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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Weder Recht noch Rache

Dr. Ronald Friedmann, Berlin

Vor vierzig Jahren, am 7. Februar 1979, starb Josef Mengele, der »Todesengel von Auschwitz«

Josef Mengele starb nicht an einem Galgen des Kriegsverbrechergefängnisses im bayeri­schen Landsberg, wo bis 1951 die Todesurteile der Nürnberger Nachfolgeprozesse voll­streckt wurden. Er starb nicht wie Adolf Eichmann am Galgen des Ajalon-Gefängnisses von Ramla in Israel. Er starb nicht wie Rudolf Hess am Ende einer Jahrzehnte währenden le­benslangen Haftstrafe, ausgeschlossen aus der menschlichen Gesellschaft, aus der er sich durch seine namenlosen Verbrechen selbst ausgeschlossen hatte. Er starb auch nicht durch die Tat einer klandestinen Gruppe von Rächern, deren Mitglieder das Recht in die ei­gene Hand genommen hatten und Urteile vollstreckten, die eine unwillige oder unfähige Justiz nicht zu fällen bereit war.

Im Fall von Josef Mengele gab es weder Recht noch Rache. Josef Mengele starb als freier Mann im Alter von fast 68 Jahren einen schnellen und schmerzlosen Tod, wie er keinem seiner ungezählten Opfer vergönnt war. Er erlitt beim Baden an der südbrasilianischen At­lantikküste einen Schlaganfall und ertrank. Erst sechs Jahre später erfuhr die Öffentlich­keit von seinem Ende.

Fast fünfunddreißig Jahre war Josef Mengele auf der Flucht. Dass diese Flucht gelang, ob­wohl er zeitweise einer der weltweit meistgesuchten Kriegsverbrecher war, war keines­wegs sein eigenes »Verdienst«.

KZ-Arzt in Auschwitz

Josef Mengele wurde am 16. März 1911 im schwäbischen Günzburg in einer erzkonservati­ven deutschnationalen Familie geboren. Sein Vater war ein erfolgreicher Unternehmer. Ob­wohl Mengele als ältestem Sohn die Rolle des Juniorchefs zugedacht war, strebte er eine wissenschaftliche Laufbahn an. Ab 1930 studierte er daher in München, Bonn und Wien Anthropologie und Medizin. Nach dem Studium ging er 1936 an das Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene der Universität Frankfurt am Main und wurde dort Assistent von Otmar Freiherr von Verschuer, der ein entschiedener Anhänger der faschistischen »Rassenhygie­ne« war, was sich nicht zuletzt in seiner Tätigkeit als Gutachter in sogenannten Rassen­schandeprozessen nach den Nürnberger Gesetzen zeigte. [1]

1940 meldete sich Mengele freiwillig zur Waffen-SS. Als Truppenarzt einer SS-Panzer-Divi­sion nahm er am Überfall auf die Sowjetunion teil. Im Mai 1943 wurde er Lagerarzt im KZ Auschwitz. In dieser Eigenschaft nahm er Selektionen vor und überwachte die Vergasung der Opfer. Vor allem aber unternahm er zahllose medizinische Experimente an Häftlingen, die fast immer mit dem Tod der von ihm gequälten Menschen endeten. Mengele betrieb Zwillings­forschung, er befasste sich mit Wachstumsanomalien bei Kleinwüchsigen, suchte Metho­den zur massenhaften Unfruchtbarmachung von Menschen und zur Therapie von Fleckfie­ber und Malaria. Die Zahl der Opfer seiner Menschenversuche lässt sich nicht annähernd beziffern, denn alle einschlägigen Akten wurden in den letzten Kriegswochen vernichtet. Mengele selbst hatte eine eigene »Materialsammlung«, die er ungeachtet der damit ver­bundenen Risiken sogar auf der Flucht nach Südamerika in einem Koffer mit sich führte. Diese Unterlagen sind verschollen.

