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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Zum 150. Geburtstag von Wilhelm Pieck

Margit Glasow, Rostock

 

Friedrich Wilhelm Reinhold Pieck (3. Januar 1876 – 7. September 1960) ist wohl vor allem den Menschen aus der DDR in Erinnerung – als erster und einziger Präsident des deutschen Staates, der am 7. Oktober 1949 aus der Sowjetischen Besatzungszone hervorging. Er zählte in der Weimarer Republik zu den kommunistischen Funktionären, die konsequent gegen Militarismus und Krieg standen. Er war Mitbegründer und führender Funktionär der Kommunistischen Partei Deutschlands.

Wilhelm Pieck stammt aus proletarischen Verhältnissen – er ist Sohn eines Kutschers und einer Wäscherin, die stirbt, als der Junge zwei Jahre alt ist. Wilhelm wächst bei seinem Vater und dessen neuer Frau in Guben, einer Kleinstadt in der brandenburgischen Niederlausitz, auf. Duckmäuserei scheint ihm fremd, in »Betragen« bringt er es in den letzten Schuljahren nie über ein »genügend«. Nach Beendigung der Volksschule absolviert er eine Tischlerlehre und begibt sich nach deren Abschluss auf Wanderschaft. Dabei kommt der kleinbürgerlich geprägte und aus streng religiösem Elternhaus stammende junge Mann erstmals in Kontakt mit der Arbeiterbewegung. 

Schließlich hält er an Bremen fest – 14 Jahre lang, wo er als Tischler arbeitet, 1898 die Schneiderin Christine Häfker heiratet und mit ihr drei Kinder bekommt. Hier findet er zur SPD, wird Mitglied des freigewerkschaftlichen Deutschen Holzarbeiterverbandes und entwickelt zunehmend linke Positionen. Er wird in das Bremer Gewerkschaftskartell delegiert und in die Bremer Bürgerschaft gewählt, schließlich hauptamtlicher Sekretär der SPD. Dabei zeigt er nicht nur organisatorisches Talent. Er erwirbt sich auch durch den engen Kontakt mit den Arbeitern deren Vertrauen, indem er ihnen zuhört und wirkliches Interesse an ihren Sorgen und Nöten zeigt – eine Eigenschaft, die ihn auch in späteren Funktionen auszeichnen wird. Als er die zentrale Parteischule der SPD in Berlin besucht, zählen Rosa Luxemburg und Franz Mehring zu seinen Lehrern, denen er sich freundschaftlich verbunden fühlt. 1910 wechselt Pieck ganz nach Berlin – als zweiter Sekretär des zentralen Bildungsausschusses der SPD. 

Während des Ersten Weltkrieges schließt Pieck sich der Spartakusgruppe an, ist im linken Flügel der USPD aktiv und gehört zu den entschiedenen Gegnern der Politik des »Burgfriedens« – der Unterstützung der Kriegspolitik durch die SPD. 1915 wird er zum Kriegsdienst einberufen und 1917 wegen Antikriegspropaganda vor ein Militärgericht gestellt. Er kann fliehen und lebt fortan illegal in Berlin. Hier arbeitet er unter anderem an der Vorbereitung des Rüstungsarbeiterstreiks im Januar 1918 mit. Auf Beschluss der Spartakusgruppe geht er – zusammen mit seinem 18-jährigen Sohn Arthur – ins Exil nach Amsterdam, wo er in der illegalen Redaktion der Wochenzeitschrift »Der Kampf« mitarbeitet. 

Im Oktober 1918 kehrt er nach Berlin zurück und beteiligt sich an der Novemberrevolution. Neben Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gehört er zu den führenden Mitgliedern der neu gebildeten Zentrale des Spartakusbundes. Am 30. Dezember nimmt er am Gründungsparteitag der KPD teil und wird in die Zentrale gewählt. Während der Januar-Unruhen 1919 ist er neben Liebknecht der einzige Vertreter der KPD im 33-köpfigen Revolutionsausschuss. Während Luxemburg und Liebknecht ermordet werden, gehört Pieck zu jenen, die den konterrevolutionären Terror überleben. 1921 ist Pieck als Vertreter der KPD im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale in Moskau tätig. In dieser Funktion lernt er auch Lenin kennen. Von 1921 bis 1928 ist Pieck Abgeordneter des preußischen Landtages und wird 1928 in den Reichstag gewählt.

