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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut

Egon Krenz, Dierhagen

 

Als Gründungsdatum der FDJ gilt der 7. März 1946. Zuvor schon, am 11. Juni 1945, hatten die deutschen Kommunisten in einem Aufruf eine antifaschistisch-demokratische Ordnung »mit allen demokratischen Rechten und Freiheiten für das Volk« gefordert. Die jungen Menschen, so hieß es, müssten im antifaschistischen Geiste geschult werden und sich aktiv am Wiederaufbau des Landes beteiligen. Bereits während des Krieges hatte es im Ausland Bestrebungen zur Gründung einer FDJ und auch Vorläufer-Gruppen gegeben, zum Beispiel in Großbritannien.

Kurz nachdem der KPD-Vorsitzende Wilhelm Pieck Anfang Juli 1945 aus seinem Moskauer Exil nach Deutschland zurückgekehrt war, widmete er sich auch der Jugendpolitik. Er rief die Jungkommunisten Wolfgang Leonhard und Erich Honecker zu sich und forderte, jeder für sich möge eine Konzeption für die Jugendpolitik der KPD ausarbeiten. Die beste werde genommen. Es waren die Vorstellungen Honeckers. Er favorisierte eine »einheitliche freie deutsche Jugendbewegung für den Aufbau einer antifaschistischen Republik«.

Für Frieden, Antifaschismus ...

Es ging damals um sehr grundlegende Fragen. Sowohl in der SPD als auch der KPD gab es noch sektiererische Auffassungen, dass parteipolitisch gebundene Jugendorganisationen besser wären und man erst später – wie bei den beiden Arbeiterparteien – zu einer Vereinigung kommen sollte. Protestantische und katholische Kreise waren bestrebt, konfessionelle Jugendorganisationen zu bilden. Strittig war auch, ob ehemalige Mitglieder faschistischer Organisationen in die Jugendarbeit einbezogen werden sollten. 

Die KPD warb für »Vertrauen und Verantwortung«. Die Jugend, so ihr Standpunkt, sei für die Gräueltaten der Nazis nicht verantwortlich. Sie dürfe nicht gleichgesetzt werden mit jenen Kräften, die sie in der Zeit des Faschismus missbraucht hätten. Nicht nach ihrer Vergangenheit, sondern nach ihren Leistungen in der Gegenwart und Zukunft sollte sie bewertet werden, sie müsse vor allem für den Wiederaufbau eines neuen friedliebenden Deutschlands gewonnen werden. 

Es gab auch noch die veraltete Ansicht, die Jugend sei für politische Betätigung nicht reif und Politik für die Jugend generell schädlich. Letztlich liefen all diese Argumente darauf hinaus, die Einheit der Jugendbewegung in Frage zu stellen. Die Jugendabteilung des ZK der KPD, die Honecker leitete, unterstützte die Initiativen für einen einheitlichen antifaschistischen Jugendverband. 

Auf dem Weg zur FDJ-Gründung bewährten sich antifaschistische Jugendausschüsse. Der Marschall der Sowjetunion G. K. Shukow hatte sie in der Ostzone bereits im Juni 1945, nur wenige Wochen nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus, zugelassen. Oberst Tulpanow, Leiter der Informationsabteilung der Sowjetischen Militäradministration, erinnerte sich 1982: »Wenn ich heute auf die Tätigkeit der Jugendausschüsse zurückblicke, dann kann ich ohne Übertreibung sagen, dass sie zu einem wichtigen Faktor im Ringen um die antifaschistisch-demokratische Umwälzung wurden.« [1] 

In der Jugendarbeit ging es fortan um Friedenserziehung. 

Am 26. Februar 1946 wandten sich Erich Honecker, Heinz Keßler, Theo Wiechert, Paul Verner, Edith Baumann sowie Vertreter der evangelischen und katholischen Kirchen an die Sowjetische Militäradministration in Deutschland mit dem Antrag, die Gründung »einer einigen, demokratischen Jugendorganisation mit dem Namen Freie Deutsche Jugend« zu genehmigen. Ihr Symbol sollte die aufgehende Sonne auf blauem Grund sein. Das sollte versinnbildlichen, »dass für die deutsche Jugend, die sich unter diesem Symbol vereinigt und organisiert, nach der finsteren Nacht des Faschismus ein neuer Tag anbricht«. 

