Marilyn Monroe: »Der einzige Weg für mich, etwas zu sein, war der, …«
Gina Pietsch, Berlin
… dass ich – nun jemand anderes war. Wahrscheinlich wollte ich deshalb Schauspielerin werden.
Sie wurde eine, und am 1. Juni 2026 wäre sie 100 geworden, etwas, das man sich nur schwer vorstellen kann. Sehr früh schon hat sie geäußert, dass sie nicht alt würde. Warum sollte das Leben dieses wunderschönen, auf allen Bildern immer irgendwie mädchenhaften Wesens mit dem stets halb geöffneten Mund auch schon mit nur 36 Jahren zu Ende gehen? Denn am 4. August 1962 stirbt sie.
Es haben so viele kluge Menschen über sie geschrieben, die besten mit Achtung und Ehrfurcht, so dass auch ich mit ein bisschen Zittern und Zagen an die Aufgabe herangehe. 1984, innerhalb meines ersten Frauenprogrammes auf der Bühne hab ich über sie auswendig gelernt und über Musik rezitiert das so beginnende große Gedicht von Ernesto Cardenal »Gebet für Marilyn Monroe«,
Herr, nimm auf dieses Mädchen, in der ganzen Welt bekannt als Marilyn Monroe,
wenn das auch nicht ihr wirklicher Name war
(doch Du kennst ihren wirklichen Namen, den Namen des kleinen Waisenkindes, das mit neun Jahren vergewaltigt wurde, und der Verkäuferin, die mit sechzehn Selbstmord versuchte),
und die nun vor Dir steht, ohne Schminke, ohne ihren Presseagenten, ohne Fotografen und ohne Autogramme zu geben, allein wie ein Astronaut vor der Nacht des Weltraums …
Cardenal erzählt voller Liebe, wie die Welt mit ihr umging, wie ihr Leben verlief, geprägt durch Kälte und Gleichgültigkeit, von ärmlicher Kindheit angefangen bis letztlich zum wie auch immer zu erklärenden Tod einer Ikone.
Pete Seeger hat ihr Ende thematisiert in seinem berühmten Song »Who Killed Norma Jean?«, denn so hieß die unehelich geborene Tochter der Gladys Monroe Baker gebürtig.
Norman Mailer erzählt uns dieses Leben in seiner grandiosen Biografie natürlich genauer. Er beginnt: »Also gedenken wir Marilyns, die jedermanns Liebschaft mit Amerika war …, die blond war und schön und eine allerliebste kleine Stimme besaß und die ganze Sauberkeit aller sauberen amerikanischen Vorgärten ... Auf allen fünf Kontinenten begehrten sie die Männer, die am meisten von der Liebe verstanden.«
Ihr Anteil daran war ein Mut, ein Ehrgeiz und eine Begabung, sich zu produzieren, ohne jemals ordinär zu sein, »eine Riesin und eine Pygmäin des Gefühls zugleich«, so Norman Mailer. Das nicht das einzige Extrem in der Betrachtung dieser größten Kleinen, kleinsten Großen, das der Dichter zu ihrer Charakterisierung zu Rate zieht. Sie hatte eine große Liebe zu allem, was lebendig war, Tiere, Bäume, Vögel, Hunde, Katzen und zu solchen Männern wie Clark Gable, den sie Schulkameraden gegenüber als ihren Vater ausgibt und dann am Ende ihres kurzen Lebens als Partner in ihrem vorletzten Film »Misfits« kennenlernt.
So schön, stark und lebendig sie schien und oft auch war, so sehr sog sie diverse Krankheiten auf. Geisteskrankheiten, vermutete sie auf Grund ihres von mehreren Geisteskranken bevölkerten Stammbaumes bei sich selber, doch wurde das nicht nachgewiesen. Ihre Schlaflosigkeit und Abhängigkeit von Barbituraten zog chronische Unpünktlichkeit nach sich, die jede andere für Filmgesellschaften Tätige diese Jobs gekostet hätte. Ihre phänomenale Wirkung, die auf die ganze Welt ausstrahlte, brachte mit sich zwar kein Begreifen, aber Verzeihen bis zum Schluss.
Doch fangen wir vorne an.
Respekt durch harte Arbeit ...
