Zum Hauptinhalt springen
Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Unworte und Taten

Horsta Krum, Berlin

 

Harmlos, leichtfüßig-elegant kommt es daher, ein weich klingendes Wort, nicht zu vergleichen mit »kriegstüchtig«, das sofort mit der ersten Silbe zuschlägt wie mit einem Hammer. Immer wieder wird das Wort benutzt, wenig in der Umgangssprache, wohl aber in Fachtexten, besonders im militärischen Bereich: »Resilient« bzw. »Resilienz«. Wir müssten uns, sagt Verteidigungsminister Boris Pistorius, die Bedrohungslage bewusst machen, denn »Putin weiß, wo die Schwachstellen in unserer gesellschaftlichen Psyche sind, und er spielt geschickt die Karte ›Angst vor dem Krieg‹. Wir sind möglicherweise seine größte Zielscheibe, weil er glaubt, dass wir besonders empfänglich dafür seien. Deswegen sage ich auch gelegentlich, wir müssten auch als Gesellschaft kriegstüchtig werden. Damit ist gemeint, dass wir als Gesellschaft resilienter werden ...« [1] 

Auf die Frage nach Drohnen, hybrider Kriegführung usw. antwortet Pistorius: »Wir haben auch die marktverfügbaren Systeme im Blick, so dass wir schnell auf sie zurückgreifen können«, testen »die Systeme, die es bereits gibt und prüfen, ob sie sich in die Bundeswehr integrieren lassen. Dabei lassen wir auch die Erfahrungen unserer ukrainischen Freunde etwa mit den KI-gestützten Drohnen einfließen. … Wir investieren in die gesamte Funktionskette, von modernen, cloud-fähigen stationären und verlegefähigen Rechenzentren in Deutschland über leistungsfähige und resiliente Kommunikationssatelliten bis hin zur Anbindung und Vernetzung unserer Waffensysteme.« [2] 

Die Fotografin des Ministers, die dieses Gespräch führt, fragt ihn, wie er denn sein riesiges Arbeitsprogramm jeden Tag bewältigen könne. Er zählt seine sportlichen Aktivitäten auf, die er seit seinem vierten Lebensjahr erfolgreich betreibe, worauf die Fotografin feststellt: »Sie sagten einmal, Resilienz sei Ihnen in die Wiege gelegt worden.« [3] 

Das Buch »Boris Pistorius im Gespräch mit Herlinde Koelb – Aufbruch« entstand im Zusammenhang mit der Ausstellung »Boris Pistorius«. Sie wurde bis Ende Mai 2026 in der Berliner Akademie der Wissenschaften gezeigt, also mitten in der Stadt und folgte damit Pistorius' programmatischer Äußerung, dass wir auch als Gesellschaft kriegstüchtig werden müssten. Die sehr großen Fotos sind bis ins Detail stimmig und zeigen einen selbstbewussten, freundlich lächelnden, durch und durch seriösen und zuverlässigen Mann, der sich meist in elegant zurückhaltender, ziviler Kleidung präsentiert, vor oder in einem Panzer dann auch mal im gefleckten Tarnanzug.

Hier wird der »beliebteste Politiker Deutschlands« dargestellt, wie es im Buch und auch im Faltblatt zur Ausstellung heißt. Kleine Begleittexte zur Ausstellung, die dem Buch entnommen sind, bestärken diesen Eindruck, beispielsweise: »Ich bin zutiefst Huma­nist. Was den Menschen hilft, ist für mich handlungsleitend. … Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass unsere Art, in Frieden und Sicherheit zu leben, in Gefahr ist. ... Wir führen keinen Krieg, und wir wollen auch keinen Krieg führen. Wir wollen allerdings nicht schutzlos, sondern vorbereitet sein, falls uns von außen ein Krieg aufgezwungen würde.« [4] Also geht es darum, »resilient« zu sein. Aber dieser Begriff kommt nur im Buch vor, nicht in der Ausstellung.

Öfter kommt er vor in der Denkschrift »Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick«, die die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im November 2025 der Öffentlichkeit vorstellte. Ein Kapitel thematisiert: »Verteidigungsfähigkeit, Friedensbildung, Resilienz als Aufgabe christlichen Handelns: Friedenstüchtigkeit als Ziel«. [5] Das widerspricht dem Sprachgebrauch des Verteidigungsministers, der gerade die Kriegstüchtigkeit als Äquivalent von Resilienz nennt. So ist Pistorius ehrlicher als die Denkschrift, die sich insgesamt liest wie eine wortereiche, christlich-biblische Umschreibung von Richtlinien aus dem Verteidigungsministerium. Sie verlässt die kirchlichen friedenspolitischen Grundsätze, die 2008 noch galten und beurteilt jetzt Pazifismus als rein private, aber ansonsten nicht praktikable Haltung. Und Pistorius sagt: »Wir rüsten uns also erstens, um Aggressoren wie Russland abzuschrecken, und zweitens, um uns verteidigen zu können. ... Wir werden unsere Freiheit und die Menschen, die wir lieben, nicht mit Gebeten oder Sitzblockaden verteidigen können. ... Pazifismus muss man sich leisten können, und das hängt weniger von einem selbst ab als von den anderen. Wenn jemand unser Land, unsere Familien und unsere Freiheit bedroht, müssen wir uns alle gemeinsam verständigen, ob wir nur zuschauen wollen. Ich bin eher bei denjenigen, die sagen: Ich wehre mich dagegen, ich möchte nicht unterjocht werden. Ich will in diesem Land weiter meine Meinung sagen, mich frei entfalten und in Sicherheit leben können.« [6] 

