Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

»Hier gibt es Land umsonst«

Prof. Dr. Siegfried Kuntsche, Uelitz

Zur Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone 1945/1946 vor 75 Jahren

Am 5. September 1945 veröffentlichte die »Volks-Zeitung« aus Halle eine »Verordnung der Verwaltung der Provinz Sachsen über die Durchführung der Bodenreform«. Fast identische Gesetze beschlossen die Landesverwaltungen der anderen vier Länder der sowjetischen Besatzungszone. Der Gesetzgebung gingen von der KPD initiierte Beratungen in den Landesblockausschüssen der Parteien voraus. Am 2. September 1945 erläuterte Wilhelm Pieck, Vorsitzender der KPD, das Bodenreform-Konzept in der Kleinstadt Kyritz vor Flüchtlingen und Einheimischen aus den Dörfern – vielfach textgenau die Festlegungen der Bodenreform-Verordnungen.

Ausgangspunkt von Piecks Rede war, Lehren zu ziehen aus der Katastrophe, die Hitler durch den Krieg verursacht hatte. Die Kriegsschuldigen und die Kriegsverbrecher müsse man zur Verantwortung ziehen: »Es sind die Krupp … und Konsorten. Es sind die Großgrundbesitzer, die Junker und Feudalherren, die hauptsächlich die Generale für den Krieg stellten, es sind die Naziführer und ihre aktiven Helfer.« Also »entschädigungslose Enteignung des gesamten Großgrundbesitzes …, der sich in den Händen der Kriegsverbrecher, der Kriegsschuldigen, der Naziführer und der anderen aktiven Nazis, der Mitglieder der Gestapo, der Hitlerregierung und des faschistischen Reichstages befindet, ferner der gesamte Großgrundbesitz von über 100 Hektar mit allem lebenden und toten Inventar«.

Staatlicher Boden sollte in den Bodenfonds eingehen, sofern er nicht von wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen, Universitäten und Schulen verwandt wird. Der Besitz der Städte und Kommunen sowie der Kirchen sollte unangetastet bleiben.

Pieck stellte detailliert die »organisatorischen Maßnahmen« dar, in deren Zentrum das Wirken von Gemeindebodenkommissionen stand. Die Aufreihung der Aufgaben schloss der Redner mit folgender Bemerkung: »Das sind die allgemeinen Grundzüge der demokratischen Bodenreform, die sich auf Grund der bisherigen Vorschläge und Beratungen der Bauern und Landarbeiter ergeben haben.« Der Nachsatz kann allenfalls auf Gespräche agitatorischen Charakters von KPD-Aktivisten zur Bodenreform-Passage im Aktionsprogramm der Partei bezogen werden. Piecks Äußerung verdeckte verständlicherweise die reale Entstehungsgeschichte.

Wie wir seit geraumer Zeit wissen, wurde bereits während der Potsdamer Konferenz im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR in Moskau ein Konzept für eine Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone erarbeitet. Der Text der Verordnung entstand letztlich im August 1945 in einer Beratung von Wladimir Semjonow, dem Politischen Berater bei der SMAD, mit Rudolf Reutter, Leiter der Abteilung Landwirtschaft im KPD-Zentralsekretariat, und wahrscheinlich auch mit Edwin Hoernle. Am 20. August 1945 hatten W.M. Molotow und A.Ja. Wyschinski Stalin das Konzept zur Bestätigung übergeben. Vermutlich handelte es sich beim Verordnungstext um jenes Dokument, das Wolfgang Leonhard vom Russischen ins Deutsche übersetzte, wie er es in seinen Memoiren berichtet. [1]

Den Ausführungen zum Bodenreformprogramm folgte in der Rede von Wilhelm Pieck u. a. folgende treffliche Argumentation: »Die von Feinden der Bodenreform oft kolportierte Behauptung, daß die KPD eine Kollektivierung der Bauernwirtschaften herbeiführen will, entbehrt jeder Grundlage. Das bäuerliche Privateigentum soll vollständig erhalten werden. Das ergibt sich auch schon daraus, daß die demokratische Umgestaltung Deutschlands sich nicht auf einer sozialistischen Basis vollzieht, sondern bei Aufrechterhaltung des Kapitalismus.« [2]

