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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Es glich einer »Zangengeburt«

Günter Herlt, Berlin

Eigentlich müsste die Gründung eines Staates eine fröhliche, feierliche und öffentliche Angelegenheit des ganzen Volkes sein. Bei der Gründung des Bonner Separatstaates am 7. September 1949 war das anders. Das ähnelte einer folgenschweren Zangengeburt. Die spätere DDR wurde mit diesem Akt für Jahrzehnte ausgegrenzt und angefeindet. Vom westelbischen Volksteil war wenig zu sehen. Die Stimmung war von heftigen Zweifeln und Vorwürfen im In- und Ausland überschattet. Die Premiere des Bundestages fand in einer früheren Bonner Turnhalle statt. Der Rat der Parlamentarier bestätigte das provisorische Grundgesetz zwischen den Sauriern des Bonner Naturkunde-Museums. Daran waren 62 Herren und 4 Damen beteiligt, was ein anhaltendes Manko der Frauenrechte erklärt. Die Wahl des ersten Bundeskanzlers, Konrad Adenauer, gelang mit nur einer Stimme Mehrheit – seiner eigenen. Die Öffentlichkeit fühlte sich von der Eile und den Folgen der amtlichen Spaltung Deutschlands überrumpelt. Das war mühsam bemäntelte Absicht und Methode, aber klingt bei jedem Jubiläum viel schöner.

Zu jeder Geburt gehören die Beziehungen eines Vaters und einer Mutter. Die Vaterschaft für die Geburt der BRD hatte der »Rat der Götter« in Amerika. Die Mutterschaft übernahm die verrufene, aber willige »Macht am Rhein«. Die Motive beider Partner waren die systembedingte Zuneigung und der antikommunistische Hass. Hebammen waren die Kommissare der westlichen Besatzer. Die Absicht war, eine eiserne Zange zur Eindämmung des wachsenden volksdemokratischen Lagers im Osten zu schmieden. Die Bundesrepublik sollte der »starke Bolzen« in der Mitte der Zange werden. Und das gelang im Feuer des von Churchill angekündigten »Kalten Krieges«. Der fürchtete, dass es bald zur Brechung des US-Atomwaffen-Monopols durch die Sowjetunion kommen kann – und als Folge dessen ein strategisches Gleichgewicht zwischen den zweierlei Weltsystemen heranwachsen wird. So kam es [1] und stabilisierte den Frieden.

Mosaiksteine zur damaligen Lebenslage

Die Schockstarre nach zwei sinnlosen Weltkriegen binnen einer Generation, mit all den Ruinen und Leichenbergen, wirkte tief. Sie war bei vielen Menschen stärker als das Gefühl der Befreiung. Aber noch stärker war der Wille zum Neubeginn: Ohne Kriege, Faschismus und Ausbeutung für die Tresore der alten Eliten.

Alle Weisungen kamen von den Kommandanten der vier Siegermächte. Daneben entstanden deutsche Selbstverwaltungsorgane für Wirtschaft, Versorgung und Ordnung, denn es wurde gehungert, gefroren, geklaut, getauscht, gehamstert und gefragt: Wie geht es nun weiter?

Der Berliner Rundfunk strahlte fünf Tage nach der Kapitulation erste Sendungen aus. Die Entwaffnung und Entnazifizierung begann. In Ostberlin entstand ein Block antifaschistisch-demokratischer Parteien aus KPD, SPD, CDU und LDPD. Im Westen formierten sich ebenfalls neue und alte Parteien.

Am 2. August 1945 hatte die Potsdamer Konferenz der Repräsentanten der UdSSR, USA und Großbritanniens die Prinzipien für Deutschlands Nachkriegsentwicklung festgelegt. Frankreich kam als Besatzungsmacht hinzu.

Die Großstädte in Ost und West mühten sich um die Enttrümmerung und Versorgung. Entgegen dem Potsdamer Abkommen schlossen sich die Westzonen bald zur »Bizone« und dann zur »Trizone« zusammen. Die Illustrierte »Revue« begann eine Artikelserie »Hitler der große Liebhaber«. Der französische Kommissar hielt das für keinen Beitrag zur Entnazifizierung und stoppte die Serie. Eine separate Währungsreform im Westen wurde eingefädelt, die die wirtschaftliche Spaltung vertiefte. Doch sie belebte zusammen mit dem Marshallplan den Wiederaufbau und die Schaufenster. Die Proteste der UdSSR verpufften. Die Blockade Westberlins wurde mit der »Luftbrücke« kontra-produktiv. Die Westmächte stoppten alle Reparationen an die Sowjetunion, wo Hitlers Vernichtungskrieg nur »verbrannte Erde« hinterließ. Die Ostzone musste dann mehr liefern, bis zum Erlass dieser Leistungen. München feierte das erste Nachkriegs-Oktoberfest.

