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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Ursachen nicht in zufälligen Bestrebungen suchen, sondern im allgemeinen gesellschaftlichen Zustand

Friedrich Engels

 

Friedrich Engels’ Arbeit »Revolution und Konterrevolution in Deutschland« wurde, begonnen vor 175 Jahren als Artikelserie mit Marx’ Unterschrift von Oktober 1851 bis Oktober 1852 in der »New-York Daily Tribune« veröffentlicht. Erst 1913 wurde im Zusammenhang mit der Herausgabe des Briefwechsels zwischen Marx und Engels bekannt, dass Engels diese Artikelserie geschrieben hatte. Er analysiert darin die Ursachen, den Charakter und die Triebkräfte der deutschen Revolution 1848/49. Nicht zuletzt im Zusammenhang mit Konterrevolutionen in Europa oder derzeit in Lateinamerika dokumentieren wir einige wenige Auszüge aus der 114 Seiten umfassenden Schrift.

 

Sind wir einmal geschlagen, so haben wir nichts anderes zu tun, als wieder von vorn anzufangen. Und die wahrscheinlich nur sehr kurze Ruhepause, die uns zwischen dem Schluß des ersten und dem Anfang des zweiten Aktes der Bewegung vergönnt ist, gibt uns zum Glück die Zeit für ein sehr notwendiges Stück Arbeit: Für die Untersuchung der Ursachen, die unweigerlich sowohl zu der letzten Erhebung wie zu ihrem Mißlingen führten; Ursachen, die nicht in den zufälligen Bestrebungen, Talenten, Fehlern, Irrtümern oder Verrätereien einiger Führer zu suchen sind, sondern in dem allgemeinen gesellschaftlichen Zustand und in den Lebensbedingungen einer jeden, von Erschütterungen betroffenen Nation. [...] (S. 184)

Die Kleinbürger wurden immer unzufriedener mit ihren Regierungen, mit dem Anwachsen der Steuerlast, mit der Beschränkung jener politischen Scheinrechte, mit denen sie so stolz taten, wenn sie sich mit den »Sklaven des Despotismus« in Österreich und Preußen verglichen; aber einstweilen fehlte ihrer Opposition noch jeder bestimmte Inhalt, der ihr das Gepräge einer sich von dem Konstitutionalismus der bürgerlichen Oberschicht unterscheidenden selbständigen Partei verleihen konnte. […] (S. 206)

In Österreich und Preußen […] waren die konstituierenden Körperschaften wenigstens wirkliche Parlamente, die wirkliche Regierungen stürzten und einsetzten und mindestens eine Zeitlang den Fürsten, mit denen sie im Kampfe lagen, ihre Beschlüsse auf-zwangen. Auch sie waren feige, und es fehlte ihnen der Weitblick für revolutionäre Beschlüsse; auch sie verrieten das Volk und legten die Macht wieder zurück in die Hände des feudalen, bürokratischen und militärischen Despotismus. Aber sie waren dabei wenigstens gezwungen, praktische Fragen von unmittelbarem Interesse zu erörtern und auf der Erde zu leben mit den anderen Menschen, während die Frankfurter Schwätzer niemals glücklicher waren, als wenn sie »im Luftreich des Traums«[1] umherschwärmen konnten. […] (S. 230-231)

Die Proletarier von Paris wurden geschlagen, dezimiert, zerschmettert, dermaßen, daß sie sich von dem Schlag bis heute noch nicht wieder erholt haben. Und sofort erhoben in ganz Europa die neuen und alten Konservativen und Konterrevolutionäre das Haupt mit einer Frechheit, die zeigte, wie gut sie die Bedeutung der Ereignisse verstanden. Überall fiel man über die Presse her, das Vereins- und Versammlungsrecht wurde geschmälert, jeder unbedeutende Vorfall in irgendeiner kleinen Provinzstadt zum Vorwand genommen, das Volk zu entwaffnen, den Belagerungszustand zu verhängen, die Truppen in den neuen Manövern und Kunstgriffen zu drillen, die Cavaignac gelehrt. […] (S. 242)

Die Linke der Versammlung – diese Elite und dieser Stolz des revolutionären Deutschlands, wofür sie sich selbst hielt – war förmlich berauscht von den paar armseligen Erfolgen, die sie davongetragen dank dem Wohlwollen oder richtiger Übelwollen einer Handvoll österreichischer Politiker, die auf Veranlassung und im Interesse des österreichischen Despotismus handelten. Jedesmal, wenn die Frankfurter Versammlung einem Vorschlag, der auch nur im entferntesten an ihre eigenen keineswegs klar umrissenen Grundsätze erinnerte, in homöopathisch verdünnter Form eine Art Sanktion erteilte, verkündeten diese Demokraten, sie hätten Vaterland und Volk gerettet. Diese armseligen Schwachköpfe waren im ganzen Verlauf ihres meist recht obskuren Lebens so wenig an so etwas wie einen Erfolg gewöhnt, daß sie tatsächlich glaubten; ihre lumpigen Amendements, die mit zwei oder drei Stimmen Mehrheit durchkamen, würden das Antlitz Europas verändern; […] (S. 274-275)

Quelle: Friedrich Engels, Revolution und Konterrevolution in Deutschland, in: Karl Marx, Friedrich Engels, Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Band II, S. 181-297, Dietz Verlag Berlin 1972.
 


[1] Heinrich Heine, »Deutschland. Ein Wintermärchen«, Kaput VII. 231.