Zum Hauptinhalt springen
Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

»Ich möchte mich todtsingen wie eine Nachtigall«

Gina Pietsch, Berlin

 

Robert Schumann zu seinem 170. Todestag

 

Warum wie eine Nachtigall? Robert Schumann:

Die Musik reizt Nachtigallen zum Liebesruf, Möpse zum Kläffen.

Herzlichen Dank für Euer Interesse an einem Komponisten, dessen 170. Todestag sich am 29. Juli jährt, dessen Lieder fester Bestandteil der Hausmusik in meinem Elternhaus waren, den ich nun für mich wieder entdeckt habe. Diese Entdeckung betrifft neben den Liedern das Leben dieses Großen, ein spannendes, ereignisreiches, in seine Zeit eingreifendes, das des wirklich musikalischen Genies der Romantik, eines, der alle Kompositionstechniken seiner Zeit beherrschte und voranbrachte, so zum Vater der modernen Musik wurde. Und er war Dichter, Kritiker, Redakteur und Herausgeber, ein Musikgelehrter also. Und ein Kämpfer, zuerst gegen die Mutter um den richtigen Beruf, dann gegen den erwünschten Schwiegervater, um die richtige Liebe, vor allem aber einer, der mit seinen Talenten und seiner enormen Energie eine politisch freiheitliche und poetisch neue Zeit befördern wollte. 

Als Schüler wünscht er sich 

künftig ein berühmter Mann zu werden – worin berühmt, das war noch sehr unent­schieden, aber berühmt unter allen Umständen 

Das funktioniert und bald kam dann sein Opus 1, das einer gewissen Comtesse Pauline d’Abegg gewidmet war, die es gar nicht gab. Aber eine Meta Abegg gab es. Sie brillierte damals als Pianistin in den Salons. Ihr Name besteht aus den Tonbuchstaben ABEGG. Und genau so klingt das dann in einer der ersten von unzähligen Klaviermusiken des Robert Schumann. Opus 1 war für Schumann die Entscheidung zwischen Jura, Dichtung und Musik. Als er klein war, schien das alles schon klar zu sein:

Mein Vater, erkannte mich frühzeitig, und hatte mich zum Musiker bestimmt, doch die Mutter ließ es nicht zu.

Ausgerechnet diese Mutter, die daslebendige Arienbuch heißt, wegen der vielen Lieder, die sie im Kopf hat, die ihm ab dem 7. Lebensjahr Musikunterricht zukommen lässt. Er setzt sich durch mit seiner Bitte an die Mutter am 30. Juli 1830, früh 5 Uhr: 

meine gute Mutter. Schreibe Du selbst an Wieck in Leipzig und frage unumwunden:

was er von mir und meinem Lebensplane hält. 

Friedrich Wieck wurde sein Lehrer, und am 13. September 1837, zwei Jahre nach ihrem ersten Kuss, bittet er diesen um die Hand seiner Tochter Clara.

Achtzehn Monate lang haben Sie mich geprüft ... Jetzt prüfen Sie mich noch einmal so lange. Finden Sie mich dann bewährt, treu und männlich, so segnen Sie dies Seelenbündnis, dem zum höchsten Glück nichts fehlt, als die elterliche Weihe ... 

So Robert Schumann an Claras Vater. Und an sie selber:

Lorbeeren der Künstlerin

Nicht übel stehn:

Myrthe dem Mädchen

Ueber alles schön.

Die Myrthe über den Lorbeeren, weil ständig schwankendes Selbstwertgefühl, wenn es um Clara geht. 

Clara, liebes Mädchen – ich habe geweint aus Glück, dass ich Dich habe, und frage mich oft, ob ich Deiner würdig bin ...

Zu dir seh ich auf wie zu einer Maria.

Und nach Claras Ernennung zur Kaiserlich Königlichen Hofvirtuosin: 

weil ich gar so wenig bin, dem Engel gegenüber

Napoléon verehrend, anders als Heine

Das prominenteste Traumpaar der deutschen Romantik und doch immer Ängste.

Schumanns Liederzyklus »Dichterliebe«, war schon der »Liederkreis«, auch nach Heine, vorausgegangen, hier wie da voll von in Honig getauchten Schmerz. Bei Heine kommt das meist als Reflexion auf die unerwiderte Liebe seiner Cousinen daher, bei Schumann auf das lange Liebeswerben um Clara und die bösartigen Verweigerungstaktiken des angehenden Schwiegervaters Friedrich Wieck. 

Ach Clara, was das für eine Seligkeit ist, für Gesang zu schreiben. 

