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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Zum 100. Jahrestag der Gründung der Gongchandang

Dr. Wolfram Adolphi, Potsdam

Am 23. Juli 2021 feiert die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) – die 90 Millionen Mitglieder zählende Gongchandang – ihren 100. Geburtstag. Das ist ein Jahrhundert- und zugleich ein Menschheitsereignis, und als solches muss es gewürdigt werden: mit weitem, das ganze Jahrhundert und die Menschheit umspannenden Blick.

100 Jahre Geschichte der Gongchandang – das sind 100 Jahre Entwicklung einer Partei, die das seit den Opiumkriegen im 19. Jahrhundert von den imperialistischen Mächten des Westens ökonomisch ausgebeutete und gedemütigte wie auch in der Zeit von 1919 bis 1945 durch den japanischen Militarismus mit Annexion und Krieg überzogene China wieder in den Kreis souveräner, ihren Weg selbst bestimmender Staaten zurückgeführt hat. Der Weg der Partei in diesem Prozess war geprägt von schweren Kämpfen und unerhört tiefen Widersprüchen, aber er hat nicht in einem irgendwie »fremden«, quasi außerirdischen oder nicht-menschheitlichen Raum stattgefunden, sondern ist in allem nicht zu trennen von den großen menschheitlichen Auseinandersetzungen in der Welt.

Teil eines weltumspannenden Prozesses

Die Gründung der Partei im Juli 1921 war weder ein isolierter chinesischer noch ein von außen nach China hineingetragener Akt. Sie war Bestandteil eines weltumspannenden Prozesses der antikolonialen, antiimperialistischen, auch sozialistischen Revolution. Ihre geistig-kulturellen Wurzeln hatte sie in den Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Reformplänen von Männern wie Kang Youwei und Liang Qichao, ihre Kraft gewann sie – worauf mit Li Dazhao einer der ersten Marxisten Chinas schon in den 1920er Jahren nachdrücklich hingewiesen hat – aus den sich gegenseitig antreibenden Revolutionen in Russland 1905, in China 1911, wieder in Russland 1917 und – in Gestalt der 4.-Mai-Bewegung – in China 1919. Sie war verbunden mit dem nationalrevolutionären Gestus der von Sun Yatsen geführten Guomindang und hatte in Chen Duxiu einen bedeutenden ersten Generalsekretär.

Die Entwicklung der Gongchandang selbst wie auch ihres Einflusses auf die Entwicklungen in China waren für den weltrevolutionären Prozess von großer Bedeutung. In der Revolution 1925-27 trat ein Grundwiderspruch zutage, der sowohl in China selbst als auch in der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Moskau zu tragischen Zerreißproben führte: Sollte das mit der Kominternführung abgestimmte und von Stalin favorisierte Bündnis mit der Guomindang zur Festigung der nationalen Revolution fortgeführt werden, oder gehörten nicht doch die weiterführenden kommunistischen Ziele in den Mittelpunkt? Der Konflikt wurde in China durch die nach dem Tode von Sun Yatsen (1925) unter Führung von Jiang Jieshi (Tschiang Kaischek) stehende Guomindang dadurch »gelöst«, dass sie unter den Kommunistinnen und Kommunisten ein Blutbad anrichtete und damit die Basis der Partei in den großen Städten zerschlug. In der Folge entwickelte Mao Zedong seinen ganz auf die chinesischen Bedingungen zugeschnittenen – und von Stalin abgelehnten – Kurs des Rückzugs der Partei in die Berge und der Schaffung von vor allem auf die Bauernschaft gegründeten »Sowjet-(Räte-)Gebieten«, mit dem die Partei trotz opferreicher Auseinandersetzungen, die im »Langen Marsch« ihren Höhepunkt fanden, am Ende stark genug war, die Guomindang 1937 zu einem neuerlichen, nun gegen den Aggressor Japan gerichteten Bündnis zu zwingen. Und dies wiederum war die Voraussetzung für zweierlei: für die Einbindung Chinas in die weltweite Anti-Hitler-Koalition und für den Sieg der Volksrevolution und die Gründung der Volksrepublik China im Oktober 1949.