Am 7. März 1946 stimmte die SMAD dem Antrag zur FDJ-Gründung zu. Vom 8. bis 10. Juni 1946 tagte das I. Parlament der FDJ in der Stadt Brandenburg. Dort hielt Erich Honecker als Vorsitzender ein programmatisches Referat, das weit über den Tag hinaus Bedeutung haben sollte. 

Er rief die Jugend auf, sich auf die »nationalen Werte« zu besinnen. Nach zwölf Jahren Barbarei war ein so fester Glaube an Deutschland und seine Jugend etwas Außergewöhnliches. Man müsse, so Honecker, »endlich mit der Lüge aufräumen, als seien die Krupp, Thyssen, Klöckner, Flick nationale Menschen«.Niemals hätten sie in nationalem Interesse gehandelt. Anders jene jungen Deutschen, die der faschistischen Terrorherrschaft trotzten. 

Über jene Deutschen wird der Schriftsteller Stephan Hermlin auf Anregung des I. Parlaments mit seinem Werk »Die erste Reihe« ein literarisches Zeugnis dieses Widerstandes veröffentlichen. Dreißig jungen Widerstandskämpfern setzte er damit ein Denkmal, darunter Lilo Herrmann, Grete Walter, Herbert Baum, Hilde Coppi, Hans und Sophie Scholl, Rudi Arndt …, Namen, die bis zum Ende der DDR in der FDJ als Vorbilder präsent waren. Dieses Buch, das kann ich für meine Generation sagen, hat die Gesinnung Hunderttausender beeinflusst. 

Der Antifaschismus war für die FDJ und in Ostdeutschland, später in der DDR, epochemachend, nicht »verordnet«. Sicher: Eine gute Sache kann man immer noch besser machen. Darin stimme ich mit Gregor Gysi überein. Ich widerspreche ihm aber, dass der Faschismus in der DDR nicht richtig aufgearbeitet worden sei. Ja, es existierten in den achtziger Jahren auch in der DDR Neonazis, Nationalisten und Rassisten. Aber erst nach dem Ende der DDR hissten sie die Reichskriegsflagge, zündeten Wohnhäuser an, verprügelten Ausländer und schlugen manche sogar tot. Sie hatten jetzt »ihre« Freiheit, die ihnen in der DDR verweigert worden war. 

und die Interessen der Jugend

Auf dem I. Parlament wurden auch Grundrechte für die junge Generation gefordert. Das Wahlrecht sollte ab 18 Jahren gelten. Wenn heute junge Menschen mit 18 Jahren volljährig sind, wählen und gewählt werden können, heiraten dürfen, ohne die Eltern zu fragen, geht das auf Forderungen der FDJ von 1946 zurück. Am 17. Mai 1950 hatte die Volkskammer der DDR das entsprechende Gesetz verabschiedet. Damit war die DDR der alten Bundesrepublik weit voraus. Dort wurden diese Rechte erst 1975 eingeführt. 

Das I. Parlament forderte das Recht auf Arbeit und Erholung, gleichen Lohn für gleiche Arbeit und Voraussetzungen für eine ordentliche Berufsausbildung. Mädchen und Jungen sollten auch im Berufsleben gleichberechtigt sein. Sie beanspruchten das Recht auf Bildung. Für immer sollte die Zeit vorbei sein, in der die soziale Herkunft oder der Geldbeutel der Eltern darüber bestimmten, wer das Abitur ablegen und die Universitäten und Hochschulen besuchen durfte. 

