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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Halberstadt 1892

Dr. Ronald Friedmann, Berlin

 

Vom 14. bis 18. März 1892 tagte in Halberstadt der erste Kongress der Gewerkschaften Deutschlands. 208 Delegierte der Zentralverbände und einer Anzahl von lokalen Organisationen vertraten 303.519 organisierte Arbeiter.

Zu dieser Zeit war Halberstadt eine nur wenig bedeutende Kreisstadt im damaligen preußischen Regierungsbezirk Magdeburg, auch wenn in der gewesenen Hauptstadt des einstigen Fürstentums Halberstadt immerhin 35.000 Menschen lebten. Doch es überrascht nur auf den ersten Blick, dass der Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei den Repräsentanten der deutschen Gewerkschaftsbewegung gerade diesen Ort, der weitab von den großen Wirtschaftsstandorten des Kaiserreiches lag, als Tagungsort für einen Kongress empfahl, dessen Wirkungen auch heute noch, 125 Jahre später, zu spüren sind.

Denn in Halberstadt hatte die Arbeiterbewegung bereits eine lange Tradition. Im Jahre 1848, dem Jahr der Märzrevolution, gründeten Halberstädter Zigarrenarbeiter eine erste Gewerkschaftsgruppe. Sechs Jahre zuvor war es in der Stadt zu einem großen und vielbeachteten Streik der beim Eisenbahnbau beschäftigten Arbeiter gekommen. Und schließlich war in Halberstadt bereits im Jahre 1871 ein – sehr aktiver – sozialdemokratischer Ortsverein entstanden, dessen Mitgliederzahl stetig wuchs.

Auch in anderer Hinsicht war Halberstadt ein geeigneter Tagungsort für einen großen Kongress: Im Jahre 1880 war hier ein Saalbau mit dem klangvollen Namen »Odeum« errichtet worden. Man kann vermuten, dass der Betreiber seine Kundschaft vor allem aus der zahlenmäßig starken Garnison – drei Schwadronen Kürassiere und eine Batterie Füsiliere, wie zeitgenössische Lexika verraten – erwartete. Doch sehr schnell zeigte sich, dass es vor allem die Bewohner der Halberstädter Unterstadt – Arbeiter und kleine Handwerker mit ihren Familien – waren, die das neue Etablissement aufsuchten und zu »ihrem« Lokal machten. Mehr noch, wiederholt hatten organisierte Arbeiter den Wunsch geäußert, im geräumigen »Odeum« auch politische Veranstaltungen durchzuführen. Doch der Betreiber hatte immer wieder abgelehnt, was die Bewohner der Halberstädter Unterstadt schließlich veranlasste, dem beliebten Ausflugslokal den Rücken zuzukehren. Angesichts der drohenden Pleite hatte der Betreiber das »Odeum« notgedrungen an zwei neue Eigentümer verkauft, die nicht nur vom Fach, sondern auch – im Grunde nicht wirklich überraschend – aktive Sozialdemokraten waren. Nun kehrten nicht nur die Gäste zurück, die über viele Wochen und Monate ausgeblieben waren, das »Odeum« wurde zu einem politischen Treffpunkt der Halberstädter Arbeiter. Den 1. Mai 1891, den ersten Maifeiertag nach dem Ende des Sozialistengesetzes, genauer: des »Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie«, das von 1878 bis 1890 in Kraft war, feierten hier mehr als 4.000 Menschen.

Generalkommission als gemeinsames Leitungsorgan

Der Halberstädter Kongress im März 1892 stellte eine entscheidende Zäsur in der Entwicklung der deutschen Gewerkschaftsbewegung dar. Bereits seit den 1870er Jahren hatte es Überlegungen zur Schaffung eines deutschlandweiten Dachverbandes gegeben. Allerdings hatte das Sozialistengesetz einen solchen organisatorischen Zusammenschluss zunächst verhindert. Doch nur wenige Wochen nach dem kläglichen Ende des Bismarckschen Versuches, die Arbeiterbewegung in Deutschland dauerhaft zu zerschlagen, hatte eine in Berlin tagende gewerkschaftliche Delegiertenkonferenz eine siebenköpfige Kommission eingesetzt, deren wichtigste Aufgabe die Vorbereitung eines allgemeinen Gewerkschaftskongresses war. Am 18. November 1890 konstituierte sich diese Kommission als »Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands«. An ihrer Spitze stand der damals erst 29 Jahre alte Drechslergeselle Carl Legien, der in den folgenden drei Jahrzehnten, bis zu seinem frühen Tod im Jahre 1920, die maßgebliche Persönlichkeit der deutschen Gewerkschaftsbewegung sein sollte.