Mama Gladys, die die kleine Norma Jeane ins Filmlabor mitnimmt, wo sie als Technikerin arbeitet, wird oft beglückwünscht zu ihrem stillen Töchterchen, das ohne Erwartung von Aufmerksamkeiten stundenlang keinen Pieps sagt. Bei Norman Mailer ist zu lesen, dass der Drehbuchautor Nunnally Johnson von ihr sagte: »Sie erinnert mich an ein Faultier. Man piekst mit einer Nadel rein, und acht Tage später sagt es: Autsch.« Dieses Autsch dürfte von Norma Jeane gekommen sein, als Nachbarn ihren kleinen Hund erschossen und Mama Gladys dann wie deren Mutter in die Nervenheilanstalt von Norwalk eingeliefert wird, worauf folgt für einundzwanzig Monate die Einweisung der Kleinen in ein Waisenhaus. »Ich bin keine Waise!« wird sie da kreischen, den Fakt aber später in Berichten über ihr Leben gerne erwähnen, gespickt mit einer Reihe anderer Unwahrheiten. Auch Ernesto Cardenal glaubt ihr und schreibt eben über das kleine Waisenkind, das mit neun Jahren vergewaltigt wurde – was auch nicht stimmt, denn ihr erster Ehemann, Jim Dougherty, beschreibt die Sechzehnjährige als noch jungfräulich. Trotzdem, sie strahlte schon als einfaches unbekanntes Mädchen soviel Sex aus, dass Norman Mailer »sie einen General des Sex nennt, noch, ehe sie überhaupt etwas vom Sex-Krieg wusste«. Ihre Ehemänner können da Lieder singen. Sie aber auch: Über den ersten sagt sie: »Meine Ehe hat mir weder Glück noch Qual gebracht. Mein Mann und ich haben kaum miteinander gesprochen. Nicht etwa, weil wir böse aufeinander waren, sondern einfach, weil wir uns nichts zu sagen hatten.« Dougherty zieht dann in den Krieg und sie arbeitet mit der Schwiegermutter in der Rüstungsindustrie – günstig für Norma Jeane, denn plötzlich kommt ein Armee-Fotograf, der eine junge Arbeiterin im Kriegseinsatz fotografieren soll – ein wirklicher Brennpunkt in ihrem Leben. Sie wird Fotomodell und Emmeline Snively von der Blue Book Model Agency sagt »Noch nie hat jemand so hart wie sie bei mir gearbeitet.«
Über ihre »harte Arbeit« wurde in den folgenden Jahren weniger gesprochen, über ihre Schönheit immer mehr. Bei den Probeaufnahmen der 20th Century-Fox wird der Kameramann äußern: »Es ist mir heiß und kalt über den Rücken gelaufen. Dieses Mädchen hatte was, was ich seit der Stummfilmzeit nicht mehr erlebt habe.« In fünf unwichtigen Streifen wird sie dann eingesetzt, bis sie 1949 in unter John Hustons Regie in The Asphalt Jungle sich das erste Mal als ernsthafte Schauspielerin zeigen kann. Marilyn Monroe heißt sie jetzt und rückt dann – so wollen es die Studios – wieder ein bisschen mehr von sich selbst und ihrer Unabhängigkeit ab.
