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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Die Harzburger Front

Stephan Jegielka, Berlin

Zur Kontinuität der zügellosen Weltherrschaftspläne des deutschen Imperialismus

Gustav Krupp von Bohlen und Halbach fehlte es nicht an Klassenbewusstsein und er wusste, wem der Staat der imperialistischen Bourgeoisie zu dienen hatte. In einem Brief über die Kriegsziele der Krupp A. G. im Sommer 1915 an Rudolf von Valentini, dem Bürochef des deutschen Kaisers, machte er daher keinen Hehl daraus, was er unter Politik verstand. Für ihn fielen die Interessen seiner Klasse und die Interessen der Allgemeinheit selbstverständlich in eins. So sah man sich in diesen Kreisen seit jeher von der Notwendigkeit überzeugt, diese Interessen über eigene Wirtschafts- und Politikverbände und die Instrumentalisierung der bürgerlichen Parteien durchzusetzen. Für durchaus schädlich für das Geschäft hielt es Krupp jedoch, wenn die Profiteure dieser Politik sich selbst in den Vordergrund der politischen Kämpfe schieben lassen würden.[1] Diese Aufgabe vertraute man lieber solch schillernden Figuren, wie dem Geheimrat Alfred Hugenberg an, der bei der Krupp A. G. als Vorsitzender des Direktoriums angestellt war, aber auch in anderen Organisationen emsig tätig, die sich den zügellosen Weltherrschaftsplänen des deutschen Imperialismus verschrieben hatten.[2]

So weilte Hugenberg am 12. Mai 1915 im Quartier des Generalkommandos in Münster. Als Vertreter des Zentralverbandes der deutschen Industrie, dem Interessenverband der deutschen Schwerindustrie, informierte er die Generalität des VII. Armeekorps in einem Vortrag über die Kriegsziele der Monopolherren an Rhein und Ruhr.[3] Diese gehörten zu den aggressivsten Kräften innerhalb der herrschenden Klasse. Sie erwarteten im Kampf um die Neuaufteilung der Welt vom deutschen Militär »große Erfolge« und natürlich dadurch für sich einen »großen Gewinn«. Das bedeutete konkret, die deutsche Annexion Belgiens und Nordfrankreichs mit seinen Kohlengebieten und Erzbecken, sowie Gebietserweiterungen in Osteuropa zur Gewinnung von landwirtschaftlichen Flächen und den Einsatz von Zwangsarbeitern.[4] Während Hugenberg zu dieser Zeit maßgeblich an der imperialistischen Politik Deutschlands beteiligt war, lag Adolf Hitler noch als Meldegänger eines Regimentsstabes im Schlamm und unter Granatbeschuss an der Westfront.[5]

Die Massen müssen organisiert werden

15 Jahre später trafen sie in Bad Harzburg als zwei maßgebliche politische Führer der deutschen Reaktion aufeinander. In der Zwischenzeit hatte das imperialistische Deutschland den 1. Weltkrieg verspielt, und war durch den Versailler Vertrag international gedemütigt und in einen halbkolonialen Status gedrückt worden. Ihre Weltherrschaftspläne hatten die deutschen Imperialisten jedoch nicht aufgegeben. Dawes-Plan, Youngplan sowie der Locarno-Vertrag waren zwar die Fortsetzung von Versailles mit anderen Mitteln, also weiterhin die Beibehaltung des Verhältnisses von Siegerstaaten und geplünderten besiegten Staaten (Deutschland), aber mit der Zielrichtung, dass sich Deutschland an der Sowjetunion »schadlos« halten, sprich letztendlich im Sinne des Weltimperialismus einen Eroberungskrieg gegen die Sowjetunion führen sollte. Antikommunismus und Welteroberung, in diesen Punkten trafen sich das Programm der deutschen Imperialisten und das der Weltreaktion, ohne dass sich ihre Gegensätze dadurch aufhoben.[6]

