreibt Jürgen Osterhammel in seinem Panorama des 19. Jahrhunderts – »mental vom asiatischen Kontinent«, orientierte sich – wie eine Diagnose von Yukichi Fukuzawa schon im Jahre 1885 lautete – »politisch und materiell am erfolgreichen ›Westen‹ und blickte mit zunehmender Geringschätzung auf den einstigen kulturellen Lehrmeister China hinab.« [2] 

Und wieder ganz anders Korea. Dieses in der westlichen Gesamtschau auf Ostasien oft unterschätzte eigenständige Kaiserreich stand nicht wie China im Fokus des Westens, schien sich mit seiner jahrhundertelang bewährten, dem Motto »Wir haben nichts und wir brauchen nichts« folgenden Misstrauenspraxis gegenüber allem Ausländischem der Bedrohung entziehen zu können – und wurde dann nicht vom Westen, sondern von seinem asiatischen Nachbarn Japan überwältigt mit der Methode, die dieser gerade erst vom »erfolgreichen ›Westen‹« an sich selbst vorgeführt bekommen hatte und die da hieß: Erzwingung ungleicher Verträge. 

In einer sowjetischen Darstellung las sich das so: »Im Jahre 1875 landeten japanische, in europäische Tracht gekleidete Seeleute in Korea, an der Mündung des Han-kang-Flusses. Dort wurden sie von den Koreanern unter Feuer genommen. Die Japaner nahmen die Befestigungen ein und metzelten die koreanischen Soldaten auf grausame Art nieder. Nach dieser Provokation wurden im Januar 1876 zwei japanische Kriegsschiffe und 300 Soldaten auf Transportschiffen nach Korea geschickt, um dieses zur Zahlung einer ›Entschädigung‹ und zum Abschluss eines Handelsvertrages mit Japan zu zwingen.« [3] Die innerjapanische Vorgeschichte dazu war durchaus turbulent. Anfang der 1870er Jahre habe sich – so schreiben die US-Amerikaner John K. Fairbank, Edwin O. Reischauer und Albert M. Craig in ihrem Ostasien-Standardwerk – »die Provokation eines Krieges mit Korea zu einer fixen Idee frustrierter japanischer Samurai« entwickelt, »kühlere Köpfe in Japan« seien jedoch eingeschritten und hätten sich mit der Linie durchgesetzt, Korea lieber »friedlich zu ›öffnen‹: durch moderate Forderungen nach Verhandlungen, denen durch die Demonstration militärischer Überlegenheit Nachdruck verliehen wurde.« [4] Cumings konkretisiert, wie diese »Demonstration« aussah: »Japan landete vierhundert Mann auf der Kangwha-Insel«, und »weitere viertausend lagen vor der Küste in Bereitschaft.« [5] 

1910: Korea wird japanische Kolonie

Das war 1876. Was dann folgte, hat Karl Haushofer im Jahre 1941 – also in einer Zeit, da das faschistische Deutschland und das militaristische Japan durch den Antikominternpakt von 1936 und den Italien einschließenden Dreimächtepakt von 1940 in ihrem Aggressionskrieg zur Neuordnung der Welt miteinander verbunden waren – so dargestellt: Japan sei in Erfüllung eines »uralten Dranges« dem »Schicksalsruf zur ostasiatischen Festlandsendung« gefolgt und »1894/95 zum ersten Kampfe mit Nordchina um Korea und die Südspitze der Mandschurei« geschritten, »1904/05 […] zum gleichen Kampf mit Russland«, »1909 zur Einverleibung Koreas« und schließlich – über hier aus Platzgründen ausgesparte weitere Etappen – zum »vorläufigen Fußfassen am mittleren Yangtse und der Küste Chinas fast in ihrer vollen Ausdehnung von 7.000 km, mit einer Kampffront von 5.000 km (1940) gegen das Innere Chinas und seinen Nordwesten«. [6] 

Korea war in beiden Kriegen der Jahrhundertwende ein strategisch bedeutsamer Zankapfel, seine »Einverleibung« integraler Bestandteil der vom Westen ohne ernsthafte Gegenwehr hingenommenen »Großostasien«-Pläne des japanischen Imperialismus. Entsprechend rasch wurde sie vorangetrieben. Hatte es zeitweilig mit Russland noch Gespräche über eine Teilung Koreas gegeben [7], so waren diese 1905 mit der Errichtung eines japanischen »Protektorats« nur noch Makulatur. Am 22. August 1910 wurde das »Protektorat« in eine Kolonie umgewandelt. Dabei fanden – wie bei Ingeborg Göthel, Korea-Spezialistin in der DDR, eindrucksvoll nachzulesen ist – die japanischen Herrscher in der feudalen Oberschicht Koreas und in Teilen der sich gerade erst herausbildenden Bourgeoisie erhebliche Unterstützung. Die »einflussreiche reaktionäre projapanische Organisation ›Ildshinhö‹ (Gesellschaft des Fortschritts)«, deren Führer behaupteten, dass »ein Erblühen Koreas nur durch den Anschluss an das japanische Kaiserreich möglich sei«, entwickelte sich zu einer Massenbewegung mit bewaffneten Kräften, die einen großen Anteil daran hatte, dass der Widerstand der Bevölkerung niedergehalten werden konnte. [8] 

