Im Jahr des Pferdes: Chinas 15. Fünfjahresplan 2026–2030
Moritz Hieronymi, Peking
Im Jahr des Pferdes – einem Jahr, das traditionell mit Dynamik, Aufbruch und Fortschritt verbunden ist – steht China vor einem strategischen Wandel. Mit dem Beginn des Frühlingsfests blickt das Land nicht nur auf ein neues Mondjahr, sondern vor allem auf das zentrale politische und ökonomische Projekt der kommenden Jahre: den 15. Fünfjahresplan für die Jahre 2026 bis 2030. Darin wird beschrieben, wie China die Herausforderungen dieses Jahrhunderts meistern will – zwischen innerem sozialem Wandel, dem Streben nach technologischer Unabhängigkeit und wachsenden geopolitischen Spannungen.
Das Pferdejahr steht im chinesischen Horoskop für Energie und Selbstvertrauen. Die kollektive Erwartung ist groß: Von einem Aufbruch zu neuem Fortschritt ist die Rede. Doch die Führung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) steht nicht nur unter symbolischem Druck, sondern auch vor realen, existenziellen Aufgaben: dem technologischen Wettbewerb mit den USA, wachsenden geopolitischen Verwerfungen, der Bewältigung sozialer Fragen und dem bevorstehenden Generationswechsel in der Partei- und Staatsführung im Jahr 2027. In diesem Kontext wird der 15. Fünfjahresplan verabschiedet – er bildet das strategische Fundament für Chinas Weg bis zum Ende des Jahrzehnts.
»Wir durchleben ungekannte Veränderungen in diesem Jahrhundert« – Xi Jinping
Das 4. Plenum des 20. Zentralkomitees der KPCh verabschiedete im Oktober 2025 die Empfehlungen zur Ausarbeitung des 15. Fünfjahresplans. Präsident Xi Jinping bezeichnete die Periode 2026–2030 als eine »kritische Phase zur Festigung der Basis und zum umfassenden Krafteinsatz«: ein Bindeglied zwischen dem erfolgreichen Verlauf des 14. Fünfjahresplans und dem langfristigen Ziel, bis 2035 die sozialistische Modernisierung grundlegend zu verwirklichen. Ein zentraler Maßstab dabei ist die Anhebung des Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts auf das Niveau mittlerer entwickelter Länder.
Wie bereits in den vergangenen Planungen werden wirtschaftliche und geopolitische Überlegungen eng miteinander verbunden. Der 15. Fünfjahresplan steht im Zeichen struktureller Reformen und setzt die Strategie der dualen Zirkulation (双循环) konsequent fort. Bereits 2020 von Xi vorgestellt, markiert sie einen gravierenden Wechsel von einer exportorientierten zu einer stärker binnenorientierten Volkswirtschaft und folgt dem Grundsatz: »Den inländischen Großkreislauf stärken, um die duale Zirkulation zwischen inländischem und internationalem Kreislauf zu glätten.« Ziel ist es, die nationale technologische Innovation zu stärken, die Abhängigkeit von externen Märkten zu verringern und die Wirtschaft gegen externe Schocks abzusichern.
Innersoziale Reformen: Neue Produktivkräfte und sozialer Ausgleich
Im Mittelpunkt der inneren Wirtschaftsplanung steht die menschenzentrierte Entwicklung. Der Fünfjahresplan umfasst Aktivmaßnahmen, um den demographischen Wandel und die Veränderungen der Produktivkräfte zu bewältigen. Im Fokus stehen Investitionen in Bildung, Gesundheit und berufliche Weiterbildung. Zentral ist dabei der Begriff der neuen qualitätsvollen Produktivkräfte (新质生产力). Besondere Bedeutung erhalten Zukunftsbranchen: Quantentechnologie, Biomanufacturing, Wasserstoff- und Fusionsenergie, Gehirn-Computer-Schnittstellen und 6G sollen das technologische Rückgrat der nächsten Wirtschaftsperiode bilden.
Xi Jinping hebt hierfür das Prinzip, »den lokalen Gegebenheiten entsprechend zu handeln« (因地制宜) hervor. Die Entwicklung neuer qualitätsvoller Produktivkräfte erfordert solide Voraussetzungen und darf nicht blindlings umgesetzt werden. Damit warnt der chinesische Präsident vor einem überhasteten, unkoordinierten Aufbruch, wie er in früheren Entwicklungsphasen zu Disparitäten geführt hat.