... und Haltung gegen den Geist McCarthys
Talent wird ihr als diesem Sexungeheuer und der Witzfigur nicht zugetraut, deshalb lernt sie, nimmt Sprech-, Gesangs-, Bewegungs-, Pantomime- und Schauspielunterricht. Das Group Theater unter Paula und Lee Strasberg wird schnell auf sie aufmerksam, der Untersuchungsausschuss für Unamerikanische Umtriebe auch, denn er hat diese Lehrer als kommunismusverdächtig schon lange im Visier. Wie viel sie davon mitkriegte, wissen wir nicht. Auf die Frage, was sie vom Kommunismus halte, antwortete sie mal: »Die treten fürs Volk ein, nicht wahr?« Die Tatsache kann ihr nicht so unangenehm gewesen sein, denn es war ihre Haltung, und sie kam ja »aus der Hefe des Volkes«, wie Norman Mailer das formuliert. Als der farbigen Ella Fitzgerald in einem Club ein Engagement verweigert wurde, hat sich Marilyn für sie eingesetzt und dann Abend für Abend der bewunderten Kollegin am ersten Tisch vor der Bühne zugeschaut. Für Marilyn war das eine glückliche Zeit. Billy Wilder dreht mit ihr The Seven-Year Itch, der die Kritiker zum Sich-Überschlagen bringt. Und es beginnt die Liebesgeschichte mit Arthur Miller, den sie seit 1951 kennt und der am 29. Juni 1956 ihr dritter Ehemann wird; der beste Dramatiker, den die Staaten haben. Sein Stück »Hexenjagd« thematisiert, was er selber erlebte, die aktuelle Hexenjagd gegen Kommunisten. Trotzdem, mindestens sein Stück Der Tod des Handlungsreisenden wird in der ganzen Welt gespielt, obwohl er Marxist ist. Die Klatschpresse kommentiert diese Liebe mit der blöden Vereinfachung »Kopf heiratet Körper«. Dabei schätzte Miller weit mehr an ihr, ihre Klugheit, ihre Leidenschaft für Literatur, ihr schauspielerisches Können, ihre Freimütigkeit, den eigenen Körper zu genießen, gegen den konservativen Zeitgeist der 50er Jahre und die Moralgesetze unter dem Senator McCarthy, der sie genauso ins Visier nimmt wie ihren Ehemann Arthur Miller. Marilyn steht zu ihm, je mehr er angegriffen wird, begleitet ihn zur Vorladung beim Ausschuss für »Unamerikanische Umtriebe«. Trotzdem, später gibt es große Krisen zwischen beiden. Eine Affäre zwischen ihr und Yves Montand tut das Übrige. Miller versuchte, die Ehe zu retten, indem er mit Misfits 1961 ein anspruchsvolles Drehbuch für Marilyn schreibt, das viel einfließen lässt von Charakterzügen, die Miller an ihr liebt. Aber Marilyn versteht es anders.
Vor diesem allerdings kommt Joe DiMaggio, Baseballspieler, aber nicht irgendeiner, sondern der größte seiner Zeit, der sie eifersüchtig zur Hausfrau machen will, weil sie immer mehr Publicity bekommt als er, der sie schlug, grün und blau, als dieser berühmte Windstoß vom U-Bahn-Schacht ihr den Rock hochwehte. In dieser Zeit, um 1953 herum, ist sie in Hochform, was ihm nicht gefällt und von der 20th Century-Fox nicht geachtet wird, obwohl sie bei einer Jahresgage von fünfzigtausend der Fox fünfundzwanzig Millionen Dollar einspielt. Bei Gentlemen Prefer Blondes verdient Jane Russell mit ihr verglichen das Zehnfache, dabei sieht sie sexier aus als je zuvor, und singt wie nie zuvor Diamonds Are a Girls Best Friend; obwohl das nicht unbedingt ihr Song ist, denn aus Geld macht sie sich nicht besonders viel, sagt jedenfalls Arthur Miller. Mit den Regisseuren versteht sie sich meist schlecht, am schlechtesten mit Otto Preminger, der in seinem schlechtesten Film River of No Return sie wie alle anderen Schauspieler schindet. Sie zahlt das allen heim, auch dem besten, Billy Wilder, in seinem und ihrem besten Film, Some Like It Hot, wo sie zum Dreh sieben Stunden zu spät erscheint, permanent Wiederholungen benötigt, weil ihre Texte nicht stimmen. Tony Curtis kann seitdem keine Hühnerbeine mehr anrühren, weil er während des Drehs 42 davon anknabbern musste.
Und doch: Ihre Kollegin Betty Grable sagte: »Marilyn ist das Tollste, was Hollywood seit Jahren widerfahren ist ... die reinste Wiederbelebungsspritze.«
Kennedy sagt zu seinem Geburtstag: »Jetzt, da Miss Monroe Happy Birthday für mich gesungen hat, kann ich mich ja aus der Politik zurückziehen«.
Der Journalist Walter Winchell sagt: »Amerikas berühmtester blonder Filmstar ist nun das Lieblingskind der linken Intelligenz, von denen einige als der Roten Front zugehörig registriert sind.«
Ihr Lehrer, Lee Strasberg, der die Grabrede für sie hält, sagt: »Andere waren von genauso großer Schönheit wie sie, doch ganz offensichtlich war in ihr etwas mehr, etwas, das die Menschen sahen, in ihren Leistungen erkannten und womit sie sich identifizierten. Sie besaß etwas Leuchtendes ...«.
Marilyn Monroe leuchtete bis zu ihrem ungeklärten Tod.
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