Dem Buch angefügt ist ein mehrseitiger Aufsatz der »Sicherheitsexpertin« Claudia Major: »Resilient, kriegstüchtig und konfliktfähig – Wie sich Deutschland für die neue globale Sicherheitsordnung aufstellen sollte«. Sie warnt vor der »Kriegsbereitschaft« Russlands, seinen »militärischen Ambitionen« und auch vor den nicht-militärischen »Einflussoperationen seiner Geheimdienste«. [7] Die entsprechenden Antworten müssten lauten: »Abschreckung, Verteidigung und Resilienz«. »Resilienzaufbau« definiert sie so: »Belastbarkeit, die Funktionsfähigkeit in Krisen und die Fähigkeit des Wiederaufwuchses nach Angriffen unserer weichen und harten kritischen Infrastrukturen zu gewährleisten. ... Bei weichen Infrastrukturen wie der demokratischen Ordnung geht es z. B. durch Bildungspolitik, um den Umgang mit Medien als Waffe zu lernen.« [8] (!) Es reiche nicht, mehr Geld zu investieren; sondern es brauche »einen Mentalitätswandel, nämlich die Anerkennung der Tatsachen, dass sich (militärische) Machtpolitik für viele Staaten lohnt …; und dass Deutschland als großes, wohlhabendes Land in der Mitte Europas eine zentrale Rolle beim Schutz von Frieden, Sicherheit und Wohlstand in Europa spielt ... Nur wer diese Realität akzeptiert, kann gestalten und widerstehen.« [9] 

Dem Pistorius-Buch und der EKD-Denkschrift folgte Ende November 2025 das gemeinsame »Ökumenische Rahmenkonzept« der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz der katholischen Kirche. Es ist ein internes Arbeitspapier und thematisiert »Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall«. 

In beiden Kirchen gibt es »Notfallseelsorgende«; das sind Theologinnen und Theologen, die beispielsweise Feuerwehrleute oder Polizisten an Verbrechens- und Unfallorte begleiten oder zu Angehörigen, um die traurige Nachricht zu überbringen. Die Polizisten halten sich nicht lange auf, die »Seelsorgenden« bleiben noch, leiten vielleicht eine Psychotherapie ein, begleiten Angehörige in die Pathologie usw. Auch Krankenhaus- und Gefängnisseelsorge bestehen als feste Institution seit dem 19. Jahrhundert. Diese »Seelsorgenden« werden nun auf den »Verteidigungsfall« vorbereitet. Das Papier spricht von toten und verletzten Zivilisten, die es »im Verteidigungsfall« geben wird. Besondere Aufmerksamkeit aber sei den verwundeten Soldaten und den Angehörigen von Gefallenen entgegenzubringen. »Es geht um die Erweiterung der seelsorgerlichen Kompetenz«, die durch »persönliche Resilienz« erworben werden soll. 

Wenn die Autoren des Papiers von Resilienz sprechen, meinen sie nicht nur die kirchlichen Mitarbeiter, sondern auch die Gesellschaft: »Wie lässt sich gesamt-gesellschaftlich ein resilientes Mindset erzeugen?« Was bedeutet dieser Satz anderes als Pistorius' Forderung, die Gesellschaft müsse kriegstüchtig werden? Jedenfalls sollen die »Seelsorgenden« dieser neuen Herausforderung gerecht werden: »Sicherheit geht alle Menschen in unserem Land etwas an, alle tragen dafür Verantwortung und haben etwas beizutragen.« Dieser Satz soll anscheinend die »Seelsorgenden« besonders in die Pflicht nehmen; denn er stammt aus dem Dokument »Wehrhaft, Resilient, Nachhaltig, Integrierte Sicherheit für Deutschland. Nationale Sicherheitsstrategie, Berlin 2023«, herausgegeben vom Auswärtigen Amt.

So tun die deutschen Kirchen auch jetzt, was sie über Jahrhunderte getan haben: Sie dienen den Regierenden.

Die Verfasser der evangelischen Denkschrift und des Ökumenische Rahmenkonzeptes sind sich auch darin mit Boris Pistorius und Claudia Major einig, dass Russland der Feind sei, der Deutschland bedrohe.

Der Philologe Victor Klemperer hat in seiner »Sprache des Dritten Reiches« den Begriff »Pfeilerwort« gebraucht. Nach der verhältnismäßig ruhigen Nachkriegszeit, in der es zwei deutsche Staaten gab, bestimmt wieder das Kriegsdenken über unsere Sprache: »kriegstüchtig« und »resilient«. 

 

Anmerkungen:

[1] Boris Pistorius im Gespräch mit Herlinde Koelbl, München 2025, S. 109.

[2] A.a.O., S. 101 ff.

[3] A.a.O., S. 42.

[4] A.a.O., S. 78.

[5] Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick, Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen, Leipzig 2025, S. 11.

[6] Pistorius, a.a.O., S. 79.

[7] A.a.O., S. 144.

[8] A.a.O., S. 146.

[9] A.a.O., S. 148 f.

 

Mehr von Horsta Krum in den »Mitteilungen«: 

2026-02: Neues Werben fürs Sterben

2025-04: Dietrich Bonhoeffer, ermordet am 9. April 1945

2025-02: Der Fall Calas und die Toleranz