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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Spiel mit dem Feuer

Reinhard Junge, Bochum

 

Lange Zeit habe ich von einem geruhsamen Leben als Rentner geträumt. Zeit, um Versäumtes nachzuholen: Frieden, Familie, Verwandtenbesuche, Klassentreffen, Cappuccino und Bücher im Café, Fußball und Olympia vor dem Bildschirm … Ganz so idyllisch ist es aber nicht. Wenn ich heute in einen Bahnhof komme, begegne ich fast immer Soldaten im Kampfanzug, mit prallen Rucksäcken und Gesichtern, als hätte man sie gerade nach Litauen abkommandiert. Als ich 1967/68 beim »Bund« war, fuhr kaum einer meiner Kameraden in Uniform nach Hause. Aber heute müssten sie eine Zugfahrt selbst bezahlen, wenn sie keine Uniform trügen. Außerdem sorgten damals der Angriffskrieg der Amis gegen Vietnam, die geplante »Nachrüstung« mit Pershing-Raketen und die drohenden Notstandsgesetze dafür, dass die Zahlen der Kriegsdienstverweigerer in die Höhe stiegen. 

Ob diese jungen Kerle auf den Bahnhöfen wissen, dass es in den 50ern Massenproteste gegen die Wiederbewaffnung die Bundeswehr gab? Vor 70 Jahren, am 2. Januar 1956, wurden die ersten Rekruten in die Bundeswehr eingezogen. In den Kasernen wehte damals immer noch Wehrmachtswind. In Nagold mussten Rekruten über Dolchen, die mit der Spitze nach oben eingebuddelt waren, Liegestütze üben. Der offenbar fälschlich als »tauglich« befundene Soldat Gerd Trimborn starb bei einem Gewaltmarsch. Im Juni 1957 wurden Soldaten in voller Montur durch die reißende Iller gejagt – 15 Mann ertranken. 1962 kamen drei Offiziere und zwei Feldwebel vor Gericht, weil sie betrunken an einem Munitionsdepot die Wachsamkeit eines Postens »prüfen« wollten: mit Schlägen und Fußtritten. Selbst die bürgerliche Presse merkte, dass man mit einer solchen Armee keinen Staat machen konnte.

Dazu kam noch ein anderer Skandal. Franz Joseph Strauß (CSU) hatte angeordnet, die Luftwaffe mit dem US-Verkaufsschlager »Starfighter« auszurüsten. Nur: Er hatte diesen leichten Jäger in einen Jagdbomber verwandeln lassen. Die Maschine wurde dadurch aber alles andere als »kriegstauglich«. Binnen weniger Jahre stürzten 269 Maschinen ab, 116 Piloten und 133 Zivilisten starben. In den ersten Jahren nach 1961 häuften sich diese Pleiten derart, dass der Flieger in »Witwenmacher« umgetauft wurde. Außerdem machte ein bitterer Witz die Runde: »Wie kann ein Zivilist Besitzer eines ›Starfighters‹ werden?« – »Ganz einfach: Er kauft einen Schrebergarten und wartet ab.« 

Anti-Kriegs-Proteste sogar in Uniform

Die letzten Maschinen dieses Typs wurden erst 1989 verschrottet. Strauß hat stets geleugnet, dass er an diesem Deal oder beim Kauf von gepanzerten MTW 113 – Transportern aus der Schweiz – verdient hätte. Populärer wurde die Bundeswehr in diesen Jahren kaum. Mehr noch: Die rebellische Generation der Achtundsechziger beherrschte plötzlich die Schlagzeilen in vielen Ländern. Bei uns leitete die bunte außerparlamentarische Opposition (»APO«) das Ende des Bravseins ein. 

