Palantir – Dystopie eines Tech-Milliardärs
Sebastian Bach, Gotha
»Palantir« ist ein Begriff aus J. R. R. Tolkiens »Der Herr der Ringe«, welcher alles sehende Steine beschreibt. Was in der Fantasy-Welt von Mittelerde magisch klingt, ist in der realen Welt ein amerikanisches Tech-Unternehmen, welches eine Analyse-Software entwickelt hat, die mittels Künstlicher Intelligenz (KI) in Sekundenschnelle personenbezogene Daten mit Inhalten gescannter Social-Media-Beiträge verknüpfen und so von allen Nutzern Profile erstellen kann. [1] Weiterhin kann die Software auf Daten von Überwachungskameras zugreifen und Personen anhand von biometrischer Gesichtserkennung ausfindig machen. Mit anderen Worten handelt es sich um eine Datenkrake, die das gesamte Internet durchleuchten und jeden Menschen fast überall aufspüren kann. [2]
Die ersten unschuldigen Opfer
Vornehmlich soll dies der Verbrechensbekämpfung dienen. Ein Beispiel aus dem US-Bundesstaat Tennessee zeigt jedoch, wie unzuverlässig die KI von Palantir ist. Am 14. Juli 2025 passte die 50-jährige Angela Lipps auf vier ihrer fünf Enkelkinder auf, als ein Spezialkommando der Polizei ihre Wohnung stürmte und sie festnahm. Ihr wurden ein Bankbetrug sowie Diebstahl und weitere Vergehen vorgeworfen, wegen der sie im 1.600 Kilometer entfernten North Dakota gesucht worden sei. Die Palantir-Software »Gotham« soll die Großmutter mithilfe von Gesichtserkennung aufgrund ähnlicher Merkmale als Verdächtige identifiziert haben.
Obwohl die Frau beteuerte, dass sie noch nie in North Dakota gewesen sei, wurde sie in Tennessee drei Monate lang in Untersuchungshaft gehalten. Danach wurde sie nach North Dakota ausgeliefert, wo sie erneut inhaftiert wurde. Am 23. Dezember wurde der Haftbefehl schließlich aufgehoben, nachdem ihr Anwalt entlastende Bankunterlagen vorgelegen konnte, die bewiesen, dass sie sich zu den Tatzeitpunkten über 1.000 Meilen entfernt aufgehalten hatte. Angela Lipps wurde schließlich am Heiligabend ohne jede Entschuldigung und ohne einen Cent einfach vor die Tür gesetzt. Für ihre Rückreise kam eine gemeinnützige Organisation auf. Wegen offener Rechnungen während der Haftzeit verlor sie dann auch noch ihr Haus – nur weil die Palantir-Software einen Fehler gemacht hat! [3]
Nicht der einzige Vorfall. Im Oktober 2025 wurde im US-Bundesstaat Maryland fast ein Schüler verhaftet, weil die Software über eine Kamera eine Chipstüte mit einer Waffe verwechselt hat. [4] Allein schon diese Unzuverlässigkeit stellt eine große Gefahr für die Allgemeinheit und einen Angriff auf die Bürgerrechte dar. Dennoch setzt man auch in Deutschland zunehmend auf Palantir-Software. Die Polizei in Hessen setzt »Gotham« bereits seit 2017 unter dem Namen »HessenData« ein, NRW seit 2022 im »DAR«-Programm und Bayern seit 2024 unter der Bezeichnung »VeRA«. 2026 zog Baden-Württemberg nach. [5] NRW und Bayern setzen ähnliche Software auf Basis von Palantir ein. Ein Einsatz auf Bundesebene wird bereits diskutiert, wobei sich insbesondere Bundesinnenminister Dobrindt (CSU) für Palantir einsetzt. [6]
Vorbild Gotham City
Welch ein Irrsinn da vor sich geht, offenbart bereits der Name der »Gotham«-Software, welche die Polizei in Hessen benutzt. Zur Erklärung: »Gotham« ist die fiktive Heimatstadt von Batman aus dem DC-Comicuniversum. Die Stadt ist ein Sündenpfuhl, in dem fast jeder ein Verbrecher ist. Wenn die Polizei diese Bezeichnung nutzt, deutet das darauf hin, dass die Bevölkerung unter Generalverdacht gestellt und die Unschuldsvermutung aufgehoben werden soll. In der Batman-Verfilmung »The Dark Knight« (2008) setzt der Milliardär Bruce Wayne ebenfalls eine Überwachungssoftware ein, welche die gesamte Bevölkerung über ihre Handys ausspioniert. Natürlich nur, um seinen Gegenspieler, den Joker zu finden, denn Batman ist ja der Held. Oder vielleicht ein Propagandamittel, um der Bevölkerung den totalen Überwachungsstaat schmackhaft zu machen?
