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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Gedanken zum Todestag Erich Honeckers

Egon Krenz, Dierhagen

Zehn seiner besten Jugendjahre litt er bei den Nazis im Zuchthaus. Am Ende seines Lebens steckten ihn die vermeintlichen Sieger in eine Moabiter Zelle, die der Jungkommunist Honecker schon aus dem Jahre 1935 kannte. Zuvor hatte die DDR-Regierung nicht verhin­dert, dass das langjährige DDR-Staatsoberhaupt der prominenteste Obdachlose geworden wäre, wenn die evangelische Kirche ihn nicht aufgenommen hätte. Pfarrer Holmer brachte jene Toleranz auf, zu der Honeckers einstige Weggefährten nicht fähig waren.

Die sowjetischen Militärs in Deutschland, deren Väter und Großväter ihn 1945 aus dem Zuchthaus Brandenburg befreit hatten, schützten ihn vor drohender Lynchjustiz. Das Ober­kommando in Wünsdorf unter Befehl von Armeegeneral Snetkow gewährte ihm Schutz. Gorbatschow gab ihm daraufhin in Moskau politisches Asyl, bevor Jelzin und seine Satra­pen die Sowjetunion aus der Weltgeschichte abmeldeten.

Dann geschah etwas für mich bis dahin Unvorstellbares: Russlands Präsident Jelzin, der als Mitglied des Politbüros des ZK der KPdSU noch 1986 bei der Einweihung eines Denkmals für Ernst Thälmann in Moskau Honecker seinen »Bruder« genannt hatte, übergab nun den einstigen Repräsentanten der DDR, Bündnispartner der UdSSR, an die Justiz jener Macht, die Jelzin auf dem DKP-Parteitag 1986 in Hamburg noch als »reaktionär und menschen­feindlich« bezeichnet hatte. Die Russische Föderation hatte damals das gleiche Grenz­regime wie die DDR, für das Honecker bestraft werden sollte. Jelzin, der für das sowje­tische Grenzregime mitverantwortlich war, wurde aber der beste Freund von Helmut Kohl, während Honecker, seit ihrer Existenz Freund der Sowjetunion, geschmäht und vor Gericht gestellt wurde. 

Wer hätte ganz vorn gestanden?

Seither stelle ich mir oft eine Frage, wer hätte wohl ganz vorn an Honeckers Bahre gestan­den, wenn er noch zu DDR-Zeiten – sagen wir 1987 – nach seinem Besuch in der Bundes­republik gestorben wäre?

Wahrscheinlich der damalige Kanzler Kohl. Er schätzte Honecker »als Partner, auf den Ver­lass ist«, wie er ihm anlässlich der Beerdigung von Tschernenko am 12. März 1985 in Mos­kau gesagt hatte. Schon am 24. Oktober 1983 hatte Kohl an Honecker geschrieben: »Die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik tragen vor dem deutschen Volk gemeinsam eine große Verantwortung für die Sicherung des Friedens … Deshalb greife ich den von Ihnen gewählten Begriff einer ›Koalition der Vernunft‹ gern auf«. Dass es damals zu keiner neuen Eiszeit zwischen den Blöcken kam, dass Raketen zwar sta­tioniert, aber nie in Gang gesetzt wurden, das gehört auch zum Lebenswerk Erich Honeckers. 

Möglich, dass auch Altbundespräsident Carstens an Honeckers Grab gekommen wäre. Nach ihren Begegnungen bei den Trauerfeierlichkeiten für Tito in Belgrad und für Breschnew in Moskau hatten beide Staatsoberhäupter Respekt voreinander. »Nicht nur Kommunist, sondern auch deutscher Patriot« sei Honecker, hatte Carstens damals gesagt.

Für Außenminister Genscher war Honeckers politische Erfahrung so wertvoll, dass er sich regelmäßig geheim mit einem Beauftragten Honeckers traf, um – wie er sagte – nur für das »Ohr des Generalsekretärs laut zu denken« und »dessen Rat einzuholen«.

