»Lasst nicht nach in eurer Wachsamkeit. Lasst euch durch schöne Worte nicht beruhigen«
Prof. Dr. Nina Hager, Berlin
Zum 25. Todestag von Emil Carlebach
Am 9. April 2001, vor 25 Jahren, starb Emil Carlebach: Kommunist, Widerstandskämpfer, Buchenwaldhäftling von 1938 bis zur Selbstbefreiung 1945 und auch dort im Widerstand. Nach der Befreiung des Lagers wählten die früheren Häftlinge aus Hessen ihn zu ihrem Sprecher, später wurde er Vizepräsident des Internationalen Buchenwald-Komitees, das 1952 gegründet wurde und das aus dem 1943 gegründeten illegalen Internationalen Lagerkomitee (ILK) hervorging. – Übrigens ist Lena Sarah Carlebach, Enkelin von Emil Carlebach, seit April 2025 Präsidentin des Internationalen Buchenwald-Komitees.
Nach 1945 war Emil Carlebach unter anderem zunächst Stadtverordneter der KPD in Frankfurt am Main, dann Landtagsabgeordneter in Hessen. Er war Mitbegründer und Lizenzträger der »Frankfurter Rundschau«. Die Lizenz wurde ihm 1947 auf Betreiben des des US-Militärgouverneurs Lucius D. Clay entzogen, weil er Kommunist war. Wie Carlebach in der Zeit des aufkommenden Antikommunismus bis 1947 immer mehr unter politischen Druck der US-Militärverwaltung geriet, schilderte er in seinen Erinnerungen. Übrigens: 2019 erschien in der »Frankfurter Rundschau« ein Kommentar, der an die Anfänge der Zeitung im Jahr 1945 mit Carlebach erinnerte.
Emil Carlebach war in den ersten Nachkriegsjahren nicht nur in und für die KPD aktiv, sondern auch Mitbegründer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) – in Frankfurt, in Hessen und auf gesamtdeutscher Ebene in den Jahren 1946/47. Er und seine Mitstreiter wandten sich u. a. gegen die Rehabilitierung alter Nazis und gegen die Restaurationspolitik in der BRD. Nach dem Verbot der KPD 1956 musste er seine Heimat verlassen. In der DDR setzte er seine politische Tätigkeit unter anderem als Mitarbeiter des »Deutschen Freiheitssenders 904« fort. 1969 kehrte er in die Bundesrepublik zurück und war bis zu seinem Tod in verschiedenen Funktionen, so für die DKP, die VVN/BdA und die dju tätig. In einem Nachruf der Naturfreundejugend hieß es 2001:
»Wir trauern um Emil Carlebach, einen aufrechten Antifaschisten und Kommunisten, der uns mit seinem beispielhaften Leben als Vorbild für Mut, Standfestigkeit und Solidarität in Erinnerung bleiben wird. Sein Weg war wahrlich atemberaubend, gefährlich, dem Tod oftmals näher als dem Leben und gerade deshalb durch Mut, Uneigennützigkeit und Solidarität beispielhaft:
Geboren wurde er im Kriegsjahr 1914 in Frankfurt am Main, am 10. Juli, in einer jüdischen ›patriotischen‹ Kaufmannsfamilie. Seine frühe Kindheit wurde durch den Krieg geprägt. Seinen Vater, der sofort als Soldat eingezogen wurde, lernte er erst kennen, als er fünf Jahre alt war.
In den 20er Jahren wurde er – nach eigenen Aussagen – durch die weltweite Kampagne für Sacco und Vanzetti politisiert, lernte Gleichgesinnte kennen. Zunächst wurde er Mitglied des sozialistischen Schülerbundes (gegen den Willen seiner Eltern – N.H.).
1931 trat Emil Carlebach dem KJVD, dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands, bei. Das geschah – soweit bekannt – gewiss nicht mit Billigung der Familie. Nach dem Abitur 1932 begann er eine kaufmännische Lehre in einer Ledergroßhandlung und wurde Mitglied in der für ihn zuständigen Gewerkschaft, dem Zentralverband der Angestellten.
