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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Nie wieder Krieg von deutschem Boden!

Andrej Reder, Berlin

Rede auf dem Bebelplatz zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion

Auf diesem geschichtsträchtigen Platz, an dem die Faschisten am 10. Mai 1933 ihre geistige Brandstiftung für das »tausendjährige Reich« zelebriert haben, bin ich am heutigen Datum sehr nachdenklich. Vor 80 Jahren hat das faschistische Deutschland die Sowjetunion heimtückisch überfallen. Unter Bruch des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages von 1939 und ohne Kriegserklärung begann in den frühen Stunden des 22. Juni 1941 der grausamste Vernichtungskrieg. Die Völker der Sowjetunion verteidigten, ob an der Front oder im Hinterland, ihre Heimat und hatten den höchsten Blutzoll zu beklagen, jeder siebente Bürger des Landes, insgesamt 27 Millionen, fielen der Barbarei zum Opfer.

Als dieses Menschheitsverbrechen gegen das Land begann, in dem ich geboren wurde, war ich keine fünf Jahre jung und als die Wehrmacht im Dezember 1941 vor Moskau stand, befanden wir uns mit meiner Mutter bereits in einem Baumwollsowchos in Südkasachstan. Somit blieben mir die furchtbaren zerstörerischen Kriegsgeschehnisse erspart, aber der Überlebenskampf im sowjetischen Hinterland umso nachhaltiger in meinen Erinnerungen.[1]

Hitler hat uns überfallen, hieß es damals. Erst Jahre später habe ich Kenntnisse erlangt und Zusammenhänge erfasst, die zum Faschismus in Deutschland und zum wortbrüchigen Überfall geführt haben. In den 1990 er Jahren wurden mir auch die tragischen Details bekannt, wie das Schicksal unserer Familie in den Strudel der damaligen Jahre geriet. Beide Eltern, gebürtige Berliner, waren engagierte Jungkommunisten, Antifaschisten und überzeugte Verteidiger der Sowjetmacht. Verfolgt von den Nazis emigrierten sie 1935 in die UdSSR, um zu lernen, dort Erfahrungen zu sammeln und später das Verinnerlichte unter Bedingungen ihrer Heimat auf deutschem Boden zu verwirklichen.

Doch es kam anders. Den Klauen der Gestapo entkommen, geriet mein Vater im Februar 1938 in die Fänge des KGB. Als angeblicher Spion der Gestapo wurde er grundlos zu zehn Jahren »Umerziehungslager« nach Sibirien verbannt und befand sich am 22. Juni 1941 bereits im Lager auf der berüchtigten Halbinsel Kolyma.

Für uns mit meiner Mutter ging es in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges im kasachischen Hinterland um das nackte Überleben. Heute ist nur schwer nachzuvollziehen, wie wir diese Zeit überhaupt überstehen konnten. Es fehlte an Elementarem. Hunger, Erkrankungen an Gelbfieber, Typhus, Malaria, Dysenterie waren die Folge. Aber wir überlebten. »Alles für die Front!« bedeutete für den Sowchos damals, verlustarm den strategisch wichtigen Rohstoff Baumwolle einzubringen. Eine magere dünne Suppe mit einer brotähnlichen Scheibe Gebackenem musste als Mittagsmahlzeit bei sengender Hitze reichen, um die Norm zu erfüllen. Dabei half ich meiner Mutter auf dem Feld, so gut ich konnte.

Meine Einschulung in der kleinen Dorfschule 1944 fiel in eine Zeit, da die Rote Armee nach erbitterten Kämpfen das eigene Territorium befreit hatte und dazu überging, die von den Faschisten okkupierten Länder Europas ebenfalls zu befreien. Bis zu unserer Abreise 1948 aus Kasachstan nach Deutschland blieb unsere Situation prekär und weiterhin ungewiss.

Den zehnten Jahrestag des Überfalls erlebten wir schon in der DDR, meiner neuen Heimat. Und kurz vor dem zehnten Jahrestag der Befreiung vom Faschismus war unsere Familie auch von einer langen Ungewissheit befreit, mein Vater kehrte nach einer erneuten Verurteilung im Jahre 1949 im April 1955 nach seiner vollständigen Rehabilitierung nach Deutschland zurück. Die Familie war nach siebzehnjähriger Trennung, ich war bereits volljährig, glücklich wiedervereint.

Wenn man wirklich Frieden will, sollte man in gegenseitiges Vertrauen investieren

Heute leben wir in einer anderen Zeit und dennoch erinnert manches leider zu sehr an die Vorkriegsperiode vor 80 Jahren. Über unterschiedliche Interessen und Widersprüche hinweg hat damals der politische Wille letztendlich dennoch obsiegt als die Antihitlerkoalition den Faschismus niederrang. Auch heute ist politischer Wille erforderlich, die sich zuspitzende Lage rechtzeitig zu deeskalieren, bevor es zu spät ist.

Russen und die Belorussen wissen zu genüge, was Krieg bedeutet. Wenn eine Regierung, den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht zu verantworten hatte, dann war das die Sowjetregierung. Die Regierung Russlands ist nicht erst heute gewillt, eine nukleare Katastrophe zu verhindern.