Die soziale Dimension des Plans geht weit über die Technologiepolitik hinaus. China steht vor einer doppelten demographischen Herausforderung: rapide Alterung der Gesellschaft und historisch niedrige Geburtenraten. Der 15. Fünfjahresplan antwortet mit einem massiven Ausbau der Sozialversicherungssysteme: umfassende Reformen der Altersvorsorge, aber auch schrittweise Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters (neu: Männer mit 63, Frauen mit 58 Jahren, das schrittweise in einem Zeitraum von 15 Jahren erhöht werden soll) sowie der Aufbau eines flächendeckenden Pflegesystems. Das bisherige Renteneintrittsalter gilt als eines der niedrigsten weltweit und wird mit steigender Lebenserwartung nicht länger tragbar.
Zugleich sollen Familien gefördert werden: Steuererleichterungen, Ausbau der Kinderbetreuung, bezahlbarer Wohnraum sowie finanzielle Unterstützungen bei der Geburt sollen dazu beitragen, die demographischen Herausforderungen langfristig zu mildern.
Ein weiterer Pfeiler ist die fortschreitende Urbanisierung – diesmal nicht nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ. Der Trend der gezielten Ansiedlung von weiteren 100 Millionen Menschen in urbanen Zentren soll bis 2030 fortgesetzt werden. Das Leitbild hierfür ist die ›Smart City‹: Ein hochmodernes Gefüge aus digitaler Vernetzung, ökologischer Energieautarkie und einem lückenlosen sozialen Sicherungsnetz, das den Menschen ins Zentrum stellt. Die Hukou-Meldereform soll weiter gelockert werden, um Menschen aus ländlichen Gebieten einen gleichberechtigten Zugang zu städtischen Leistungen zu ermöglichen.
Trotz wirtschaftlicher Erfolge bleibt die Einkommensungleichheit eine zentrale Herausforderung. Unter der Parole des gemeinsamen Wohlstands (共同富裕) plant die Regierung redistributive Maßnahmen: progressive Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen, eine Stärkung der Arbeitnehmerrechte und Anhebungen des Mindestlohns. Zugleich wird die digitale Ökonomie weiter reguliert – der Plan setzt die Linie einer stärkeren staatlichen Steuerung von Datenmärkten und Plattformökonomien fort.
Besondere Priorität genießt die Stärkung des Binnenkonsums. China leidet nach wie vor unter einer »unzureichenden effektiven Nachfrage« (有效需求不足) aufgrund einer sehr hohen Sparquote chinesischer Familien. Der Plan sieht vor, die Konsumquote deutlich zu heben: Die Einkommen der Haushalte sollen parallel zum Wirtschaftswachstum steigen, Arbeitsproduktivität und Entlohnung synchron wachsen. Xi betonte: Investitionen in Menschen sind ebenso wichtig wie Investitionen in Sachen. Der Ausbau von Bildung, Gesundheit und Sozialleistungen wird nicht als Kosten, sondern als produktive Investition verstanden – eine, die Kaufkraft und Vertrauen stärkt.
Außenpolitische Faktoren: Selbstbestimmung statt Konfrontation
Der 15. Fünfjahresplan ist nicht nur ein ökonomisches Dokument, sondern auch eine Antwort auf die zunehmend konfrontative internationale Lage. Das Verhältnis zu den USA hat sich seit dem Handelskrieg unter Trump und den technologischen Sanktionen der Biden-Administration fundamental verschlechtert. Die Rückkehr Trumps ins Weiße Haus hat die Spannungen weiter verschärft und zu einem umfassenden wirtschaftlichen Konkurrenzkampf geführt. Die USA haben Zölle drastisch erhöht und weitreichende Importverbote für strategische Güter beschlossen – mit dem Ziel, eigene Abhängigkeiten von chinesischen Lieferketten zu kappen.
Für China bedeutet das einen Verlust an Anteilen in seinen wichtigsten Absatzmärkten. Der Fünfjahresplan antwortet darauf mit einer strategischen Neuorientierung: verstärkte Zusammenarbeit mit Südostasien, Afrika und Lateinamerika. Zugleich setzt China auf regionale Abkommen wie das RCEP (Regional Comprehensive Economic Partnership), um alternative, multipolare Wirtschaftsräume zu erschließen.
Parallel verfolgt Washington eine Politik des technologischen »De-Risking«, die darauf abzielt, China von zentralen Zukunftstechnologien auszuschließen. Exportkontrollen bei Halbleitern, KI-Chips und Software treffen die Hochtechnologieindustrie.
Der 15. Fünfjahresplan setzt daraufhin auf die Strategie der hochrangigen wissenschaftlich-technischen Selbstständigkeit und Stärke (高水平科技自立自强). Ziel ist nicht bloße Autarkie, sondern technologische Führerschaft in Schlüsselbereichen. Obwohl China bei modernsten Chiptechnologien noch Rückstand hat, sind die Anstrengungen gewaltig: Allein für Forschung und Entwicklung sind weitere massive Ausgaben geplant. Besonders bei reifen Halbleitertechnologien und bei Zukunftsfeldern wie dem Quantencomputing sieht sich China auf dem Weg zur Gleichstellung mit dem Westen.