Anfang 1934 wurde Emil Carlebach wegen der Herstellung und Verbreitung von antifaschistischen gewerkschaftlichen Zeitungen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach der Haft, die er unter anderem in Hameln verbrachte, kam er 1937 ins Konzentrationslager Dachau, 1938 dann in die Hölle von Buchenwald ... Frei kam er erst 1945.« Er gehörte zu jenen 46 im KZ Buchenwald, die die SS zuletzt wegen Sabotage und Bildung einer illegalen Widerstandsorganisation exekutieren wollte. Doch: »Am 11. April 1945 befreien sich die Häftlinge des KZ Buchenwald durch einen jahrelang geplanten bewaffneten Aufstand selbst.« [1]
Befreit, von außen und innen
Bis heute wird von einigen »Historikern« bestritten, dass die verbliebenen Häftlinge des KZ Buchenwald, die noch nicht auf Todesmärsche geschickt worden waren, sich am 11. April 1945 selbst befreit haben. So hieß es in einer Dokumentation des Mitteldeutschen Rundfunks vom 11. April 2025 zunächst: »Buchenwald wurde in der DDR zum Mythos, um Geschichte zu inszenieren, so Volkhard Knigge, der von 1994 bis 2020 die Gedenkstätte leitete. Man habe den antifaschistischen Widerstand heroisiert.« [2]
Doch in derselben Dokumentation wurde dann ausgeführt, dass »der spanische Schriftsteller Jorge Semprun ... vor einigen Jahren aus einem vorläufigen Bericht, verfasst vom Zivilisten Egon W. Fleck und dem US-Oberleutnant Eduard A. Tenenbaum« zitiert habe. »Die beiden Männer waren am 11. April 1945 die ersten Amerikaner in Buchenwald. In einem Bericht an ihre Vorgesetzten schrieben sie: ›Als wir in die große Zufahrtsstraße einbogen, sahen wir Tausende von Männern, in Lumpen gekleidet und ausgemergelt, die in disziplinierten Formationen nach Osten marschierten. Diese Männer waren bewaffnet und hatten Vorgesetzte. Einige Abteilungen trugen deutsche Gewehre, andere hatten »Panzerfäuste« über den Schultern hängen. Sie lachten und machten Gesten wütender Fröhlichkeit, während sie weitergingen ... Das waren die Häftlinge aus Buchenwald, die sich zum Kampf aufmachten, während unsere Panzer sie mit 50 Stundenkilometern überholten.‹«
Auch auf der aktuellen Webseite der Gedenkstätte Buchenwald wird bestätigt, dass die Häftlinge am 11. April 1945 gegen 16 Uhr die Kontrolle über das Lager übernommen und – nach Flucht der meisten Angehörigen der SS-Kommandatur und des SS-Wachpersonals – 76 Gefangene gemacht hatten: »Buchenwald war befreit, von außen und innen. Rund eine Stunde später betraten Aufklärer der 4. und 6. Panzerdivision als erste amerikanische Soldaten das Lager. 21.000 Häftlinge erlebten an diesem Tag ihre Befreiung, unter ihnen über 900 Kinder und Jugendliche.« [3] Am 19. April 1945 kam es auf einer Gedenkfeier zum noch heute hochaktuellen »Schwur von Buchenwald«.
