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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Von Brest-Litowsk zu Nixons Peking-Besuch

Moritz Hieronymi, Peking

 

Diplomatische Arabesken zum 50. Todestag von Zhou Enlai

 

Wenn Sie diesen Artikel lesen, wissen wir vielleicht bereits, wie es um die Sicherheit des europäischen Kontinents bestellt ist. Noch beraten Diplomaten und Staatschefs in Berlin über einen Friedensvertrag zwischen der Ukraine und Russland. Was wir bisher sehen, ist ein diffuses Bild sich überlappender und teils widersprechender Aussagen, undurchsichtiger Interessenlagen – und nicht zuletzt die unausgesprochene Sorge vor einem drohenden Fatum: Die USA streben nach einem Equilibrium zwischen EU und Russland, um sich auf China konzentrieren zu können; Moskau geht ein Hochrisikogeschäft ein; und der EU, dieser Gemeinschaft von Renommisten, wächst die Welt über den Kopf.

Die Frage, wie viel man aufgeben muss, um das Wesentliche zu retten, war schon vor über hundert Jahren in Brest-Litowsk virulent. Damals hatten Vertreter Sowjetrusslands und der imperialistischen Mittelmächte, u.a. dem Deutschen Kaiserreich, Friedensverhandlungen aufgenommen. Lenin schlug unter der Parole »Frieden für Zeit« vor, große Teile des europäischen Russlands abzutreten. Schon damals ging es vor allem um das Territorium der heutigen Ukraine.

Lenins Vorschlag führte zu schweren Verwerfungen unter den russischen Kommunisten und der internationalen Arbeiterbewegung. Trotzki, die graue Eminenz der Verhandlungen mit dem deutschen Kaiserreich, hoffte mit der Losung »Kein Krieg – Kein Frieden« durch Theaterdiplomatie Zeit zu gewinnen. Bucharin forderte gar die Fortsetzung des Krieges. Was war richtig, was falsch? Wie schwer diese Frage zu beantworten ist, zeigt das Schwanken Rosa Luxemburgs zwischen der Verurteilung von Lenins Entscheidung als Kapitulantentum und der Anerkennung ihrer objektiven Notwendigkeit – ein Zeugnis für die Komplexität einer Frage, die bis heute keine eindeutige Antwort zulässt.

Ein Jahr nach der Ermordung Luxemburgs betritt ein junger Chinese zum ersten Mal europäischen Boden: Zhou Enlai, der bald zu einem der größten Diplomaten des 20. Jahrhunderts werden sollte. Die Frage von Brest-Litowsk – der Konflikt zwischen revolutionärer Treue und taktischer Flexibilität – wird sein gesamtes politisches Leben prägen und ein wesentlicher Ausgangspunkt für sein diplomatisches Denken sein.

Strategisch den Feind verachten, taktisch ihn voll berücksichtigen

Nancy Kissinger gelang das Seltene: Sie entlockte dem Vorsitzenden Mao Zedong ein Lachen. Mit ihren 183 cm überragte sie ihren Ehemann Henry, den US-Sicherheitsberater und Außenminister, um Haupteslänge – ein äußeres Paradoxon für die damalige Zeit und für ein Paar, das sich auf einer noch ungewöhnlicheren Mission befand. Der Besuch fiel in die fiebrige Hochphase der Kulturrevolution, als der Bruch zwischen Moskau und Peking bereits endgültig besiegelt war. In einer ganz eigenen Auslegung der Dialektik hieß Peking die Annäherung aus Washington nun willkommen. Es war eine späte Revanche der Geschichte: 1954 hatte US-Außenminister John Foster Dulles in Genf Zhou Enlai noch den Handschlag verweigert – eine öffentliche Demütigung, die Zhou nie vergaß und die er nun, achtzehn Jahre später, mit der souveränen Geste des großmütigen Gastgebers beantwortete. Kissinger sollte Zhou später als eine der wenigen Persönlichkeiten bezeichnen, die ihn nachhaltig beeindruckten. 

