Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

»Schön wird das Leben, schön!«

Werner Wüste, Wandlitz

Johannes R. Becher und andere, poetisch und sachlich, nachdenklich, fordernd und leidenschaftlich. Optimistisch. – Gedankensplitter kreuz und quer. – Auch zum Kulturbegriff. – Gegebener Anlass: Gründung des »Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands« vor 75 Jahren.

Im RotFuchs Mai 2020 findet der Leser eine fünfzehn Jahre alte Filmrezension von Regine Sylvester: »Das Jahr 1945. Ein notwendiger Dokumentarfilm von Karl Gass.« Ich besitze die DVD. Karl hat sie mir geschenkt, als wir gemeinsam bei der »Hellen Panke« eine Veranstaltungsreihe mit seinen Filmen hatten, Monat für Monat, immer mit interessanten Gesprächen danach. Karl lebt nicht mehr. Aber es gibt seine Filme.

Das Jahr 1945. 

Regine Sylvester zitiert aus dem Kommentar (den Klaus Wischnewski geschrieben hat, vormals Chefdramaturg des DEFA-Spielfilmstudios) und beschreibt prägnante Szenen. Seit Jahresbeginn würden »mehr Deutsche sterben, obdachlos werden oder in Gefangenschaft gehen als in den fünfeinhalb Jahren Krieg, die sie bis jetzt überlebt haben.« 

Eine alte Polin steht am Massengrab. Sie schreit einen Fluch. »Alles was deutsch ist, möge verflucht sein in Ewigkeit!« – »Ich bin deutsch«, bekennt Regine Sylvester, »ihr Fluch gilt mir. Und es befreit mich nicht, dass ich ein Nachkriegskind bin ...«

»Nicht dieser Mai ist die Katastrophe. Die liegt zwölf Jahre zurück. Mindestens. Das muss in die Köpfe«, sagt der Kommentar.

Regine Sylvester: »Nichts ist einfach, und alles ist unsere Geschichte.«

»Der Jubel der Welt  am 8. Mai, verzweifelte, weinende Menschen in Deutschland. Wie unbeschreiblich schwer muss dieser Anfang gewesen sein.«

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Sollte man nicht endlich aufhören, Vergangenes heraufzubeschwören; sollte man es vielleicht stattdessen doch besser am Straßenrand der Geschichte verscharren, es vergessen?

Das könnte manchem so passen!

Einmal abgesehen davon, dass solches Vergangene unser Leben ist – die Heutigen sind ja auch nicht vom Himmel gefallen, wir sind deren Humus, die Verunreinigungen eingeschlossen.

Längst wissen wir, dass es Kräfte gibt, die da weiter machen wollen, wo das Blatt sich wendete; besser: gewendet wurde (!), die zurück wollen in frühere Machtverhältnisse. In denen sie sich wohl befunden haben; auf unsere Kosten.

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Johannes R. Becher.

         Es ist ein frohes Gehen                                     

         Und ist ein leichter Schritt,                      

         Und wo wir gehen, wehen                                 

         Auch unsre Fahnen mit.                                    

         Es ist ein gutes Wandern,                                  

         Und wenn die Kraft nicht reicht                

         Und einer reicht dem andern                             

         Die Hand, geht es sich leicht.                            

         Nicht immer ist es eben,

         Nicht immer geht es glatt.

         Der Weg ins neue Leben

         Viel steile Hänge hat.

         Da erst wird es sich zeigen,

         Was einer ist und kann.

         Wir rufen, wenn wir steigen:

         »Wir stürmen himmelan!«                                  

         Entzündet sind die Feuer,

         Und weithin auf den Höhn

         Tönt ein Gesang, ein neuer:

         Schön wird das Leben, schön!

Er brachte nicht nur Verse mit aus dem Exil. Bereits im September 1944 hatte er seine Gedanken »zur demokratischen Erneuerung der deutschen Kultur nach dem Kriegsende«  im ZK der KPD in Moskau zur Diskussion gestellt. Er spricht besonders über die Literatur und ihre Aufgaben. Sie »wird ihrem Gehalt nach eine antifaschistische, antiimperialistische, eine wahrhaft nationale und demokratische Literatur sein.

