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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Kriegsnostalgie und Vorkriegsbrandstiftung

Prof. Dr. Manfred Weißbecker, Jena

 

Erinnerungspolitische Propaganda in der Weimarer Republik 

 

Gegenwärtig wird immer lauter gefordert, die politischen, wirtschaftlichen und geistigen Krisen sowie die in Bundesdeutschland grassierende Aufrüstung mit jenen geschichtlichen Zeiten zu vergleichen, in denen neue Kriege ideologisch und politisch vorbereitet worden sind, bevor diese entfesselt werden konnten. Ja, es lohnt vor allem der Blick zurück in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Geschichtliche Tatsachen reizen zu vergleichen, ohne alles gleichsetzen zu dürfen …

Der Erste Weltkrieg war noch nicht beendet, da formulierte Major Hans von Haeften als Leiter eines deutschen Kriegspresseamtes am 3. Juni 1917 höchst aufschlussreich: »Worte sind heute Schlachten. Richtige Worte gewonnene Schlachten, falsche Worte verlorene Schlachten.« Diese Parole entstammt einer Denkschrift, deren Ausarbeiten der führende Feldherr Erich Ludendorff gefordert hatte. Ihr Verfasser schlug unter anderem vor, einen politischen Sieg hinter den feindlichen Fronten durch aktive und über deutsche Ziele »täuschende Propaganda« (! – M.W.) zu erreichen. Die Westmächte sollten den Eindruck gewinnen, in Deutschland gäbe es eine starke Gruppe, die für einen Frieden der allgemeinen Verständigung wirke. Zudem hieß es, eine »Vergewaltigung der Randstaaten« sei nicht vorgesehen, allerdings wären die Annexionen im Osten »gegen die zerstörerischen Kräfte des Bolschewismus« erforderlich. 

Nachdem Deutschland hatte kapitulieren müssen, folgte rasch der nächste Versuch, mit Worten für einen neuen Krieg zu wirken. Der Major arbeitete später leitend im Reichsarchiv und galt als spiritusrector des amtlichen Weltkriegswerks. Das von ihm formulierte militaristische Sprachkonzept war aus der bis 1918 betriebenen Kriegspropaganda erwachsen und erreichte ein brisantes Gewicht in jenen Jahren, die gleichermaßen eine Nachkriegs- und eine neue Vorkriegszeit darstellten.

Die militaristische Nutzung von Sprache erwies sich als wesentlicher Bestandteil aller wortgewaltigen Erinnerungen an den vergangenen Krieg sowie an sein als bitter empfundenes Ende. Zunehmend prägte sie nach 1918 das geistig-mentale Leben. Dazu gehörte eine bereits mit dem Beginn des Krieges entstandene Frontliteratur. Lobpreisungen en masse galten dem Soldatentum. Die Wirkung der Bücher von Gorch Fock, Hermann Löns und Walter Flex als im Ersten Weltkrieg gefallener Dichter ist kaum zu überschätzen. Auch die Werke von Werner Beumelburg, Edwin Erich Dwinger, Ernst Jünger, Franz Schauwecker, Hans Zöberlein gehörten in den Weimarer Jahren zum bildungsbürgerlichen Kanon. In ihm manifestierte sich ein zeittypisches Kondensat aus nationalistischem Idealismus, sozialdarwinistisch-vitalistischer Kriegsbejahung, Sehnsucht nach Volkseinheit, bedingungsloser Hingabe des einzelnen für das Vaterland und opfermythischem Heldenkult.

Alles berührte den Schmerz und die Trauer, die im Verarbeiten von Kriegserlebnissen einen breiten Raum einnahmen. Selbstverständlich vorhandene Gefühle und Empfindungen erreichten schließlich Geschichtswirksamkeit durch richtungsweisende Überlagerung und verformende Färbung, durch eine bewusst betriebene, umfangreich organisierte und außerordentlich folgenreiche Erinnerungspolitik. Daher ist der Blick vor allem auf die Brandstifter in Friedenszeiten zu richten, weniger auf die, welche dazu einen empfangsbereiten Boden abgaben.

