Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Gedanken zum Tag der Befreiung

Egon Krenz, Dierhagen

Vor fünf Jahren erhielt ich zum 8. Mai eine E-Mail aus der russischen Hauptstadt. Ein Freund, mit dem zusammen ich vor 50 Jahren in Moskau studiert hatte, schrieb: »Wir haben den Krieg gewonnen und letztlich doch verloren. An unseren Grenzen steht die NATO. Fremde Truppen in der Nähe unserer Heimaterde, das sollte es nach den furchtbaren Erfahrungen des deutschen Überfalls vom 22. Juni 1941 nie mehr geben. Dafür starben Millionen meiner Landsleute. Siebzig Jahre danach wird Russland von Deutschland wieder bestraft, nicht mit einem Überfall, aber mit einem Wirtschaftskrieg und mit übler Hetze gegen mein Heimatland.«

So etwas geht mir unter die Haut. Inzwischen noch mehr als vor fünf Jahren. Ausgerechnet zum 75. Jahrestag des Sieges der UdSSR im Großen Vaterländischen Krieg wurde das NATO-Manöver Defender geplant. Bundesdeutsche Truppen bilden dabei die »Speerspitze«. Seit 2016 gibt es ein neues Weißbuch der Sicherheitspolitik der Bundesregierung, in dem es heißt, Russland sei für Deutschland kein Partner mehr, weil es angeblich die europäische Friedensordnung in Frage stelle. Was ist Russland dann? Etwa ein Feind? Das ist dann wirklich der Gipfel der Tatsachenverdrehung. So wird Russland weiter provoziert. So sind Spannungen vorprogrammiert. Es steht die Frage im Raum: Wohin soll diese russlandfeindliche Politik der Bundesregierung noch führen?

Ich weiß, was den Russen gesicherte Grenzen bedeuten

Der Sozialismus – wie immer man in verschiedenen politischen Lagern ihn auch nennen mag: ob Früh- oder Staatssozialismus, ob sowjetisch geprägter, real existierender oder sogenannter – war weltgeschichtlich bisher die einzige reale Gegenmacht zum Imperialismus. Es gibt manch Kritisches über ihn zu sagen. Doch: Was wäre wohl aus Europa und der Welt geworden, wenn die Sowjetunion dem deutschen Faschismus nicht den entscheidenden Schlag versetzt hätte? Und: Ohne den Sozialismus hätte es nach der Zerschlagung des deutschen Faschismus möglicherweise nicht nur einen kalten, sondern sehr wahrscheinlich einen heißen Weltkrieg gegeben.

Die Russen haben aus ihrer Geschichte heraus ein gutes Gefühl dafür, wer ihrem Land Gutes will und wer es demütigt. Ich bin während meines Studiums in Moskau in russischen Familien gewesen, wenn sie des 22. Juni 1941 gedacht haben. Ich weiß daher aus eigenem Erleben, was den Russen gesicherte Grenzen bedeuten. Deutschland sollte mindestens in diesem Punkt etwas mehr Demut zeigen. Worte wie »Bestrafungen« und »Sanktionen« aus dem Munde deutscher Politiker an Russlands Adresse sind nicht nur geschichtsvergessen, sie sind eine Anmaßung gegenüber einem Volk, das für Deutschlands Freiheit vom Faschismus sein Herzblut gegeben hat.

Die Sowjetarmee hat den deutschen Faschismus zerschlagen, nicht aber die deutsche Nation. Schon allein diese Tatsache rechtfertigt, dass deutsche Regierungen den Beziehungen zu Russland eine Sonderstellung einräumen müssten. Ähnlich wie es die Bundesrepublik beispielsweise wegen des Holocaust mit Israel hält. Heute, da entsprechende Archive schon offen sind, ist auch dokumentarisch belegt, was die Bundesrepublik immer noch nicht wahrhaben will: Die UdSSR hatte kein strategisches Interesse an der deutschen Spaltung. 

