»Den Schlaf der Welt stören«
Gina Pietsch, Berlin
Wolfgang Amadeus Mozart zum 270. Geburtstag – Eine Hommage
… il est zu treuherzig, urteilt ein Freund der Familie. Trotzdem – seinem Vater, der einen Hang zum Opportunismus hat, rät er: nicht zu viel zu kriechen.
Wir reden über einen politischen Charakter. Er hat Merkmale des Radikalen, Ketzerischen, Revolutionären. Uneigennützig, aber mit Gier nach Redlichkeit, misstrauisch gegen jede Autorität, zornig gegen alle, die ihre Macht missbrauchen. Und: was mir am lächerlichsten vorkömmt, ist das grausame militaire ... So modern war Mozart, dabei begeisterungsfähig, wenn es um kriegerische Verteidigung gerechter Interessen ging, besonders die der Armen.
… die besten und wahrsten freunde sind die armen – die Reichen wissen nichts von freundschaft!
Adelsprädikate interessierten ihn wenig: Das Herz adelt den Menschen; und wenn ich schon kein graf bin, so habe ich vielleicht mehr Ehre im leib als mancher graf ...
Geht er also an gegen Kaiser, Krieg, Kirche, Klerus, für Frauenbefreiung und Friedensbewegung, so sehen wir das weniger in seinem Privatleben als auf seinen Bühnen.
Mindestens in seinen fünf Wiener Meisteropern Entführung, Figaro, Don Giovanni, Cosi und Zauberflöte ist er ein politischer Opern-Komponist, der deutlich soziale Komponenten, dem Zwang unterworfene Menschen aus dem Volk, wie Figaro, Leporello, Masetto und Despina, zeigt.
Insbesondere trifft das die Frauen. Sarastro in der Zauberflöte verkündet Pamina gegenüber:
Ein Mann muss eure Herzen leiten,
denn ohne ihn pflegt jedes Weib
aus ihrem Wirkungskreis zu schreiten.
Diesen Machismo macht Pamina nicht mit, und Papageno – oft nur als Witzfigur dargestellt – ist ihr ein mutiger Mitstreiter.
Ein früher Feminist
Mozarts lebenslange Vorliebe gilt dem Land, das 1702 als erstes eine Tageszeitung hatte, also England, das eindeutig politisch motiviert. Dort sind früh schon die später von Mary Wollstonecraft propagierten »Rights of Woman« anerkannt. Frankreich hatte nachgezogen mit Rousseau und Madame d’Épinay, erste Dame der Aufklärung in Paris, ehemalige Mäzenin und Freundin von Voltaire und Rousseau, bei der Mozart bei einem längeren Aufenthalt wohnt. Mozart nutzt beinah alle seine Opern, um die Gedanken der Frauenemanzipation in Handlung umzusetzen. In Entführung aus dem Serail triumphiert die englischblütige Blonde über Osmin, im Figaro ist immer tonangebend seine Frau, eine Dienerin, Susanne. Zusammen mit der Gräfin Almaviva führen sie den Grafen hinters Licht mittels des überirdisch schönen Briefduetts, das ihn in den Garten lockt. Und nicht zu vergessen der schon in der Ouvertüre angekündigten Racheakt zur Bestrafung Don Giovannis wegen Fast-Vergewaltigung von Dona Anna. Wer sorgt sich um diese Frauen? Das Verbrechen, dem sie zum Opfer fallen, ist nur die eine schlimme Seite, die sie aushalten müssen, die Konsequenzen, die die Gesellschaft daraus zieht, meist schlimmer, wobei das Verstoßen ins Kloster noch die menschlichste Variante ist. Diese Unglücklichen brauchen Helfer. Und Mozart ist der Anwalt dieser neuen Symbole für die Natürlichkeit einer besseren Zeit, Blonde, Susanne, Pamina. Die Aufzählung ist erweiterbar und bestätigt, was heute schon mancher seiner Biografen meint: Mozart – ein früher Feminist. Wie das kommt?