Bei den Beratungen in den gemeinsamen Ausschüssen der antifaschistischen Parteien KPD, SPD, CDU und LDP auf Landesebene war man sich über das »Ob« ziemlich rasch einig. Man wusste, dass hinter dem Drängen der KPD eine Entscheidung der Besatzungsmacht stand – die Alliierten hatten die »oberste Regierungsgewalt« übernommen – gemeinsam für Deutschland, aber zugleich jeder in der eigenen Besatzungszone. Einen direkten Befehl der SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland) gab es nicht. Die Besatzungsmacht hielt im Hintergrund die Zügel in der Hand. Sie erwartete, dass es die KPD als von ihr geförderte Partei vermochte, die Bodenreform als gemeinsames Ziel im Zusammenwirken mit den anderen Parteien durchzusetzen. Es ist hier noch anzumerken, dass die Bodenreform zwar zunächst ein Alleingang von Stalin war, aber im Einklang stand mit den von den USA und von Großbritannien noch vor Kriegsende entwickelten Zielstellungen. Das wurde schließlich im Beschluss der Moskauer Außenministerkonferenz von 1947 sichtbar, in ganz Deutschland eine Bodenreform durchzuführen.

Das »Wie« der Umwälzung war heftig umstritten:

Jetzt schon – wo alle Kraft auf die Herbstbestellung zu konzentrieren war, wo massenweise Vieh abgetrieben wurde, Vorräte als Beutegut beschlagnahmt wurden und Industriewerke stillstanden? Zwar hatte die KPD in ihrem Aktionsprogramm am 11. Juni eine Agrarreform angekündigt, aber kaum einer hatte in solch einer Notzeit mit einer baldigen Aktion gerechnet. Pauschal alle Besitzer von Betrieben über 100 Hektar entschädigungslos enteignen, auch wenn sie nur »Mitläufer« der Nazipartei gewesen waren? Kleinbäuerliche Stellen schaffen, die als sogenannte Selbstversorger wohl nur wenig zur allgemeinen Ernährung beitragen würden? Wie die Landbevölkerung selbst zum Mittun mobilisieren, also den Verwaltungsakt mit demokratischer Selbstbestimmung zu verbinden, obwohl allenfalls nur KPD und SPD Zellen in den Dörfern hatten? Es sollte sich schließlich zeigen, dass solche Bedenken begründet waren.

Christel Genschmer erlebte als Flüchtlingsfrau die Veranstaltung mit Wilhelm Pieck in Kyritz: [3] »Am 2. September 1945, dem Tag der Kyritzer Versammlung, fuhren wir Blandikower mit dem Pferdewagen der Kommandantur bis nach Herzsprung. Dort trafen wir mit weiteren Leuten aus den umliegenden Dörfern zusammen. Wir waren etwa 15 Personen. Zu Fuß ging es in Richtung Kyritz weiter. Als wir dort ankamen, war der Versammlungsraum bereits überfüllt. Wir stellten uns in die Menge vor dem Gebäude. Hier ging es lebhaft zu. Die Gespräche drehten sich hauptsächlich um die Aufteilung der Güter. Keiner wußte so recht Bescheid, aber dennoch wurde diskutiert, als sei die Landaufteilung beschlossene Sache. In der Menge hatten sich zwei Gruppen gebildet. Eine, die dafür, und eine, die dagegen war. Sie redeten so heftig aufeinander ein, daß es beinahe zu einem Handgemenge gekommen wäre. Ich kann mich noch genau erinnern, daß einige Leute aus Ganz lauthals verkündeten: ›Das sollen die sich man wagen, unser Gut in Ganz anzufassen! Da sind wir alle da, da gibt es solche Dresche, daß keiner ´rankommt´. Da passen wir schon auf.‹ Von dem, was sich im Saal abspielte, bekamen wir nicht allzuviel mit. Zunächst interessierte uns, wer dort sprach. Uns wurde gesagt, dass ist einer von der KPD aus Berlin, ein gewisser Wilhelm Pieck. Als es im Saal etwas Wichtiges gab, wurde es auch draußen ruhiger. Die am dichtesten an der Tür standen, gaben die Informationen weiter. So erfuhren wir, daß die Junkergüter und die Wirtschaften von Naziaktivisten an Landarbeiter und Kleinbauern sowie an Umsiedler aufgeteilt werden, Ich hörte auch, daß im Saal angefragt wurde, was mit dem Vieh wird. Geantwortet wurde, das Vieh wird mitverteilt. Wieder ging in der Menge die Diskussion los, und einige sagten: ›Dazu wird es nicht kommen, vorher verschwindet das Vieh‹. Der Redner im Saal teilte auch mit, dass Umsiedler, Landarbeiter und andere Siedlungsinteressenten Kommissionen zur Aufteilung der Güter bilden sollen. Uns, die wir Land haben wollten, bewegten zahlreiche Fragen. Mir war vieles noch unklar. Wie kann der Acker gerecht verteilt werden? Wo sollen die Ställe für das Vieh herkommen. …«

Die Verkündigung der Bodenreform und die Aufsiedlung des Gutsbesitzerlandes lösten keine Beifallsstürme aus. Wohl kaum einer konnte sich vorstellen, dass in einer extremen Notzeit neue Wirtschaften entstehen könnten. Die meisten dachten zudem, ein solcher Umbruch wie die Bodenreform wäre nicht von Dauer und nach dem Abzug der Besatzungs­truppen kehrten die alten Verhältnisse zurück. Die Flüchtlinge hofften, in die alte Heimat zurückzukehren.

