Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Mandelas Erbe

Dr. Hartmut König, Panketal

Vor dreißig Jahren, am 2. Juni 1990, traf sich Nelson Mandela in Pretoria mit dem südafrikanischen Präsidenten, F. W. de Klerk, um zu besprechen, wie die in den sogenannten Groote-Schuur-Gesprächen erreichten Vereinbarungen umgesetzt werden sollten. Groote Schuur, die Präsidentenresidenz in Kapstadt, war der Ort, an dem de Klerk und der inzwischen wieder legalisierte Afrikanische Nationalkongress schon in den ersten Maitagen über eine grundlegende Neuausrichtung Südafrikas verhandelt hatten. Im »Groote Schuur-Memorandum« sprachen sich beide Seiten für eine Eindämmung der Gewalt und für Verhandlungen über »Normen und Mechanismen« zur Freilassung der politischen Gefangenen sowie zur unbehelligten Rückkehr der im Exil arbeitenden ANC-Mitglieder aus. Die Begegnung in Pretoria war also ein Follow-up, und obwohl es in den Geschichtsbüchern kaum Erwähnung findet, war es doch die Erneuerung eines bemerkenswerten Vorgangs: Der letzte weiße Repräsentant der politisch und moralisch in Agonie taumelnden, international geächteten Unterdrückungsmacht spricht mit dem nach 27-jähriger Haft entlassenen populärsten schwarzen Führer auf Augenhöhe. Die unlängst auf keiner Parkbank »Für Weiße« gemeinsam hätten Platz nehmen dürfen, sitzen am Verhandlungstisch und reden über die Zukunft eines sich dramatisch wandelnden Südafrika.

Mandelas und de Klerks Dialogbereitschaft war in höchst explosiver Zeit aus Realitätssinn gespeist. Den drohenden Bürgerkrieg konnte nur ein nationaler Kompromiss verhindern, und mochte er noch so sehr an den Fronten und Weltbildern der alten Feinde reißen. Denn es war absehbar: Das Burenregime würde seine Vorherrschaft verlieren und die Apartheid fallen. Dem alten Unterdrückungsapparat aber würde nicht jede Wurzel gekappt sein, die Befreiung also noch unvollendet bleiben. Auf beiden Seiten riefen militante Phalangen Verrat! Aber Mandela, der einst den bewaffneten Widerstand des ANC geleitet hatte und ihm, solange der Apartheid-Terror andauerte, selbst um den Preis seiner Haftentlassung nicht abschwor, folgte nun dem Mandat der ANC-Führung, das auch seine Überzeugung war. Er wählte den Dialog.

Der Landjunge weitet sich die Welt

Nelson Mandela war gewiss ein Ausnahmepolitiker. Er bezeichnete sich noch im höchsten Staatsamt mit augenzwinkerndem Stolz als Landjunge. Nach den Sitten der Xhosa erzogen, bewahrte er sich deren Moral: Den Gegner bezwingen, ohne ihn zu entehren. In Fort Hare, der kleinen Universität für Schwarze, die zum Hotspot für die Ausbildung künftiger Führer des Widerstands werden sollte, übernahm Mandela seine erste Funktion im Studentenrat. Dort verfocht er rein studentische Belange. Sein politisches Bewusstsein indes schärfte sich fortan durch die Vielzahl rassistischer Alltagserlebnisse, durch Bekanntschaft mit der desolaten sozialen Lage in den Arbeitermilieus, schließlich durch erste juristische Zuarbeiten in demokratisch gesinnten Anwaltskanzleien. Nicht zuletzt politisierten ihn die frühen Debatten mit jungen rebellischen Geistern wie Oliver Tambo oder Walter Sisulu. Als er mit ihnen im Exekutivkomitee der Jugendliga des ANC saß, tendierte er anfangs zu einer extremen Lesart des »Afrikanischen Nationalismus«, bevor er – seinen späteren Ansichten näher – vordringlich für die Beseitigung der weißen Vorherrschaft im künftigen Zusammenleben aller Volksgruppen eintrat. Die erstarkte Kommunistische Partei beeindruckte Mandela wegen der spürbaren Gleichheit, mit der die Genossen verschiedener Hautfarbe zusammen kämpften. Später nannte er die Kommunisten die einzige Gruppe, »die bereit war, Afrikaner als Menschen und als ihresgleichen zu behandeln ... die bereit war, mit den Afrikanern für die Erlangung ihrer politischen Rechte und die Durchsetzung ihrer Interessen in der Gesellschaft zusammenzuarbeiten«. Ungeachtet aller Burenproteste setzte Mandela den Spitzenfunktionär der KP Joe Slovo als Mitglied seiner Verhandlungsdelegation in Groote Schuur durch und ernannte ihn während seiner Präsidentschaft zum Minister für Wohnungsbau.