Im Prinzip konkurrierten zwei Fraktionen in der herrschenden Klasse Deutschlands um die Umsetzung des Revancheprogrammes, ohne dass sie ihr gemeinsames Hauptziel aus den Augen verloren. Die »Erfüllungspolitiker« setzten auf einen »moderateren« Kurs, in offener Anlehnung an den Westen, mehr oder minder im Rahmen des bürgerlichen Parlamentarismus, mit der Sozialdemokratie als ihren Transmissionsriemen innerhalb der Arbeiterklasse. Sie dominierten die Politik insbesondere in der Zeit der zeitweiligen Stabilisierung des Kapitalismus. Die »Katastrophenpolitiker« um Hugenberg konnten mit der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise wieder entscheidenden Einfluss gewinnen. Sie setzten unverhohlen auf einen Putsch und die offene Diktatur des Finanzkapitals. Sie wollten dafür die Krisenstimmung im Volk in eine chauvinistische Richtung lenken, den bürgerlichen Parlamentarismus und vor allem die revolutionär organisierte Arbeiterklasse beseitigen, und so ungehindert ihre aggressive Revanchepolitik umsetzen.[7] Was diesen Kreisen jedoch fehlte war der Masseneinfluss. Diesen versprachen Hitler und die NSDAP.

Die Hitlerpartei im Sinne des Finanzkapitals erziehen

Die »Katastrophenpolitiker« hatten aus dem durch den am Widerstand der vereinten Arbeiterklasse gescheiterten Kapp-Putsch ihre Lehren gezogen. So forderte Erich Luddendorff 1921 den Kampf um »die Seele des deutschen Arbeiters«. Um die Massen zu gewinnen, setzte sie auf eine skrupellose Demagogie, in der es die Nazis zur Meisterschaft brachten. Besonders ihre antikapitalistische Phrase des »nationalen Sozialismus« und die pseudorevolutionäre Straßenpolitik der SA verfingen in den durch die Krise ruinierten kleinbürgerlichen Schichten, aber auch in den vom Opportunismus abgestoßenen Teilen des Proletariats. Das war ein riskanter Kurs, zog es doch revolutionäre Elemente in ihre Reihen, was so manchen Monopolgewaltigen verunsicherte.[8] Die faschistische Partei musste, sollte sie in die Regierung, daher endgültig in das Gleis der imperialistischen Interessen geleitet werden. Diese Aufgabe fiel vor allem dem bewährten Hugenberg zu. Die Hugenbergpolitik, bedeutete daher, wie die KPD bereits 1931 feststellte, nichts anderes als »die Hitlerpartei im Sinne des Finanzkapitals zu erziehen«. Die Hitlerpartei musste »kanalisiert« werden, um regierungsfähig zu werden. Die von Hugenberg initiierte Harzburger Front spielte dabei eine wesentliche Rolle.[9]

Antikommunismus und Welteroberung als Programm

Bad Harzburg lag damals im Freistaat Braunschweig, in dem seit 1931 eine Regierung aus NSDAP und anderen bürgerlichen Parteien wie der DNVP, Zentrum und DVP bestand. Hier versammelte sich am 11. und 12. Oktober 1931 unter der Ägide Hugenbergs die sogenannte »nationale Opposition« zu einer Großveranstaltung mit 10.000 Teilnehmern. In der bürgerlichen Geschichtsschreibung wird die Bedeutung der Harzburger Front für den Aufstieg des deutschen Faschismus heruntergespielt oder sogar völlig in Abrede gestellt und als Verschwörungstheorie diffamiert.[10] Das ist kein Wunder, zeigte sich doch in Bad Harzburg ungeniert die Einheitsfront der deutschen Reaktion aus Finanzkapital, Großgrundbesitz und Generalität und ihren politischen Vertretern der Öffentlichkeit. Krupps Diktum, sich im Hintergrund der Politik zu halten, wurde von einigen Herren offensichtlich ignoriert. So erschienen der ehemalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, der Großindustrielle und Hitlerfinanzier Fritz Thyssen und der Deutsche Bank-Direktor und DVP-Mitglied Georg Emil Georg von Stauß. Der Großgrundbesitz war mit dem Führer des Reichlandbundes und engen Vertrauten von Hindenburg, Eberhard Graf von Kalckreuth, vertreten. Für den deutschen Militarismus wartete der ehemalige Reichswehrchef General Hans von Seeckt und 17 Generäle und Admiräle der Reichswehr auf.[11] Die Anwesenheit des Hohenzollernprinzen Eitel Friedrich von Preußen und der Stahlhelmführung zeigten die Sympathie der Monarchisten für den aufsteigenden Faschismus. Es marschierten Mitglieder des Jungdeutschen Ordens, des Deutschen Kolonialvereins, des Deutschen Wehrvereins, des Preußenbundes, des Nationalverbundes Deutscher Offiziere, des Bund Oberlandes, des Tannenberg Bundes, des Reichsverbandes der Baltikumkämpfer, des Kyffhäuserbundes und natürlich der SA auf.[12] Sie alle vereinte ein Programm des Antikommunismus und der Welteroberung mit dem 8 Jahre später das faschistische Deutschland die Welt in das Unglück stoßen sollte. In der in Bad Harzburg beschlossenen Hauptresolution forderte man daher Hindenburg auf, die »nationale Opposition« als die wirkliche Nationalregierung zu berufen und versprach, Deutschland »vor dem Chaos des Bolschewismus zu bewahren« und »Wehrhoheit und Rüstungsausgleich«.[13]