Da Ponte und Schikaneder helfen dabei und die Freimaurer, zu denen Mozart bald als Mitglied gehört, was die gesamte Zauberflöte deutlich macht. Voltaire hatte noch als Forderung in den Raum gestellt, hier wird es als nahe Wirklichkeit erklärt:
Bald prangt, den Morgen zu verkünden,
die Sonn’ auf goldner Bahn,
bald wird der Aberglaube schwinden,
bald siegt der weise Mann.
Das unter dem von oben revolutionierenden Kaiser Joseph II., der mit seinen nie ganz konsequent durchgezogenen Reformen scheitert. Immerhin schafft er 1781 die Leibeigenschaft ab. Mit seinem Tod, unter Leopold II., erstarkte die Reaktion wieder, Mozart kam auf schwarze Listen. Da Ponte flüchtete auf die »Insel der Freiheit«, also England.
Mozart zielt auf die Unteren, komponiert die Entführung in deutscher Sprache, denn das Italienische war die Kunstsprache der Oper, das Französische die des Schauspiels. Hier nun musste die Adelsklasse auch das Privileg der Kunst mit dem Volke teilen. Joseph fördert das, senkt die Eintrittspreise, erhöht den Staatszuschuss. Goethe schreibt begeistert über »unsere deutsche Hauptstadt Wien«, aber die Einrichtung der deutschen Oper gelingt unter Joseph nicht mehr. Bis zur Zauberflöte hin schreibt Mozart nun wieder italienische Opern.
Salzburg und der Papa
Gehen wir zu den Anfängen zurück: Mit drei Jahren die ersten Kompositionen, mit sieben Jahren die ersten Reisen. Erste Europa-Konzerttourneen mit Familie vom 9. Juni 1763 bis 29. November 1766, vom Vater so angeworben: Miss Mozart, elf Jahre und Master Mozart, sieben Jahre, Naturwunder, nehmen die Gelegenheit wahr, der Öffentlichkeit das größte Wunder vorzuführen, dessen sich Europa oder die Menschheit rühmen kann. Der Benediktinermönch Placidas Scharl beschreibt des Kleinen Klavierspiel: Die Oktav, welche er mit den kurzen Fingerle noch nicht zugleich erspannen konnte, erhupfte er mit artiger Geschwindigkeit und wunderbarerer Akuratesse.
Leopold, der Vater, ein religiöser Dissident, ist immer unzufrieden, überwacht den Sohn ständig. Dieser muss keusch und unverheiratet bleiben, darf keine Schule und Uni besuchen, weil er dort Versuchungen unterlegen sein könnte. Der Vater sein einziger Lehrer, gebildet, aber ohne Glauben an Brüderlichkeit oder das Gute im Menschen, Gelderwerb beinahe sein einziger Gedanke. Die großen Gewinne der großen Reisen verheimlicht Leopold, streicht sie ein und und lügt wegen angeblicher Schulden, die er machen muss, um seinen Sohn zu förden. Und der Sohn? Größte Furcht, dem Vater zu missfallen. Nach gott kommt gleich der Papa. Es dauert lange, bis er begreift, er muss seinen Vater verlassen, um als Mensch und Künstler überleben zu können. 1777 wird er dann auch sein Verhaltensmuster der Unterwerfung unter den Vater aufgeben, zwar seelisch erschöpft, aber begierig, seine Kraft zu zeigen. Er war um alles gebracht worden, Geld, Zeit, Liebe, günstige Gelegenheiten, sein Talent zu leben.
Das Salzburg aber wird ihm sowieso jeden Tag widerwärtiger. 1779 schreibt er seinem Vater: daß ich Salzburg und di ihnwonner … nicht leiden kann; – mir ist ihre Sprache – ihre lebensart ganz unerträglich. Er ist eingestellt und vorbereitet auf jede andere Umgebung.Lernbegierig auf alles, kann innerhalb weniger Jahre französisch, italienisch und englisch und beinahe alles in der Musik.
