Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz
Zum Hauptinhalt springen

Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

»Lasst uns die Warnungen erneuern!«

Dr. Hartmut König, Panketal

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg

Wie es begann und endete, weiß ich aus dem Geschichtsbuch. Und aus den Erzählungen der Familie. Mein Onkel starb, neunzehnjährig, im U-Boot auf dem Meeresgrund. Mein Vater stieß, als sein Kahn an einer Mine explodierte, im Überlebenskampf zerstückelte Leiber von sich. Die Bombennächte in den Kellern der Schönhauser Allee waren am Ende auch ein Roulette zwischen Leben und Tod. Und endlich diese atemlose Stille, von der die Großmutter sprach. Als zum Frühjahr 1945 im Berliner Nordosten die Waffen schwiegen und ein Russe mit Mongolengesicht, noch immer geduckt, auf der Kellertreppe die Zeitenwende verkündete: »Krieg vorbei. Gitler kaputt!« Das sind Geschichten an deutschen Tischen. Andere Völker haben ihre eigenen. Aber Leid und Trauer, Mut und Aufopferung können nicht verschmelzen. Sie behalten ihre kontroversen Facetten, weil zwischen Angriff und Widerstand, zwischen Verstrickung in Verbrechen und Verteidigung der Humanität zu unterscheiden ist. Heldenmut konnte da nie etwas anderes sein als Widerstand gegen den Faschismus und seinen Angriffskrieg.

Kriegsbeginn nach üblich gewordener imperialistischer Manier

1939 begann alles nach üblich gewordener imperialistischer Manier. Ein fingierter Überfall auf den Sender Gleiwitz lieferte den Kriegsvorwand. Anderntags, am 1. September, beschoss die »besuchsweise« in Danzig eingelaufene »Schleswig Holstein« polnische Truppen auf der Westerplatte. Danzig wurde »eingegliedert«. Der Zweite Weltkrieg begann. 63 Divisionen überfielen Polen. 3.000 Panzer und 2.000 Flugzeuge waren im Einsatz. Am 2. September hatten die Okkupanten die Lufthoheit errungen. Barbarische Luftangriffe und unvorstellbarer Terror am Boden trafen auf verzweifelte Gegenwehr der polnischen Streitkräfe, die jedoch Anfang Oktober ihren Widerstand aufgeben mussten. Frankreich und Großbritannien erklärten Deutschland am 3. September den Krieg, blieben aber bei ihrer Münchener Verratspolitik und unterließen eine wirksame Entlastung Polens. Vielmehr hofften sie, die faschistische Aggression würde sich alsbald gegen die Sowjetunion richten. Ihr »seltsamer Krieg« schrieb unrühmliche Geschichte, zumal das geschonte Deutschland sie später keinesfalls schonte.

Den weiteren deutschen Angriffen im europäischen Westen und Norden, den Überfällen auf Jugoslawien und Griechenland sowie Kampfhandlungen in Afrika folgte am 21. Juli 1940 tatsächlich Hitlers Wahnsinnsbefehl, die Eroberung und Zerschlagung der Sowjetunion zu planen. Die Einwohner sollten ausgerottet oder versklavt, Ländereien und Rohstoffe vereinnahmt werden. In nur wenigen Wochen wollte man an der Linie Archangelsk-Wolga-Astrachan stehen. Ein Wirtschaftsstab plante die Ausraubung der im Blitzkrieg eroberten Gebiete. SS und SD erhielten Sondervollmachten zur Liquidierung der Zivilbevölkerung, später wurde den Wehrmachtsangehörigen Straffreiheit für Kriegsverbrechen zugebilligt. Der Kommissarbefehl zur Ermordung von Offizieren der Roten Armee wurde erlassen. Und schon träumte man von den Zielen nach dem vermeintlich kurzen Russlandtrip: Angriff gegen britische Positionen »aus Libyen durch Ägypten, aus Bulgarien durch die Türkei und unter Umständen aus Transkaukasien heraus durch den Iran«, heißt es in einem Entwurf des OKW vom Juni 1941. Diese Flausen starben, als Hitlers Blitzkriegspläne im Dezember 1941 vor Moskaus Barrikaden endgültig scheiterten und der sowjetische Sieg in Stalingrad die entscheidende Wende des Zweiten Weltkrieges einleitete. Es dauerte noch bis zum Juni 1944, dass mit der Landung in der Normandie endlich die langersehnte Zweite Front in Westeuropa eröffnet wurde. 

