Eine Schule für den Frieden
Dr. Michael Polster, Berlin
Die Zentralschule des Friedensrates der DDR in Götschendorf
Am 8. April 1953 eröffnete der Generalsekretär des Deutschen Friedensrates, Prof. Dr. Heinz Willmann, in der uckermärkischen Gemeinde Götschendorf in Anwesenheit von Erwin Eckert, dem Ko-Vorsitzenden des Westdeutschen Friedenskomitees, in feierlicher Form die Zentralschule des Deutschen Friedensrates (DFR) der DDR. Zu den geladenen Gästen gehörten Vertreter zahlreicher gesellschaftlicher Organisationen aus Ost und West, die damit ihre Verbindung zur Friedensbewegung in der jungen DDR betonten. Von diesem Tag an wehte die Fahne mit der Friedenstaube – gestaltet von Picasso das bis heutige gültiges Zeichen der Friedensbewegung – über dem »fürstlich-lippischen Jagdschloss«. Der Schulstart stand unter der Losung »Deutschland muss ein Hort des Friedens werden«. Dazu schrieb der renommierte Schriftsteller F.C. Weiskopf in das Gästebuch der Schule: »Ich wünsche der Zentralschule des Friedensrates eine so erfolgreiche Tätigkeit, dass sie überflüssig wird, weil niemand mehr den Frieden zu bedrohen wagt.«
Eine wechselvolle, fast vergessene Geschichte
Von 1953 bis 1958 war sie die zentrale Bildungseinrichtung des DFR und entwickelte sich schnell zu einer »Stätte der Begegnung« für Freunde, Mitarbeiter und Sympathisanten der Friedensbewegung, die hier zu Gesprächen, Seminaren, Kolloquien und zu Schulungen zusammenkamen. Im ehemaligen Feudalschloss, das der letzte regierende Fürst Lippes 1910/11 erbauen ließ, wurde in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts damit friedenspolitische Geschichte der DDR geschrieben. Das Schlossgebäude hatte eine wechselvolle Geschichte, immer wieder ging es an neue Eigentümer. 1943 mussten sämtliche Gutshöfe in der Schorfheide an den Reichsmarschall Hermann Göring abgetreten – kalte Enteignung! – werden, da er sich die Schorfheide als sein Jagdgebiet auserkoren hatte. Das Schloss in Götschendorf wechselte wieder den Besitzer und wurde bis 1945 von Hermann Göring als Jagd- und Gästehaus genutzt, ob wohl er nachweislich niemals anwesend war. Der verheerende 2. Weltkrieg, hatte mit seinen Auswirkungen auch Götschendorf gestreift. Zwischen dem Kolpinsee und dem Gottssee wurde im letzten Kriegstagen noch eine Panzersperre angelegt. Man wollte so ganz »volkssturmmäßig«, den heranrückenden Feind, die Rote Armee – im Sinne des »Endsieges« – noch aufhalten, die aber, am 28. April 1945 kampflos das Dorf befreite. Der Dorffriedhof führte die Einwohner, Lehrgangsteilnehmer und Vertreter der Schule zu einer gemeinsamen Veranstaltung am 8. Mai 1955 zusammen, zur Einweihung eines Findlings – unter dem deutsche und sowjetische Soldaten ruhen – der eine Mahnung für die Zukunft sein sollte. Heute ist er eine weithin unbekannte Stätte der Erinnerung an Soldaten der Roten Armee und aller Kriegstoten. Seine Inschrift hat aktuellere Bedeutung denn je: »Die Toten mahnen uns, erhaltet das Leben, kämpft für den Frieden!«
Das Schlossgebäude selbst hatte die Ereignisse jener Zeit unversehrt überstanden, nachdem die letzten Schlossherren fluchtartig das Anwesen mit den angeblich eingelagerten Akten des Reichsluftfahrt-Ministeriums verlassen hatten. Vorübergehend wurde es zum unfreiwilligen Zuhause für Kriegsflüchtlinge, denen es als Bleibe durch die Behörden zugewiesen wurde. Da es an allem mangelte, wurde alles der eigenen Zweckmäßigkeit zugeführt und auch der Wärmerzeugung geopfert. Keine optimale Voraussetzung, um in kürzester Zeit – unter den damaligen Bedingungen der Not und der Materialknappheit – eine Schulungsstätte zu errichten.