Und doch: er wird noch lange Zeit mit Küchenjungen und Kammerdienern an einem Tisch sitzen müssen. Höchst empfindlich für Klassenunterschiede, war Selbstbewusstsein, das Beethoven zugeschrieben wird, bei Mozart schon vorhanden. Am 8. Juni 1781 kündigt er endgültig den Salzburger Dienst auf.
Aufklärerische Zeiten mit Constanze
Sexueller Hunger und Sehnsucht nach einer erfüllten Liebesbeziehung spielen lange schon eine große Rolle. Seit 1778 ist da sein »Bäsle«, Maria Anna Thekla Mozart, die Cousine, der er seine erste Liebe schenkt und uns dafür die vielleicht schönsten, zweideutigen, überschwänglich komisch mit reichlich Obszönitäten ausgestatteten Liebesbriefe der Kulturgeschichte.
Am 4. August 1782 die Heirat mit der Cousine von Carl Maria von Weber, Constanze. Leopold ist so dagegen, dass er den Sohn enterbt, wie seine Mutter ihn enterbt hatte. Mozarts Ehe mit Constanze ist eine sehr glückliche, wenn auch viele Biografen, einschließlich des berühmten Wolfgang Hildesheimer, sie als oberflächlich, ungebildet, leichtsinnig, gewinnsüchtig und schlechte Hausfrau charakterisieren, alles durch Leopold in die Welt gesetzt.
Kurz vor dieser Hochzeit, nicht frei von autobiografischen Zügen, am 16. Juli 1782, die Premiere von Die Entführung aus dem Serail. Dies auch eine Laudatio auf das von Mozart als Land der Freiheit empfundene England. Die Figur Blondchen ist eine junge englische Kämpferin, die dem Aufseher Osmin gehörig die Meinung geigt. Entführung ist außerordentlich erfolgreich und aufgeführt in 15 deutschen Städten, so dass Mozart fast nahtlos Oktober 1785, wie immer neben vielem anderen, übergeht zum Komponieren von La nozze de Figaro. Da spricht sich dann herum: Was in unseren Zeitungen nicht erlaubt ist, gesagt zu werden, wird gesungen. Das ist Lorenzo Da Ponte zu danken, der das Libretto schrieb, von Mozart im berühmten Film von Forman Joseph II. als völlig ungefährlich angepriesen, »weils nur um Liebe geht«. Auch der heute sehr angezweifelte Biograf namens Abert meint: Mozart geht also weder auf Politik noch auf Moral aus, weder auf Kultur- und Sittengeschichte noch auf Belustigung des Verstandes und Witzes. Es ist ihm vielmehr nur darum zu tun, … ein Stück des ewigen menschlichen Lebensreichtums widerzuspiegeln. ... Da ist aber übersehen, wie im Figaro der Adel scharf hergenommen wurde, also die Kritik in Beaumarchais Komödie Der tolle Tag oder Die Hochzeit des Figaro aus dem Jahr 1778 in keinster Weise ent-, im Gegenteil verschärft wurde. Will der Herr Graf den Tanz mit mir wagen … ich spiel ihm auf – diese Arie kennt dann bald jeder, mehr aber noch den Antikriegsmarsch, Non più andrai – Nun vergiß leises Flehn, süßes Kosen. Mindestens aber genau so erstaunlich, welche Rolle hier die Frauen spielen, allen voran Susanne, die Dienerin der Gräfin, die durchaus keine Lust hat, das berüchtigte »Jus primae noctis«, also »Recht der ersten Nacht«, dem Grafen wieder durchgehen zu lassen. Alles Wichtige, Widerständige, Feministische, der Widerstand gegen den Grafen wird von der Gräfin, aber in Regie von Susanne durchgeführt. Auch die Titelfigur, die Susanne liebt, muss sich da hin und wieder beugen. Der Graf selbst steht am Schluss da, aller Autorität entkleidet. Die Französische Revolution ist, unausgesprochen, immer präsent. Und Mozart, der nun bei einigen Kollegen »musikalischer Sansculotte« heißt, bleibt bei dieser Sicht auf die Welt.