Geopolitisch orientiert sich China an der Koordination von Entwicklung und Sicherheit. Xi formuliert dies als dialektische Einheit: »Sicherheit ist die Voraussetzung für Entwicklung, Entwicklung ist die Garantie für Sicherheit.« Die politische Führung warnt vor zunehmenden unsicheren und unvorhersehbaren Risiken. Der Plan sieht den Aufbau eines modernisierten nationalen Sicherheitssystems vor – mit Fokus auf Ernährungssicherheit, Energiesicherheit, Versorgungskettensicherheit sowie die Abwehr externer wirtschaftlicher Erpressung.
Zugleich intensiviert China seine Beziehungen zum Globalen Süden. Die Belt and Road Initiative (BRI) wird fortgesetzt – nun mit stärkerem Fokus auf Qualität statt auf Quantität. Die Erweiterung der BRICS ist ein Ausdruck des Aufbaus einer multipolaren Weltordnung jenseits westlicher Dominanz. Auch die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit wird als multilaterales Gegengewicht gestärkt.
Doch diese Strategie steht unter Druck. Die USA haben ihre Destabilisierungsstrategie gegenüber traditionellen chinesischen Partnern verstärkt. In Venezuela, Kuba und Iran verschärfen Sanktionen und militärische Aggressionen die wirtschaftliche Lage – und gefährden damit auch chinesische Investitionen und strategische Partnerschaften. Der Iran ist nicht nur ein wichtiger Öllieferant, sondern auch ein zentraler Knotenpunkt der Landroute der BRI nach Westasien und Europa.
Diese systematische Schwächung zwingt China zu einer Diversifizierung seiner internationalen Beziehungen: Statt auf wenige stark sanktionierte Staaten zu setzen, sucht es breitere, widerstandsfähigere Partnerschaften in Südostasien, im Nahen Osten und in Afrika. Zugleich werden alternative Zahlungssysteme gestärkt: die Internationalisierung des Yuan und die Entwicklung eines BRICS-Währungsraums sind Antworten auf die Munitionierung des US-Dollar-Systems.
Zentral wird die Politik der institutionellen Öffnung (制度型开放), die über bloßen Marktzugang hinausgeht und eine schrittweise Angleichung an internationale Handelsregeln und Standards vorsieht. China positioniert sich damit als Verteidigerin des multilateralen Handelssystems – ein bemerkenswerter Rollentausch gegenüber den USA, die zunehmend einen unilateralen Protektionismus praktizieren.
Eine besondere strategische Rolle spielt Russland. Die von Xi und Putin verkündete »grenzenlose Partnerschaft« ist vor allem durch Energiezusammenarbeit, aber auch durch zukünftige Wasserversorgung und die gemeinsame Opposition zum US-Imperium begründet. Gleichzeitig verhält sich China distanziert zum Ukraine-Konflikt. Diese Gratwanderung wird auch das kommende Jahr prägen.
Ausblick: Wird das Pferd sein Rennen gewinnen?
Das Jahr des Pferdes steht für den Beginn einer politischen Neuausrichtung – in einer Zeit der Ungewissheit und steigender geopolitischer Spannung. Mit dem Pferd verbinden sich Zuversicht und Stärke, aber auch Ungestüm und Unberechenbarkeit. Der 15. Fünfjahresplan ist Ausdruck genau dieser Ambivalenz: Er verspricht sozialen Aufstieg, technologischen Fortschritt und eine selbstbewusste Positionierung in der Weltpolitik. Gleichzeitig birgt er Risiken: die Last der demographischen Krise, technologische Abhängigkeiten trotz aller Autarkiebestrebungen und die Gefahr militärischer Eskalation.
In einer chinesischen Sage heißt es: Als der Jadekaiser das Große Rennen um die Tierkreiszeichen ausrief, war das Pferd ein klarer Favorit. Doch kurz vor dem Ziel biss es eine Schlange, die sich in seinem Huf versteckt hatte – das Pferd stockte, die Schlange siegte. Das kommende Jahrfünft wird zeigen, ob China sein Rennen souverän meistert – und ob es gelingt, die verborgenen »Schlangen im Huf« zu überwinden, bevor sie es vom Ziel abbringen.
Mehr von Moritz Hieronymi in den »Mitteilungen«:
2026-01: Von Brest-Litowsk zu Nixons Peking-Besuch
2025-12: Deutschland am internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen
2025-09: Über ein Imperium und zwei Hegemonen