Der Osten musste sich Stahlwerke bauen, weil da nur fünf alte Hochöfen existierten, während der Westen über 150 nutzen konnte. Die ersten HO-Läden öffneten, für den Einkauf ohne Lebensmittelkarte. Tausende Neulehrer wurden ausgebildet, um neuen Geist in die Schulen zu tragen. Viele Dörfer warteten auf Wasser, Strom und Nahverkehr. In Mecklenburg begann eine Bodenreform mit Bauprogramm für Neubauern. In Sachsen stimmten 77,7 Prozent der Wähler für die Enteignung aller Rüstungsschmieden und Naziaktivisten. In Hessen verlangte 1947 die Landesverfassung gleichermaßen, was dem Geist und Buchstaben der Potsdamer Vereinbarung entsprach. Doch in Essen verhinderten britische Besatzer die vom Stadtrat beschlossene Enteignung der Firma Krupp …

Die Messlatte für die Nachkriegsentwicklung

Beide Teile Deutschlands drifteten immer weiter auseinander, obwohl der Volkswille und das Potsdamer Abkommen der Siegermächte übereinstimmten: Deutschland sollte als Ganzes lebensfähig bleiben, aber mit solchen Strukturen, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht. Das verlangte die Abrüstung und Entmilitarisierung. Die Beseitigung des Nazismus in allen Bereichen. Die Auflösung der Konzerne und demokratische Umgestaltung Deutschlands sowie die Integration von Millionen Deutschen, die ohne Hab und Gut waren. Doch die Wege der Besatzungsmächte trennten sich, weil sich zweierlei Systeme gegenüberstanden, die nur zur Bändigung des gemeinsamen Feindes verbündet waren. Nach dessen Niederlage brachen die alten Klassengegensätze wieder durch, bis hin zum kalten Krieg, der bereits 1950 in Korea zum »heißen Krieg« wurde.

Sekt oder Selters zum Siebzigsten?

»Natürlich Sekt!« werden alle Alt- und Neureichen rufen. Der Mittelstand wird mehr zu Selters neigen, weil ihn die alten und neuen Konzerne würgen. Und für die »Unterprivilegierten« in Ost und West gibt es ja »Magenbitter«, »Kümmerling« und tröstende Reden. Die Defizite der »sozialen Marktwirtschaft« und der »freiheitlich-demokratischen Grundordnung« sind nach der Liquidierung der DDR noch deutlicher erkennbar als vorher. Die Freiheiten, die das Grundgesetz vor 70 Jahren versprach, sind durch fast 70 Änderungen zum Teil ins Gegenteil verkehrt, wegen Wehrpflicht, Aufrüstung, Notstandsrechten, Lauschangriffen und reduzierten Asylrechten. Die Demokratie wurde zugunsten der Sicherheit und der Profitwirtschaft »marktkonform« zurechtgestutzt. Dem Diktat der Finanzoligarchie steht keine effektive Gegenmacht mehr im Wege. Jahr für Jahr werden die Reichen reicher und die Besitzlosen mehr. Und das Grundgesetz, das nach einer Vereinigung Deutschlands durch eine neue Verfassung abgelöst werden sollte, wird seit Jahrzehnten von den Herrschenden als Tabu verteidigt, »weil es gar keine bessere Verfassung geben kann«.

Die Bürgerrechtler der DDR hatten 1990 am Runden Tisch viele Vorschläge dazu gemacht. Aber die Lebenserfahrung und Lebensleistung der Ostdeutschen wurden in arroganter Weise ignoriert. Der »Anschluss« verkümmerte zum »Ausschluss«. Neben ehrbaren Helfern kamen die Alteigentümer, Banker und Makler, Glücksritter und Abrissbagger. Auch Rauschgifthändler und Instrukteure der Neonazis. In die Fundamente der Bonner Republik waren zu viele Stützen des Nazireiches eingebaut. Von der Bundeswehr bis zum Geheimdienst, vom Kanzleramt bis zum Außenamt, von der Justiz bis zur Wissenschaft.