Sie wird eine nationale und demokratische Literatur sein in dem Sinn, daß sie sich an die gesamte Nation wendet, daß sie zu einer allen Volksschichten zugänglichen Literatur wird, das heißt zu einer Volksliteratur im besten Sinne des Wortes.«

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Gerade sechs Wochen nach der bedingungslosen Kapitulation, zwei Wochen vor Beginn der Potsdamer Konferenz, vier Wochen vor Hiroshima:

4. Juli 1945. Berlin, Masurenallee. Berliner Rundfunk. Großer Sendesaal.  Die berühmten Berliner Philharmoniker eröffnen den Initiativ-Kongress für den »Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands«. Es muss ein enorm starkes Bedürfnis gegeben haben, sich zusammenzufinden, einander zuzuhören, Fragen zu stellen, nach gemeinsamen (und auch nach nicht zwingend gemeinsamen) Antworten zu suchen. 1.500 Menschen kamen. Manche legten Fußmärsche von 4 bis 5 Stunden durch die »Reichstrümmerstadt« zurück. So erinnert sich Karl-Heinz Schulmeister, 1. Bundessekretär von 1957 bis 1990.

Aus Schwerin hieß es: »Im Nu hatte die Ortsgruppe 5.800 Mitglieder. Jeden zweiten Tag gab es irgend eine Veranstaltung. Es war eine ganz tolle Stimmung, in der wir manchmal mit hungrigem Magen in den Veranstaltungen saßen. Kunst war wie ein Lebensmittel.«        

Schnell entstanden Arbeitsgemeinschaften und fach-orientierte Kommissionen, für Musik zum Beispiel, Philatelie, Bildende Kunst.                                         

40 Gruppen allein in Berlin. Regionalverbände in allen Ländern. 1949 hatte der Kulturbund 150.000 Mitglieder. Es gab eine Fraktion des Kulturbundes in der Volkskammer. Ich nenne nur einige Namen von Persönlichkeiten, die ihr angehörten im Laufe der Jahre: Manfred Baron von Ardenne. Klaus Gysi, Gerhard Holtz-Baumert, Eberhard Rebling, Hermann Kant, Willi Sitte.

Karl-Heinz Schulmeister war gewähltes Mitglied des Präsidiums der Volkskammer. 

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Apropos Lebensmittel. Kann man Kultur essen? Macht sie satt? Gab es nicht Wichtigeres als so einen Kongress? Etwa die Äcker entminen? Kartoffeln häufeln? Die Getreideernte vorbereiten?                                                                                                                                                                                                                      

Was ist das, Kultur? Es gibt wohl nicht sehr viele Wörter in unserer Sprache, die derart vielseitig, aber auch durchaus verschiedenseitig verwendet werden. Folgerichtig: Auch verschieden verstanden, unterschiedlich interpretiert, definiert.

»Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver«. Das soll Goebbels gesagt haben. 

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Um es in modernem Sprachgebrauch auszudrücken: Das Erlebnis ist authentisch. Ich kann sagen, wann und wo es stattfand und mit wem (wenn ich auch den Namen des Sowjetarmisten nicht mehr weiß):

1952. KPP Staaken bei Berlin an der Reichsstraße nach Hamburg. 

KPP steht für Kontroll-Passierpunkt. Westberliner konnten mit Interzonenpass nach Hamburg reisen, DDR-Bürger zu Fuß oder per Fahrrad nach Berlin-West und zurück.

Es gab zwei sogenannte »Postenbuden« und einen Schlagbaum.

Die sowjetischen Genossen kontrollierten die seltenen nicht-deutschen Passanten, Alliierte etwa; wir die Hiesigen. Wir verstanden uns gut mit »den Freunden«. Wenn man auch kaum Sprache nennen konnte, womit wir uns verständigten.

Ein junger Bursche, zwischen Zwölf und Vierzehn vielleicht, kam, der Jahreszeit entsprechend, mit sommerlich kurzen Hosen. Das veranlasste mein sowjetisches Pendant zu der abfälligen Bemerkung »Nix Kultura!«

Wir »diskutierten«. Ich machte zum Beispiel unterschiedliche Traditionen geltend, er mochte meinen Argumenten nicht folgen und ich spürte deutlich seine Verärgerung.

Er beharrte: Nix Kultura!

Fast vierzig Jahre danach, 1990, in einem Hotelzimmer in Kiew. Wir hatten Filmaufnahmen von dem havarierten Reaktor 4 des AKW Tschernobyl angesehen. In Vorbereitung auf unseren Dokumentarfilm zum 5. Jahrestag der Katastrophe.

Das Gespräch hatte sich längst vom ursprünglichen, konkreten Gegenstand entfernt und der Lage im Lande zugewandt. Da sagte unser Gesprächspartner von BATKIVSCHINA, (Scientific Industrial Ecological Firm) diesen Satz: »Unser niedriges kulturelles Niveau ist unser größtes Problem!« Etwas in mir rebellierte, aber ich hätte es nicht benennen können.

Zwei mal dasselbe Wort. »Kultur«. Auch derselbe Sinn?

Längst schloss der Kulturbegriff dort auch alles Wissen, alles Denken,  ein.  

