Vor 125 Jahren: Das »Boxerprotokoll« als Gipfel der Demütigung Chinas
Dr. Wolfram Adolphi, Potsdam
Am 7. September 1901 unterzeichnen in der chinesischen Hauptstadt Beijing die Gesandten Deutschlands, Österreich-Ungarns, Belgiens, Spaniens, der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Japans, der Niederlande und Russlands sowie die zwei chinesischen Bevollmächtigten Prinz Qing und Großsekretär Li Hongzhang das sogenannte »Boxerprotokoll«. Es besiegelt in zwölf Artikeln den halbkolonialen Status Chinas und ist die kollektive Strafe der imperialistischen Welt für den »Boxeraufstand«, mit dem sich in den Jahren von 1898 bis 1900 die Yihetuan gegen die Fremdherrschaft erhoben und den die unterzeichnenden Mächte mittels eines gemeinsam geführten Aggressionskrieges, der Zehntausende Aufständische das Leben kostete, blutig niedergeschlagen hatten. Im Artikel 6 wird dem ohnehin am Boden liegenden China die Zahlung einer Kriegsentschädigung in Höhe von 450 Mio. Silbertaels (einschließlich Zinsen 980 Mio. Silbertaels) diktiert, deren Ableistung sich über 39 Jahre erstrecken soll. Mit 90 Mio. Taels (280 Mio. Mark) erhält Deutschland den zweithöchsten Anteil. [1]
Szenenwechsel. Drei Tage zuvor, am 4. September 1901, sitzt der deutsche Kaiser Wilhelm II., gekleidet in die weiße Uniform des Garde du Corps, den Marschallstab in der Hand und das Haupt mit einem Stahlhelm bedeckt, auf seinem Thron im Muschelsaal des Neuen Palais im Park Sanssouci in Potsdam und winkt, ohne sich zu erheben, den vor ihm stehenden 18-jährigen chinesischen Prinzen Chun, der sich wie von den Aggressoren verlangt auf den beschwerlichen Weg nach Deutschland gemacht hat, wie einen Lakaien zu sich heran, um – wie es Artikel 1 des Boxerprotokolls vorsieht – eine offizielle Entschuldigung Chinas für die Ermordung des deutschen Gesandten Clemens August Freiherr von Ketteler am 20. Juni 1900 in Beijing entgegenzunehmen. [2] Es ist der gleiche Kaiser, der am 27. Juli 1900 in Bremerhaven bei der Verabschiedung der deutschen Interventionstruppen nach China in einer als »Hunnenrede« in die Geschichte eingegangenen Ansprache ausgerufen hatte: »Kommt Ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer Euch in die Hände fällt, sei Euch verfallen! Wie vor 1000 Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch Euch in einer Weise bestätigt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.« [3]
Erneuter Szenenwechsel. 54 Jahre später, am 11. Dezember 1955, erlebt Beijing, die Hauptstadt der Volksrepublik China, einen Deutschen ganz anderer Art. Otto Grotewohl, Ministerpräsident der DDR, übergibt auf einer Großkundgebung feierlich 10 Fahnen. Es sind Banner der Yihetuan. »Die Imperialisten aus aller Welt«, sagt Grotewohl, »sandten Truppen nach China, um die berechtigten Forderungen des Volkes in Blut zu ersticken. Deutsche Militaristen haben bei diesem Überfall zahlreiche Freiheitsfahnen der chinesischen Aufständischen geraubt und als Siegestrophäen nach Deutschland geschleppt. […] Deutsche Sozialisten, die Enkel von Karl Marx und Friedrich Engels, treue Freunde und Kampfgenossen des chinesischen Volkes, bringen sie zu euch zurück und legen sie in eure Hände.« [4]
Mit diesem Auftritt steht Grotewohl ganz in der guten Tradition August Bebels. Der hatte am 19. November 1900 im Reichstag das Vorgehen der Interventionstruppen als einen »Rachezug so barbarisch, wie er niemals in den letzten Jahrhunderten und nicht oft in der Geschichte vorgekommen ist«, gebrandmarkt, und seine Partei hatte auf ihrem Parteitag am 18. September 1900 treffend analysiert, dass das deutsche Vorgehen »außer auf der allgemeinen Profitwut der Bourgeoisie auf militärischer Ruhmsucht und der chauvinistischen und ehrgeizigen Leidenschaft [beruht], ein ›größeres Deutschland‹ zu schaffen«, weshalb sie – die SPD – »den entschiedensten Widerspruch« gegen diese »abenteuerliche, gewaltsame Chinapolitik« erhebe, die »für das Volk schwere Gefahren herbeiführt und ungeheure Opfer an Gut und Blut fordert.« [5]
Vielfache Krise, verzweifelte Gewalt, brutale Antwort
Wieso »Boxerprotokoll«, wieso »Boxeraufstand«? Den Namen »Boxer« haben ausländische Missionare geprägt, zum einen hergeleitet aus dem ursprünglichen Namen der Aufstandsbewegung, der Yihequan lautete – »Faust im Namen von Gerechtigkeit und Frieden« –, zum anderen wegen der Vorliebe der Bewegung für das Schattenboxen. Später wurde aus Yihequan Yihetuan – »Abteilungen im Namen von Gerechtigkeit und Frieden«.