Nachdem 1948 die Nationale Partei an die Macht gekommen war und die Apartheid gesetzlich wie institutionell zementierte (strenge Rasseneinteilung, Verbot von Mischehen, getrennte Wohnorte), verschärfte sich im ANC der Ruf nach wirksameren Aktionen. Sisulu meinte, die Massen eilten der Führung voraus. In dieser Situation wurde die Kommunistische Partei verboten, wobei man nicht minder auf den ANC zielte, weil selbst die Infragestellung der Rassentrennung nun als strafbare kommunistische Aktivität galt. Das brachte die verschiedenen Fronten des Widerstands näher zusammen. Ihre Aktionen wurden von der Polizei blutig niedergeschlagen. In der Nacht des 1. Mai 1950 sah Mandela, wie in einem Township schwarze Demonstranten getötet wurden, und er nannte es einen Wendepunkt in seinem Leben. Mandela erweiterte sein politisches Wissen, studierte auch marxistische Literatur, das Kommunistische Manifest, das Kapital. Und er war nun überzeugter denn je, dass der ANC Verbündete brauchte. Bald schon in der Ungehorsamkeitskampagne (Defiance Campaign), mit der man im antirassistischen Widerstand auf die Weigerung der Regierung reagierte, sechs ihrer Rassentrennungsgesetze zu annullieren. Oder bei der Ausarbeitung und Verteidigung der »Freiheitscharta«, die 1955 auf einem Volkskongress erörtert wurde und das Burenregime bis aufs Blut reizte. Mandela wurde mit dem Vorwurf des Hochverrats verhaftet. Aber der Prozess, der sich ein halbes Jahrzehnt hinzog, endete mit einem Freispruch.

Waren die bisherigen Widerstandsaktionen weitgehend friedlich geblieben, so erschien der bewaffnete Kampf als Antwort auf die Blutorgien der Staatsmacht immer unvermeidlicher. Mandela hegte Sympathien für Gandhis Lehre von der Gewaltlosigkeit, hielt sie aber nicht für unantastbar. Und als mit dem »Speer der Nation« eine vom ANC formal getrennte militärische Organisation entstand, wurde Mandela ihr Oberbefehlshaber. Das unstete Leben in der Illegalität und die Vielzahl seiner Visiten in afrikanischen Staaten und bei Nationalen Befreiungsbewegungen forderten ihn so hart, dass bleibende Auswirkungen auf den familiären Zusammenhalt die Folge waren. Und dann die langen Jahre der Haft. Wegen Verletzung von Bannauflagen und andauernder Führerschaft im verbotenen ANC wurde Mandela 1962 gefasst und zu sieben Jahren verurteilt. Die CIA soll die entscheidenden Hinweise über seinen Aufenthalt geliefert haben. Im »Rivonia«-Prozess schließlich die Anklage wegen Sabotage und Planung des bewaffneten Kampfes. Der Staatsanwalt verlangte die Todesstrafe, aber so stur wie unerschrocken verteidigte Mandela sein politisches Credo in einer Rede, die mit dem Ruf »I am Prepared to Die« (»Ich bin bereit zu sterben«) um die Welt ging. Der Richter verhängte »Lebenslänglich«. Die Geschichte verkürzte das. Aber es blieb immer noch ein Vierteljahrhundert in lähmender Unfreiheit. Wieviel gewitzten Widerstandsgeist gegen Gefängnisleitung und Wachleute, wieviel feinfühlige Einflussnahme auf die Gefährten im Gefängnisalltag, wieviel Sehnsucht nach familiärer, nationaler und internationaler Solidarität brauchte der stärkste Rebell, um eine solche Zeit durchzustehen? Man liest es in Mandelas Lebensgeschichte. Und man erfährt, dass Robben Island ihm unendlich viel Zeit bot, um über das eigene und das künftige Leben der Nation nachzudenken.