Die Amerikaner trafen auf eine Delegation, deren taktische Brillanz und Professionalität bestachen; Zhou selbst verfügte über eine jahrzehntelange Erfahrung, die von den Schlachtfeldern gegen die Japaner und Kuomintang bis zu Verhandlungen mit Stalin reichte. Erstaunlicherweise unterschätzten die US-Diplomaten bis zuletzt die ideologische Prinzipientreue dieser ehemaligen Partisanen: Sie begriffen die Prinzipien Maos und Zhous nicht als unveränderliches Fundament, obwohl gerade diese ihre Siege erst ermöglicht hatten.

Das Leitmotiv Zìlì Gēngshēng (自力更生) – die Kraft der Selbstversorgung – bildete dabei den Kern von Zhous Außenpolitik. Für ihn sollten internationale Beziehungen primär ökonomischer Natur sein; militärische Abenteuer lehnte er ab. Dies bewies er 1962 in einem seiner größten diplomatischen Coups: Nach einem Grenzkrieg mit Indien ordnete er den einseitigen Rückzug der chinesischen Truppen an. Es war ein Geniestreich, der Indien demütigte und China gleichzeitig als besonnene Macht inszenierte: Ein totaler Sieg hätte die blockfreien Staaten verschreckt, doch der begrenzte Krieg, gefolgt vom demonstrativen Rückzug, sandte ein Signal der Stärke ohne Expansionismus. Es war die reinste Form maoistischer Strategie: den Feind strategisch geringzuschätzen, ihn taktisch jedoch mit höchster Präzision zu kalkulieren.

Die Prinzipien der Friedlichen Koexistenz

Die amerikanische Eindämmungspolitik hatte China seit 1949 in einen Ring aus feindlichen Basen eingeschlossen: Korea, Japan, Taiwan, die Philippinen, Südvietnam. Zhou Enlais strategisches Ziel war die Durchbrechung dieser Einkreisung – nicht durch militärische Gewalt, sondern durch diplomatische Expansion.

Der erste Durchbruch kam mit der Genfer Indochina-Konferenz 1954. Zhou zeigte sich als geschickter Vermittler zwischen den vietnamesischen Kommunisten und Frankreich, mäßigte die Forderungen Ho Chi Minhs und ermöglichte einen Kompromiss. Die Botschaft an die Welt: China ist keine Gefahr, sondern ein Stabilitätsfaktor. Im selben Jahr entwickelte er die Fünf Prinzipien der Friedlichen Koexistenz: Achtung der territorialen Integrität und Souveränität, gegenseitiger Nichtangriff, Nichteinmischung in innere Angelegenheiten, Gleichheit und gegenseitiger Nutzen, friedliche Koexistenz.

Häufig wird die eigentliche Bedeutung dieser dem Anschein nach simplen Überlegungen übersehen. Zhou orientierte sich an Prinzipien, welche ihren Ausgangspunkt im Westfälischen Frieden haben – aber er entkleidete sie von ihrem europäischen Kontext und machte sie zu einem Instrument für die blockfreien Staaten, die Souveränität und Gleichheit suchten. Die Prinzipien waren frei von irgendwelchen ideologischen Vorbestimmtheiten. Damit stieß er eine Tür auf, die es China erlaubte, eine von der Sowjetunion unabhängige Außenpolitik zu betreiben, auch mit Staaten, denen es ideologisch kritisch gegenüberstand. Mao wird später ergänzen: »Wir verlangen nicht, dass alle Ausländer die Ideologie des chinesischen Volkes anerkennen.«

