Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Junkerland in Bauernhand

Wilhelm Pieck, 2. September 1945

Vor 75 Jahren, am 2. September 1945, stellte der KPD-Vorsitzende Wilhelm Pieck [1] mit einer wegweisenden Rede auf einer Bauernkonferenz in Kyritz, Kreis Ostprignitz, das Bodenreformkonzept seiner Partei vor. Es folgten vom 3. bis 11. September 1945 die Verordnungen der Länder- und Provinzialverwaltungen über die Durchführung der demokratischen Bodenreform in allen Ländern der Sowjetischen Besatzungszone. Wir dokumentieren aus der 30-seitigen Rede [2] den nachfolgenden Abschnitt (a.a.O., S. 18-21):

Die Zunahme des Großgrundbesitzes unter Hitler

Unter Hitler hat der Großgrundbesitz noch um ein bedeutendes zugenommen. So wuchs in der Zeit von 1933 bis 1939 die Zahl der größten Grundbesitzer um 898 und der ihnen gehörende Boden um fast 3 Millionen Hektar. Bei Beginn des Hitlerkrieges gab es 41.751 Junkerbetriebe mit je über 100 Hektar Land, mit insgesamt 20,3 Millionen Hektar Boden. Das sind 38 Prozent der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche. Dagegen gab es 1.764.O00 Bauernbetriebe mit 5 bis 100 Hektar Land – insgesamt 28,6 Millionen Hektar Land –, also 53,4 Prozent der Gesamtfläche. Der Rest gehört den armen Bauern, die unter 5 Hektar Land haben und deren Zahl in die Millionen geht.

So haben weder das kaiserliche Deutschland noch die Weimarer Republik, noch Hitler den junkerlich-feudalen Großgrundbesitz beseitigt. Obwohl Hitler in seinem bekannten Februarprogramm vom Jahre 1920 eine Bodenreform durch die Schaffung eines Gesetzes zur unentgeltlichen Enteignung von Boden forderte, hat er später, als die ihn finanzierenden Großgrundbesitzer und Kapitalisten drohten, ihm wegen dieser Forderung die weitere Hilfe zu entziehen, es als eine Verleumdung der Nazipartei bezeichnet, daß sie den Großgrundbesitz enteignen wollte. Gerade diese Stellungnahme Hitlers zeigt den infamen Betrug, den er an den Bauern verübte. Nachdem er ihnen zuerst alles versprach, was sie hören wollten, hat er, zur Macht gelangt, alles getan, um die Lage der Bauern nicht nur zu verschlechtern, sondern ihre Wirtschaften auf einen Tiefstand herabzudrücken, der dem völligen Bankrott der Bauernwirtschaften gleichkommt. Auch Hitler hat den Grundbesitz der 16 Fürstenhäuser mit fast 600.000 Hektar Land bestehen lassen. Unter Hitler gab es 5.554 große Feudalherren mit 5 3/4 Millionen Hektar Boden. Allein auf diesem Boden hätten 550.000 Bauernfamilien mit je 10 Hektar Land angesiedelt werden können. Das Siedlungsprogramm, das Hitler zum Betruge der Bauern verkündete, endete damit, daß im Jahre 1939 ganze 798 Siedlerstellen geschaffen wurden. Hitler suchte die Landnot der deutschen Bauern und Landarbeiter für sein verbrecherisches Spiel mit dem Kriege auszunützen, indem er in Aussicht stellte, ihnen Land von dem den anderen Völkern geraubten Boden zu verschaffen. Er trieb die Bauern in diese große Katastrophe hinein, durch die sie nahezu alles verloren. Die Bauern und Landarbeiter beginnen ihre Lehren aus diesen bitteren Erfahrungen zu ziehen. Eine tiefe Bewegung beginnt um die Verwirklichung ihrer alten Bauernforderung, das Junkerland in Bauernhand zu überführen. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart, diese Forderung in die Tat umzusetzen. Die gesamte Arbeiterklasse muß sich mit den Bauern und den Landarbeitern in einem engen Kampfbündnis vereinigen, denn die Umgestaltung unseres ganzen Landes, die Schaffung eines neuen, demokratischen Deutschlands hängt entscheidend davon ab. Es geht um die größte Umwälzung in Deutschland. Was in Jahrhunderten trotz Kriegen und Revolutionen in Deutschland nicht gelang, das wird jetzt auf dem Wege einer demokratischen Bodenreform erreicht werden. Es wird die Junkermacht gestürzt und das Junkerland in die Hände der Bauern und Landarbeiter gegeben werden.

Anmerkungen:

[1]  Wilhelm Pieck, geboren am 3. Januar 1876 und 1949 zum Präsidenten der DDR gewählt, ist vor 60 Jahren, am 7. September 1960, verstorben.

[2]  Quelle: Wilhelm Pieck: Junkerland in Bauernhand, Dietz Verlag Berlin, 1955, 1. Auflage einer aus Anlass des 10. Jahrestages des Beginns der demokratischen Bodenreform (3. September 1945) herausgegebenen Broschüre.

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