Carl Legien war es auch, der mit seiner Eröffnungsrede auf dem Halberstädter Kongress die Grundrichtung der nachfolgenden Debatten bestimmte. Er ging davon aus, dass es nicht die Aufgabe der Gewerkschaften sein könne, die soziale Frage einer Lösung zuzuführen, dass sie aber in Zusammenarbeit mit den politischen Parteien, insbesondere der SPD, eine deutliche Verbesserung der Situation der Arbeiter erreichen könnten. Wörtlich stellte er fest: »Gleich den Pionieren haben die Gewerkschaften den Boden zu ebnen für eine höhere geistige Auffassung und durch Erringung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen die Arbeiterklasse vor Verelendung und Versumpfung zu bewahren, um so die Massen der Arbeiter zu befähigen, die geschichtliche Aufgabe, welche dem Arbeiterstand zufällt, lösen zu können.«

Im Ergebnis heftiger, zum Teil erbittert ausgetragener Auseinandersetzungen bestätigte der Halberstädter Kongress die Existenz der Generalkommission und bekräftigte ihre Rolle als gemeinsames Leitungsorgan einheitlicher deutscher Gewerkschaften. In einem entsprechenden Beschluss wurden der Generalkommission eine Reihe von Aufgaben übertragen: »Die Generalkommission hat 1. die Agitation in denjenigen Gegenden, Industrien und Berufen, deren Arbeiter noch nicht organisiert sind, zu betreiben; 2. die von den einzelnen Zentralisationen aufgenommenen Statistiken zu einer einheitlichen für die gesamte Arbeiterschaft zu gestalten und eventuell zusammenzustellen; 3. statistische Aufzeichnungen für sämtliche Streiks zu führen und periodisch zu veröffentlichen; 4. ein Blatt herauszugeben und den Vorständen der Zentralvereine in genügender Zahl zur Versendung an deren Zahlstellen zuzusenden, das die Verbindung sämtlicher Gewerkschaften mit zu unterhalten, die nötigen Bekanntmachungen zu veröffentlichen und soweit geboten, deren rechtzeitige Bekanntmachung in der Tagespresse herbeizuführen hat; 5. internationale Verbindungen anzuknüpfen und zu unterhalten.« Die Schaffung einer zentralen Streikkasse in Verantwortung der Generalkommission wurde allerdings abgelehnt, hier blieb die Zuständigkeit der Einzelgewerkschaften erhalten. Damit war der Generalkommission aber auch die Möglichkeit genommen, über die Durchführung von Streiks zu entscheiden.

Widerstand gegen die Existenz eines zentralen Leitungs- und Führungsgremiums hatte es vor allem von Seiten örtlicher Verbände gegeben, die in ihrer Mehrzahl Angehörige hochqualifizierter Spezialberufe vertraten und die ihre Selbstständigkeit gegen jede Art von »zentraler Bevormundung« verteidigen wollten. Nachdem sich für ihre Position keine Mehrheit fand, verließen zahlreiche Delegierte der sogenannten Lokalisten unter Protest den Kongress.

Unterstützung fand der von der Generalkommission vertretene Gedanke einer zentralen Führung einheitlicher Gewerkschaften vor allem bei den bereits großen und einflussreichen Gewerkschaften der Holz- und der Metallarbeiter. So war es auch der Beschlussentwurf der Holzarbeiter, der mit Unterstützung der »Metaller« zum grundlegenden Dokument des Halberstädter Kongresses wurde. Er erklärte »die Zentralorganisation als Grundlage der Gewerkschaftsorganisation« und forderte die Organisation der Gewerkschaften nach Berufsgruppen. Die Aufnahme von Arbeiterinnen als vollberechtigte Mitglieder wurde zum Prinzip der Gewerkschaften erklärt. In einer Resolution, die von der Hamburger Plätterin Helma Steinbach, einer von nur vier weiblichen Delegierten des Kongresses, eingebracht worden war, hieß es dazu: »Die Agitation für die Ausbreitung der Organisation hat sich bei allen Berufen, in welchen Frauen tätig sind, auch auf deren Heranziehung zu erstrecken.« In der Folge stieg die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutschland bis zum Jahr 1913, dem Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, auf 2,3 Millionen.