Die von der Gongchandang geführte Volksrepublik China hat seit 1949 sehr unterschiedliche Entwicklungsphasen durchlaufen. Bei der Entwicklung der Produktivkräfte ging es in den 1950er Jahren zunächst im Bündnis mit der Sowjetunion um sozialistische Planwirtschaft. Im Resultat sowohl fortwirkender als auch neu entstehender Widersprüche zwischen den Gesellschaftsvorstellungen und Macht- und Vorherrschaftsansprüchen der KPdSU einerseits und der KPCh andererseits trennten sich Ende der 1950er Jahre die Wege beider Parteien – mit verheerenden Wirkungen für die beiden Länder selbst und für den weltrevolutionären Prozess. In den Jahren von 1959 bis 1976 versuchte die KPCh mit dem »Großen Sprung nach vorn« und der »Großen proletarischen Kulturrevolution«, die Wirtschaft durch Außerkraftsetzung der ihr innewohnenden Entwicklungsgesetze und eine verabsolutierende Überhöhung des subjektiven Faktors voranzubringen, was in der Folge zu Hungersnöten, wirtschaftlichem Stillstand, millionenfachem Tod und unsäglichem individuellem Leid führte. 1978 begann unter Deng Xiaoping ein fundamentales Umsteuern. In der Wirtschaft verfolgt die Gongchandang seither ein Konzept der kontrollierten Freigabe des Marktes bei Beibehaltung der führenden Rolle der Partei und der Regulierung durch den Staat. In der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte hat sie in den 1980er Jahren in einer vieljährigen Debatte über die »Kulturrevolution« und ihre Folgen etwas in der Geschichte der kommunistischen Parteien Einzigartiges geleistet.

Marxismus als Quelle

Die Führung der Gongchandang beschreibt den Weg Chinas als einen des Sozialismus chinesischer Prägung, und sie benennt den Marxismus als wesentliche Quelle ihres gesellschaftspolitischen Denkens und Planens. Eingebunden dahinein sieht sie auch Lenin, Mao Zedong, Deng Xiaoping, Jiang Zemin und Hu Jintao, und sie tut Erhebliches, um – etwa mit der Herausgabe der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) auf Chinesisch und der Übersetzung des Historisch-kritischen Wörterbuches des Marxismus (HKWM) aus dem Deutschen ins Chinesische – die Verbreitung des Marxismus zu befördern. Dabei erhebt sie anders als in den 1950er und 1960er Jahren heute ausdrücklich nicht den Anspruch, ihre Revolutions- und Sozialismusvorstellungen in andere Weltgegenden exportieren zu wollen.

Über all das – die Entwicklungen in der Geschichte und den heutigen chinesischen Weg – sind in der Welt unzählige Bücher und Aufsätze verfasst worden, und die Ansichten darüber gehen so weit auseinander wie die Klasseninteressen der jeweiligen Betrachterinnen und Betrachter. Unbestreitbar ist: Die Gongchandang hat in ihrer 100-jährigen Geschichte viele große und kleine kommunistische Parteien und Bewegungen in Staaten verschiedener Gesellschaftsordnung auf- und wieder absteigen gesehen, auch sozialistische Staaten entstehen und wieder verschwinden, steht aber selbst noch immer – und mit großer Kraft – an der Spitze, und sie tut das nicht irgendwo, sondern im bevölkerungsreichsten und am schnellsten sich entwickelnden Staat der Welt. Sie war in ihren Anfängen zweifellos eine von anderen lernende Partei, hat aber heute für ihre Entwicklung kein Vorbild mehr. Es gibt keinen Maßstab irgendwo in der Welt, an dem abzulesen wäre, wie sie sich jetzt entwickeln solle.

Ist das Sozialismus?