Gefesselt, aber frei

Im Wechselbad von Sadismus und Anstand der weißen Wärter, von monotoner Sklavenarbeit und selbstinitiierter intellektueller Aufrichtung, von Hoffnungen und Enttäuschungen, die die kargen Nachrichten von draußen auslösten, wandelte sich mit den Jahren Mandelas Charisma. Ungestümes Aufbegehren wich analytischer Besonnenheit und Selbstdisziplin. Ausgrenzender Militanz des Black Consciousness, den die Buren umgekehrten Rassismus nannten, begegnete er ablehnender. Als Justizminister Coetsee von der Gefängnisleitung eine Einschätzung ihres bekanntesten Gefangenen forderte, schrieb diese, dass es keine Anzeichen einer Verbitterung gegenüber Weißen gäbe. »Es besteht kein Zweifel«, fuhr sie fort, »dass Mandela alle Eigenschaften besitzt, der Schwarzenführer Nummer eins in Südafrika zu sein. Seine Zeit im Gefängnis hat seine psychopolitische Stellung eher verbessert als verschlechtert, und damit hat er nunmehr das charakteristische Gefängnischarisma des zeitgenössischen Führers einer Befreiungsbewegung erworben.« Durch seine Charakterstärke, die Akzeptanz als Führer der Gefängnisinsassen, auch seine historische und sprachliche Bildung, die die exzellente Kenntnis der Buren-Geschichte und die Beherrschung des Afrikaans einschloss, war er selbst in den Augen vieler Wärter zur Respektsperson geworden. In den Fesseln des Gefängnislebens hatte er eine innere Freiheit errungen, die ihn körperlich wie seelisch kräftigte und jenes politisch-moralische Kapital wachsen ließ, das ihm später in den Debatten um die Zukunft des Landes und als Staatsmann zugutekam.

Auch Ereignisse »draußen« hatten Mandela elektrisiert. Vor allem der Aufstand vom 16. Juni 1976 in Soweto. Unterstützt von zehntausenden Demonstranten, hatten Schüler im Ghetto gegen die Einführung des Afrikaans gestreikt. Im Feuerhagel der Polizei starben mit dem zwölfjährigen Hector Pieterson viele Demonstranten sofort und mindestens 1.000 Menschen bei nachfolgenden Aktionen. Der Aufschrei der demokratischen Öffentlichkeit rund um die Welt war gewaltig. Auch in der DDR. Und die Erinnerung blieb wach. Auf den Tag genau 12 Jahre später widmete die FDJ eines ihrer Weißenseeer Rockkonzerte dem Andenken an die Opfer dieses Massakers. James Brown und »The Wailers«, die Band der 1981 verstorbenen Reggae-Ikone Bob Marley, standen neben DDR-Rockern auf der Bühne und erhielten zusammen mit den hunderttausend Zuschauern solidarische Grüße vom großen Anti-Apartheid-Konzert im Londoner Wembley-Stadion. Harry Belafonte, Miriam Makeba und Little Steven hatten sie übermittelt. Und Alberta, die Frau des mit Nelson Mandela eingekerkerten Walter Sisulu, schilderte in ihrer Botschaft aus Soweto, wie sich die Eltern an den Kindern ein Beispiel nahmen und kämpften.

Besonders zwei imperialistische Hauptmächte folgten während Mandelas Haftzeit verräterisch lange der Burendoktrin. Margaret Thatcher hasste den ANC und hielt ihn für eine terroristische Ausgeburt des Kommunismus. Ronald Reagan mit seinem Faible für die weiße Vorherrschaft schlug sich auf die Seite der CIA, die ihre südafrikanischen Partner im Kampf gegen die nach ihrer Lesart marxistisch infizierten afrikanischen Befreiungsbewegungen hofierte. Reagan setzte Mandela als »Terroristen« auf die amerikanische »Watch-List«, von der ihn George W. Bush erst 2008 (!) wieder strich. Franz Josef Strauß gab den hinterhältigen Rat, Mandela die Freiheit anzubieten, wenn der auf den bewaffneten Kampf verzichtete. Präsident Botha fand das eine gute Idee und kassierte Mandelas Absage. Auch die Haltung der Sowjetunion zu Zeiten ihres Niedergangs muss für den ANC eine bittere Enttäuschung gewesen sein. Gorbatschows Einladung an den schon auf freiem Fuß befindlichen Mandela wurde still beerdigt. Das krisengeschüttelte Moskau wandte sich lieber dem südafrikanischen Regime zu und kappte die Ausbildung von ANC-Kadern.

