Victor Grossman, ein Unermüdlicher
Volkmar Vogel, Berlin
Victor Grossman, ein schon in der DDR vielen aufmerksamen Zeitunglesern dank seiner erfrischenden Kolumnen bekannter Publizist und Kommunist, konnte sein 98. Lebensjahr nicht mehr vollenden. Am 17. Dezember ist der Amerikaner mit dem markanten Akzent in seiner Wahlheimat Berlin gestorben. Er war schon als Jugendlicher politisch aktiv und verfolgte, wie die Spanische Republik, von internationalen Kämpfern unterstützt, um ihr Überleben rang. Der Harvard-Absolvent schloss sich revolutionären Gruppen der Arbeiterbewegung an und war dann, in der McCarthy-Ära, aus Sorge vor Repressionen als Wehrpflichtiger aus der US-Army in Bayern desertiert und auf Umwegen in die DDR gelangt. Hier war sein Engagement gefragt, so als Diplom-Journalist (erworben an der Karl-Marx-Universität Leipzig), Organisator und Dolmetscher seiner Freunde Perry Friedman und Dean Reed. So ist es nicht verwunderlich, dass Victor die Hootenanny-Veranstaltungen und die daraus erwachsene Singebewegung der FDJ mit inspiriert und vorangebracht hat und zahlreiche prominente Künstlerinnen und Künstler persönlich kannte.
Auch nach dem Verschwinden der DDR blieb Victor unermüdlich aktiv – etwa in der Linkspartei, der Bewegung für die Freiheit von Mumia Abu-Jamal, bei den Kämpfern und Freunden der Spanischen Republik, in der Friedens- und der Antifa-Bewegung. Man sah ihn überall, wo es darauf ankommt, dass Menschen sich organisieren, andere mobilisieren und nicht aufgeben, um der reaktionären Welle etwas Wirksames entgegenzusetzen.
Dabei plädierte er immer wieder auch für Humor sowie Kultur und Gesang. Eine Episode: Als wir am 19. Februar 2011 mit dem bislang größten antifaschistischen Bus-Konvoi nach Dresden kamen, um zusammen mit dem Bündnis »Dresden nazifrei« den rechten Aufmarsch zum zweiten Mal erfolgreich zu blockieren, war Victor dabei, er nahm als fast 83-Jähriger den stundenlangen Marsch von der Autobahn zum Hauptbahnhof auf sich und versuchte unterwegs immer wieder, schaulustige Dresdner für das Anliegen der Demonstration zu gewinnen.
Der Buchautor (»Madrid du Wunderbare«, »Rebel Girls«) und Autor seines englischsprachigen »Berlin-Bulletin« ist auch den »Mitteilungen« der KPF seit rund 25 Jahren eng verbunden, mit zahlreichen Kommentaren und Artikeln aus seiner Feder. Dabei gelangen ihm wiederholt großartige historische Längsschnitte, etwa über die vier schwarzen Kämpfer gegen die Rassendiskriminierung in den USA (W.E.B. Du Bois, Paul Robeson, Malcolm X und Martin Luther King, 4/2008) oder über das Auf und Ab der Arbeiterbewegung der letzten 150 Jahre in den USA (9+10/2025). Als Victor zum letztgenannten Beitrag die ersten positiven Reaktionen von Lesern bekam, meinte er, er habe doch aus seinem langen Leben auf zwei Kontinenten noch so vieles mitzuteilen, was vor allem Jüngere und Neumitglieder der Linken interessieren und fesseln könnte. Für eine Vortragsreihe zu politischer Bildung würde er sich gern einladen lassen. Die ersten Kontakte zu diesem Zweck wurden inzwischen hergestellt. Leider reichte seine Zeit nicht mehr, die Idee umzusetzen. Er fehlt, aber wir bewahren ihn als ein Vorbild in Erinnerung.
Abbildungen (nur in der Printversion): Victor Grossman sprach am 22. April 2017 bei der Bundeskonferenz der KPF in Berlin über Erlebtes beim Ostermarsch. – Victor Grossman neben Dean Reed während der X. Weltfestspiele im August 1973 in Berlin-Friedrichshain.