Unter den Häftlingen war – wie bereits erwähnt – auch Emil Carlebach, der die Geschichte der Selbstbefreiung Buchenwalds in seinem Buch »Tote auf Urlaub« beschrieb [4]. Nicht nur in den letzten Jahren seines Lebens musste er viel Kraft gegen Geschichtsverfälscher aufwenden, sondern vor und vor allem nach der Niederlage und dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten in Europa und dem Anschluss der DDR immer wieder auf vor sich gehende hochproblematische gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam machen. In seinem Buch »Hitler war kein Betriebsunfall. Hinter den Kulissen der Weimarer Republik: Die programmierte Diktatur«, das erstmals 1982 bei Pahl-Rugenstein erschien und sieben – auch erweiterte – Auflagen erlebte, hatte er Jahre zuvor aber bereits darauf aufmerksam gemacht, welche Kräfte Hitler an die Macht brachten und warum alte Nazis in der Bundesrepublik Deutschland sehr bald wieder in Machtpositionen kamen. Zu seinen zwischen 1971 und 1995 erschienenen Büchern und Schriften bzw. Beiträgen gehören zudem »Von Brüning zu Hitler. Das Geheimnis faschistischer Machtergreifung« (Frankfurt am Main 1971), »Reise in den Bolschewismus. Reportagen aus der UdSSR 1955–1980« (Frankfurt am Main 1981), »Die Meldung als Waffe« (Frankfurt am Main 1982), »Buchenwald. Ein Konzentrationslager. Bericht der ehemaligen KZ-Häftlinge Emil Carlebach, Paul Grünewald, Hellmuth Röder, Willy Schmidt, Walter Vielhauer. Herausgegeben im Auftrag der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora der Bundesrepublik Deutschland (Frankfurt am Main 1984), »Zensur ohne Schere: Die Gründerjahre der Frankfurter Rundschau 1945/47. Ein unbekanntes Kapitel Nachkriegsgeschichte« (Frankfurt am Main 1985), »Kauf Dir einen Minister! Flick in Weimar, im Dritten Reich und in Bonn. Hintergründe zum Flick-Skandal« (Frankfurt am Main 1985), »Am Anfang stand ein Doppelmord. Kommunist in Deutschland.« (Köln 1988 – Autobiografie), »Tote auf Urlaub: Kommunist in Deutschland. Dachau und Buchenwald 1937–1945« (Bonn 1995). Darin verarbeitete er nicht nur seine Erfahrungen, sondern analysierte eben auch immer sehr akribisch die vor sich gehenden Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland, warnte vor ihnen.
Verurteilte Mörder wurden entschädigt – Verbrecher wurden reich und reicher
So hörte man nicht nur am 9. April 1995 während der Gedenkfeier zur (Selbst-)Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, die sogar im Fernsehen übertragen wurde, sehr deutliche Worte von ihm.
In seiner Rede wandte sich Emil damals nicht nur eindeutig gegen die Versuche bundesdeutscher Politiker – nach dem Ende der DDR und der »Vereinigung« 1990 – einen historischen »Schlussstrich« zu ziehen, zugleich die deutsche Vergangenheit zu relativieren, Geschichte umzuschreiben, sondern auch entschieden dagegen, den antifaschistischen Widerstand vor allem der Kommunistinnen und Kommunisten zu diskreditieren. Unter anderem führte er mit Bezug auf den »Schwur von Buchenwald« vom April 1945 aus:
»Es sah (nach 1945 – N. H.) ja zunächst so aus, als ob unser Schwur in Erfüllung ginge: Zehn Jahre lang existierte Deutschland ohne Armee. Das Grundgesetz von 1949 kennt keine deutschen Soldaten.
Die Konzerne sollten aufgelöst werden, die Nazi-Partei wurde verboten. (…) Aber dann setzte die ›Wende‹ ein. Das war lange vor 1989. Der Mann, der das Handbuch für Auschwitz und den Holocaust geschrieben hatte, Herr Globke, wurde der Mann, der den Staatsapparat in West-Deutschland aufbaute und seine alten Freunde wieder in Amt und Würden brachte.
Ein Altnazi, der von den Amerikanern zwei Jahre lang interniert worden war (…) der Altnazi Kiesinger, wurde gar Bundeskanzler (…). Und es wären noch viele Namen zu nennen. (…)
Der Leiter der ›politischen Abteilung‹ von Buchenwald, also der Gestapo-Chef des KZ, SS-Hauptsturmbannführer Leclaire, wurde Kriminalbeamter in Düsseldorf.
Der berüchtigte Rapportführer Strippel, dessen Blutspur sich von Buchenwald aus durch Polen und Holland zieht, bis er am Schluss noch in Hamburg jüdische Kinder an Heizungsrohren aufhängen ließ, dieser Mann wurde zunächst tatsächlich verurteilt – und dann, weil seine Strafe angeblich ›zu hoch‹ gewesen sei, mit 125.000 Mark entschädigt. Eine solche Summe erhielt keines der Opfer dieses Herrenmenschen.