Festigung der Neubauernhöfe langwierig

Trotz dieser Stimmungslage kam die Bodenreform voran und es wurden zugleich Herbstbestellung und ordnungsmäßige Viehhaltung gesichert. Bis Ende September wurden in den Dörfern Bodenreformkommissionen gebildet, die Gutsbetriebe samt dem Inventar beschlagnahmt und Bodenanwärter in Listen erfasst, bis Jahresende die Gutsflächen (mit Ausnahme der von Einheiten der Sowjetarmee bewirtschafteten Betriebe) aufgesiedelt und Vieh und Kleingeräte mittels Los verteilt. Die Bodenkommissionen wandelten sich zu Komitees der gegenseitigen Bauernhilfe. Bis Herbst 1946 stellte sich überall die Parzellenwirtschaft der Neubauern auf den Gutsflächen ein.

Zu Beginn hatte die KPD am 8. September in einem Aufruf proklamiert: »So demokratisch die Bodenreform in ihrem ganzen Wesen und von Grund aus ist, so demokratisch soll sie auch zur Durchführung gelangen … Die wichtigste Voraussetzung ist, daß die Bauern selbst Tag für Tag aktivsten Anteil an der praktischen Durchführung der Bodenreform nehmen.«  Die Kraft der KPD und der anderen Parteien reichte nicht aus, um das durchzusetzen. Durch örtliche Kontrollen und Beschwerdebriefe wurde schon im Herbst 1945 sichtbar, dass vielfach »Dorfpaschas« das Sagen hatten, Flüchtlinge und Vertriebene benachteiligt wurden und »wilde Enteignungen« geschahen. Als Edwin Hoernle, Präsident der Deutschen Verwaltung für Land- und Forstwirtschaft, im September 1946 bei den Wahlen Mittelmecklenburg bereiste, gelangte er zu der Feststellung: »Im Kreis Neubrandenburg müsste die ganze Bodenreform kassiert und neu gemacht werden.« Viele Quellenzeugnisse deuten darauf hin, dass sich Ungesetzlichkeiten in jenen Kreisen häuften, wo die neuen politischen Parteien wenig organisiert und die Landratsämter noch nicht in der Lage waren, überall in den Dörfern das Geschehen zu kontrollieren. Es darf auch nicht übersehen werden, dass die Bodenreform dadurch Schaden nahm, dass die Familien der Enteigneten mit rabiaten, z. T. geradezu inhumanen Mitteln in einer Polizeiaktion aus den Gutsdörfern hinausgeworfen wurden.

Enteignung und Landaufteilung war nur der erste Schritt, es ging danach darum, dass die Landnehmer zu Neu-Bauern wurden. Das war ein langwieriger Prozess.

Günter Urzynicok, der dem Vater im Detmoldischen telegraphierte »Komm zu uns, hier gibt es Land umsonst«, berichtet vom Anfang als Landnehmer in Steinfurth, auf dem Vorwerk von Dedelow in der Uckermark: [4] Die Familie mit vier Männern erhielt vom Bürgermeister zwei Siedlungen und den Ochsenstall, bei der Viehverteilung dann »sogar ein Pferd. Es war auf einem Auge blind, zog aber dennoch gut. Dazu kamen vier Kücken. Leider waren, wie sich bald zeigte, drei Hähne darunter. Steine für den Hausbau holten wir uns von der Schloßruine in Dedelow.« Licht, Wasser und eine feste Straße gab es zunächst nicht. Durch den Arbeitsfleiß von vier Männern und die gute Bodenqualität entstand in wenigen Jahren eine stabile mittelbäuerliche Wirtschaft. Für die meisten Landempfänger gab es sehr schlechte Startbedingungen. Manche hatten nur den nackten Boden. Im Februar 1946 gab es in Mecklenburg-Vorpommern etwa 64.000 neu Angesiedelte, aber nur 9.500 Arbeitspferde, 22.000 Rinder und 9.000 Schweine standen zur Verfügung. Lange Zeit hausten viele in Notunterkünften.Von Dedelow berichtete die Zeitung »Der freie Bauer« im Juli 1951: 17 von 32 Neubauern »wohnen unter menschenunwürdigen Verhältnissen z. T. noch in Viehställen, wo der Wohnraum nur durch eine primitive Wand abgetrennt ist. ... Die gesamte Siedlung hat kein Licht. Im Dorf ist nur ein Brunnen.« Es wurde geschätzt, dass 1950 ein Drittel der Landempfänger eine stabile Wirtschaft besaß und ein weiteres Drittel auf dem Weg dahin war. Die Festigung der Neubauernhöfe bildete eine starke Belastung für den Staat und die Altbauernschaft. Es war nicht die apostrophierte »Kleinheit« der neuen Höfe, der den Aufstieg der Neubauern erschwerte – es waren die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen.