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Der Kongress fand, wie schon erwähnt, im Großen Sendesaal des Berliner Rundfunks in der Masurenallee statt.

Der Bau des Hauses nach Plänen des Architekten Hans Poelzig war 1931 vollendet worden. Ein Blick aus der Vogelperspektive, vom Funkturm herunter, offenbart: Die Grundfläche des Baus ist annähernd herzförmig. Im Gedenken an den Physiker Heinrich Hertz. Erwähnenswert finde ich, dass die Innenarchitektur (an die ich mich gut erinnern kann, ich habe dort zwei Jahre gearbeitet) von Kurt Liebknecht stammt, dem Neffen von Karl und späteren Präsidenten der Bauakademie der DDR. Das hat mir aber damals niemand erzählt.         

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Über den Kulturbund kann, wer will, vielfältig nachlesen. Hervorheben möchte und muss ich und belegen kann ich die alle Akteure vereinende Motivation.

Aus dem Aufruf:

»Der Kulturbund will die große deutsche Kultur, den Stolz unseres Vaterlandes, wieder erwecken und ein neues deutsches Geistesleben begründen.«

»Der Nazismus hat die wahren deutschen Kulturwerte … verschüttet oder durch seine menschenfeindlichen Zweck- und Nutzlehren aufs schändlichste verfälscht. Die deutsche Kultur wurde Werkzeug des verbrecherischen Raubkrieges Hitlers.«

»Charakterlosigkeit, geistige Verarmung, moralische Abgestumpftheit und Verwahrlosung zeugen von der Verderblichkeit des Hitlersystems.«

Bernhard Kellermann:

»Klarheit und Reinheit erfordern es unbedingt, die Spreu vom Weizen zu sondern. Erst müssen Schutt und Unrat beseitigt werden, bevor man das neue Deutschland errichten kann.«

»Alle sollen uns willkommen sein, aus welchem politischen Lager sie auch stammen, sei es aus demokratischen, sozialdemokratischen oder kommunistischen Lagern.«

Der Kulturbund »kann und wird einem Verbannten und Verfemten … einem der erlesensten Geister der germanischen Völker, endlich den längst verdienten Ehrenplatz in der Heimat schaffen: Heinrich Heine!«

Prof. Dr. Walter F. Schirmer, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften:

Der Wissenschaftler » muß Demokrat sein, d.h. er muß selbst mithelfen, das Haus zu bauen, er muß auch darin Erzieher und Vorbild sein. Denn wenn er untertänig abseits sitzt, so bauen andere das Haus, richten den Hausstand nach ihrem Dünkel ein, und wenn dann statt der Wahrheit einem kriegerischen Götzen gehuldigt wird, dann ist es für alle Proteste zu spät.«

»Erst dann hat es einen Sinn, von der Menschheit zu sprechen, wenn die Humanitätsgesinnung, die Achtung vor dem Menschen, von Individuum zu Individuum, von Volk zu Volk erlebt worden ist. Die wahre Wissenschaft ist immer national und international zugleich, dem eigenen Volke dienend und die Völker verbindend.«

Johannes R. Becher:

»Wir anerkennen objektive, sowohl in der Natur wie im Gesellschaftlichen vollinhaltlich gültige, wirksame Wahrheiten. Wir verlangen feste Maße und Worte, wir fordern logisches Denken, das Denken im Zusammenhang, wir müssen saubere Verhältnisse schaffen sowohl im Gefühlsleben als auch im Reich des Begrifflichen. Wir erinnern uns einer Bemerkung Goethes, worin er feststellt, daß alle Verfallszeiten der Menschheit subjektivistischen, alle Aufstiegs- und Renaissanceepochen dagegen objektiven Charakter tragen. Darum: Die Wahrheit suchen heißt heute: auf der Suche sein nach dem, was Deutschland wahrhaft not tut.«

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Zur »Rundung«, sozusagen, um den Kreis zu schließen:

Philosophisches Wörterbuch, Georg Klaus, Manfred Buhr (Ausgabe 1965):

»Der Kulturbegriff des Marxismus-Leninismus fasst die materiellen und geistigen Erzeugnisse menschlicher Arbeit als Ergebnis der die natürliche und soziale Umwelt verändernden Praxis, erfasst den ProzessderEntwicklung und Vervollkommnung des Menschen als eines durch seine schöpferische Tätigkeit gesellschaftlichen, d.d.menschlichen Menschen sowie seine Befreiung von jedweder Spontaneität im Hinblick auf die Natur, die Gesellschaft und das Denken, bringt gleichsam den Entwicklungsgrad derFreiheit des Menschen zum Ausdruck.« 

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