Im Januar 1945, wenige Tage vor der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee, wur­de Mengele als Lagerarzt in das KZ Groß-Rosen abkommandiert. Mitte Februar 1945 be­gann seine Flucht, als auch Groß-Rosen von der Roten Armee befreit wurde und er als »einfacher Truppenarzt« in einem Kriegslazarett untertauchte.

Die Rattenlinie

Elie Wiesel (1928-2016), Überlebender mehrerer faschistischer Konzentrationslager und nach seiner Befreiung im April 1945 Schriftsteller, Hochschullehrer und Publizist, stellte im Juni 1985, wenige Tage, nachdem der Tod Mengeles bekannt geworden war, in einer Rede in New York fest, dass das individuelle Schicksal Mengeles nur zweitrangig sei, dass es vielmehr darauf ankomme, die Umstände zu klären, unter denen Mengele seine jahrzehn­telange Flucht gelang.

Es ist insbesondere das Verdienst der Journalisten Gerald Posner und John Ware, dass heute die Stationen der Flucht Mengeles und vor allem auch die Namen seiner Helfer und Helfershelfer bekannt sind. [2] Jahrelang befragten sie Augenzeugen, studierten Akten und suchten selbst nach Dokumenten, die weiteren Aufschluss geben konnten. Es gelang ihnen sogar, in die rund 3.500 Seiten umfassenden Tagebücher und Journale aus Mengeles Nachlass Einsicht zu nehmen, die – mit längeren Unterbrechungen – die Zeit seiner Flucht umfassten.

Für Mengele endete der Zweite Weltkrieg erst im Juni 1945, als die Einheit, der er sich Mit­te Februar 1945 auf der Flucht aus Groß-Rosen angeschlossen hatte, von US-amerikani­schen Truppen gefangengenommen und interniert wurde. Bereits nach wenigen Wochen wurde Mengele wieder entlassen, obwohl sein Name seit Mai 1945 auf einer Liste der ge­suchten Kriegsverbrecher stand. Doch Mengele hatte Vorsorge getroffen: Er trug eine Wehrmachtsuniform und benutzte falsche Papiere, die keinen Hinweis darauf gaben, dass er Arzt war. Und entgegen den allgemeinen Gepflogenheiten hatte er keine Tätowierung mit seiner Blutgruppe, so dass die verantwortlichen US-Offiziere ihn nicht als Angehörigen der SS identifizierten und einer zusätzlichen Überprüfung unterzogen.

Mengele kehrte nach Günzburg zurück und nahm Kontakt zu seiner Familie auf, hielt sich aber aus Sicherheitsgründen mehrere Wochen im Wald versteckt. Anfang Oktober 1945 verdingte er sich als Knecht auf einem abgelegenen Bauernhof in Oberbayern, wo sich nie­mand für seine Vergangenheit interessierte. Dort blieb er fast drei Jahre. Als sein Name bei Kriegsverbrecherprozessen immer häufiger genannt wurde, hielt er den Zeitpunkt für ge­kommen, Deutschland und Europa zu verlassen und – wie hunderte andere Nazi-Verbre­cher vor und nach ihm – in Südamerika Zuflucht zu suchen.

Die Flucht auf der »Rattenlinie« führte ihn zunächst nach Italien. Von Genua aus gelangte er im Frühsommer 1949 mit dem Schiff nach Buenos Aires. Mit Unterstützung des von Hans Ulrich Rudel in Argentinien gegründeten »Kameradenhilfswerks« hatte er vom Roten Kreuz neue Papiere und ausreichende finanzielle Mittel für die Reise erhalten.