Was war er, der Aufstand der Yihetuan, der 1898 in der südöstlich von Beijing gelegenen Küstenprovinz Shandong seinen Anfang nahm, dann vor allem um Beijing und Tianjin sich ausbreitete und eine Stärke von Hunderttausenden Anhängerinnen und Anhängern erreichte? Aus der Sicht der Gongchandang, der Kommunistischen Partei Chinas, schon immer »die Antwort auf eine sich ständig verschärfende imperialistische Aggression und auf eine Situation, in der die Existenz der Nation schwerer als jemals zuvor bedroht war.« [6]
China »am Rande einer Katastrophe« sahen auch Roland Felber und Horst Rostek, weil »die auf militärische Selbststärkung des Feudalregimes zielende Politik der sogenannten Westler« – chinesischer Reformer, die mit den Ausländern kooperierten – die »Unterjochung Chinas durch die kapitalistischen Mächte«, die mit den »Opiumkriegen« 1839-1842 und 1856-1860 begann, »nicht aufgehalten, sondern noch verstärkt« hatte und »das immer mehr der Korruption verfallende Mandschu-Regime« – die kaiserliche Qing-Dynastie – nur noch »auf den Erhalt der eigenen Macht bedacht« war und das Land zu einem »Spielball der Mächte« werden ließ.« [7] »Der Boxer-Aufstand«, so schrieb der Brite Peter Fleming 1959, »war eine spontane, halbgeheime Volksbewegung, die 1898 […] begann […] und im Frühsommer 1900 zu einer Feuersbrunst wurde, vor deren wilder Glut die Welt in Furcht und Schrecken zurückschauderte.« Und weiter: »Obwohl es sich um eine rein chinesische Bewegung handelte, sind doch ihre letzten Ursachen in den europäischen Kabinetten zu suchen. Die Bauern in Nordchina erhoben ihre Schwerter, Spieße und Flinten ja nicht, um sich gegen ihr Joch aufzulehnen […], sondern um der Ausplünderung ihres Landes durch die yang kueit-zü [yang guizi], die fremden [genauer übersetzt: westlichen] Teufel, die Barbaren von draußen, ein Ende zu setzen.« [8]
Auf eine Nachzeichnung des Verlaufs der Kämpfe muss hier verzichtet werden. Aber Deutschland, das Deutsche Kaiserreich, gehört hier noch einmal aufgerufen, denn sein Handeln war mit dem Entstehen des Boxeraufstands und mit seiner Niederschlagung besonders eng verbunden. Als »zu spät gekommener« imperialistischer Staat trat es »erst« im November 1897, dann aber besonders rücksichtslos auf den Plan. Mit Hilfe dreier Kriegsschiffe bemächtigte es sich mitten im tiefsten Frieden gewaltsam des Dorfes Qingdao [Tsingtau] in der Provinz Shandong, dann der Städte Jiaozhou [Kiautschou] und Gaomi, und zwang der chinesischen Regierung zwei Raubverträge auf: über die Pachtung von Jiaozhou für 99 Jahre und über die Gewährung der Rechte für den Bau der Eisenbahnlinien Jiaozhou-Jinan und Jiaozhou-Zhifu einschließlich der Schürfrechte in deren Nähe. Damit wurde die Provinz Shandong zum »deutschen Interessengebiet« [9], in dem deutsches Militär, deutsche christliche Missionare und deutsche Unternehmer freie Hand zur Durchsetzung ihrer Ziele hatten.