Denn dazu hatte, am 19. Februar 1952, das Deutsche Friedenskomitee in Berlin den entscheidenden Beschluss gefasst, der die weitere Friedensarbeit in der DDR maßgeblich tangieren sollte. Eine Schule, ein dafür geeignetes Objekt, musste her. Eine »Findungskommission« wurde eingesetzt. Letztlich fanden die Berliner Emissäre das aus ihrer Sicht geeignete Gebäude: Das in Volkseigentum befindliche Schloss in Götschendorf, am Nordrand der Schorfheide, nicht weit von Berlin entfernt, mit einer Kapazität von ca. 50 – 60 Plätzen und einem großen Lektion-Saal, und die nächste Bahnstation war nur wenige Kilometer entfernt. Bis zur Eröffnung der Schule mussten so manche Hindernisse, im wahrsten Sinne des Wortes, beiseite geräumt werden. Die bauliche Herrichtung des Schulungsobjektes unterlag der Kontrolle der Abteilung Organisation beim Sekretariat des DFR in Berlin, dem wöchentlich Bericht zu erstatten war und die zur absoluten Sparsamkeit bei allen Baumaßnahmen aufrief. Schulleiter war von 1. März 1953 bis Herbst 1958 Fritz Rathig, ab 1957 auch gewähltes Mitglied im örtlichen Gemeinderat, der mit seiner Familie – bevor das Lehrerwohnhaus (Typ LW 53/5) fertiggestellt war – ebenso wie die anderen Angehörigen des Lehrkörpers im Schlossgebäude wohnte. 27 Männer und Frauen gehörten zum festen Personalstamm der Schule. Große Aufmerksamkeit galt immer den Versorgungsfragen. Selbstversorgung und Eigeninitiative waren angesagt. Erst mit Beginn des 21. Lehrganges wurde nach einer Sondernorm verpflegt, die auf Anordnung des Ministeriums für Handel und Versorgung vom März 1955 für alle Teilnehmer an Schulen der Parteien und Massenorganisationen beschlossen wurde. Der erste Lehrgang fand vom 4. bis 22. Mai 1953 statt. Insgesamt wurden in den fünf Jahren 58 Lehrgänge mit über 4.500 Teilnehmern durchgeführt. Alle Kursanten waren durch die deutschen Schulen bis 1945 gegangen. Selbst jüngere Freunde waren alle alt genug, um mit den Begriffen Frieden und Krieg aus eigner Erfahrung umgehen zu können. Viele hatten der Nazimacht in Treue bis zum bitteren Ende gedient, zum Teil als Offiziere und Unteroffiziere verschiedener Ränge. Mancher Friedensfreund hatte die besten Jahre seines Lebens hinter Kerkermauern oder in der Emigration verbracht und/oder hatte als Widerstandskämpfer illegal oder als Partisan auf fremden Boden mit der Waffe in der Hand gegen die deutschen Eroberer gekämpft.
»Wie werden Kriege gemacht?«
Die Teilnehmer kamen aus dem gesamten Territorium der DDR und aus Westdeutschland – vorgeschlagen von den dort wirkenden Friedenskomitees zur Teilnahme an einem Lehrgang in der Einrichtung, oder sie hatten sich selbst darum beworben. Vielfach handelte es sich um Personen, die keiner Partei oder gesellschaftlichen Organisation angehörten oder die aus irgendwelchen Gründen kaum Aussicht hatten, sich allein neben ihrer beruflichen Tätigkeit das Wissen anzueignen, was als Voraussetzung einer qualifizierteren Tätigkeit in den Friedenskomitees erforderlich war. Die Hauptaufgabe der Tätigkeit und der vielen nationalen und internationalen Gastlektoren und Gastreferenten bestand in der Vermittlung ihrer Erfahrungen und Meinungen zum Friedenskampf. Ziel der Schulungen war es, gemeinsame Antworten zu finden auf die Frage: »Wie entstehen Kriege? Wie werden Kriege gemacht?