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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Sprache gestern, Sprache heute – oder: Ihre Sprache – unsere Sprache nicht

Werner Wüste, Wandlitz

Einst gab es eine Partei in Deutschland, von der ihre Gründer behaupteten, sie sei eine Arbeiterpartei. Und sie sei auch national. Und sozialistisch sowieso. Die »übernahm« die Macht, ließ alsbald den Reichstag anzünden und richtete den Volksgerichtshof ein. Ihre Mitglieder bildeten die Elite des Volks, alle anderen waren sogenannte Volksgenossen. Sie bauten den Volksempfänger, (vom Volk »Goebbels-Schnauze« getauft), den Volkswagen, erfanden das Volkstum im Ausland, das Volk ohne Raum, brüllten »Ein Volk, ein Reich, ein Führer!«. Der Identifikation einfordernde, hehre Begriff »Volk« war ihnen nützliche Tarnbezeichnung. Aber selbst mit dem Volkssturm schließlich konnten sie ihr »Drittes Reich«, das »Tausendjährige«, wie sie es nannten, nicht retten.

Zwölf Jahre »Fliegenschiss«, wie Herr Gauland nivelliert, hinterließen Spuren von Tod und Vernichtung in der europäischen Geschichte. Aber noch heute benennen viele Politiker wie auch  die meisten Journalisten jene mit deren Tarnbezeichnung als »Nationalsozialisten«. Und bilden sich viel ein auf ihre »Sachlichkeit«, halten ihre Wortwahl für »korrekt«, »neutral«. Für jenseits jeder Art von Wertung. Objektivität heißt das Zauberwort.

Missbrauch der Sprache

Die Gesellschaft kennt manchen Missbrauch. Drogen- oder Alkoholmissbrauch etwa, auch Machtmissbrauch. Den Missbrauch der Sprache findet man selten thematisiert. Zufall? Eher nicht.

Denn sollten nicht eigentlich die gesellschaftlichen Erfahrungen mit der Nazisprache ausreichen, frage ich, für ein gesundes Misstrauen, für Argwohn gegenüber viel benutzten Formeln in Presse und Politik? Sollten sie nicht Grund genug sein für kritische Distanz, mindestens aber für ein waches, aufmerksames Verhältnis bzw. Verhalten der Sprache gegenüber? Ist es so? Hier ebenfalls: Eher nicht.

Sprache ist Werkzeug des Denkens. Und der Kommunikation. Ergebnisse des Denkens, falsche wie richtige, wahre wie unwahre, werden in Sprache ausgedrückt. Auch die Unwahrheiten, die Tarnbezeichnungen, die Lügen.

Die Aussage: »Das ist gutes Brot.« ist sozial neutrale Aussage.

Aber der »Vorschlag«: »Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen!« [1] ist Ausdruck kaum zu übertreffender feudalistischer Arroganz. Und allerdings auch von Dummheit.

Die heute bestimmenden Einfluss nehmen auf Sprache, auf Wortwahl, auf Definitionen und Bezeichnungen, sind meist keineswegs dumm. Ganz im Gegenteil. Möglicherweise ist es ungerecht, ihnen allen gleichermaßen bewusstes Benutzen der Sprache zur Täuschung, zur Manipulation, zur verschleiernden Lüge zu unterstellen. Die meisten Politiker allerdings, Redenschreiber und sogenannten Berater, auch die Journalisten, wissen was sie tun.

… gilt es aufzuklären

Alltägliches Vernehmen, sozusagen Konsumieren von Wörtern wie auch von Floskeln, Redewendungen, eingeführten Begriffen führt zur Gewöhnung, zu gedankenlosem, distanzlosem alltäglichem Gebrauch. Der Leser bzw. Hörer weiß oder meint zu wissen, was gemeint ist, und übernimmt die in der Bezeichnung steckende, die versteckte Wertung. So die Spekulation. So auch weitgehend die Wirklichkeit.