Schließlich forderte das I. Parlament das Recht auf Freude und Frohsinn. Referent Honecker rief die Dichter und Schriftsteller auf, »für die Jugend Gedichte, Lieder, Erzählungen und Hörspiele zu schreiben«. In der Folgezeit entstanden viele solcher Werke. Ich erinnere mich an das erste Lied, das wir damals sangen. Es war noch ganz auf die deutsche Einheit ausgerichtet: »Paddelboote klar, auf zur großen Fahrt über den Rhein, wir wollen freie deutsche, freie deutsche Jugend wollen wir sein …« [2]. Das bekannteste und wohl auch inhaltsreichste war das »Aufbaulied der FDJ« von Bertolt Brecht und Paul Dessau: »Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut!« Es orientierte, anzupacken und auf die eigene Kraft zu vertrauen: »Um uns selber müssen wir uns selber kümmern. Und heraus gegen uns, wer sich traut!« 

Ab 12. Februar 1947 gab die FDJ eine eigene Zeitung für die Jugend heraus. Zunächst erschien die Junge Welt als Wochenzeitung, ab 1. März 1952 kam sie täglich – zum Preis von 10 Pfennigen. Am Ende der DDR hatte sie eine Auflage von 1,6 Millionen. 

Was 1946 Forderungen der FDJ waren, wurde mit der Gründung der DDR zur Staatspolitik. Die FDJ war in der Volkskammer mit einer eigenen Fraktion vertreten – zum ersten Mal in der deutschen Parlamentsgeschichte besaß damit die junge Generation eine eigene Vertretung. Im Februar 1950 verabschiedete die Volkskammer das »Gesetz über die Teilnahme der Jugend am Aufbau der Deutschen Demokratischen Republik und die Förderung der Jugend in Schule und Beruf, bei Sport und Erholung«. Dieses Gesetz wurde – auf Vorschlag der FDJ – 1964 und 1974 den gesellschaftlichen Bedingungen angepasst. 

Mit dem Ende der DDR verschwanden die der Jugend garantierten Grundrechte. Vergebens sucht man im Grundgesetz der Bundesrepublik nach dem Recht auf Arbeit, dem Recht auf kostenlose Bildung und Berufsausbildung. 

Solidarität und Freundschaft

Seit ihrer Gründung legte die FDJ großen Wert auf internationale Beziehungen, besonders zum sowjetischen Jugendverband Komsomol. Im Sommer 1947 besuchte eine Delegation unter Leitung Erich Honeckers die Sowjetunion, die noch stark unter den Kriegszerstörungen durch Nazideutschland litt. Diese Reise, die auch in die Heldenstädte Leningrad und Stalingrad führte, ging als »Friedensflug nach Osten« in die FDJ-Geschichte ein. Sie war eine wesentliche Grundlage für das Wachsen einer tiefen Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und der DDR. Innerhalb historisch kurzer Zeit zerstörten Bundesregierungen nach 1990, was sich an Vertrauen zwischen Deutschen und den Völkern der Sowjetunion aufgebaut hatte. 

In der Solidarität mit den um ihre nationale und soziale Befreiung kämpfenden Völkern spielte die FDJ eine herausragende Rolle. Als Mitglied des Weltbundes der Demokratischen Jugend (WBDJ) und des Internationalen Studentenbundes (ISB) nahm sie nicht nur an den Weltfestspielen der Jugend und Studenten teil – sie richtete die III. (1951) und die X. (1973) in der DDR-Hauptstadt aus. Die vom Jugendverband und dem Oktoberklub veranstalteten Festivals des politischen Liedes demonstrierten ebenfalls den internationalistischen Charakter der FDJ. Seit 1964 entsandte sie »Brigaden der Freundschaft« als Entwicklungshelfer im Blauhemd in fünfzehn Länder. Und es gab unzählige bilaterale Freundschaftstreffen mit ausländischen Jugendorganisationen. 

In der alten Bundesrepublik wurde die FDJ 1951 verboten, sie hatte gemeinsam mit verschiedenen Friedensgruppen Widerstand gegen die Wiederbewaffnung geleistet. Am 11. Mai 1952 ging die Polizei in Essen mit äußerster Brutalität gegen eine Demonstration vor und erschoss den 21-jährigen FDJler Philipp Müller aus München. Dieser Tag ging als »Essener Blutsonntag« in die Geschichte ein. In der DDR wurden Straßen, FDJ-Einrichtungen, Brigaden und Jugendkollektive nach Philipp Müller benannt. Nach Herstellung der staatlichen Einheit 1990 wurde der Name aus der Öffentlichkeit weitgehend verbannt. 

