Denk! Mal! Revolution!
Dr. Gesine Lötzsch, Berlin
100 Jahre Revolutionsdenkmal
Tausende Menschen treffen sich in jedem Jahr im Januar, um an Karl und Rosa zu erinnern. Die Menschen, die sich hier treffen, teilen eine Überzeugung: Eine andere Welt ist möglich. Was das im Detail bedeutet – dazu gibt es sicher unterschiedliche Vorstellungen. Aber einen Grundsatz haben alle: Die Welt soll frei sein von Ausbeutung und Krieg. Seit über 100 Jahren treffen sich hier Menschen, die sich mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und ihren Ideen verbunden fühlen.
Nach dem Ende der DDR übernahm die Berliner PDS, jetzt die Berliner Linke, die Verantwortung für dieses alljährliche große Treffen. Es wurde intensiv diskutiert, welche Form das Gedenken habe solle. Auf dem Friedhof selbst sollte es ein stilles Gedenken ohne Fahnen und Transparente sein. Bis zum Friedhofseingang nahmen viele an einer großen Demonstration teil. An dieser Demonstration nehmen die unterschiedlichsten Gruppen teil. In jedem Jahr werden es mehr. Eine Kooperation in der Zeit von Januar bis Januar untereinander gelingt leider zu selten.
Am Rondell – der Gedenkstätte der Sozialisten – legen Menschen Blumen nieder. Menschen aus dem ganzen Land, aber auch vielen anderen ausländische Gäste, interessieren sich für die Schicksal der Menschen, derer hier gedacht wird. Es ist in jedem Jahr auch eine gegenseitige Ermutigung, ein Wiedersehen Gleichgesinnter.
Nur wenige machen sich auf den Weg in den hinteren Teil des Friedhofs. Hier befinden sich eine Erinnerungsstele und mehrere Dokumentationstafeln. Von 1926 bis 1935 erhob sich hier das Revolutionsdenkmal. Ein Denkmal für die Novemberrevolution 1918. Und eine Erinnerungsstätte für die ermordeten Führer der Arbeiterklasse, für Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und viele andere.
Totenehrung offiziell behindert
Warum aber ist diese Gedenkstätte im hinteren Teil des Friedhofs? Die USPD und KPD wollten, dass Karl Liebknecht und weitere 31 Opfer der Januarkämpfe auf dem Friedhof der Märzgefallenen von 1848 beigesetzt werden. Dieser befindet sich im Friedrichshain, also näher am Stadtzentrum. Das verweigerte der Berliner Magistrat. Die Friedhofsverwaltung Friedrichsfelde teilte das Grabfeld 64 zu. Es liegt in der hintersten Ecke des Friedhofs. Eine eindeutige politische Diskriminierung – offenbar verbunden mit dem Wunsch, die Opfer vergessen zu machen. Heute wissen wir, dass das nicht gelungen ist – im Gegenteil.
Am 25. Januar 1919 wurden 32 Tote beigesetzt. Tausende erwiesen ihnen die letzte Ehre. An den Gräbern sprachen Clara Zetkin, Luise Zietz und andere. Für Rosa Luxemburg wurde ein leerer Sarg beigesetzt. Bekanntlich wurde ihre Leiche von ihren Mördern geschändet und in den Landwehrkanal geworfen. Bis heute wird immer darüber diskutiert, was aus ihren sterblichen Überresten geworden ist.
Vor einigen Jahren glaubte der Arzt und Rechtsmediziner Michael Tsokos, die Wasserleiche in den Beständen der Charité gefunden zu haben. Diese Annahme löste große Aufregung und heftige Diskussionen aus – mit hoch emotionalen Kontroversen. Letztlich konnte die Annahme nicht bestätigt werden. Allerdings gab es einen guten Nebeneffekt: Das Leben und Wirken von Rosa Luxemburg erlangte noch größere Aufmerksamkeit.
Die KPD wollte die Diskrimierung ihrer Toten nicht hinnehmen. Wilhelm Pieck trieb den Plan für ein Revolutionsdenkmal voran. Der erste Entwurf geriet konventionell. Der Kulturhistoriker und KPD-Mitbegründer Eduard Fuchs bat den Architekten Mies van der Rohe um einen Entwurf jenseits der Konventionen. Es entstand ein Kubus aus dunkel gebrannten Klinkern, gebildet aus gegeneinander versetzten Quadern mit einer Fahnenstange und einem Sowjetstern. In einem ihrer letzten Artikel hatte Rosa Luxemburg Ferdinand Freiligrath zitiert: »Ich war. Ich bin. Ich werde sein.« Das bezieht sich auf die Revolution von 1848.
Am 10. Februar 1933, wenige Tage nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, wurden hier drei von den Nazis ermordete junge Arbeiter beigesetzt. Zum ersten und zum letzten Mal sprachen Sozialdemokraten und Kommunisten am Grab vor dem – am 13. Juni 1926 enthüllten und einen Monat später feierlich eingeweihten – Revolutionsdenkmal.
Abgerissen
Dem NS-Regime war das Denkmal ein Dorn im Auge. Zunächst wird die Anlage von der Gestapo beobachtet. Jeder, dar hier Blumen niederlegte, geriet in Gefahr. Der große Sowjetstern wurde entfernt. Er wird in das sogenannte Revolutionsmuseum der NS-Standarte 6 in Berlin-Mitte gebracht.