Buchstäblich »ausgelöscht« – so bilanziert Cumings – wurde Koreas »seit der Zeit des Silla-[57 v.u.Z – 935] und des Koguryŏ-[37 v.u.Z. – 668]-Reiches gegen den chinesischen Druck hart erkämpfte Unabhängigkeit.« [9] Zerschlagen wurde ein voll ausgebildetes, viele Jahrhunderte altes komplettes Staatswesen; ersetzt wurden die koreanischen Eliten durch japanische und die koreanischen Verwaltungen durch japanische, japanisches Kapital trat an die Stelle des sich gerade herausbildenden koreanischen, das japanische Bildungssystem an die Stelle der konfuzianischen Klassiker, japanisches Talent an die Stelle des koreanischen und schließlich sogar die japanische Sprache an die Stelle der koreanischen. [10] 

Die Bevölkerung leistete trotz brutaler Verfolgung einen Widerstand, der am 1. März 1919 in einen großen, unzweifelhaft von der russischen Oktoberrevolution und der revolutionären Bewegung in China inspirierten Aufstand mit über 2 Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmern mündete. Bis Ende April 1919 dauerten die Kämpfe, mit denen die Kolonialmacht das Aufbegehren beantwortete; von 7.509 Ermordeten, 15.961 Verletzten und 46.948 Verhafteten – darunter 5.000 Frauen – spricht die japanische Statistik. [11] 

Beendet wurde die japanische Kolonialherrschaft in Korea mit dem Sieg der Anti-Hitler-Koalition über Japan. Die entscheidenden Schlachten im August 1945 waren die, mit denen die sowjetischen Truppen die japanische Guandong-Armee zerschlugen. Am 2. September 1945 kapitulierte Japan. Vereinbarungsgemäß wurde Korea am 38. Breitengrad in eine sowjetische Besatzungszone im Norden und eine US-amerikanische im Süden geteilt. Die amerikanischen Truppen landeten in ihrer Zone erst am 8. Septem­ber 1945, was Ingeborg Göthel zu der Einschätzung veranlasst, dass die drei Wochen vom 5. August bis zum 8. September »zu den interessantesten Abschnitten in der langen und ereignisreichen Geschichte des koreanischen Volkes [gehören],« denn es habe sich da »in Südkorea […] die gleiche revolutionäre Entwicklung [angebahnt] wie in Nord­korea.« [12] Es ist dann bekanntlich anders gekommen: Nord- und Südkorea sind bis heute scharf voneinander getrennte Staaten, die Zukunft ist ungewiss. [13] 

22. Januar 2026

 

Anmerkungen:

[1] Bruce Cumings, Korea’s Place In The Sun. A Modern History (Koreas Platz an der Sonne. Eine moderne Geschichte), New York – London 2005, S. 102.

[2] Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 140.

[3] Die internationalen Beziehungen im Fernen Osten (1870-1945), Berlin (DDR) 1955; Originalausgabe: Meždunarodnyje otnošenija na Dal’nem Vostoke, Moskva 1951, durch das Institut für Allgemeine Geschichte der Universität Leipzig übersetzt unter Anleitung von Prof. Dr. W. Markov.

[4] John K. Fairbank, Edwin O. Reischauer, Albert M. Craig, East Asia. Tradition and Transformation (Ostasien. Tradition und Transformation), Boston – Tokyo 1976, S. 613.

[5] Cumings, a. a. O., S. 101.

[6] Karl Haushofer, Japan baut sein Reich, Berlin 1941, S. 214.

[7] Vgl. Cumings, a. a. O., S. 141.

[8] Ingeborg Göthel, Geschichte Südkoreas, Berlin (DDR) 1988, S. 18.

[9] Cumings, a. a. O., S. 145 f.

[10] Vgl. Ebenda, S. 141.

[11] Vgl. Göthel, a. a. O., S. 21 f.

[12] Ebenda, S. 47.

[13] Zu einigen Aspekten der Teilungsgeschichte verweise ich auf meine Beiträge hier in den »Mitteilungen«: im Heft 6/2025 unter dem Titel »Vor 75 Jahren: Beginn des Koreakrieges« und im Heft 10/2025 mit der Überschrift »Antifaschistischer Weltkrieg, Korea, Taiwan, Tibet und die chinesische Revolution«.

 

Mehr von Wolfram Adolphi in den »Mitteilungen«: 

2025-10: Antifaschistischer Weltkrieg, Korea, Taiwan, Tibet und die chinesische Revolution

2025-09: Die Opfer von Nagasaki mahnen

2025-07: Vor 125 Jahren: Des Kaisers Hunnenrede