Ich wurde 1953 Mitglied der FDJ. Wenn ich zurückschaue, war dies die Schule meines Lebens. Ich begann Marx und Lenin zu lesen, beschäftigte mich mit dem politischen Tagesgeschehen, lernte ein Kollektiv kennen und leiten, erlebte Weltfestspiele und Deutschlandtreffen, half bei der Melioration auf der Insel Rügen, reiste mit »Jugendtourist« nach Ungarn, besuchte Ausstellungen im Rahmen der Messe der Meister von Morgen, war Mitglied einer Theatergruppe, feierte Karneval, freute mich über die Singebewegung, hörte gern DT64 und las interessiert die Junge Welt, trainierte Langstreckenlauf in kostenlosen Sportstätten, genoss mein preiswertes Theater- und Konzertanrecht, las im »Poesiealbum« des FDJ-Verlages Neues Leben Gedichte und erlebte später als hauptamtlicher FDJ-Funktionär die Jugendobjekte von »Max braucht Wasser« über die »FDJ-Initiative Berlin« bis hin zur »Druschba-Trasse« in der sowjetischen Ukraine. Es war für mich eine erlebnisreiche Zeit, die ich nicht missen möchte. So oder so ähnlich erlebten im Laufe von knapp 45 Jahren viele »ihre FDJ«. 

Ich weiß natürlich, dass es ca. ein Drittel der Jugendlichen gab, die nicht in der FDJ waren, die nicht von der FDJ erreicht wurden, die sogar Ärger mit ihr hatten. Mancherorts beschränkte sich das FDJ-Leben auf Rituale, bewegte sich in engen organisatorischen und ideologischen Grenzen. 

Gelegentlich werde ich gefragt, ob es richtig war, dass das einst überparteiliche Bündnis zur »Kampfreserve der Partei« wurde, womit sich die FDJ in den 50er Jahren und danach praktisch vom Gründungsprinzip des I. Parlaments entfernte... Ich habe viel darüber nachgedacht und bin überzeugt, dass dies unter den gesellschaftlichen Bedingungen der DDR anders kaum möglich gewesen wäre, wohl aber eine Lehre für die Zukunft sein kann. In dieser Gesellschaft, in der wir jetzt leben, hat die Jugend kaum Möglichkeiten, ihre Interessen durchzusetzen. Die Vielzahl der Jugendorganisationen der Parteien ist dazu zu schwach. 

Zum Ende der DDR bewegten die Jugendlichen innerhalb und außerhalb der FDJ die gleichen bohrenden Fragen wie die gesamte Gesellschaft: Die Wirklichkeit hatte sich zu sehr von den Idealen entfernt. Viele fragten jetzt: Wohin steuert unser Land? Wir, die in der FDJ aktiv waren, wollten die Welt verändern und ein besseres Deutschland schaffen. Es ist uns aus vielerlei Gründen beim ersten Anlauf nicht gelungen. Aber die Geschichte ist nicht zu Ende. Die Enkel werden vieles ausfechten müssen. Ich hoffe: Erfolgreicher als wir es konnten.

 

Anmerkungen:

[1] Inge Pardon hat gemeinsam mit Ihrem Mann ein lesenswertes Buch über den außergewöhnlichen sowjetischen Oberst und späteren General sowie bekannten Leningrader Wissenschaftler geschrieben: Sergej Iwanowitsch Tulpanow. 

[2] Paddelboote klar! Auf zu froher Fahrt über den Rhein. Zelte, Boote, Mägdelein, dürfen nicht alleine sein, stets vereint. Wenn der Abend sinkt, froh ein Lied erklingt über den Rhein. Wir wollen Freie Deutsche, Freie Deutsche Jugend wolln wir sein. 

 

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