Im November 1934 beschließt das Bezirksamt Lichtenberg den Abriss des Revolutionsdenkmals. Im Januar beginnt der Abriss. Einige Grabplatten – darunter die von Karl und Rosa – wurden von Friedhofsarbeitern versteckt. Damit riskierten sie ihr Leben.
Im Jahr 1935 wollten die Nazis die Denkmalschändung noch im Verborgenen halten. Zwei Lichtenberger Arbeiter, die den Abriss fotografieren wollten, wurden von der Gestapo verhaftet. Bilder gibt es trotzdem. Ein Besucher aus Japan Etsuji Sumiya fotografiert den Abriss. Sumiya lebte von 1895 bis 1987. Er war Journalist, Wirtschaftshistoriker, Professor in Kyoto. Vier Jahrzehnte nach dem Abriss übergibt er die Aufnahmen einer Delegation aus der DDR. Wir schulden ihm großen Dank.
Im Januar 1946 nimmt die KPD die Tradition des Gedenkens an Liebknecht und Luxemburg wieder auf. Es wird eine provisorische Nachbildung des Denkmals erbaut. Im Januar 1951 wird die Gedenkstätte der Sozialisten im vorderen Teil des Friedhofs errichtet. Der authentische Ort gerät – zumindest zeitweise – in Vergessenheit.
Wiederaufbau-Debatte
Bis heute gibt es immer wieder kontroverse Diskussionen um einen möglichen Wiederaufbau. Das hängt auch mit dem Architekten Mies van der Rohe zusammen. Als Vertreter des Bauhauses erhielt er in Nazi-Deutschland keine Aufträge mehr. Er ging in die USA. Er war und ist ein Architekt von Weltruhm. Das Bauhaus wird übrigens heute von der AfD massiv angegriffen. Es ist für uns eine wichtige Aufgabe, das Vermächtnis des Bauhauses und das historische Erbe zu verteidigen.
Nach dem Jahr 1945 ist in Deutschland nur ein einziges Gebäude nach seinen Plänen entstanden – die Neue Nationalgalerie in der Potsdamer Straße. Das nahmen (West-) Berliner Architekturstudenten zum Anlass, einen Grundstein vor der Nationalgalerie zum Wiederaufbau des Revolutionsdenkmals zu legen. Zum Bau kam es nicht.
Lichtenberg – nicht nur Friedrichsfelde – ist eng mit Mies van der Rohe verbunden. Im Ortsteil Alt-Hohenschönhausen, direkt am idyllischen Obersee, befindet sich die Haus Lemke, ein Bau von Mies van der Rohe.
Nach 1989 konnten die Kommunalpolitiker dieses Haus vor der geplanten Privatisierung schützen. Heute beherbergt es ein Museum, wechselnde Ausstellungen. Die langjährige Leiterin des Hauses, Wita Noack, hat es zu einem Haus von internationaler Bedeutung entwickelt. Regelmäßig finden dort Diskussionen statt, so auch zu Wiederaufbau ja oder nein. Für beides findet man Argumente.
In diesem Zusammenhang muss man natürlich auch darüber nachdenken, was wiederaufgebaut wurde und was nicht. Zu Recht wird kritisiert, dass Werke der Moderne vernachlässigt werden. Aber der Wiederbau des Berliner Schlosses wurde politisch brachial durchgesetzt. Architektur und Stadtgestaltung sind eben auch immer Machtfragen.
Aber: Es gäbe vieles zu klären. Wer wäre der Träger eines solchen Aufbaus, eine Partei, ein Verein, die Stadt Berlin – oder das Bezirksamt, das schließlich 1934 den Abriss beschlossen hatte?
Viel wichtiger aber: Was heißt Revolution heute, ganz praktisch? Für mich bedeutet es vor allem die Beendigung aller Kriege. So lange am Krieg verdient wird, wird es Kriege geben. In Deutschland steigen die Rüstungsausgaben unablässig. Nicht nur Wehrtüchtigkeit, nein Kriegstüchtigkeit wird unablässig propagiert.
Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg haben uns gezeigt, wie mutig sie gegen den Krieg aufgetreten sind und wie teuer sie bezahlt haben. Die Aufgaben, die sie sich und uns gestellt haben sind noch aktuell – leider. Wenn in unserem Land kein Kind in Armut aufwachsen müsste, wäre auch das schon eine Revolution. Viele Linke scheuen sich heute, den Begriff Revolution zu verwenden. Bei Forderungen zur Verbesserung der Lebenssituation der Menschen wird oft eilig betont, das wäre doch keine Revolution. Schade eigentlich. Vielleicht könnte uns das Revolutionsdenkmal daran erinnern, wie wichtig Revolutionen zur Verbesserung des Lebens der Mehrheit wären.
Um an die Geschichte des Friedhofs und seine vielfältigen Gedenkstätten zu erinnern und sie für die Zukunft zu erhalten, hat sich der Förderkreis Erinnerungsstätte der deutschen Arbeiterbewegung Berlin-Friedrichsfelde gegründet.
Regelmäßig lädt unser Genosse Prof. Dr. Jürgen Hofmann zu informativen Rundgängen [1] ein. Am 12. Juli 2026 um 14 Uhr heißt das Thema: »Ikone der Moderne. Vor 100 Jahren wurde das Revolutionsdenkmal eingeweiht.« Eine gute Gelegenheit, den Friedhof zu besuchen.
Quellen unter anderem: Informationstafeln aus dem Friedhof Friedrichsfelde.
Anmerkung:
[1] Siehe www.sozialistenfriedhof.de – Aktuelles.
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