Friedenswunsch als »töricht« diskreditiert 

Geht es um diesen »Boden«, ist allerdings eine Tatsache nicht zu übersehen: Nach 1918 galt vielen Deutschen die Parole »Nie wieder Krieg!« als eine neue Lebensmaxime. Zugleich dominierte eine Stimmung des Aufbruchs. Lautstark, nachdrücklich und unüberhörbar erscholl der Ruf nach einer Vergesellschaftung der Produktionsmittel, nach Sozialisierung von Bergbau und Schwerindustrie, und damit nach einer weitgehenden Entmachtung von Großindustriellen und Großagrariern. Selbst bürgerlich-demokratische Kreise erkannten, dass die bisherige Gesellschaftsordnung in den Abgrund führt. Tatsächlich hatte sich zunächst ein neuer Geist bemerkbar gemacht; dies auch im geistig-kulturellen Leben, das mannigfaltig die von Revolution und Weimarer Verfassung gebotenen Möglichkeiten nutzte, widerspiegelte und verteidigte, so den kritischen Vorkriegs- und Antikriegsgeist fortführend. Aufbruchsideen regten sich und erfassten Menschen aller Lebensbereiche – Künstler, Frauen, Jugendliche, Intellektuelle. In vielen Werken von Schriftstellern, Malern, Baumeistern usw. fand die historische Dimension des Wandels bemerkenswerten Niederschlag. Das Ablehnen von Monarchie, Krieg, Militarismus, Deutschtümelei und imperialem Großmachtstreben verband sich mit vehement vorgetragenen Gedanken an eine Zeit notwendiger Veränderungen der Gesellschaft. Nachdrücklich wurde Menschheitserneuerung verlangt. Neues wurde gesucht und erkundet.

Dem wurde indessen massiv entgegengewirkt. Bereits in den ersten Jahren der Weimarer Republik empfanden es führende Militärs der Reichswehr als empörend, wie weit verbreitet die Vorstellung von einer Zukunft ohne Krieg unter der Bevölkerung war. Hans von Seeckt, Chef der Heeresleitung, bezeichnete das allgemeine Friedensbedürfnis schlicht als »töricht«. Hatte bis 1918 der Krieg vor allem als Fortsetzung von Politik gegolten, so wurde militärisches Denken und Planen nun direkt in die Politik hineingezogen. Es kann von deren Militarisierung gesprochen werden. Jeglichen Ansätzen einer Friedenspolitik, selbst jenen Bemühungen, die mit den Stichworten Rapallo, Locarno, Völkerbund und Abrüstung angedeutet sein sollen, wurden mächtige Steine in den Weg gelegt – innenpolitische, rüstungswirtschaftliche, außenpolitische und geistige. 

In der kriegsnostalgischen Erinnerungspolitik konservativer Kreise zeichneten sich einige Argumentationsmuster ab. So wurde z.B. der Frieden allgemein zwar als erstrebenswert gepriesen, jedoch gleichzeitig ein Krieg generell als unabänderlicher Teil der Menschheitsgeschichte gewertet. Verbale Kriegsverdammung und praktizierte Glorifizierung soldatischer Opferbereitschaft gingen Hand in Hand. Zudem wurden die Kriegsniederlage und das Versailler Friedensdiktat – gleich ob direkt oder unterschwellig – mit der Frage verknüpft, wie in der Zukunft alles wettzumachen sei und was dafür in der Gesellschaft insgesamt und speziell auf den Gebieten Aufrüstung, Kriegführung und Kriegspsychologie unternommen werden sollte. 

Typisch war ebenso das Umwandeln von privatem Schmerz in »stolze Trauer«. Dem diente ständiges Lobpreisen von Opferbereitschaft, was einerseits Sakralisierung des soldatischen Todes und andererseits Säkularisierung des kirchlichen Märtyrer-Kults bedeutete. Zunehmend wurden die auf den Schlachtfeldern Gefallenen, die Verwundeten und auch die Überlebenden zu »Helden« stilisiert. In der damaligen Erinnerungspolitik verschoben sich deren Kennzeichen von Mut, Kühnheit und Tapferkeit hin zu Ausdauer, Beharrlichkeit, Treue und Gehorsam gegenüber den Befehlshabern sowie zu unerschütterlicher Bereitschaft zur Pflichterfüllung. Gern wurde »wahres« oder »echtes Heldentum« gepriesen. 