Der imperialistische Konsens von Bad Harzburg

Die Harzburger Tagung wird in der bürgerlichen Geschichtsschreibung vor allem als ein Treffen des Streits und der Spaltung beschrieben. Sie sei ein Fehlschlag der »nationalen Opposition« gewesen.[14] Tatsächlich sah Hugenberg seine persönlichen Ambitionen nicht erfüllt, und war bitter enttäuscht, da sich die NSDAP rasch von der Harzburger Front und seinem Führungsanspruch distanzierte. Betrachtet man dieses Treffen jedoch als einen Teil der Politik der »Kanalisierung« der Hitlerpartei im Sinne der Interessen des Finanzkapitals, war sie ein voller Erfolg. Sie etablierte sich in den folgenden Monaten als die führende Kraft der deutschen Reaktion. Im Vorfeld des Treffens wurde Hitler erstmals vom Reichspräsidenten Hindenburg empfangen und somit in den höheren Kreisen für »hoffähig« und somit regierungsfähig erklärt. Hitler und Feder sorgten folgend dafür, dass Verstaatlichungs- und Enteignungsforderungen endgültig aus dem Parteiprogramm der NSDAP getilgt und Krupp, Mannesmann und Thyssen wörtlich der Privatbesitz an Produktionsmitteln garantiert wurde. Ihr Monopolbesitz stand demnach »keineswegs den Interessen der Allgemeinheit« entgegen.[15] Vor allem aber zeigten die Protagonisten und das Programm von Bad Harzburg offen den bis heute gültigen Konsens der herrschenden Klasse in Deutschland bezüglich ihrer zügellosen Weltherrschaftspläne. Wer, in welcher Konstellation und zu welchem Preis sie auch immer umzusetzen verspricht, sei dahingestellt.[16]

Anmerkungen

[1] Boelcke, Willi A.: »Krupp und die Hohenzollern. Aus der Korrespondenz der Familie Krupp 1850-1916«, Berlin 1956, S. 147-148.

[2] Darunter fiel nicht zuletzt der Alldeutsche Verband, der schon im Kaiserreich ein Vertreter einer größenwahnsinnigen Expansionspolitik war und maßgeblichen Einfluss auf die Programmatik und politischen Ausrichtung der NSDAP nahm. Honigmann, Georg: »Kapitalverbrechen oder der Fall des Geheimrats Hugenberg«, Berlin 1976, S. 18 und S. 52-53. Gossweiler, Kurt: »Großbanken, Industriemonopole, Staat, Ökonomie und Politik des staatsmonopolistischen Kapitalismus in Deutschland 1914–1932«, West-Berlin 1975, S. 323.

[3] Über seine Kontakte zum »Posener Kreis« war Hugenberg zudem eng mit den Interessen der ostelbischen Großgrundbesitzer verbunden, welche schon lange für ein Annexionsprogramm gegenüber Russland agitierten. Vgl. Honigmann, Georg: »Kapitalverbrechen …«, S. 62-66 und Boelcke, Willi A.: »Krupp und die Hohenzollern …«, S. 143-147.