1955 folgte der Triumph von Bandung. Auf der Vorläuferkonferenz der Blockfreien Staatenbewegung präsentierte Zhou das Konzept »Gemeinsame Basis suchen, Differenzen zurückstellen« (求同存异). In einer Versammlung von 29 Staaten mit monarchischen, republikanischen, sozialistischen und theokratischen Systemen überbrückte er die ideologischen Gräben durch die Betonung gemeinsamer antikolonialer Erfahrungen. Zhou verstand etwas, das westliche und sowjetische Diplomaten oft übersahen: Für die Staaten Asiens und Afrikas war nicht der Marxismus die zentrale Frage, sondern die Befreiung von kolonialer Herrschaft. China, selbst Opfer der »hundert Jahre der Demütigung« (von 1840 Erster Opiumkrieg bis 1949 Gründung der Volksrepublik China), konnte glaubwürdiger als Fürsprecher auftreten als die Sowjetunion, die selbst unter dem Zaren ein Imperium war.

Die Dialektik der Widersprüche

China agiert anders, weil es anders denkt. Die Verzahnung marxistischer Philosophie mit klassischer chinesischer Philosophie zeigt sich am verständlichsten in der Außenpolitik. Zhou schuf eine einmalige Synthese marxistisch-leninistischer Theorie mit chinesischem Pragmatismus und zeigte eine taktische Flexibilität ungekannter Güte.

Maßgebliche Ausgangspunkte waren Lenins Imperialismustheorie und Maos Theorie von Haupt- und Nebenwidersprüchen. Für Mao und Zhou gab es in jeder historischen Situation einen Hauptwiderspruch, der alles andere bestimmt. In den 1950er Jahren war das der Kampf gegen den US-Imperialismus – daher die Annäherung an die Sowjetunion. Diese Dynamik änderte sich bereits während der ersten Zusammenkunft zwischen Stalin und Mao und verschlimmerte sich unter Chruschtschow. Moskau unterschätzte das kulturelle Selbstbewusstsein und die Prinzipientreue der chinesischen Kommunisten.

In der Konfrontation mit Moskau wurde das Prinzip Zìlì Gēngshēng zur ideologischen Brandmauer. Es beruhte auf der Überlegung, dass man sich zwar an einer anderen Macht orientieren könne, seine Souveränität aber niemals preisgeben darf. Konsequent verweigerte sich China, die historischen Schlussfolgerungen des 20. Parteitages der KPdSU anzuerkennen. Die Spannungen spitzten sich 1960 zu; etwa 1.390 sowjetische Experten wurden abgezogen. Zhou wird später die Formel »sich auf eine Seite neigen« (一边倒) nutzen und fragen, wie weit wir uns neigen können, ohne zu brechen.

Mao Zedong führte mit dem ursprünglich konfuzianischen Konzept »Die Wahrheit in den Tatsachen suchen« (实事求是) eine Theorie ein, deren Wirkung im Westen bis heute nicht erfasst wird. Der Große Vorsitzende forderte seine Genossen auf, alle Formen ideologischer Verbohrtheit zu überwinden und den Realitäten Vorrang zukommen zu lassen. Zugleich öffnete er mit dem indirekten Verweis auf Konfuzius den Marxismus für Prinzipien des Konfuzianismus, Daoismus und Legalismus. Das Resultat war eine bemerkenswerte Dialektik: Die Papiertiger-These ermöglichte strategisches Selbstbewusstsein – langfristig sind die Imperialisten zum Untergang verurteilt. Zugleich verlangte Die Wahrheit in den Tatsachen suchen taktische Nüchternheit – kurzfristig muss der Feind ernst genommen werden.

Washingtoner Flirts

Als 1969 sowjetische Divisionen die Grenze am Ussuri-Fluss überschritten, lockerten die USA einseitig die Handelsbeschränkungen für China. 1971 wurde das US-Embargo aufgehoben, und Kissinger reiste im geheimen Auftrag nach Peking. Im Nachhinein fragt man sich, wieso Moskau auf diese Entwicklungen nicht reagierte.