Wieder ein Heine nun, erzählt von zwei echten Ängsten Schumanns, einmal, Clara an einen Mann zu verlieren und einmal, was als spätere Angst wahr wird, wahnsinnig zu werden, »Der arme Peter«. Der arme Peter hatte keine Alternative. Robert und Clara sahen einmal eine für sich, nämlich auszureisen, um heimlich zu heiraten. Wien sollte so ein Fluchtort sein, auch Robert versprach sich mehr öffentlichen Rang, eine Kapellmeisterstelle vielleicht, wenn auch, wie sich später in Düsseldorf zeigt, derlei Aufgaben seiner ans Linkische grenzenden Kontaktarmut zuwider liefen. Wien wurde eine Enttäuschung, aber etwas Mutiges entstand dort. Es ist die Zeit Metternichs, der als österreichischer Staatskanzler bis zu seinem Sturz in der 48er Revolution mit Zensur und Polizeispitzelei die nationalen und liberalen Bewegungen bekämpfte. Schumann, den alles Merkwürdige der Zeit ergreift, was er dann musikalisch wieder aussprechen muss, haut dem, bei allen progressiven Leuten verhassten Metternich im ersten Satz seines Klavierzyklus’ op. 26, Faschingsschwank aus Wien, ein Lied um die Ohren, das im Wien der Zeit nicht mal auf den Straßen gepfiffen werden durfte und noch bis 1900 verboten war, die Marseillaise. Diese hat er dann noch zweimal benutzt, in einer seiner drei dramatischen Ouvertüren, der nämlich zu Goethes Hermann und Dorothea und in Heines Die beiden Grenadiere.

Anders als Heine, der Napoléon seine Verehrung wenigstens ab dessen Staatsstreich am 18. Brumaire entzog, hält Schumann ihn ungebrochen für den größten Mann aller Jahrhunderte, der angefangen habe, unseren europäischen Augiasstall von dem obskuranten Pfaffen- und Papsttum zu reinigen. Wo bei Heine fast überall Ironie durchblitzt, ist das freilich bei Schumann schwer zu finden und bringt ihm von Debussy den Vorwurf ein, Heine nie verstanden zu haben. Schumann liebt den Heine der »großen Verzweiflung«. Aber er kann sagen:

Schmerzen im Leben sind wie Dissonanzen in der Musik; 

sie haben großen Reiz, aber man verlangt doch nach Auflösung. 

Gesinnung des Widerstands und der Liebe

Die 48er Jahre kommen, und vieles hat Auflösungscharakter. Schumann erlebt es.

Es afficiert mich alles, was in der Welt vorgeht, Politik, Literatur, Menschen, über alles denke ich nach meiner Weise, was sich dann durch die Musik Luft machen will

Richtig, mit Märschen, aber 

keine alten Dessauer – wie er schreibt –, sondern eher republicanischen – in wahrem Feuereifer geschrieben 

Die müssen dann in aller Eile gedruckt werden, versehn mit der Aufschrift 1849 und mit Titeln wie Mit größter Energie.

Schumanns Gesinnung kommt nicht von heute auf morgen. 16-jährig, im Tagebuch 1827 – der hoch gebildete und freiheitlich gesinnte Vater hat Pate gestanden – weiß er bereits:

Die politische Freiheit ist vielleicht die eigentliche Amme der Poesie: in einem Lande, wo Leibeigenschaft, Knechtschaft etc. ist, kann die eigentliche Poesie nie gedeihen: ich meine die Poesie, die in das öffentliche Leben entflammend und begeisternd tritt.

Und als Student nach einer Straßburg-Reise 1830 notiert er im 5. Tagebuch das die französische Juli-Revolution betreffende Vaterunser 

Unser gewesener König, der du bist ein Hallunke; 

dein Name werde verwünscht; 

dein Reich komme nimmer über uns; 

dein Wille geschehe weder in Frankreich noch anderswo; 

gieb uns heute die 46 Millionen zurück, die du schuldig bist 

und vergieb uns unsere Schuld, 

daß wir dich nicht schon lange zum Teufel gejagt haben

So der Student, und so der gefeierte Komponist am 4. April 1848 aus einem seiner drei Freiheitsgesänge nach Freiligrath:

In Kümmernis und Dunkelheit,

Da mußten wir sie bergen!

Nun haben wir sie doch befreit,

Befreit aus ihren Särgen!

Nehmen wir das als Schumanns Widerstandspotential, als sein Beitrag zur 48er Revolution. Wie Wagner auf die Barrikaden zu gehen, dagegen steht ein Kindheitstrauma. Die 20.000 Verwundeten der Völkerschlacht Leipzig 1813 hatten schon beim jungen Schumann Angst vor militärischer Gewalt erzeugt. So flieht er mit der Familie nach dem nahe gelegenen Gut Maxen, steht aber, mit Clara als ein stets liberal gesinntes Ehepaar, zwischen den Fronten. Clara jedenfalls tadelt die Adligen, die

vom Volk nur en canaille und Gesindel sprachen. 

Aber sie schreibt auch:

Es ist, als ob das Schreckliche von außen ganz entgegen gesetzte Empfindungen in meinem Manne erregt; denn gerade in letzter Zeit hat mein Mann die lieblichsten, friedlichsten Lieder gemacht.

Übererfüllte Pflichten

Das Album für die Jugend op. 69 zeugt von Schumanns Entdeckung des künstlerischen Ausdruckes der Kinderpsyche, auch von seiner großen Vaterliebe. Er hat nun sechs Kinder und kann nie genug davon bekommen.