Von 1931 bis 1943 ist Pieck Mitglied des Präsidiums des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI). Im Februar 1933 emigriert er nach Prag, lebt bis Anfang 1935 in der Illegalität in Paris und hält sich von 1935 bis 1945 hauptsächlich in Moskau auf. Da Ernst Thälmann in Deutschland inhaftiert worden ist und die Nazis dessen Nachfolger John Schehr im Februar 1934 ermordet haben, übernimmt Pieck 1935 den Vorsitz der KPD im Exil. In dieser Funktion ist er in die Stalinschen Säuberungen verstrickt. Anfang der 1940er Jahre arbeitet er in Moskau für den deutschsprachigen Sender Radio Moskau. Pieck zählt zu den Gründern des Nationalkomitees Freies Deutschland. 

1945 kehrt er in die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands zurück. Nach der von ihm maßgeblich mitbetriebenen Vereinigung von SPD und KPD zur SED wird er im April 1946 einer der beiden Parteivorsitzenden der SED neben Otto Grotewohl. Nach der bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands haben die Sowjetunion, die USA und das Vereinigte Königreich auf der Konferenz von Jalta die Aufteilung Deutschlands und die Machtverteilung in Europa nach dem Ende des Krieges bestimmt. Im Juli 1945 wird auf der Potsdamer Konferenz festgestellt, dass Deutschland zwar zur Sicherung seiner demokratischen Entwicklung besetzt, seine Einheit aber unangetastet bleiben müsse. Doch in den von den Westmächten besetzten Zonen wird konsequent die Spaltung Deutschlands betrieben und schließlich am 23. Mai 1949 die Bundesrepublik Deutschland gegründet. 

Das stellt eine grobe Verletzung der Abkommen von Jalta und Potsdam durch die westlichen Alliierten dar. Die DDR entsteht im Oktober 1949 letztendlich als Ergebnis der antifaschistisch-demokratischen Umgestaltung in der sowjetischen Besatzungszone. Wilhelm Pieck wird erster Präsident. Er sieht – zusammen mit Ministerpräsident Otto Grotewohl – seine Verantwortung darin, jene gesellschaftlichen Verhältnisse zu überwinden und die sozialen Kräfte zu entmachten, die zweimal im 20. Jahrhundert einen Weltkrieg verursacht haben. Die New Yorker Außenministerkonferenz der Westmächte 1950 markiert dabei eine Wende in der Westalliierten-Politik hin zur westdeutschen Remilitarisierung und zur Eingliederung Westdeutschlands in eine neue Kriegsfront gegen das Friedenslager. Die Gründung der DDR hingegen bildet den Ausgangspunkt für vier Jahrzehnte konsequenten Bemühens um die Sicherung des Friedens in Europa und die Festigung des Sozialismus auf dem Territorium der DDR. Hierbei spielt Pieck eine wesentliche Rolle.

Wilhelm Pieck wurde in der DDR aber vor allem als »Vater der Einheit der Arbeiterklasse« verehrt. In der Vereinigung von KPD und SPD zur SED – als historische Konsequenz aus der Spaltung der Arbeiterklasse – lag eines seiner Hauptverdienste. Er war bis zu seinem Tod 1960 Staatspräsident der DDR. Danach wurde der Staatsrat der DDR als Nachfolgeorgan des Amtes des Präsidenten geschaffen. Pieck erhielt zahlreiche Ehrungen. So wurde unter anderem die Pionierrepublik am Werbellinsee, das zentrale Pionierlager der Pionierorganisation Ernst Thälmann in der DDR, nach ihm benannt. 

 

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