Ich nenne einige solcher Begriffe aus dem alltäglichen Gebrauch: »Arbeiteraufstand«, »Schießbefehl«, »SED-Diktatur«, »Unrechtsstaat«, »Rechts-« und »Linksextremisten« (die rechten benutzt  man, um sie mit den linken gleichzusetzen und im selben Atemzug diese extremistisch zu beschimpfen), »Arbeitgeber«, »Arbeitnehmer«, »Strafmaßnahmen« (wer bestraft denn wen und mit welchem Recht?);aber auch solche nur scheinbar »harmlosen« Wörter wie »Umwelt« oder »Aufarbeiten« zähle ich dazu.

Geistiger Diebstahl und sinnentstellende Verwendung sind besondere Infamie: »Solidarität« zum Beispiel ist unser Wort. Die »Zärtlichkeit der Völker«, wie sie Che nannte. Natürlich wissen sie, welchen Wert sie da in ihre Sprache übernehmen, indem sie ihn gleichzeitig entwerten.

Oder »Mehrwert«. Eine der zentralen Kategorien Marxscher, wissenschaftlicher Erklärung der Entstehung von Profit. Wird missbraucht und degradiert zur Bezeichnung einer Steuer, die besonders die sogenannten Arbeitnehmer trifft.

Apropos Diktatur. Selber Schuld, könnte man sagen. Ja, wir haben dieses Wort verwendet: »Diktatur des Proletariats« und so charakterisiert, wem der sozialistische Staat dienen wird, im Unterschied zur tatsächlichen, gegebenen »Diktatur der Bourgeoisie«, getarnt in bürgerlicher, sogenannter Demokratie.

Im Leitartikel der Aprilausgabe des RotFuchs fragt Arnold Schölzel »Krieg gegen den Terror?« und resümiert die Untaten, die unter dieser von Georg W. Bush eingeführten Maxime geschahen: »Der Krieg gegen den Terror schwächte die Friedensbewegung und bereitete zugleich einer rassistischen Ideologie des Einverständnisses mit ihm den Weg. Statt den permanenten Krieg … zu bekämpfen, gehen viele Menschen in den imperialistischen Ländern der nationalistischen und rassistischen Propaganda … auf den Leim. Zugleich dient er der Verschärfung aller juristischen Unterdrückungsinstrumente gegen Protest oder gar Widerstand. Der im vergangenen Jahr verstorbene Historiker Kurt Gossweiler nannte ihn deswegen eine ›geniale Erfindung‹.«Dieses Erkennen hervorzuheben, darauf kam es mir an.

Nun wird es Zeit, Horsta Krum zu danken, für ihr Erinnern an Viktor Klemperer. »Worte wie winzige Arsendosen« hat sie ihren Artikel (Mitteilungen 4/2019) mit Bezug auf Klemperers »LTI« überschrieben. Zitat: »Sie kommen ruhig, ohne Aufhebens daher, grüßen wie alte Bekannte, obwohl es sie vorher gar nicht gab. Niemand weiß genau, woher sie kommen und wann sie das erste Mal auftauchten – aber sie sind da und haben sich in der Normalität häuslich eingerichtet. Sie gehören zum allgemeinen Sprachgebrauch – gleich, ob die Menschen, die sie benutzen, eine politische Überzeugung haben oder nicht.«

Das ist gut beobachtet, gut beschrieben. Es trifft.

Horsta Krum analysiert dann das Wort »Flüchtlingsabwehr«. Es lohnt, das nachzulesen.

In meinem Kopf rumort noch ein anderes Wort, ein anderer »alter Bekannter«: Volkspartei. Was ist das, eine Volkspartei? Oder: Wodurch wird und ab wann ist eine Partei Volkspartei? Und welche Partei ist keine Volkspartei und warum nicht?

Zunächst: Volk ist ein Begriff mit starker Emotionalität. Trotz vielseitigem Missbrauch, gestern und auch heute. Trotz einer gewissen Ungenauigkeit. Aber gerade darum lässt sich trefflich mit ihm wirtschaften.