In Erinnerung aus dem Jahre 1945 ist mir geblieben, dass die sowjetische Besatzungsmacht ein riesiges Plakat mit dem Bildnis Stalins kleben ließ, auf dem geschrieben stand: »Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt.« Diese Worte wurden bis in die Gegenwart nicht falsch, weil sie von Stalin stammen. Für mich sind es tiefgehende Gedanken über Deutschland. Gedanken eines Siegers über ein Deutschland am Ende des bis dahin fürchterlichsten Krieges aller Kriege, in dem die Sowjetunion durch deutsche Schuld 27 Millionen Menschen verloren hatte. Mir sagen sie bis heute, dass es der Sowjetunion nie um Rache, nicht um die Zerstückelung Deutschlands, nicht um die Unterjochung ging, sondern um ein einheitliches Deutschland ohne Nazis und als Friedensstaat im Zentrum Europas. In dieser Tradition steht auch die Russische Föderation.

Als ein Rotarmist am 30. April 1945 das rote Siegesbanner auf dem Deutschen Reichstag in Berlin gehisst hatte, war ich noch zu jung, um die politischen Zusammenhänge der Zeit verstehen zu können. Alt genug aber, um zu begreifen, wie gut, dass der Krieg zu Ende war. Mein späteres freundschaftliches Verhältnis zu sowjetischen Menschen beginnt unbewusst in den ersten Nachkriegsjahren.

»Sieh, das ist Kommunismus«

Ich lernte sowjetische Soldaten kennen, die anders waren als jene »barbarischen Untermenschen«, von denen die Nazipropaganda berichtet hatte. Einer von ihnen war unweit unserer Wohnung einquartiert. Offizier war er und Dolmetscher der Militärkommandantur. Jeden Abend, wenn er in sein Quartier zurückkam, brachte er mir etwas Essbares mit. Mal war es ein tiefschwarzes und feuchtes Soldatenbrot, mal etwas Würfelzucker und gelegentlich auch in Zeitungspapier eingewickelter Speck. Mittags schickte er mich zur Gulaschkanone der sowjetischen Einheit, die in meiner Heimatstadt stationiert war. Dort erhielt ich ein Kochgeschirr voller Kascha oder auch Kohlsuppe. Russische Worte für Brot, Zucker, Speck, Kohlsuppe und Grütze habe ich damals gelernt und nie wieder vergessen.

An manchen Abenden saß der Russe auf den steinigen Stufen vor dem Haus und drehte sich aus Zeitungspapier und Tabak eine Zigarette. Einmal summte er eine Melodie so vor sich hin, die ich noch nie gehört hatte. »Sing mit«, forderte er mich auf. »Das kann ich nicht«, antwortete ich. Er rief, als müsste ich mich dafür schämen: »Das ist doch das ›Heideröslein‹ von Goethe!« »Heideröslein« und »Goethe«, diese Worte hörte ich das erste Mal. Nicht von einem Deutschen, von einem Russen in sowjetischer Uniform.

Ich weiß, es gibt auch Deutsche, die nicht so gute Erinnerungen haben. Nicht rechtfertigend, aber erklärend führe ich ihnen gegenüber an: Die Rote Armee kam nicht aus eigenem Antrieb nach Deutschland. Hitlers Krieg hatte sie dazu gezwungen. Angesichts der Verbrechen der deutschen Wehrmacht waren Sowjetsoldaten natürlich verzweifelt über das Schicksal ihrer Eltern, Kinder, Verwandten und Freunde, über die Zerstörung ihrer Heimat. Mein politisches Leben war immer untrennbar mit sowjetischen Menschen verbunden, wandelte sich zwar allmählich von einem idealisierten Sowjetunionbild, das wir jahrelang pflegten, zu einem weitgehend realistischen, jedoch immer verbunden mit der Überzeugung, ohne Sowjetunion hätte es die DDR nicht gegeben, ohne Russland wird es auch heute und in Zukunft in Europa keinen Frieden geben.  

Später, als ich Mitte der sechziger Jahre in Moskau studierte, teilte ich mit Wolodja, einem Bauingenieur aus Smolensk, ein Zimmer im Internat. Die Wandschränke waren etwa 70 Zentimeter tief und nicht breiter als einen halben Meter. Wenig Platz also. Als ich meine Sommer- und Winteranzüge, Mäntel, Sportbekleidung und Wäsche auspackte, beobachtete er mich. Dann fragte er: »Kennst du den Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus?«

Ich vermutete einen Scherz. Er öffnete seinen Kleiderschrank.