China beugte sich wieder einmal – mit Kalkül: Mao öffnete die Tür: »Wenn Nixon kommen will, bin ich bereit, mit ihm zu sprechen. Es spielt keine Rolle, ob die Verhandlungen erfolgreich sind oder scheitern, ob wir streiten oder nicht, ob er als Tourist oder als Präsident kommt. So oder so ist es mir recht.« Auf die indirekte Einladung folgte in inoffiziellen Gesprächen zwischen Zhou und Kissinger die chinesische Behauptung, dass die Volksrepublik ein baldiges Zusammenwirken zwischen der UdSSR und Japan zwecks der Aufteilung Chinas fürchteten. Was von diesen Aussagen auch immer zu halten ist, es wirkte:

Am 28. Februar 1972 wurde das Shanghai-Kommuniqué während Nixons China-Besuch unterschrieben. Im Kern finden sich wesentliche Überlegungen Zhou Enlais wieder. Das Dokument ist ein Meisterwerk des Konzepts »Gemeinsame Basis suchen, Differenzen zurückstellen« (求同存异): Anstatt die Unterschiede zu verschleiern, werden sie explizit benannt. Beide Seiten erklären ihre unterschiedlichen Positionen zu Vietnam, Korea, Japan – und dass diese Differenzen einer Zusammenarbeit nicht im Wege stehen. Hinsichtlich Taiwans erkennen die USA an, dass alle Chinesen der Auffassung sind, es gebe nur ein China – eine bewusste Ambiguität, die Zhou akzeptierte, weil sie den Status quo zu Chinas Gunsten verschob. China stimmte im Gegenzug mit den USA darin überein, dass eine Ausdehnung der UdSSR nach Südostasien zu unterbinden sei. Zhou hatte sich geneigt, ohne zu brechen.

Ein bedeutsames Leben

Als Zhou Enlai am 8. Januar 1976 starb, war seine Lebensbilanz phänomenal: Die Kommunistische Partei hatte die Japaner vertrieben und die Macht übernommen; die Beziehungen zu den USA haben einen enormen Wirtschaftsaufschwung vorbereitet; die Sowjetunion stellt keine unmittelbare Gefahr mehr dar; Deng Xiaoping ist als Nachfolger positioniert. Und Taiwan? Die USA sind raus – alles eine Frage der Zeit.

Zhou wusste sehr genau, was er tat. In Paris und Berlin der 1920er Jahre hatte er die Diskussion über Lenins Brest-Litowsk-Entscheidung hautnah miterlebt. Wie konnte man mit einem imperialistischen Kaiserreich, das die Proletarier auf dem Schlachtfeld für Weltmachtphantasien verheizte, einen Frieden machen? Zhou hatte Lenin vehement verteidigt. Für ihn galt dessen Entscheidung als Sicherung der Revolution und notwendige Schwächung eines Linksdogmatismus unter den russischen Kommunisten. »Frieden für Zeit« hatte Lenin gesagt. Zhou verstand: Manchmal muss man sich beugen, um nicht zu brechen. Die Kunst besteht darin zu wissen, wie weit – und wann die Zeit gekommen ist, sich wieder aufzurichten.

Fünfzig Jahre nach seinem Tod stehen wir zwar nicht erneut vor einer Brest-Litowsk-Situation, wohl aber vor überraschenden Parallelen in der Bewertung des Ukraine-Krieges und dem Umgang mit ihm. Die fundamentale Frage, die einst Lenin und Trotzki entzweite und die Luxemburg nicht zu beantworten vermochte, steht wieder im Raum: Wie viel Preisgabe ist statthaft, um das Wesentliche zu retten? Zhou Enlai hätte wohl geantwortet: Analysiere den Hauptwiderspruch, suche die gemeinsame Basis und stelle die Differenzen zurück. Und vor allem: Verachte den Feind strategisch, aber berücksichtige ihn taktisch in aller Konsequenz.

 

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