Liebe Freunde, versetzen wir uns nur für einen Moment in das folgende Szenario:

  • dass die Vereinigten Staaten von Amerika 1941 nicht nur einen Vernichtungsangriff der Kaiserlichen Marine Japans auf die US-Pazifikflotte in Pearl Harbor erlitten hätten, sondern mit einem Vernichtungskrieg konfrontiert wären, wie ihn die Sowjetunion erleben musste;
  • dass die USA heute von Hunderten russischen Militärstützpunkten eingekreist und isoliert worden wären und nicht umgekehrt;
  • dass nicht Polen und die baltischen Republiken der NATO beigetreten wären, sondern Kuba und Mexiko dem Warschauer Vertrag;
  • dass der Warschauer Vertrag auf dem amerikanischen Kontinent modernste Truppen samt Militärausrüstung und Atomwaffen dislozieren würde und nicht umgekehrt;
  • dass die Warschauer Vertragsstaaten die USA ganz unverblümt zum Gegner und Feind verkünden würden und nicht umgekehrt;
  • dass seit Jahren und insbesondere jüngst größte Kriegsübungen der Warschauer Vertragsstaaten unmittelbar an den Staatsgrenzen der USA stattfinden würden und nicht umgekehrt;
  • dass Russland für Militärausgaben so viel ausgeben würde wie die USA, China, England, Frankreich, Deutschland, Japan, Indien, Saudi-Arabien, Italien und Brasilien zusammen und nicht umgekehrt;
  • dass Russland in den vergangenen drei Jahrzehnten verheerende Kriege weltweit angezettelt und zahlreiche Staatsstreiche inszeniert, System- bzw. Regimewechsel herbeigeführt hätte und nicht umgekehrt;
  • dass Russland zu den seit dem Zweiten Weltkrieg auf dem amerikanischen Kontinent stationierten Truppen jüngst zusätzlich 28.000 Soldaten mit Ausrüstung an den Grenzen der USA stationiert hätte und nicht umgekehrt.

Würden sich in solch einem Fall die USA tatenlos verhalten? Ganz bestimmt nicht. Sie würden alles unternehmen, um ihre nationale Sicherheit und staatliche Souveränität zu gewährleisten. Und genau das tut Russland. Deshalb bekenne ich ohne Herzbeklemmungen, dass ich Russland- und Putin-Versteher bin. Ich bin überzeugt, dass meine Eltern, lebten sie heute, keine andere Meinung dazu hätten. Und nicht etwa aus Nostalgie.

Wenn sich NATO-Staaten tatsächlich gefährdet sehen, dann wäre es doch sinnvoll, in Verhandlungen die vermeintlichen Gefahren zu entschärfen und letztlich zu überwinden. Stattdessen wird immer mehr für sinnlose Kriegszwecke zur Abschreckung des vermeintlichen Gegners investiert. Wenn man wirklich Frieden will, sollte man statt in gegenseitige Abschreckung in gegenseitiges Vertrauen investieren, statt in Aufrüstung in Abrüstung.

Möge das jüngste Gipfeltreffen zwischen Biden und Putin eine Wende einleiten, die zur internationalen Entspannung und zum Frieden beiträgt!

Nach 80 Jahren deutsche Truppen erneut an den Westgrenzen Russlands

Der aktuelle Umgang mit dem 22. Juni 1941 hierzulande ist ein politischer Skandal. Während 2011 auf Initiative der SPD-Bundestagsfraktion noch eine Gedenkstunde im Bundestag stattfand, in der die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Staaten gewürdigt wurden, lehnte der Bundestagspräsident zehn Jahre später ein solches Ansinnen ab. Auf Initiative der Linksfraktion fand wenigstens eine kurze Debatte über den Vernichtungskrieg Hitlerdeutschlands statt. Außenminister Maas blickte dabei »fassungslos auf diesen Teil unserer Geschichte« und verwies darauf, dass wir »mit unserem Bekenntnis zur europäischen Einigung die wichtigste Konsequenz aus unserer Vergangenheit gezogen haben.« Außer salbungsvollen Plattitüden über Versöhnung äußerte der Minister nichts Konkretes, wie sie verwirklicht werden könnte, dafür aber bekannte Ausfälle gegen Russland. 80 Jahre später stehen deutsche Truppen erneut an den Westgrenzen Russlands.

Als Friedensbewegte und Antifaschisten fordern wir: Nie wieder Krieg von deutschem Boden! Für gutnachbarlichen Beziehungen mit Russland!

Wer heute meint, die Russen wollen Krieg, der will keinen Frieden mit ihnen! Diejenigen, die denken, das größte Land der Welt militärisch vereinnahmen zu können, sind gewarnt, das Schicksal all jener nicht zu vergessen, die das in den letzten 200 Jahren versucht haben.

Anmerkung

[1] Andrej Reder, »Dienstreise: Leben und Leiden meiner Eltern in der Sowjetunion 1935 bis 1955«. Das Neue Berlin, 1. Auflage, 2015, ‎256 Seiten, ISBN:‎ 978-3355018241, Gebunden: 18,99 €. Von der gedruckten Auflage sind nur noch wenige Exemplare im Buchhandel erhältlich.

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