Keine wirkliche Politisierung der Gewerkschaften

Der Halberstädter Kongress, der nicht zufällig am neunten Todestag von Karl Marx eröffnet worden war, bekannte sich demonstrativ zu den Lehren von Karl Marx, zu den Gefallenen der Märzrevolution von 1848 und zur revolutionären Sozialdemokratie. Doch zu wesentlichen Aspekten des gewerkschaftlichen Selbstverständnisses gab es keine vorwärtsweisenden Entscheidungen, die den Erfordernissen der Zeit entsprochen hätten. So betonte der Kongress zwar die entscheidende Rolle der Gewerkschaften bei der Durchsetzung der ökonomischen Interessen der Arbeiter, doch schloss er eine Teilnahme der Gewerkschaften – ganz im Sinne des Eingangsreferates von Carl Legien – an politischen Kämpfen grundsätzlich aus.

Diese widersprüchliche Position bestimmte in den folgenden fast eineinhalb Jahrzehnten die Beziehungen zwischen den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie, die in ihrem Erfurter Programm vom Oktober 1891 noch festgestellt hatte, dass der »Kampf der Arbeiterklasse gegen die kapitalistische Ausbeutung […] notwendigerweise ein politischer Kampf« sei.

Doch angesichts der Tatsache, dass sich die Generalkommission und die von ihr geführten Gewerkschaften zunehmend konsolidierten und an Einfluss innerhalb der Arbeiterbewegung gewannen, verzichtete die Führung der Sozialdemokratie in der Folge auf alle ernsthaften Versuche, eine wirkliche Politisierung der Gewerkschaften zu erreichen.

Ihren traurigen Höhepunkt erlebte diese Entwicklung bei den Auseinandersetzungen um den politischen Massenstreik in den Jahren 1905 und 1906. Dabei ging es um die auch innerhalb der Sozialdemokratie heftig umstrittene Frage, ob der Generalstreik ein geeignetes Mittel sei, politische Forderungen, zum Beispiel nach der Abschaffung des Drei-Klassen-Wahlrechts in Preußen oder gegen die Einschränkung des Wahlrechts in Sachsen, durchzusetzen.

Im Mai 1905 fasste der Kölner Gewerkschaftskongress einen Beschluss, mit dem er die Sozialdemokratie faktisch vor vollendete Tatsachen stellte: »Den Generalstreik [...] hält der Kongress für indiskutabel; er warnt die Arbeiterschaft, sich durch die Aufnahme und Verbreitung solcher Ideen von der täglichen Kleinarbeit zur Stärkung der Arbeiterorganisationen abhalten zu lassen.« Der Vorsitzende des Bauarbeiterverbandes hatte zuvor in der Debatte behauptet: »Ungeheure Opfer hat es gekostet, um den augenblicklichen Stand der Organisation zu erreichen. [...] Um aber unsere Organisation auszubauen, brauchen wir in der Arbeiterbewegung Ruhe.«

Überraschenderweise schloss sich der Jenaer Parteitag der SPD im September 1905 dieser Position nicht an, sondern bezeichnete in einem mit großer Mehrheit gefassten Beschluss die »umfassendste Anwendung der Massenarbeitseinstellung […] als eines der wirksamsten Kampfmittel« der Arbeiterklasse, »um sich ein wichtiges Grundrecht für ihre Befreiung zu erobern.«

Um einen Konflikt mit den Gewerkschaften zu vermeiden – August Bebel hatte dazu festgestellt: »Wir wollen vor allem Frieden und Eintracht zwischen Partei und Gewerkschaften herbeiführen.« –, beschloss der Mannheimer Parteitag der SPD im September 1906 einen »Kompromiss«, mit dem die Anwendung des politischen Massenstreiks von der Zustimmung der Gewerkschaften abhängig gemacht wurde: »Die Gewerkschaften sind unumgänglich notwendig für die Hebung der Klassenlage der Arbeiter innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Dieselben stehen an Wichtigkeit hinter der Sozialdemokratischen Partei nicht zurück.« De facto bedeutete dies nicht nur eine Absage an den politischen Massenstreik, sondern auch und vor allem eine endgültige Absage an alle Bestrebungen, politischen Einfluss auf die Gewerkschaftsbewegung in ihrer Gesamtheit zu nehmen.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 stellte sich auch die Führung der deutschen Gewerkschaften in den Dienst der »Vaterlandsverteidigung« und besiegelte damit das vorläufige Ende der Gewerkschaftsbewegung. Erst mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes im Juli 1919 begann ein neues Kapitel der deutschen Gewerkschaftsgeschichte.

 

Mehr von Ronald Friedmann in den »Mitteilungen«:

2016-08:  Deutsche Interessen am Hindukusch und andernorts

2015-09:  Zwei plus Vier

2013-12:  Massenmord für das Kapital