Hommage an Täve Schur
Dr. Michael Polster, Berlin
Anlässlich des 95. Geburtstages eines der beeindruckendsten Rennradsportler Deutschlands, ja sogar Europas, gilt es Gustav Adolf Schur zu gratulieren. Für viele von uns ist er einfach nur »Täve« und weit mehr als ein Sportler. Er ist ein Symbol für Leidenschaft, Ausdauer und den unermüdlichen Glauben an die eigenen Träume. Sein Lebensweg symbolisiert ein Jahrhundert auf zwei Rädern.
Täve wurde am 23. Februar 1931 in Heyrothsberge, im heutigen Sachsen-Anhalt, bei Magdeburg, geboren. Bereits in jungen Jahren zeigte sich sein außergewöhnliches Talent. Seine Begeisterung für das Rennrad, seine Disziplin und seine nie endende Freude am Wettkampf machten ihn zu einer lebenden Legende. Unvergessen bleiben die großen Siege, die triumphalen Momente bei der Friedensfahrt, die Titel als Weltmeister und unzählige nationale Erfolge, die Generationen von Sportbegeisterten in ihren Bann gezogen haben. Sein Name steht nicht nur für Medaillen und Pokale, sondern vor allem für Fairness, Sportsgeist und Kameradschaft. Täve war und ist immer ein Teamplayer – einer, der andere mitreißt und motiviert. Seine bescheidene und freundliche Art hat ihm die Herzen der Menschen weit über die Grenzen des Sports hinaus geöffnet. Er ist ein einzigartiges Beispiel dafür, wie sportlicher Erfolg und menschliche Größe Hand in Hand gehen können. Sein erstes Rennrad war von Diamant und gehörte seinem Vater, welches er ihm aber wieder wegnahm, als er hörte, dass sein Sohn damit ein Jugendrennen fahren wollte. Und so ging er, wie er schreibt, in Wolmirstedt mit seinem alten Tourenrad ins Rennen. Täve Schur erfuhr sich später seine Siege auf Diamant-Rennrädern. Die Fahrräder des VEB Fahrradwerke Elite Diamant in Karl-Marx-Stadt wurden durch Schurs Siege zur Legende. Beide wurden zu Symbolen des DDR-Sports. Elite Diamant war der Ausrüster der DDR-Nationalmannschaft und Täve Schur war das Gesicht dieser Räder. Seine Lebensgeschichte ist auch eng mit der Entwicklung dieser Fahrradwerke verbunden. Die Fahrradmodelle waren robust, langlebig und funktional. Die typischen Merkmale waren ein Stahlrahmen, ein einfaches, und ein reparaturfreundliches Design mit standardisierten Komponenten.
Berater für technologischen Leitbetrieb
Der Anfang? Nach der Zerschlagung des Faschismus, mit der Befreiung und dem Sieg der Roten Armee und der alliierten Streitkräfte über Hitlerdeutschland erlebte das Fahrrad einen zweiten Frühling. Die überwiegende Mehrheit der öffentlichen Verkehrsmittel und der Wege war zerstört. Nur weniges blieb den Menschen. Stolz und glücklich fühlten sich jene, die noch ein Fahrrad besaßen. Der Bedarf an Fahrrädern wuchs sehr schnell, war es doch unter diesen Umständen das zuverlässigste und billigste individuelle Verkehrsmittel. Auf Grund der großen Nachfrage nahm im Mai 1945 in Chemnitz die Elite Diamant die Fahrradproduktion auf. 1946 wurde Elite Diamant ein SAG-Betrieb. Mit Hilfe sowjetischer Freunde und Genossen entwickelte sich nach 1946 eine neue und leistungsfähige Fahrradproduktion. Über den Anfang im Sommer 1945 schrieb Manfred Brettschneider in der Betriebszeitung: »Von einer planmäßigen Fahrradproduktion konnte in den ersten Tagen und Wochen nach dem Wiederbeginn keine Rede sein. Es galt, Luftschutzeinrichtungen, die die Arbeit behinderten, abzubauen, Fertig- und Halbfertigfabrikate der Rüstungsproduktion des Krieges zu verschrotten, im Krieg verlagerte Arbeitsmittel zurückzuführen sowie Maschinen und Anlagen, Vorrichtungen und Prüfmittel auf die Friedensproduktion umzustellen. Mit dem größten Teil der noch vorhandenen Materialien und mit zusammengeholten Zubehörteilen begann die Fahrradproduktion. Die Fahrradbauer montierten alle Typen und Modelle, einfach alles, was sich komplettieren ließ.« (Brettschneider, Nr. 10, 1985, S. 6)
Zunächst wurden Einheitsfahrräder produziert. 1947 entwickelten die Konstrukteure ein Damen- und ein Herrenfahrrad. Aber auch Rennfahrräder entstanden, sowohl für die Straße wie für die Bahn. Ab Januar 1951 begann die Fahrradmontage am Fließband und danach auch die Laufradmontage. Das führt nicht nur zu einer beachtlichen Stückzahl von produzierten Fahrrädern, sondern auch dazu, dass es sie in den Farben Schwarz, Blau, Grün und Grau gab. Am 1. März 1952 wurde der SAG-Betrieb in Volkseigentum überführt: VEB Elite Diamant. Im Frühjahr 1954 entstanden die ersten Sportfahrräder. 1958 ließ sich der VEB Elite Diamant eine Form des Schriftzuges gesetzlich schützen, es wurde ein weltbekanntes Firmenzeichen für »Made in GDR«. Mit einer Leistung ganz anderer Art begeistert Diamant dann kurze Zeit später. Mit dem Straßenrennrad Nr. 167 holt »Täve« Schur 1958 auf der Internationalen Friedensfahrt den 2. Platz für die DDR-Mannschaft. Die DDR-Rundfahrt der Radrennfahrer im selben Jahr bestritten alle Aktiven auf den ersten Diamant-Straßenrennrädern mit Achtgangschaltung, die man aus der laufenden Produktion hergestellt hatte. Es entwickelte sich ein enger Kontakt zwischen Sportlern und den Werktätigen des Betriebes. Auf dem »Friedensfahrtmodell« – der Rennradtechnik der 1950er/60er Jahre – wurde Schur im gleichen Jahr Sieger bei der WM der Radamateure in Frankreich – als erster deutscher Fahrer überhaupt. Die Rennräder, auf denen Täve Schur fuhr, waren Diamant-Eigenentwicklungen. Sie zeichneten sich durch dünnwandige Stahlrohre. leichte Laufräder und sportliche Geometrie aus. Diamant war technologischer Leitbetrieb für den DDR-Rennradsport. In den späteren Jahren machten die »Diamant«-Rennräder auch im Ausland von sich reden, als Täve Schur oder Bernhard Eckstein auf ihnen zahlreiche Siege einfuhren.