Die Bodenreform war als tausendfaches Existenzgründerprogramm zusammen mit dem Aufbau einer modernen leistungsfähigen Industrie ein ostdeutsches Wirtschaftswunder. Sie war für zahlreiche Flüchtlinge und Vertriebene eine Lebenschance. 

Die Bodenreform stand am Anfang eines demokratischen Neubeginnens, eines Prozesses antifaschistischen-demokratischer Umbildungen. Sie entmachtete eine Kaste, deren aus dem Kaiserreich überkommene Elite die Weimarter Republik bekämpfte, die Machtergreifung durch Hitler beförderte und als Träger militaristischer Traditionen die Weltkriegspolitik als Generäle mittrugen. Die Bodenreform zerstörte durch die Enteignung der Betriebe über 100 Hektar das Hauptglied der kapitalistischen Landwirtschaft und bewirkte durch die Landumverteilung, dass Klein- und Mittelbauern die dörfliche Struktur dominierten. Es entstand auf der Basis von fast einemDritteldes Bodenfonds ein Netz von Staatsgütern für Pflanzen- und Tierzucht als Rückgrat der Landwirtschaft.

Die Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone war eine »Revolution von oben«, die zugleich durch ein Mitwirken der Landempfänger im Dorf selbst und das Handeln von antifaschistischen Aktivisten geprägt war. Sie stand im Einklang mit der Zielsetzung der Alliierten, Nachkriegsdeutschland zu entnazifizieren, zu entmilitarisieren und zu demokratisieren.

Wäre heute angesichts des massenhaften Bodenkaufs durch Landwirtschaftsfremde zur Kapitalanlage nicht eine neue Bodenreform nötig? Müsste nicht eine umfassende Landwirtschaftsreform auf den Weg gebracht werden, um der Deformierung der Agrarproduktion durch ein Profitstreben mit starker Schädigung der natürlichen Umwelt ein Ende zu setzen?

Bodenreform in Zahlen (Flächen gerundet)

  • Bodenreformflächen 3.300.000 ha = 28 Prozent der land- und forstwirtschaftlichen Flächen 1949 (9.300.000 ha)
  • Enteignete: 7.160 über 100 ha mit 2.500.000 ha Fläche; 4.537 Betriebe unter 100 ha mit 132.000 ha Fläche; staatlicher Besitz mit 650.000 ha Fläche
  • Landempfänger: 210.276 Neubauern, 122.321 Klein- und Mittelbauern mit Land- und Waldzulagen

Wandlung der Agrarstruktur

  • Zahl der Betriebe mit Wirtschaftsfläche (dabei Anteil an Gesamtfläche in Prozent):
  • Gruppe 5 bis 10 ha: 1939 – 90.650 mit 656.000 ha (7,2 %); 1949 – 216.450 mit 1.700 ha (20,5 %)
  • Gruppe 10 bis 20 ha: 1939 – 97.800 mit 1.400 ha (15,5 %); 1949 – 178.400 mit 2.400 ha (29,7 %)

Anmerkungen:

[1]  Wolfgang Leonhard, Die Revolution entläßt ihre Kinder. Köln/Berlin 1955, S. 411.

[2]  Wilhelm Pieck, Junkerland in Bauernhand, Rede zur demokratischen Bodenreform. Kyritz, 2. September 1945. Berlin 1955, S. 31-32.

[3]  Christel Genschmer, Ich nahm an der Bauernversammlung in Kyritz teil. In: Siegfried Kuntsche u.a. (Red.), Wie wir angefangen haben. Erinnerungen, Berlin 1985, S. 24-26.

[4]  Günter Urzynicok, Hier gibt es Land umsonst!, Ebenda, S. 39-40.

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