Und die Giftgasverbrecher? Die Blutsäufer, die aus unserer Sklavenarbeit Millionen und Abermillionen scheffelten? Die IG-Farben, der Siemens-Konzern? Die Flick und Krupp, die Deutsche und die Dresdner Bank und wie sie alle hießen und heißen? Sie sind reich und reicher und reicher geworden an unserer Sklavenarbeit. An den Goldzähnen, die sie unseren Vätern, Brüdern und Söhnen haben ausreißen lassen! An den Frauenhaaren, die sie den im Gas der IG-Farben erstickten Müttern, Schwestern und Töchtern haben abschneiden lassen.
Und die Herren Offiziere, die in Ost und West Dörfer und Städte zerbombten? Die Frauen und Kinder unter den Trümmern und in den Flammen ihrer Wohnstätten qualvoll umkommen ließen? Die Geiseln an die Wand stellten und Millionen Menschen zur Sklavenarbeit nach Auschwitz, Buchenwald, Sachsenhausen, Dachau schleppten?
Sie haben die neue Wehrmacht aufgebaut – nach zwei Weltkriegen zum dritten Mal. Sie beziehen Pension und tragen ihre Hitler-Orden weiter, denn sie haben ja ›wohlerworbene Ansprüche‹ an den Staat, der schon wieder dabei ist, seine jetzige Wehrmacht einzusetzen. Weltweit!
Nein, das haben wir nicht gewollt, als wir 1945 hier auf dem Appellplatz den Schwur leisteten, nicht zu ruhen, bis der Letzte der Schuldigen vor den Richtern der Völker steht.
Und eine Welt des Friedens und der Freiheit aufbauen zu helfen: ›Lasst nicht nach in eurer Wachsamkeit. Lasst euch durch schöne Worte nicht beruhigen. Unser Schwur gilt heute wie vor 50 Jahren: Für eine Welt des Friedens und der Freiheit.‹«
Zur Trauerfeier auf dem Frankfurter Hauptfriedhof in Frankfurt am Main kamen vor 25 Jahren – wie berichtet wurde – nach Emils Tod übrigens mehr als 300 Menschen, um seiner zu gedenken. Von Genossinnen und Genossen aus seiner Partei, der DKP, sowie ehemaligen Widerstandskämpferinnen und -kämpfern über Aktivisten der autonomen Antifa, Mitgliedern des türkischen Volkshauses bis zum IG-Medien-Vorstand. Nach den Trauerreden erklang das »Buchenwaldlied« und zum Schluss die »Internationale«. Unter den Trauerrednern waren Detlef Hensche, ehemals Vorsitzender der IG Medien, der damalige DKP-Vorsitzende Heinz Stehr, Willy Schmidt von der Lagergemeinschaft Buchenwald und Pierre Durrand, Verband der ehemaligen Résistancekämpfer. Peter Gingold hielt, wie berichtet wurde, die bewegendste Abschiedsrede.
Zum 100. Geburtstag von Emil Carlebach erschien 2014 eine Broschüre unter dem Titel »Der Rote Querdenker: Emil Carlebach«, zusammengestellt und geschrieben von Christoph Leclaire und Ulrich Schneider, herausgegeben von der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora / Freundeskreis e.V.
Anmerkungen:
[1] Naturfreundejugend Göttingen, 11. April 2001, Nachruf auf Emil Carlebach. Siehe: www.kaz-online.de/artikel/nachruf.
[2] Mythos oder Wirklichkeit? Die Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, 11. April 2025, www.mdr.de/geschichte/ns-zeit/holocaust/konzentrationslager-kz-buchenwald-mythos-befreiung-selbstbefreiung-100.html.
[4] Emil Carlebach: Tote auf Urlaub: Kommunist in Deutschland. Dachau und Buchenwald 1937 bis 1945, Pahl-Rugenstein Verlag, 1995.
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