Selbst in der Bundeswehr rührte sich damals etwas. In etwa 40 Standorten bildeten sich Arbeitskreise Demokratischer Soldaten. Mehrere 100 Wehrpflichtige forderten in den Resolutionen »Soldat 70« und »Soldat 74« die Abkehr von der Hochrüstung und mehr Demokratie in der Truppe. Auf Anti-Kriegs-Demonstrationen liefen häufig trotz Verbots Soldaten in Uniform mit. Das war auch ein Protest dagegen, dass Bundeswehroffiziere bei den Jahrestreffen der HIAG (»Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit«) der SS-Reservisten ganz offiziell Kränze an den Gräbern von Kriegsverbrechern niederlegten.

Unter dem Eindruck des Nachwuchsmangels reaktivierte die Bundeswehr den schon 1952 geprägten Begriff vom »Staatsbürger in Uniform«. Jugendoffiziere sollten in den Schulen Nachwuchs werben und gaben sich innovativ und manchmal sogar ein wenig rebellisch. Im Büro des Jugendoffiziers der 7. Panzergrenadierdivision in Unna hing zweitweise gar das Porträt Che Guevaras. 

In den Achtzigern nahm ihnen das kaum jemand ab. Allein in Bochum unterschrieben 200 Lehrer/innen in einer Zeitungsanzeige ihren Protest gegen die Nachrüstung – und kaum einer lud Offiziere in die Schule ein. 

Der alte Ungeist war aber nicht tot. Noch immer waren etliche Kasernen nach Nazihelden wie Richthofen und Dietl benannt oder erinnerten an »verlorene« Gebiete wie Pom­mern oder Elsass. Ich erinnere mich an eine Diskussion, die der ehemalige Buchenwald-Häftling Emil Carlebach – das ist schon Jahrzehnte her – mit einem Oberleutnant in Ausgehuniform führte. Wir saßen mit dem Mann zufällig im selben Zugabteil und Emil fragte: »Sind Sie eigentlich stolz auf Ihre Uniform?«

Der Mann schaute irritiert auf. »Stolz?« – Emil nickte »Ja. Sie haben doch Traditionen ...« – »Wenn Sie so fragen … Ja!« – »Verstehe ich nicht«, erklärte Emil. »Ihre Armee hat doch in diesem Jahrhundert alle Kriege verloren!«

Der Mann schien offenbar protestieren zu wollen, aber Emil setzte nach: »Doch. Gewonnen hat das deutsche Militär nur gegen Freiheitskämpfer in den Kolonien oder gegen deutsche Arbeiter. Diese Gegner hatten keine Gewehre, Panzer und Kanonen. Doch sobald ein richtiger Gegner kam, der das alles hatte …« Der Oberleutnant flüchtete in ein anderes Abteil. 

Deutschlands neue »Verantwortung« gegen alten Feind

Diverse Bundesregierungen ignorierten die Friedensbewegung. Dennoch gab es Anzeichen von Entspannung: Die Großmächte reduzierten ihre Waffenarsenale, Generäle beider Seiten besuchten sich bei Manövern, Bundeskanzler Kohl lud DDR-Staatschef Honecker zum Staatsbesuch ein – alles sah nach Frieden aus. Aber ein Jahr später ging nicht nur die DDR unter, sondern auch die Hoffnung auf eine sozialistische Zukunft. 

Während die Bonner Politiker die Wiedervereinigung feierten, befeuerten sie gleichzeitig die Zerschlagung der UdSSR und die Teilung Jugoslawiens. Mehr noch: Sie behaupteten, das »neue« Deutschland müsse jetzt »Verantwortung« übernehmen. Zum ersten Mal nach 1945 zogen deutsche Soldaten wieder in den Krieg. Sie warfen Bomben auf Belgrad, »befriedeten« den Kosovo und zogen mit den USA nach Afghanistan. Das war also ihre »Verantwortung«. Und als die Ukraine 2011 die Seiten wechselte, sah der Westen die Chance, einen alten Feind in die Knie zu zwingen: Russland. Schon 1914 belog die kaiserliche Propaganda die sozialdemokratisch geprägten Arbeiter: Mit dem Krieg im Osten wolle man doch nur das russische Volk vom Zaren befreien. 1941 versprachen die Nazis, den »jüdischen Bolschewismus« zu zerschlagen und für das deutsche Volk Lebensraum im Osten zu gewinnen. 