1787 Don Giovanni, die Aufnahme im Wiener Burgtheater mäßig, fünfzehn mal 1788 gelaufen, dann verschwunden, weil zu gelehrt und wenig passend für die Stimme, so eine Gräfin de la Lippe. Ja eine neue musikalische Ästhetik tut sich da auf und fördert die heißen Themen. Das sind in den Da-Ponte-Opern und der Zauberflöte Verführung und Vergewaltigung, Bedrohung mit sexueller Gewalt, die zwar nie vollzogen, aber immer angedroht wird; aufregende Sicht auf die Frauen, Donna Anna, die Bedrängte, Donna Elvira, die Betrogene, Zerlina, die Umworbene und beinah Vergewaltigte. Dabei kommt der erfolgverwöhnte Giovanni bei allen nicht mehr so richtig zum Zuge. Mozart erörtert das mit seiner Musik. Wichtig dabei, dass er seine Figuren nie durch Musik denunziert, eher musikalisch um Verständnis für deren Handlungsweisen wirbt. Auch die alten Frauen, die in schlechten Inszenierungen meist hässlich vorgeführt werden, sind in der Musik schön. Man kann das, ohne zu übertreiben, Feminismus nennen.
Im Hintergrund die Zeiten. Es sind schwierige. Dieses Österreich hinkt wirtschaftlich dem progressiven England und dem bald folgenden revolutionären Frankreich in allem hinterher. 80.000 Menschen sollen 1770 in Böhmen verhungert sein, 150.000 in Sachsen. Da bricht natürlich auch der Markt für Luxusartikel wie Kunst zusammen.
Mozart selber, nicht besonders schön, aber, wie er selber von sich sagt, groß, sein Körper klein, mit einem großen Kreis von Freunden, besonders ab der Freimaurerzeit 1784 in der Loge »Zur neugegründeten Hoffnung«. Wichtig für Mozart wegen deren Hingabe an die Schönheit, die Neigung zum vernunftbestimmten Denken, die Verachtung des Aberglaubens und die Leidenschaft für Gerechtigkeit. Der ganze 2. Akt seiner letzten Volksoper Die Zauberflöte ist ein Hymnus auf die aufklärerische Utopie des gerecht und zum Wohle des Volkes regierten Staates. Sie erreicht in Emanuel Schikaneders Freihaustheater mehrere hundert Aufführungen. Und die eigentliche Heldin des Stückes ist wieder eine Frau – Pamina.
Und seine eigene Frau, Constanze? Sie war krank am Fuß und brauchte mehrere Kuren, die letzte im Sommer 91. Er schreibt ihr hinreißende Briefe: adieu – liebe – einzige! – fang du auch auf in der Luft – es fliegen 2999 und ½ Bussel von mir, die aufs aufschnapen warten …
Es kursieren Gerüchte über seine Untreue. Die Trennung von seiner Frau beeinflusst seine Arbeit.
Es wird in jeder Hinsicht ein trauriges Ende. Das Requiem – legendenumwoben, gut bezahlt. Hintergrund, der Auftraggeber, ein Graf Walseck, will deshalb nicht genannt werden, weil er das Werk als seines ausgeben wollte. Mozarts Todeskrankheit dauerte 15 Tage. Am 20. November 1791: Geschwulste an Händen und Füßen, Ausbrechen eines rheumatischen, entzündlichen »Friesel Fiebers«. In der Nacht zum 5. Dezember stirbt der größte Komponist, den die Welt hat, wie Joseph Haydn ihn nennt.
Und einer seiner Biografen, Maynard Solomon, sagt: Nach Ausweis der Da-Ponte-Opern und der Zauberflöte ist Mozart einer jener seltenen schöpferischen Persönlichkeiten gewesen, die gekommen sind, um den Schlaf der Welt zu stören …
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