Der Funke der Befreiung erstickte im Kalten Krieg

Die Ruinen standen noch wie eine Mahnung, als dem heißen der Kalte Krieg folgte. Er hatte sich am antikommunistischen Kurs der führenden Westmächte entzündet und war mit Winston Churchills berüchtigter Rede in Fulton rhetorisch eingeleitet worden. Antifaschisten verschiedener Länder und Denkungsart sahen mit Trauer, wie in den Nachkriegsjahren der Funke der Befreiung, der die Nationen im Kampf für Frieden und Gerechtigkeit hätte vereinen können, am Popanz einer propagandistisch zelebrierten roten Gefahr erstickte. Und da war er wieder, der Antikommunismus der westlichen Führungsmächte, die die Sowjetunion gern im frühen Widerstand gegen die Naziaggression zerrieben gesehen hätten und dann doch spät zu Hilfe eilten, weil ihre Völker es wollten und ein prägender Einfluss auf die europäische Nachkriegsordnung anders nicht zu gewinnen gewesen wäre. Und die USA, deren Jungs auf den Schlachtfeldern gegen die Nazi-Barbarei ehrenvoll kämpften und fielen oder deren Ankläger bei den Nürnberger Prozessen würdig stritten, waren in der Nachkriegszeit in nahezu jede internationale Schurkerei verwickelt, die ernsthafte Geschichtsbetrachtung gelistet hat. Kriege, Umstürze, Einschleusung gemieteter Contra-Banden, Putsche gegen volksnahe Regierungen, Sanktionen gegen politischen oder ökonomischen Ungehorsam gehörten zum Arsenal des selbsternannten Weltgendarmen. Und bis heute kein Ende. Dafür bis in die Gegenwart hinein noch Auswirkungen alter Verbrechen. Ein Verweis auf den Sturz der Regierung Mossadegh im Iran mag genügen. Sie war frei gewählt, aber als sie im Ölsektor Verstaatlichungen vornahm, wurde sie nach einem anglo-amerikanischen Putschkomplott durch das Mörderregime des Schahs ersetzt. Das war in den frühen 1950er Jahren. Heutige Probleme um den Iran, die durch Trump brandgefährlich geschürt werden, haben hier ihre Wurzel.

Die Entspannungsphase, die dem scharfen Kalten Krieg folgte, ist mit dem Niedergang des sozialistischen Systems europäischer Prägung aus den Angeln gehoben. Und aus Furcht vor dem rasanten Aufstieg der Volksrepublik China sowie der Rückkehr Russlands in eine Rolle als Weltmacht auf Augenhöhe ist für die westlichen Führungsmächte deren Wiederbelebung keine aktuelle Option. Im Gegenteil. Immer neue Verortungen Russlands im Reich des Bösen und demütigende Sanktionen sind ein Washingtoner Diktat, dem sich auch die deutsche Bundesregierung nicht entziehen will.

Den 75. Jahrestag der Befreiung würdig begehen

Die Brüskierung Russlands geht soweit, dass Siegesparaden auf dem Roten Platz von westlichen Repräsentanten nicht mehr besucht werden. Die spätestens nach dem Triumph in Stalingrad als kriegsentscheidend gewürdigte Rolle der Roten Armee wird herabgemindert, der herausgezögerte D-Day hingegen als eigentliche Wende im Zweiten Weltkrieg suggeriert. Als sich jüngst die Landung in der Normandie jährte, erhielt Russland zu den Feierlichkeiten keine Einladung. Ich erinnerte mich, wie Richard von Weizsäcker nach langem Niederlagengejammer der westdeutschen Gesellschaft den 8. Mai 1945 endlich als Tag der Befreiung erklärte. Da schockierte es, dass Angela Merkel, die in ihrer Kanzlerschaft manche antirussische Verspannung entkrampfen half, die jüngste Beleidigung Russlands mittrug.

Umso wichtiger wird es sein, den 75. Jahrestag der Befreiung im Mai 2020 würdig zu begehen. Dazu gehört hierzulande eine aufrichtige staatliche und gesellschaftliche Ehrung der Roten Armee. Alles andere wäre eine Missachtung der 27 Millionen sowjetischen Bürger, die durch Hitlers Angriffskrieg ihr Leben verloren. Es sollte ein Tag mit Freude und Dankbarkeit sein. Aber auch ein Tag der Mahnung, denn Kriege und Kriegsgefahr haben den Planeten nie verlassen. Die Welt durchlebt durch politische, ökologische und soziale Verwerfungen gerade eine extrem gefährliche Zeit. Der voluntaristische Schlingerkurs der Trump-Administration zerstört Allianzen der Vernunft und fordert von den Vasallen irrational gesteigerte Rüstungsaufwendungen. Mit ihrer America-First-Politik befeuert sie den Ehrgeiz des in der Welt erstarkenden Rechtsnationalismus, der schon wieder faschistische Keime in sich trägt. Wer die Geschichte begriffen hat, muss sich diesem Teufelskreis entgegenstemmen. Und da hören wir einmal mehr Brecht, der auf dem Völkerkongress für den Frieden in Wien 1952 mahnte: »Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde! Lasst uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.« Als sei das für den heutigen Tag gesprochen! 

Zurück zur Übersicht