Die DDR-Friedensfahrtmannschaft startete im Mai 1955 auf Diamant-Straßenrennrädern. Mit dem gleichen Modell fuhr Täve Schur die Weltmeisterschaft der Amateure in Rom. Täve und der Chefmechaniker Erich Winkler waren gern gesehene Gäste und fachkundige Berater der Fahrradbauer in Karl-Marx-Stadt. Das öffentliche Interesse hatte sich Ende der fünfziger Jahre geändert: man wünschte sich lieber statt der zwei Räder vier Räder mit dem Namen »Trabant«. Mitte der sechziger Jahre wurde dann die Sportfahrräderproduktion zum VEB Mifa Sangerhausen verlagert. Nur noch sportliche Touren- und Rennfahrräder entstanden im VEB Diamant. Dem lag die Entscheidung zugrunde, dort die Flachstrickmaschinenproduktion zu steigern. Ab 1973 sollte dann bei Diamant die Fahrradproduktion ganz eingestellt werden. Doch der Bedarf stieg inzwischen wieder, und VEB Mifa Sangerhausen wäre allein nicht in Lage der Lage gewesen, ihn abzudecken. Damit begann ein neues Leben im Fahrradbau bei Elite Diamant: durch die Produktion des Konsumgutes Massenfahrrad fand man wieder Anschluss auf dem Weltmarkt.
Nach 1989 weiter populär
Die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen nach 1989 zwangen viele Betriebe, sich grundlegend neu zu orientieren, das betraf auch die Diamantfahrräder aus Karl-Marx-Stadt. Der Name »Diamant« hatte aber noch einen guten Klang. Dies nutzte das Unternehmen, um gezielt im Premiumsegment Fuß zu fassen. Grundlage bildete die lange Geschichte des Diamant Werkes: 1894 nahm in der Nähe von Chemnitz, im Herzen der deutschen Textilindustrie, ein Werk in sein Sortiment Fahrräder auf. Ursprünglich hatte man sich auf Schreibfedern und Platinen für Wirkmaschinen konzentriert. 1895 verließ das erste serienmäßig produzierte Fahrrad mit dem Namenszug Diamant die Fertigungsstrecke. Sehr schnell machten die Diamantwerker von sich reden. So erfanden die Techniker 1898 die Doppelrollenkette für den Fahrradantrieb, die heute übliche Fahrradkette. Mit der Entwicklung des Glockenformgetriebes, so benannt nach der äußeren Form der Abdeckschalen des Tretlagers, schrieben sie ein weiteres Stück Geschichte der Fahrradkonstruktion. 1903 entstand hier das erste Diamant-Fahrrad mit Motor. 1910 wurde ein Diamant-Rennstall gegründet, damit entstand eine der ersten deutschen Werksmannschaften für Radrennen. Diamant wurde zum Pionier des sportorientierten Fahrradbaus. Den Namen »Diamant« ließen sich die Eigentümer schon 1895 in allen Schriftformen gesetzlich schützen. Die bekannten Diamant-Farben Orange-Blau wurden 1920 eingeführt. Motorräder und Autos gehörten in den zwanziger und dreißiger Jahren ebenfalls zu den Erzeugnissen von Diamant und man brachte Diamant-Fahrräder für das Reigen- und Kunstradfahren sowie für den Radball auf den Markt.
Auch nach dem Ende seiner aktiven Karriere blieb Täve Schur dem Radsport eng verbunden. Nach der Wende engagierte sich Schur auch weiter politisch. Als ehemaliger Sportler der DDR und Mitglied der Volkskammer setzte er sich aktiv für die Förderung des Breitensports ein. Immer wieder lud man ihn zu Veranstaltungen als Ehrengast oder Redner. Er kämpfte für die Rechte von Sportlern und half sozialen Projekten. Sein Auftreten als Mitglied des Deutschen Bundestages, sein Bekenntnis als Ostdeutscher und seine klare politische Haltung zu den aktuellen Fragen der Zeit machen ihn zu einem Vorbild, das heute seinesgleichen sucht.
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Täve Schur. Wir wünschen Dir Frieden, Zuversicht, Kraft, Mut, Gesundheit und Glück.