Damit tun sich die Linken in der westlichen Welt sehr schwer. Haben sie nicht bisher noch immer die Maßstäbe gesetzt? Wenigstens theoretisch? Wie sollen sie heute ihre Position zur Gongchandang und zum Sozialismus chinesischer Prägung finden und beschreiben? Ist das Sozialismus? Darf sich eine Partei wie die chinesische überhaupt kommunistisch nennen? Solcherart Fragen vermitteln den Eindruck, es wisse heute jemand, wie denn ein heutiger Sozialismus, eine heutige kommunistische Partei beschaffen sein müssten, um sich – aber bei wem denn? – diesen Namen zu verdienen. Mit bittersten Erfahrungen untermauerte Welterkenntnis ist doch: Das sowjetische, in der Zeit des Systemkonflikts mit dem gleichzeitig existierenden Weltkapitalismus entstandene Modell des Sozialismus in einem Land – oder auch einer Ländergruppe – vermag einen demokratischen Sozialismus, in dem sich Gemeineigentum, Gleichheit, Wohlstand und Freiheit auf die in der Utopie gedachte und gesuchte Weise miteinander verbinden, nicht hervorzubringen. Jedoch: Der ausdrücklich nicht-stalinistische chilenische Sozialismusversuch 1970-73 ist ebenso am Weltkapitalismus gescheitert. Die nach KPdSU-Vorbild formierten kommunistischen Parteien neuen Typus‘ gehören der Vergangenheit an, jedoch: die ausdrücklich als Gegenmodell entwickelten eurokommunistischen Parteien haben vom Untergang des osteuropäischen Realsozialismus nicht etwa profitiert, sondern gleichzeitig einen ungeheuren Bedeutungsverlust erlitten und spielen in der jetzigen Entwicklung der Länder, in denen sie einst große zweistellige Wahlerfolge errangen und in Regierungen tätig waren, keine Rolle mehr.

Die Gongchandang hat neben den eigenen bisherigen Wegen und Irrwegen auch alle diese internationalen Erfahrungen verarbeitet und sich dafür entschieden, jenen grundsätzlichen Marx-Gedanken in den Mittelpunkt zu rücken, wonach die nächsthöhere Gesellschaftsformation eines Entwicklungsstandes der Produktivkräfte bedarf, der notwendig diese Höherentwicklung erfordert. Also entwickelt sie die Produktivkräfte in einer Weise, wie es in keinem der bisherigen Sozialismusversuche je gelungen ist.

Dieselbe Feindschaft seit 100 Jahren

Und macht dabei die Erfahrung, dass sich an der unversöhnlichen Feindschaft der herrschenden Gruppierungen des imperialistischen Westens ihr gegenüber nichts geändert hat. Das ist seit 100 Jahren dasselbe. Schon die Gründung der Gongchandang im Juli 1921 – eine winzige Versammlung von gerade mal einem Dutzend mutiger Männer in der schon damals mehr als eine Million Einwohner zählenden Riesenstadt Shanghai – wurde von den westlichen Mächten als Angriff auf ihre gewaltigen kolonialen Besitztümer und Privilegien in China verstanden, und so suchten und fanden sie in dem entschiedenen Antikommunisten Jiang Jieshi und seiner Guomindang die Garanten für die Bewahrung ihrer Vorherrschaft. Wäre es nach ihnen gegangen, hätte sich Jiang Jieshi mit dem Aggressor Japan verbünden sollen, um ihre Machtpositionen zu sichern und die von der Gongchandang geführte Revolution zu verhindern. Aber es ging nicht nach ihnen, sondern die Gongchandang gründete 1949 die Volksrepublik China, und seither macht sie die Erfahrung, dass es den Herrschenden im Westen vollkommen egal ist, welches Konzept sie für die Entwicklung Chinas entwickelt haben mag: Immer wieder wird sie von ihnen mit einer Strategie des Konflikts, der Sanktionen, der Aufrüstung, der Entwicklung von immer neuen – und nicht selten rassistisch bestimmten – Feindbildern konfrontiert. Als jüngste Variante dieses ewig gleichen Kurses tritt uns die westliche Ausrufung eines neuen Systemkonflikts entgegen.

Die menschheitliche Tragik dieses Vorgehens des Westens besteht darin, dass es den Blick für das eigentlich unabdingbar Notwendige verstellt: die globale Zusammenarbeit. Kooperation statt Konfrontation: Nie war diese Forderung dringlicher als jetzt. Die Gongchandang hat das begriffen und eine Fülle von Vorschlägen für eine friedliche, menschheitlich gedachte Lösung der großen Weltprobleme – des Klimawandels, der Ressourcenknappheit, der Digitalisierung, des Hungers und der Armut – unterbreitet. Es ist an der Zeit, dass sie in der Welt Gehör und Anerkennung finden mögen. Die Entwicklung Chinas muss zum entscheidenden Anstoß für eine weltweite Abkehr von den alten Strategien des Krieges, des Konflikts, der Aufrüstung und des feindseligen Gegeneinanders werden. Eine Fortsetzung des alten Kurses wird keine Sieger, sondern nur Verlierer kennen.  

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