Mit dieser »freien Hand« agierten sie so gewalttätig, dass Shandong zum Brennpunkt des Aufstandes der Yihetuan wurde. Vor allem die Nachrichten von dort waren für die Vertreter der imperialistischen Mächte die von Fleming gemeinte »wilde Glut«, angesichts derer sie im Frühjahr 1900 von der chinesischen Regierung die Niederschlagung des Aufstandes forderten und für den Fall der Nichterfüllung den Einsatz ihrer Truppen androhten. Da die chinesische Regierung dieser Erpressung nicht nachgab, weil sie sich der Yihetuan zur Verteidigung ihrer eigenen Interessen bedienen wollte, verstärkten die Gesandtschaften im Juni vom vor Tianjin an der Küste gelegenen Dagu-[Taku-]Fort aus ihre Sicherungstruppen in Beijing, während die Yihetuan zu Zehntausenden nach Beijing strömten und das Gesandtschaftsviertel zu belagern begannen. Diese Belagerung dauerte bis zum 14. August. Da erreichte das internationale Expeditionskorps von 15.000 Mann, das sich am 4. August von Dagu aus in Bewegung gesetzt hatte, die Stadt und zerschlug die waffenmäßig weit unterlegenen Kräfte der Yihetuan.
Das von Wilhelm II. in Bremerhaven verabschiedete, insgesamt mehr als 18.000 Soldaten und Unteroffiziere und 769 Offiziere zählende Expeditionskorps unter dem Befehl des Generalfeldmarschalls Alfred Graf v. Waldersee ist zu diesem Zeitpunkt von China noch weit entfernt. Erst am 25. September 1900 trifft Waldersee in Tianjin ein, übernimmt am selben Tag »das Kommando über alle in der Provinz Zhili [um Beijing herum] stationierten ausländischen Truppen und leitet damit einen neuen, von Plünderungen, Zerstörungen und sinnlosen Morden charakterisierten Abschnitt des Einfalls der imperialistischen Mächte in China ein.« [10] Die Aufständischen sind längst geschlagen, aber China ist für Wilhelm II., das hinter ihm stehende Militär und die deutsche Industrie der Ort, an dem das Deutsche Reich seinen mit atemberaubender Gewaltbereitschaft unterfütterten Weltgeltungsanspruch demonstrieren kann. »Den deutschen Waffen und deutscher Kriegskunst«, so heißt es im Vorwort zu dem gewaltigen Folianten, mit dem die »Deutsche Kriegerbund-Buchhandlung« schon im Oktober 1901 das deutsche Handeln in China würdigt, »sind die ›Wirren‹ zu einem Ruhmesblatt geworden.« [11]
16. August 2026.
Siehe auch: W. Adolphi, Vor 125 Jahren: Des Kaisers Hunnenrede, Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der Partei Die Linke, Juli 2025, S. 1 f. (Red.).
Anmerkungen:
[1] Vgl. die reich mit Fotos und Dokumenten ausgestattete Darstellung der Vorgänge in der Reihe »illustrierte historische hefte« der Akademie der Wissenschaften der DDR als deren Nr. 45 erschienene Schrift von Roland Felber und Horst Rostek, Der »Hunnenkrieg« Kaiser Wilhelms II. Imperialistische Intervention in China 1900/1901, Berlin/DDR 1987, hier: S. 38 f.
[2] Ebenda.
[3] Ebenda, S. 29.
[4] Text der Rede in: Die DDR und China 1949 bis 1990. Politik – Wirtschaft – Kultur. Eine Quellensammlung, hgg. v. Werner Meißner, bearb. v. Anja Feege, Berlin 1995, S. 78 f.
[5] Zitiert nach: Roland Felber, Horst Rostek, a. a. O., S. 42.
[6] Die Yihotuan [Yihetuan]-Bewegung von 1900, Zusammengestellt vom Kollektiv für die »Serie der Geschichte des modernen China«, Peking 1978, S. 1.
[7] Roland Felber, Horst Rostek, a. a. O., S. 10 f.
[8] Peter Fleming, Die Belagerung zu Peking. Zur Geschichte des Boxer-Aufstandes, a. d. Engl. von Alfred Günther und Till Grupp, Nachwort von Petra Kolonko, Frankfurt am Main 1997, S. 21.
[9] Vgl. Roland Felber, Horst Rostek, a. a. O., S. 9.
[10] A. a. O., S. 30.
[11] China. Schilderungen aus Leben und Geschichte. Krieg und Sieg. Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik, hgg. v. Joseph Kürschner, Berlin o.D. (Vorwort v. 18. Okt. 1901).