Fast zehn Jahre lebte Mengele unbehelligt in Argentinien. Zuwendungen seiner Familie in Deutschland, zumeist vermittelt über Hans Sedlmeier, den Prokuristen der Firma Mengele, erlaubten ihm ein materiell sorgenfreies Leben. Er konnte in dieser Zeit sogar die Schweiz besuchen und von dort aus einen Abstecher nach Deutschland machen: Im September 1956 hatte er von der westdeutschen Botschaft in Buenos Aires problemlos einen neuen Reisepass auf seinen tatsächlichen Namen erhalten, denn auch mehr als zehn Jahre nach Kriegsende hatten es die westdeutschen Behörden noch immer nicht für erforderlich ge­halten, Ermittlungen gegen Mengele einzuleiten.

Erst im Februar 1959 erließ die Staatsanwaltschaft in Freiburg im Breisgau einen Haftbe­fehl, nachdem mehrere Privatpersonen unabhängig voneinander die Spur Mengeles aufge­nommen und die Behörden entsprechend informiert hatten. Wenige Tage darauf ver­schwand Mengele nach Paraguay. Doch anders, als die zeitliche Ab­folge vermuten lässt, hatte er keinen Tipp aus der westdeutschen Botschaft erhalten: Er hatte seine Flucht aus Argentinien bereits längere Zeit geplant gehabt, weil er Sorge hatte, dass die politischen Veränderungen in dem südamerikanischen Land seine Sicherheit ge­fährden könnten. Aller­dings unternahmen die westdeutschen Diplomaten – wenig überra­schend – keinerlei An­strengungen, die argentinischen Behörden zu einer ernsthaften Jagd auf Mengele zu bewe­gen, obwohl es genügend Hinweise auf seine jahrelange Anwesenheit im Land gab.

In Paraguay, das von dem deutschstämmigen nazifreundlichen Staatspräsidenten Alfredo Stroessner diktatorisch regiert wurde, erhielt Mengele durch Vermittlung einflussreicher Freunde als »José Mengele« die paraguayische Staatsbürgerschaft. Entgegen anderslauten­den Legenden war er jedoch zu keinem Zeitpunkt ein enger Freund Stroessners, und er ge­noss auch nicht den bewaffneten Schutz durch dessen Leibgarde. Als ihn die Nachrichten über die Gefangennahme und Verurteilung von Adolf Eichmann erreichten, fürchtete er deshalb, dass er in Paraguay nicht mehr sicher war.

Die folgenden Jahre bis zu seinem Tod verbrachte er in Brasilien, wo buchstäblich keiner der zahlreichen Nazijäger aus aller Welt sein Versteck vermutete. Denn die wiederholten Erklärungen der paraguayischen Regierung über den Aufenthaltsort Mengeles waren so irreführend, dass kein Zweifel daran aufkam, dass sich Mengele noch immer in Paraguay aufhielt. Mehr als zehn Jahre lebte Mengele auf einer entlegenen und wenig komfortablen Farm im Süden Brasiliens, in ständiger Angst vor Fremden, die ihn erkennen und den Behörden ausliefern könnten. Erst 1975, nachdem er sich vollkommen mit dem Ehepaar überworfen hatte, das ihm über viele Jahre Unterschlupf gewährt hatte, zog er in eine Kleinstadt bei São Paulo, wo er wieder lernen musste, ein selbständiges Leben zu führen.

Mengeles Tod wurde erst im Juni 1985 bekannt, 1992 zerstreute eine DNA-Analyse auch letzte Zweifel, dass die auf dem Friedhof von Embú bei São Paulo gefundenen Gebeine tat­sächlich zu Mengele gehörten. Die Verbrechen Josef Mengeles blieben ungesühnt, keiner der vielen Helfer, die seine Flucht vor der Gerechtigkeit möglich gemacht hatten, wurde je zur Rechenschaft gezogen.  

Anmerkungen:

[1]  Trotzdem wurde Verschuer 1946 in einem Spruchkammerverfahren in Frankfurt am Main lediglich als »Mitläufer« eingestuft und zu einer symbolischen Geldstrafe verurteilt.

[2]  Gerald Posner and John Ware, Mengele. The Complete Story, New York 1986, deutsch: Mengele. Die Jagd auf den Todesengel, Berlin und Weimar 1993.

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