»Gotham« – also die Software, nicht die fiktive Stadt – bedeutet unbegründete Massenüberwachung und zeichnet obendrein ein Kriminalitätsbild, welches nichts mit der Realität zu tun hat, in der die Kriminalität seit Jahren rückläufig ist. Zumindest in Deutschland. Das falsche Bild, welches nur allzu gern von rechten Parteien gezeichnet wird, soll Panik schüren und totale Überwachung rechtfertigen. Und für genau diese Kundschaft wurden »Gotham« sowie die anderen Produkte des Palantir-Konzerns entwickelt.
Der US-Unternehmer Peter Thiel, einer der Gründer von Palantir Technologies Inc., steht politisch extrem weit rechts und hat den Wahlkampf von Donald Trump unterstützt. Bereits 2009 bekundete er: »Ich glaube nicht länger, dass Demokratie und Freiheit kompatibel sind.« [7] Gemeint ist natürlich die Marktfreiheit, die er durch die Demokratie eingeschränkt sieht und daher beseitigen möchte. Und was eine Software zur Massenüberwachung in den Händen von Demokratiefeinden bedeutet, kann sich jeder ausmalen. Im Übrigen erhält die US-amerikanische Betreiberfirma bereits Zugang zu hochsensiblen deutschen Polizeidaten.
Die Jagd auf Antifaschisten hat bereits begonnen
Die betreffenden Landesregierungen sowie vielleicht auch bald unsere Bundesregierung verraten unsere persönlichen Daten damit wissentlich an die Trump-Administration und deren Tech-Oligarchen. Damit werden deutsche Staatsbürger akut gefährdet, wie die jüngsten Ankündigungen von Trumps Terror-Koordinator Sebastian Gorka zeigen. Er wolle »die rasche Identifizierung und Neutralisierung gewalttätiger, weltlicher politischer Gruppen priorisieren, deren Ideologie antiamerikanisch, radikal pro-transgender und anarchistisch ist.« [8] Richtig gelesen, er sprach von der »Neutralisierung«! Und das nicht nur auf amerikanischem Boden, sondern ebenso in Europa. Das muss man erst einmal sacken lassen.
Gorka führte weiter aus, dass er vor allem auf Antifaschisten, Anarchisten und Transpersonen abziele. Antifaschisten hatte bereits Trump nach dem Attentat auf Charlie Kirk pauschal zu Terroristen erklärt. Da der mutmaßliche Täter eine Transperson sein soll, stehen diese nun ebenfalls im Visier, als mache eine Geschlechtsangleichung die Betreffenden sofort zu potentiellen Attentätern. Zum Glück war der Verdächtige nicht auch noch schwarz, sonst gäbe es wahrscheinlich schon staatliche Pogrome gegen Afroamerikaner.
Welcher Missbrauch mit dieser Software auch hierzulande betrieben werden kann, sollte in Deutschland jemals wieder eine faschistische Regierung an die Macht kommen, muss ebenfalls jedem klar sein. Politische Gegner könnten dann sehr schnell zu »Terroristen« erklärt, in Echtzeit aufgespürt und verfolgt werden. Gleiches gilt für Menschen mit Migrationshintergrund.
Bisher stellt sich auf Seiten der Regierung immerhin die SPD gegen Palantir. Dennoch haben die Sozialdemokraten im Juli 2026, kurz vor der parlamentarischen Sommerpause, für die Reform des Bundespolizeigesetzes gestimmt und ebenso schon zuvor für das Gesetz zur Erweiterung der digitalen Ermittlungsbefugnisse. Beides schließt biometrische Gesichtserkennung mit Hilfe von KI ein. [9] Ob nun ein anderer, europäischer Konzern diese bereitstellt, ist im Prinzip unerheblich, denn das Ergebnis bleibt das gleiche. [10] Zudem künden Jens Spahns fünf geheime Treffen mit Peter Thiel bereits an, dass Palantir noch längst nicht vom Tisch ist. [11] Ebenso ist Dobrint immer noch offen für Palantir.
Die Linke muss sich im Namen des Datenschutzes ausdrücklich gegen den Einsatz von »Gotham« und jeder anderen Palantir-Software stellen, ihren Einsatz auf Bundesebene verhindern und ihn auf Landesebene zurückdrängen. Wir müssen verhindern, dass die Menschen in diesem Land aufgrund einer verfehlten Sicherheitspolitik pauschal zu gläsernen Bürgern gemacht werden und in der Zukunft möglicherweise noch weitaus Schlimmeres droht als eine orwellsche Überwachungsstaat-Dystopie.
Anmerkungen:
[1]taz.de/Einsatz-von-Palantir-in-Deutschland-Fast-alle-Bundeslaender-sind-dagegen-ein-Grund-zur-Entwarnung/!6186360/.
[2]www.docma.info/blog/das-dritte-auge-des-staates-palantirs-gesichtserkennung-im-deutschen-behordenalltag.
[4]www.morgenpost.de/politik/article410323904/ki-verwechselt-chipstuete-mit-pistole-polizei-nimmt-schueler-fest.html.
[5] Siehe Fn. 1 und 2.