Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Erhard Stenzel: Der 8. Mai 1945

Erhard Stenzel im Gespräch

Genosse Erhard Stenzel, wo warst du am 8. Mai 1945?

In der nordfranzösischen Stadt Rouen, genau da, wo ich im Januar 1944 als Wehrmachtssoldat desertiert war, Mitglied der Résistance und der Kommunistischen Partei Frankreichs wurde.

Das hört sich einfach an, war aber doch sicherlich gefährlich?

Natürlich musste ich vorsichtig sein. In Norwegen führte meine Einheit ein ruhiges Leben; aber die  Gelegenheit zum Desertieren ergab sich erst in Frankreich, im Januar 1944. Als wir zu dritt nachts auf Kontrollgang in Rouen unterwegs waren, setzte ich alles auf eine Karte: Ich war schwerer bewaffnet als die beiden anderen Soldaten; so bedrohte ich sie, nahm ihnen die Waffe ab, konnte mich absetzen und gelangte zum Hause eines Elsässers; dem war ich mal begegnet und hatte Vertrauen zu ihm gefasst. So kam ich zu einer Einheit der Résistance, die hauptsächlich aus Deutschsprachigen bestand.

Jetzt endlich konntest du das tun, was du seit deiner Kindheit wolltest: die Nazis aktiv, mit der Waffe in der Hand, bekämpfen – eine ganz neue Etappe in deinem Leben.

Manche Kämpfe waren hart – aber das Schlimmste war der Anblick der Stadt Oradour, wo Angehörige der SS-Panzer-Division »Das Reich« brutal gewütet hatten.

Später hast du erfahren, dass es in anderen Ländern andere Oradours gab: niedergebrannte Häuser und Felder, ermordete Menschen. Warst du damals, im Juni 1944 überzeugt, dass der Sieg über die Nazis bevorstand?

Ja, davon waren wir fest überzeugt, wir, die Résistance-Kämpfer und auch die amerikanische Einheit, der wir jetzt zugeordnet waren. Aber bis zur Befreiung von ganz Frankreich dauerte es noch Monate, denn die Feinde gaben nicht auf.

Am 8. Mai 1945 wurden wir ausländischen Résistance-Angehörigen, die in Nordfrankreich gekämpft hatten, in Rouen zusammengerufen. Natürlich waren alle froh, erleichtert – aber mein größtes Erlebnis ist die Befreiung von Paris gewesen, die ich im August 1944 miterlebt hatte.

Und wie hast du dann deine Rückkehr erlebt?

Mit der Eisenbahn fuhr ich durch Ruinenlandschaften. In meiner Heimatstadt Freiberg aber war alles intakt geblieben. Ich klingelte zu Hause, meine Mutter und mein jüngerer Bruder konnten zuerst nicht glauben, wer da vor ihnen stand: Sie hielten mich für tot; die Nazis hatten mich ja steckbrieflich als Verräter gesucht.

Und dann gab es noch eine wichtige Begegnung – die war ganz anders: Ich musste mich im Rathaus melden, um Lebensmittelkarten zu bekommen. Jetzt konnte ich nicht glauben, wer die Lebensmittelkarten austeilte: Mein alter Lehrer, ehemaliger Sturmführer der SA, jetzt in Zivil, ich in französischer Uniform, meiner einzigen Kleidung in den ersten Tagen.

Sofort hatte ich die Bilder von damals vor Augen: Er und einige andere Nazis dringen nachts in unsere Wohnung ein, misshandeln meinen Vater, stoßen ihn auf einen LKW, zu anderen Kommunisten. Am nächsten Morgen kommt er nicht zur Schule. Seine Vertretung erklärt, dass er nachts eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatte. Mein Banknachbar meldet sich: »Ja, er hat unsere Väter abgeholt.« – Das war 1933; ich war acht Jahre alt. Meinen Vater sah ich nie wieder, er hat nicht überlebt.

Was tatest du nach dieser Begegnung im Rathaus?

Ich ging zum sowjetischen Kommandanten. Er erkannte meine Uniform und umarmte mich als seinen »alliierten Bruder«. Am nächsten Tag saß mein ehemaliger Lehrer nicht mehr im Rathaus. Er wurde zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren verurteilt. Die verbüßte er in Bautzen – an dem Ort, wo mein Vater und andere gefangen waren, bevor die Nazis sie in Buchenwald ermordert haben.

Erhard Stenzel gehört zur KPF und ist seit 1944 Mitglied einer linken Partei – 76 Jahre! Wir sind dankbar, Erhard, dass du auch heute noch ein wichtiger Zeuge bist.

Das Gespräch führte Horsta Krum vor wenigen Wochen.

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