Jakob Augstein im Januar 2018: »Die Ära der sozialdemokratischen Volkspartei SPD ist vorüber. Es ist eine Zeitenwende. Der Gewinner ist die AfD. Sie wird die SPD als Volkspartei des kleinen Mannes ablösen.«

Ob wohl die Grünen »auf dem Wege zur Volkspartei« seien, fragte das ARD-Hauptstadtstudio nach der Bayern-Wahl.

Und den Punkt setzte erst kürzlich der CDU-Generalsekretär Zimiak, indem er von der »ehemaligen Volkspartei SPD« sprach. Interessanterweise, nachdem Juso-Chef Kevin Kühnert mit der ihm eigenen Kühnheit über eine »Genossenschaft BMW« fabuliert hatte.  

Und noch dieser kurze Ausflug in die Geschichte, die der CDU und ihres Selbstverständnisses nämlich. Sie versteht sich seit ihrer Gründung im Jahre 1945 als Volkspartei. Definiert den Begriff als »Partei der integrierenden Mitte« (Kiesinger), »Volkspartei der Mitte« (Kohl); auch »wirkliche Volkspartei« wurde bemüht. Grundlage sei eine »Abschleifung programmatischer Profile, Relativierung weltanschaulicher Gegensätze durch die gemeinsame Frontstellung gegen Nationalsozialismus und Kommunismus.«

Im Klartext: Was sich da mit dem Wort Volkspartei schmückt, spekuliert zuerst mit der Sympathie, die große Teile des wirklichen Volkes diesem Begriff entgegenbringen. Und dann: Volkspartei in ihrem Verständnis unterstellt, dass es überhaupt keine Gegensätze, keine Widersprüche, keine  Klassengegensätze gibt.

Krupp gleich Krause! Das kommt so gemütlich daher, meinen sie und wundern sich, dass immer weniger ihnen auf den Leim gehen. Die Frage, warum dann zwei »Volks«parteien notwendig sind, wird nicht gestellt.

In den bürgerlichen Medien hat ein vorsichtiges Nachdenken über die Perspektiven sogenannter Volksparteien eingesetzt. »Den Volksparteien kommt das Volk abhanden«, orakelt zum Beispiel ein Gastkommentar im Tagesspiegel. »Das Modell der Volkspartei ist nicht mehr zeitgemäß, weil sich die Zeiten geändert haben.«

Genug! Erstaunlich ist eigentlich nur, dass sie schon so lange existieren, sich so lange an der Macht halten, dass ihr Schwadronieren hingenommen wird. Trotz unserer unbestreitbar ungünstigeren Position im Kräftevergleich dürfen wir nicht müde werden, ihre »Politik« durchschaubar zu machen.

Post Skriptum. Beleg für unser Vermögen, mit Sprache umzugehen. Und für unsere Souveränität und lockere Selbstironie. Ein DDR-Witz:

Kennedy und Chruschtschow vereinbarten, am Ende einer ergebnislosen Beratung um die Wette zu laufen. Der Sieger sollte Recht bekommen in den strittigen Fragen. Kennedy gewinnt.

Redaktionssitzung, sagen wir, beim ND. Damals noch mit großen Buchstaben. Einziger Tagesordnungspunkt: Wie sag ich's meinem Kinde? Die Sitzung dauert lange. Die Zeitung, anderntags, erscheint verspätet. Mit dem Aufmacher: Nikita Chruschtschow errang einen hervorragenden zweiten Platz. Kennedy wurde Vorletzter.

(Ausdrücklich entschuldige ich mich bei jenen Lesern, denen ich »einen alten Hut«  angeboten habe. – W.W.)

Anmerkung:

[1] Marie Antoinette, als man ihr mitteilte, dass die Bauern kein Brot hätten. Die Authentizität dieses Ausspruchs ist umstritten. Kuchen ist jedenfalls nicht die korrekte Übersetzung für »brioche«. Ignoranz und Arroganz des französischen Adels sind aber kaum treffender zu beschreiben.

 

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