[4] Zu den unterschiedlichen Sichtweisen über die Erreichung des Kriegszieles unter den deutschen Imperialisten siehe Boelcke, Willi A.: »Krupp und die Hohenzollern …«, S. 143-147.

[5] Kershaw, Ian: »Hitler«, 1889-1936, München 2002, S. 130-134.

[6] Hitler schrieb in »Mein Kampf« betreffend seiner Lebensraumpolitik, dass Deutschland »den Blick nach dem Land im Osten« zu richten hatte um zu einer »Bodenpolitik der Zukunft« überzugehen. Pätzold, Kurt und Weißbecker, Manfred: »Hakenkreuz und Totenkopf. Die Partei des Verbrechens«, Berlin 1981, S. 49. Ernst Schneller verwies in diesem Zusammenhang auf die »engere Anlehnung Deutschlands an die Westmächte zum Kampfbündnis gegen die Sowjetunion«, vgl. Schneller, Ernst: »Hindenburg-Spende und Proletarische Frontkämpfer«, in: Schneller, Erst: »Arbeiterklasse und Wehrpolitik. Ausgewählte Reden und Schriften«, Berlin 1960«, S. 121.

[7] Der Monopolgewaltige Hugo Stinnes stand in den ersten Jahren der Weimarer Republik für diese Politik. 1923 unterstützte er maßgeblich den Hitler-Putsch, welcher euphorisch von Hugenbergs Berliner Zeitung begrüßt wurde. Vgl.: Gossweiler, Kurt: »Kapital, Reichswehr und NSDAP 1919-1924«, Berlin 1982, S. 266, 500 u. 519. Gossweiler, Kurt: »Der Putsch, der keiner war. Die Röhm-Affäre 1934 und der Richtungskampf im deutschen Faschismus«, Köln 2009, S. 167-168.

[8] Das erinnert aktuell an die sozialpatriotische Forderung des Höcke-Flügels in der AfD, sich künftig »auf die Abgehängten zu konzentrieren, auf die untere Mittelschicht, die Arbeiter«. Vgl.: Gossweiler, Kurt: »Kapital «, S. 80-81. Marin Schmitt, »Wer geht, verliert«, Tagesschau, 18.03.2021, Ruge, Wolfgang: »Das Ende von Weimar. Monopolkapital und Hitler«, Berlin 1984, S. 85. Zetkin, Clara: »Der Kampf gegen den Faschismus« in: »Clara Zetkin. Ausgewählte Reden und Schriften«, Bd. 2, Berlin 1960, S. 689-729.

[9] Thälmann, Ernst: »Reden und Aufsätze zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung«, Band 3, Köln 1975, S.60. Honigmann, Kapitalverbrecher, S. S. 285, Pätzold, Kurt und Weißbecker, Manfred: »Hakenkreuz und Totenkopf …«. S. 109-110 und S. 144.

[10] Fest, Joachim C.: »Hitler. Eine Biographie«, Berlin 1989, S. 42

[11] »Im Ziele waren wir uns einig, nur der Weg war verschieden.«, so Seeckt über den Hitlerputsch von 1923. Siehe: »Schäbige Hitler-Keule« in: Der Westen, 18.01.2013, www.derwesten.de

[12] Siehe Pätzold, Kurt und Weißbecker, Manfred: »Hakenkreuz und Totenkopf …«, S. 148-150 und Honigmann, Georg: »Kapitalverbrechen …«, S. 282

[13] Die Hauptresolution der Harzburger Tagung [Harzburger Front], 11. Oktober 1931, Faksimile: www.1000dokumente.de/index.html

[14] Schulz, Gerhard: »Von Brüning zu Hitler«, Berlin 1992, S. 554.

[15] Siehe Pätzold, Kurt und Weißbecker, Manfred: »Hakenkreuz und Totenkopf …«, S .150-151 und Honigmann, Georg: »Kapitalverbrechen …«, S. 286-287.

[16] So fragte die Süddeutsche Zeitung nach den Auslassungen des Bundespräsidenten Horst Köhler, ob »sich der bislang eher harmlose Horst zum Imperialisten … wie weiland Wilhelm II« aufschwingt. Jaschensky, Wolfgang: »Köhler: Krieg für freien Handel« in Süddeutsche Zeitung, 21.03.2012.

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