Und jetzt heißt der Hauptfeind Putin. In den Medien tobt sich seit dem Angriff auf die Ukraine wieder die seit dem Kalten Krieg erschlaffte Kreml-Astrologie aus. Von »Bild« bis zum »Spiegel« wird die Angst geschürt und die Mär von dem Feind im Osten gepflegt. Unglaublich, wie viele staatlich oder von der Industrie finanzierte Denkfabriken es gibt, die ausloten sollen, was dieser Putin ausheckt und wie man ihm in die Suppe spucken kann. Sie liefern den Medien »Experten«, die darüber spekulieren, ob der finstere Blick des »Kriegstreibers« auf zu enge Unterhosen oder Hämorrhoiden zurückzuführen ist – und was das über seine nächsten Pläne verrät.

Wir »Alt-Achtundsechziger« sind inzwischen fast ausgestorben. Vorbei sind die Zeiten, in denen man lange Diskussionen führte und nach Ursachen für Missstände suchte. Die »Generation Smartphone« hat dafür keine Geduld mehr. Botschaften müssen kurz und knackig sein, für die Analyse von Vorgeschichten und Zusammenhängen ist keine Zeit. Das Lesen von Büchern ist leider ebenfalls fast »out«. In Bochums Vorstadt Wattenscheid mit fast 100.000 Einwohnern gibt es keine einzige Buchhandlung mehr. Und die landesweiten Lerntests fallen immer schlechter aus.

Die Menschen werden pausenlos berieselt, um sie »kriegstauglich« zu machen. Die Sirenen für Probealarme wurden wieder eingeführt. Im Fernsehen laufen Soaps über U-Bootfahrten in der Ostsee und die Korvetten der Bundesmarine, die »unsere« Lieferketten bis Taiwan sichern sollen – so, wie einst unsere Freiheit am Hindukusch »verteidigt« wurde. Außerdem schuf die Bundesregierung einen »Reservistentag«, um die Verdienste ehemaliger Soldaten im Kampf um unsere Freiheit zu »würdigen«.

September: Auf einem Volksfest in Bochum gehörte die Bühne dem lokalen Reservistenverband. Flotte Musik, zum Tanzen und zum Marschieren tauglich. Knapp ein Dutzend Männer im Kampfanzug posieren in Bierlaune vor einem Banner, das verkündet: »Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst.« Wie schön! Die Bundeswehr als Hüterin der Meinungsfreiheit? Wenige Wochen danach klebten Plakate mit diesem Slogan zumindest in Bochum an allen Reklametafeln. Pistorius lädt uns alle ein.

Richtig »zur Sache« ging es Ende September 2025 in Hamburg: »Red Storm Bravo«. 500 Leute der Bundeswehr üben zusammen mit Rettungsdiensten und Behörden, wie man im »Spannungsfall« reibungslos Truppen ins Baltikum, also an die russische Grenze, verlegen kann. Ein Spiel mit dem Feuer, das schiefgehen kann. Oder: Soll es das?

Klar, nicht alle Menschen fallen auf das Säbelrassen aus Berlin und Brilon herein. Auch viele Jugendliche sehen weiter als bis zum nächsten Windrad. Aber der Widerstand gegen das sinnlose Verheizen ukrainischer Männer ist noch zu schwach. Unser Bundeskanzler sieht das aber ganz anders. Er strebt zwar nicht wie der eine oder andere seiner Vorgänger nach der Weltmacht. Aber die stärkste Armee in (West-) Europa möchte er schon ganz gerne haben. Die Kohle dafür lässt sich mit Sicherheit auftreiben. Ganz sicher bezahlen die Schulden letztlich wir. Den Kommentar dazu hat Brecht schon am 26. Septem­ber 1951 im Voraus geleistet. Man sollte ihn auf einer großen Tafel vor dem Kanzleramt aufstellen: Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.

 

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