Auch Hitlers »Wehrwirtschaftsführer« waren ganz schnell als harmlose »Mitläufer« aus dem Knast. So hatte man erprobte Manager. Doch der Nazigeist wurde nie ganz getilgt. Heute sitzt die nationalistische »Alternative für Deutschland« in allen Landtagen und ist Oppositionsführer im Bundestag. Deutsche Panzer und Generalstäbler stehen mit anderen NATO-Verbänden an der russischen Grenze. Der Rüstungsetat wird gesteigert. Die Altersarmut, Kinderarmut, Bildungsnöte, der Pflegenotstand, Mietwucher und die Gier der Superreichen wachsen weiter. Das wirft tiefe Schatten auf alle neuen Bauten, Autos, Flach-Fernseher und sonstigen Erfolge. Zumal die auf Kosten kommender Generationen und auf dem Buckel vieler armer Länder erreicht wurden.

Wer soll das am 7. September 2019 feiern?

Die Woge der Selbstverherrlichung kann nicht vertuschen, dass das Volk über seine Schicksalsfragen nie abstimmen durfte. Drum gab es immer Protest – mehr auf der Straße als im Parlament. Aber auch schon bei der Staatsgründung: Londoner und Pariser Zeitungen warnten 1949 vor dem Alleingang. Bayern lehnte das Grundgesetz ab, weil es »zu zentralistisch« war. Und der Vorsitzende der KPD, Max Reimann, sagte prophetisch: »Sie, meine Damen und Herren, haben diesem Grundgesetz zugestimmt, mit dem die Spaltung Deutschlands festgelegt ist. Wir unterschreiben nicht! Es wird jedoch der Tag kommen, da wir Kommunisten dieses Grundgesetz gegen diejenigen verteidigen werden, die es angenommen haben!«

Die KPD wurde in der Bundesrepublik verboten. Die heutigen Linken bestätigen Jahr für Jahr Max Reimanns Vorahnung.

Am 7. Oktober 1949 wurde dann folgerichtig die Deutsche Demokratische Republik gegründet. In der neuen Hymne hieß es:

»Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt,

lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland! …

Lasst das Licht des Friedens scheinen, dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint …«

Auf diesem Weg kam die DDR zu erstaunlichen Erfolgen. Sie wurde trotz des jämmerlichen Erbes ein geschätzter Industriestaat. Sie war Mitglied der UNO und hatte mit 130 Staaten diplomatische Beziehungen und Handelsverträge. Sie saß in Helsinki neben Kanzler Schmidt und den Repräsentanten der USA und der UdSSR zur Unterzeichnung der Schlussakte der KSZE. In Bonn und München gab es Staatsempfänge. Natürlich haben wir auch Fehler gemacht, aber wir bekamen auch viele Knüppel in die Beine geworfen. Die meisten aus den Bonner Amtsstuben und Funkhäusern. Weil jener Spalterstaat uns nicht wahrhaben, sondern weghaben wollte. Was schließlich auch gelang. Nicht, weil er besser war, nur, weil er stärker war. Jetzt fürchten die leidgeprüften Nachbarstaaten wieder, dass sich Deutschland zu stark fühlt. Das mag manche Landsleute beglücken. Ich fühle mich schlecht dabei, weil ich erlebt habe, wo Größenwahn endet.       

Günter Herlt, Jahrgang 1933, Berliner. Volksschule, Zimmermannslehre, ABF-Studium in Weimar. Ab 1954 Radioreporter, dann Direktor am Sender Schwerin, später Autor und Leiter im Bereich  dramatische Fernsehkunst in Berlin-Adlershof, danach bei der TV-Unterhaltung.  Ab 1968 Kommentator und Korrespondent des DDR- Fernsehens, zuletzt Chefredakteur für Auslandsreportagen. Autor von Hör- und Fernsehspielen, Kabarettszenen und zahlreicher Bücher zum Kichern und Grübeln. Siehe: www.eulenspiegel.com/autoren

Anmerkung:

[1]  Die erste erfolgreiche Zündung einer sowjetischen Atombombe fand am 29. August 1949 statt.

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