Der Zykluswar geschrieben für »Mariechen zum 7. Geburtstag vom Papa«, und Maries eigener Schmerz kommt darin vor. Der Papa Schumann hatte einem von Marie heiß geliebten Vogel zu viele Markklößchen gefüttert, so dass dieser starb. Als Trost für die Kleine schrieb Schumann das, was jeder von uns, der mal Klavier gelernt hat, kennt, den rührenden Ersten Verlust. Das Album ist erfolgreich. Innerhalb eines Jahres sind 2.000 Exemplare verkauft. Anlass für uns, einmal den zu Wort kommen lassen, der kompromisslos daran arbeitete, endlich eine neue poetische Zeit vorzubereiten – ein großes Ziel, befördert mit kleinen Sprüchen vom Musikerzieher Robert Schumann:

Aus vielen Gründen komponiert man,

der Unsterblichkeit halber, oder weil gerade der Flügel offen steht,

oder um ein Millionär zu werden, oder auch weil Freunde loben,

oder weil Einen ein schönes Auge angesehen, oder aus gar keinem.

Oder weil man um gute Gedichte weiß, und weiß:

Das Gedicht soll aber dem Sänger wie eine Braut im Arme liegen, frei, glücklich und ganz. 

Lange hat die Braut Clara auf so Schönes warten müssen. Am 12. September 1840 dann endlich die mit Gerichtsprozess gegen Friedrich Wieck erkämpfte Hochzeit. Robert ist glücklich, seelisch wohlbehagt, sexuell befriedigt. Er liebt und wird geliebt. Mehr als 140 Lieder schreibt er in diesem Jahr, die meisten von Heine, aber auch Rückert und Goethe sind dabei, von Robert mit 25 weiteren Liedern zum Liederzyklus »Myrthen« op. 25 zusammengefasst, als Brautgabe kostbar in roten Samt gebunden mit den Worten:

Meiner geliebten Clara am Vorabend unserer Trauung von ihrem Robert 

Claras letzter Eintrag in ihrem Mädchen-Tagebuch am Hochzeitstag:

Jetzt geht ein neues Leben an in dem, den man über alles und sich selbst liebt, aber schwere Pflichten ruhen auf mir, und der Himmel verleihe mir Kraft, sie getreulich wie ein gutes Weib zu erfüllen.

Sie hat diese Pflichten wahrlich übererfüllt. Sie ist seine Interpretin, Künstlerfreundin und Helferin in einem, hat 8 Kinder geboren, 7 aufgezogen, war von 132 Ehemonaten nur 50 frei von Schwangerschaft, Wochenbett und Stillzeit, brachte mit drei Konzerten so viel Geld ins Haus wie ihr Mann als Publizist und Komponist in einem halben Jahr. Sie hat weitgehend seine Beziehungen zur Außenwelt durch ihre eigenen hergestellt, den weitaus größten Teil aller materiellen, psychologischen und pädagogischen Probleme der Familie gelöst, ihn am Leben gehalten über lange Zeit. 

Ein Schumannkenner sagte: Hätte es Clara nicht gegeben, er hätte sie erfinden müssen. Schumann wusste das, und es trug zu seinen Minderwertigkeitskomplexen bei, weil Männer, der Meinung war er schon, nun einmal über den Frauen stehen. So denn auch klare Anweisungen, wie sie, die Starpianistin Europas, seine Kinderszenen zu spielen habe: sacht und zart und glücklich wie unsere Zukunft sollten die kleinen putzigen Dinger schon gespielt werden.

Tja, den Lehrer kann er nicht lassen, auch Clara gegenüber, und doch: Sie liebten sich, und so war Schumann trotz traurigem Ende einer mit viel Glück zuvor, weil

- er hatte ein schönes Elternhaus undgenoss die sorgfältigste und liebevollste Erziehung,

- er lebte in einer Zeit, die ihn unangepasst sein ließ, bis zur Geisteskrankheit,

- er war schon zu Lebzeiten erfolgreich als Komponist, Dichter, Redakteur und Pädagoge, 

- er schuf ein riesiges Œuvre in beinahe allen musikalischen Kategorien,

- seine Musik ist populär genug, um große Kreise zu erreichen und elitär genug, um ihn zum Vater einer modernen Musik zu machen, 

- er hatte die einzigartigste Liebesbeziehung in der Musikgeschichte,

- er hatte gute Freunde und Partner. Das sind viele, aber vor allem der Heine, der Mendelssohn, der Rückert und der Eichendorff, der da zeichnet für die quasi Ikone der romantischen Liedlyrik – Mondnacht. 

Am 29. Juli 1856 der Tod. Also: 

Tretet denn näher und betragt euch schön romantisch.

 

Mehr von Gina Pietsch in den »Mitteilungen«: 

2026-05: Marilyn Monroe: »Der einzige Weg für mich, etwas zu sein, war der, …«

2026-01: Den Schlaf der Welt stören

2025-12: Die Kultur fängt da an, wo die Bankdirektors aufhören