Soweit ich das persönliche Verhältnis von Strauß zu Honecker kenne, bin ich überzeugt, auch er wäre Gast der Trauerfeier gewesen. Während des Staatsbesuchs Honeckers in der Bundesrepublik hatte Strauß zu Honecker am 11. September 1987 gesagt: »Die Signale aus der DDR für guten Willen, so die Reisegenehmigungen, die Amnestie für Straftäter, die Abschaffung der Todesstrafe, zu der sich nicht einmal Frankreich habe entschließen kön­nen, sind verstanden worden. Herr Honecker, Sie haben Wort gehalten.«

Ich vermute, auch Helmut Schmidt hätte es sich nicht nehmen lassen, an Honeckers Bei­setzung teilzunehmen. Er wusste genau, was er zusammen mit Honecker an Gutem für beide deutsche Staaten auf den Weg gebracht hatte, nachdem Brandt, Wehner, Bahr und Mischnick dafür zuvor die Türen geöffnet hatten. Schmidt hatte von Honecker den Ein­druck »eines Mannes, der noch immer seinen Jugendidealen nachhing … Seine Hoffnung auf Entspannung und Abrüstung war echt. ... Je älter er wurde, um so deutscher wurde sein Empfinden«. Als Honecker 1987 die Bundesrepublik besuchte, warb Schmidt dafür: »Auch wenn wir politisch nie Freunde werden können, lasst uns ihn würdig empfangen – empfangt ihn als einen unserer Brüder.«

1987 hätte sich auch noch Klaus Bölling, einst Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in der DDR, vorgedrängelt. Zum Verhalten der DDR Anfang der 80ger Jahre gegenüber unserem polnischen Nachbarn wusste er zu berichten: »Es ist Honeckers Ver­dienst, dass er sich schließlich auf die Seite derer stellte, die von einer Warschauer oder Danziger Bartholomäus-Nacht immer dringlicher abrieten.«

Bei der Trauerfeier hätte der eifrige Pressesprecher der DDR-Staatsanwaltschaft nicht ge­fehlt, der, als Honecker schon am Boden lag, in einem Buch die antifaschistische Ver­gangenheit seines ehemaligen Generalsekretärs infam ins Zwielicht brachte. Dass sich die Jüdin, die Honecker angeblich bei der GESTAPO verraten haben sollte, aus Israel mit der Botschaft meldete, Honecker habe ihr das Leben gerettet, wurde nach den Diffamierungen leider nur noch von wenigen zur Kenntnis genommen. Der Anstand und das bessere Wissen sollten Erich Honeckers antifaschistische Haltung gerade in dieser Zeit ins Licht rücken, in der politischer Machtpoker der Rechten eine neofaschistische Gefahr gebärt.

Für geschichtlich gerechte Urteile

Ich war von der Lauterkeit der politischen Ansichten Erich Honeckers überzeugt bis zu je­nem Zeitpunkt, da er wider besseres Wissen an starren Dogmen der politischen, wirt­schaftlichen, sozialen und moralischen Entwicklung unseres Landes festhielt. Nicht all sei­ne Fehler lassen sich aus persönlichen Irrtümern erklären. Erich Honecker war ein Mann seiner Zeit, geprägt von den Umständen dieser Zeit. Vieles hatte er subjektiv anders gewollt. Doch Kalter Krieg und Bündnistreue im Warschauer Vertrag setzten Rahmenbedin­gungen, denen sich auch er nicht entziehen konnte.

Im Oktober 1989 stand ich an der Spitze jener Genossen im SED-Politbüro, die ihn zum Rücktritt aufforderten. Seitdem plädiere ich aber zugleich auch für ein geschichtlich gerechtes Urteil über Leben, Wirken und Scheitern Honeckers. Die Auseinandersetzung mit seinen Fehlern hat damals nicht geheißen und heißt heute nicht, dass dabei jene Mo­mente verloren gehen dürfen, die sich positiv auf die Entwicklung DDR und ihres Verhält­nisses zur übrigen Welt auswirkten. Vielmehr gilt es um der geschichtlichen Wahrheit, aber auch um der Gerechtigkeit in der Beurteilung der Lebensleistung Erich Honeckers, willen gegen den verlogenen Umgang der Bundesrepublik Deutschland mit der Geschichte der DDR zu kämpfen.

Am 29. Mai 1994 schloss Erich Honecker in seinem Asylland Chile für immer die Augen, in jenem Land, in dem viele seiner Freunde die DDR auch heute noch wie Solidarität buchsta­bieren.

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