Im Vordergrund stand ein ausschließlich auf die eigene Nation bezogenes, sich mehr und mehr rassistisch färbendes Selbstbild: Der Deutsche als angeblich generell friedlicher, zu Kriegen stets nur gezwungener und kulturell, in Technik wie Wissenschaft allen anderen Völkern überlegener Mensch. Dieses Selbstbild hatte zugleich Existenz und Fortwirkung alter wie neuer Feindbilder zu legitimieren. Im Bild von den Fremden sahen sich diese auf eine niedere kulturgeschichtliche Stufe gesenkt, als schwach, niederträchtig und minderwertig charakterisiert. Den biologistisch-rassistischen Denkstrukturen folgte später die Rechtfertigung des »Ausmerzens« von »unwertem Leben« sowie von »Untermenschen«, wie es in der Sprache der Faschisten hieß. Doch bereits zuvor war die Erinnerungspolitik nationalistisch-kriegerisch gefärbt. 

Hass und Hoffnung auf Revanche 

Realistisch-kritisch denkende Zeitgenossen erkannten das rasch. Heinrich Mann verglich die Rüstung des Kaiserreiches mit der Wiederaufrüstung der Republik und sprach von einer »Verschwörung des Staates mit den Konzernen, mit der Klasse der Verdiener« sowie von »Abneigung des regierenden Personals, irgendetwas unmittelbar mit dem Volk zu tun« haben zu wollen. [1] 

1922 meinte der bekannte liberale Pazifist Hellmut von Gerlach, es sei in Deutschland zur entscheidenden Frage geworden: »Zurück zu 1914 oder los von 1914?« [2] Zwar wüssten auch die Rechten, dass Deutschland keinen Krieg führen könne: »Aber sie wollen den kriegerischen Geist im Volke aufrechterhalten oder, soweit er nicht mehr existiert, ihn wieder wachrufen. Sie predigen Hass und Hoffnung auf Revanche.« [3] Und es war Kurt Tucholsky, der sich darüber mokierte, weshalb in Deutschland der Segelflug – an sich ja, wie man denken sollte, ein harmloser Sport – als »ein stolzes Zeugnis deutschen Geistes« gepriesen werde. Er fragte, wozu müsse eigentlich selbst in diese Betätigung »das Gift des Nationalismus hineingetragen« werden. Seine Antwort: »Weil in Deutschland keine Verdauungsstörung vor sich geht, ohne dass nicht einer dazu brüllt: ›Im Felde unbesiegt! Trotz allem!‹ [...] Es ist übelste Wichtigmacherei, Nationalismus, geistige Aufrüstung an allen Ecken und Enden und Reklame für den nächsten Krieg.« [4] 

Die große Zahl der Schnittmengen zwischen rechtem und rechtsradikalem Kriegsgedenken während der Weimarer Republik berechtigt zur Aussage, dass in dieser Hinsicht der 30. Januar 1933 keine tiefgreifende Zäsur in der deutschen Geschichte darstellt. Vielmehr wurden schon vorher hauptsächliche Elemente des Kriegs- und Heldengedenkens der Faschisten als konsensfähig betrachtet. Man könnte auch sagen, sie wurden nahezu als selbstverständlich hingenommen und für bündnispolitische Erwägungen genutzt. Dem darf, nein: dem muss eine für die Zeit bis 1933 systemzerstörende Wirkung zugesprochen werden. Der verlorene Krieg sollte gleichsam rückwirkend gewonnen werden. Dafür wurde indoktriniert und mobilisiert. Dem Geistigen und Mentalen folgt die körperliche »Ertüchtigung« entsprechend einer nicht erst seit 1933 geltenden Devise, alles Denken und Handeln der künftigen Krieger so auszurichten, als ob ein neuer Krieg unmittelbar bevorstehe oder sogar schon da sei. 

Alles also: Vorkriegs-Brandstiftung in Friedenszeiten! 

 

Anmerkungen:

[1] Heinrich Mann: Das Bekenntnis zum Übernationalen. In: ders., Der Hass. Deutsche Zeitgeschichte (zuerst 1933, hier 1983).

[2] Hellmut von Gerlach: Die große Zeit der Lüge. Der Erste Weltkrieg und die deutsche Mentalität (1871-1921). Hrsg. von Helmut Donat und Adolf Wild. Mit einem Vorwort von Walter Fabian (1994), S. 143.

[3] Ebenda, S. 179.

[4] Die Weltbühne 27/1931.