Vater der Nation

In einer aufsehenerregenden Parlamentsrede forderte de Klerk am 2. Februar 1990 die Legalisierung der verbotenen Organisationen, darunter des ANC wie der Kommunistischen Partei, und er kündigte die Freilassung der politischen Gefangenen an. Verheerende politische und wirtschaftliche Schäden infolge intensivierter internationaler Sanktionen hatten ihn zu diesem Schritt getrieben. Am 11. Februar ging Mandela an der Seite seiner damaligen Frau Winnie als freier Mann durch das Gefängnistor. Ohne ihn war die Zukunft Südafrikas nicht mehr denkbar, und es folgten die zähen Verhandlungen von Groote Schuur bis zum Vorabend freier Wahlen im April 1994, die der ANC mit absoluter Mehrheit gewann. Nelson Mandela wurde zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt. Unter seiner Regentschaft galt es, alte Apartheidgesetze zu annullieren und die Sicherheitsapparate zu reorganisieren. Im Rahmen der primären Gesundheitsfürsorge wurden nun alle Südafrikaner kostenlos behandelt. Millionen Menschen erhielten Strom- und Wasseranschlüsse. Zur Aufklärung der Apartheidverbrechen setzte Mandela eine »Wahrheits- und Versöhnungskommission« unter Leitung des Erzbischofs Desmond Tutu ein, die eine für viele Opfer schwer nachvollziehbare Milde walten ließ. Aber Mandela wollte keinen »umgekehrten Rassismus«, keine Rache. In den Fesseln nahezu unveränderter Eigentumsverhältnisse sah er seine staatsmännische Aufgabe darin, die Gesellschaft bestmöglich zu einen. Man mag darüber streiten, ob seine »präsidialen« Visiten bei der Witwe des Apartheid-Einpeitschers Hendrik Verwoerd, bei Percy Yutar, dem fanatischen Ankläger im »Rivonia«-Prozess oder beim tyrannischen Ex-Präsidenten P.W. Botha nicht allzu missverständliche Zeichen setzten. Aber sie waren als Gesten des menschlichen Verzeihens nie eine politische oder ideologische Übereinkunft. Und er setzte wichtigere Zeichen. Als er bei der Rugby-Weltmeisterschaft in Südafrika der einheimischen »Springbokke«-Mannschaft in deren grünem Trikot stolz den Siegespokal überreichte, tanzte die weiße und schwarze Anhängerschaft gemeinsam in den Straßen. Nelson Mandela wurde zum Vater der Nation. Jüngere Landesväter, die sich anderswo vielleicht beim Gunsterwerb von ihm inspirieren lassen, haben zu bedenken, dass die einende Güte und scheinbare Gelassenheit im Politikstil des reifen Volkstribuns die späte Frucht seines lebenslangen harten Kämpfertums für die emanzipatorischen Rechte des Volkes waren. Ausgekostet im Moment eines historischen, wenn auch gefährdeten Sieges. Dahin muss man erst mal kommen.

Selten treffen politisch-strategische und charakterliche Eignung bei Akteuren der Zeitgeschichte so glücklich zusammen wie bei »Madiba«. Diese Kongruenz formte sich bei ihm in den komplizierten Herausforderungen seines Lebens und Kampfes. Zumeist wird ein Politiker daran gemessen, wie er sein Amt erlangte und führt. Die wenigsten beurteilen ihn nach der Art, wie er die Tribünen der Macht wieder verlässt und ob er zu der Einsicht fähig ist: Wenn du einer gerechten Sache folgst, ist es zweitrangig, in welcher Reihe du gehst. Mandela konnte so denken und war bestrebt, seinen Rückzug mit Bedacht zu ordnen. Aber die Umbrüche waren unvollkommen und seine Schuhe zu groß für manche Nachfolge. Als er zu Grabe getragen wurde, berührte seine letzte Frau, Graça Machel, den Sarg so sanft, als wollte sie sagen: Ruh dich aus. Was jetzt schief läuft, musst du nicht mehr verantworten. Die Welt indes hörte nicht auf, sich nach solchen Führern zu sehnen.

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