Darin hingen eine Hose und eine Jacke. »Sieh«, sagte er etwas schelmisch, »das ist Kommunismus«. Dann wies er auf meinen vollen Schrank und meinte: »Das ist euer Sozialismus.« Natürlich wusste ich, dass das Alltagsleben der Sowjetmenschen noch sehr schwer war. Manche haderten auch damit, dass es uns, den Kriegsverlierern, wirtschaftlich besser ging als ihnen, den Siegern des Zweiten Weltkrieges. Ich reagierte etwas verlegen. »Macht nichts«, sagte er. »Wir geben es den Afrikanern, den Vietnamesen, den Arabern, den Lateinamerikanern und auch euch. Wenn einmal die Kapitalisten der ganzen Welt verjagt sind, wird es auch uns besser gehen.« Diese internationalistische Haltung der Sowjetmenschen war echt. Sie haben sie bewusst gelebt.

Wieder Jahre später war ich dabei, als Breschnew die Bitte Honeckers nach mehr Öl mit dem Satz konterte: »Erich, die Sowjetmenschen möchten auch mal in den fünften Stock ziehen und nicht nur im Keller wohnen.« Manche meiner Politbürogenossen fanden das deplatziert. Ich habe das wohl auch deshalb besser verstanden, weil ich mich an meinen Zimmergenossen und unsere Kleiderschränke erinnerte.

Aus der deutschen Politik muss die Russophobie verbannt werden

Daran musste ich auch denken, als ich erfuhr, dass deutsche Abgeordnete am 18. September 2019 einer Resolution des Europaparlaments zur »Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins« zugestimmt haben. Sie beschämt mich ob ihrer Geschichtsfälschung. Warum? Totalitärer geht es nicht. Sie machen das, was sie uns immer vorwerfen, fällen ein politisches Urteil über die Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Ein politisches Gremium beschließt mit Mehrheit, wie die Geschichte verlaufen sein soll, nicht, wie sie tatsächlich verlaufen ist. Es zählen nicht Fakten, sondern Verdächtigungen. Was in dem Dokument steht, hat mit Zukunft Europas überhaupt nichts zu tun, sondern schafft neue Konflikte, vor allem mit Russland. Geschichte wird faktisch als Waffe des Antikommunismus benutzt, um beispielsweise den Verlauf des Zweiten Weltkriegs zu verfälschen, um die Rolle der Sowjetunion bei der Zerschlagung des Faschismus zu negieren, um faschistische Verbrechen zu relativieren und Täter und Opfer auf eine Stufe zu stellen. Nach dieser Geschichtsdeutung gilt nicht mehr das faschistische Deutschland als einziger Schuldiger des Zweiten Weltkrieges, sondern wie es wörtlich heißt »die kommunistische Sowjetunion und das nationalsozialistische Deutsche Reich«. Sogar in dieser Reihenfolge. Nicht etwa der Tag des Kriegsausbruchs oder der Tag der Befreiung sollen Gedenktage sein, sondern der 23. August, jener Tag, an dem der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag abgeschlossen wurde.

Es ist das alte Lied: Schuld an allem ist der Russe. Das ist eine offene Aufforderung zum Regimewechsel. Man möchte den Maidan aus Kiew auf den Roten Platz in Moskau verlegen. Das ist ein Spiel mit dem Feuer. Wer es mitmacht, verstößt gegen nationale Interessen der Deutschen. Die Mauer in Berlin ist weg. Sie wurde nach Osten verschoben, besteht nicht mehr zwischen NATO und Warschauer Vertrag, sondern zwischen der NATO und Russland. Das sollte nachdenklich stimmen. Denn: Ohne Russland kann es keine europäische Friedensordnung geben. Aus der deutschen Politik muss die Russophobie verbannt werden. Deutsche Politiker müssen gegenüber Russland einen anderen Ton anschlagen, der Freundschaft und Zusammenarbeit, nicht »Sanktionen« und »Bestrafungen« fördert.  Eine solche Politik würde den Lehren der Geschichte und den historischen Erfahrungen der Beziehungen zwischen Russen und Deutschen gerecht werden.

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