« Und wenn das nicht möglich war, zumindest Pfade aufspüren, die zu einem Frieden führten und gar gemeinsam beschritten werden könnten. Von den persönlichen Erfahrungen und Kenntnissen ausgehend, galt es, die Vertreter der Friedensräte mit mehr theoretischem Wissen und praktischem Können auszustatten. Entsprechend waren die Programme für die allgemeinen Lehrgänge gestaltet, aber auch aktuelle Ereignisse erfuhren ständige Aufmerksamkeit und Behandlung in den Kursen. Zur Förderung der direkten Verbindung zu ausländischen Friedensbewegungen und der Erweiterung regionalwissenschaftlicher Kenntnisse trugen zahlreiche Begegnungen mit im Lande weilenden ausländischen Personen oder Gruppen (Delegationen) bei. Etwa drei bis vier Wochen waren die Regelzeitdauer der Lehrgänge. Dies bedeutete eine erhebliche Vergrößerung des Arbeitsvolumens der Lehrenden, die die für ihre Tätigkeit erforderlichen Voraussetzungen im intensiven Selbststudium und in eigenen Seminaren sich aneignen mussten, was sie danach im Unterricht zu vermitteln hatten. So war es nur folgerichtig, dass auch seitens der Regierung der jungen DDR der Schule besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde und auch Ministerpräsident Otto Grotewohl die Schule besuchte. [1]
Im Herbst 1958 wurde die »Stätte der Begegnung«, wie sie seit 1957 hieß, geschlossen und für kurze Zeit noch nach Grünheide bei Berlin verlegt. Grundlage dafür war die zunehmende Rolle der örtlichen Ausschüsse der Nationalen Front. Sie führte 1962 zur Umstrukturierung des Friedensrates als zentralem Organ der Friedensbewegung in der DDR. Unter Beibehaltung seines Namens wurde er in ein Gremium namhafter Persönlichkeiten umgewandelt. Die Folge war eine Auflösung aller nachgeordneten Gliederungen des Friedensrates und ihre Verschmelzung mit den entsprechenden örtlichen Ausschüssen der Nationalen Front. Somit hatte auch die Schule ihre bis dato gegebene Funktion erfüllt.
Vom Ferienheim zum Denkmal mit Sanierungsbedarf
Nach der Aufgabe der Schule wird ab der 60er Jahre das Schlossgebäude und die ganze Liegenschaft bis 1989 als Ferien- und Erholungsheim genutzt. Bis 1975 ist es ein Ferienheim der Nationalen Volksarmee. Es wurde gegen das NVA-Ferienheim Lorenzmühle in Schmalzgrube bei Jöhstadt im Erzgebirge getauscht. Neuer Hausherr war danach bis 1989 der Rat des Bezirkes Frankfurt/Oder mit dem Schulungs- und Ferienheim Haus Seeblick. In den 1990er Jahren ging das Objekt in die Insolvenz und stand längere Zeit leer. Ideen für seine weitere Nutzung gab es reichlich, aber sie verflüchtigten sich mangels notwendiger Finanzen. Die sogenannte Nutzung des Objektes durch das MfS als Träger kann nicht nachgewiesen werden. Der Zahn der Zeit nagte immer mehr an der Substanz des Gebäudes.
Seit 2007 ist das Schloss Götschendorf mit dem umgebenden Grundstück – nebst ehemaligem 1954 errichteten Wohnhauses für das Lehrerpersonal – im Besitz der russisch-orthodoxen Kirche in Deutschland und dient ihr als Kloster mit dem Namen St. Georg. Für einen symbolischen Euro erfolgte der vertraglich fixierte Besitzerwechsel im Jahre 2006. Verkäufer war das Land Brandenburg mit seinem Ministerium der Finanzen. Der ehemalige russische Botschafter in Deutschland Wladimir M. Grinin schrieb dazu in seinen Erinnerungen, »nach anfänglichem Zögern der Verantwortlichen vor Ort halfen schließlich Kontakte in die Potsdamer Staatskanzlei und die Fürsprache von Pfarrer Horst Kasner aus Templin – der Vater von Angela Merkel – bei der Verwirklichung des Projektes«.
Das unter Denkmalschutz stehende – heute stark sanierungsbedürftige Schlossgebäude – scheint dem weiteren Verfall preisgegeben. Trotz mehrfacher Bemühungen einiger Dorfbewohner und einer zeitweiligen Bürgerinitiative ist es bis heute nicht gelungen, das Gebäude in irgendeiner Form zu retten. In einer letzten Antwort des Brandenburger Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur vom Mai 2025 formuliert man es so: »Da aber keine akute Gefährdung der denkmalgeschützten Substanz vorliegt, haben die Denkmalbehörden keine rechtliche Möglichkeit, von der Eigentümerin weitergehende Sanierungsmaßnahmen einzufordern«. Damit hat, wie es scheint, der Besitzerwechsel sein vorläufiges Ende gefunden, und das Dorf muss nun mit dem so entstanden ruinösen Anblick leben.
Anmerkung:
[1] Weitere Informationen dazu in der Autobiographie: Fritz Rathig, »Von Deutsch-Südwest nach Deutsch-Nordost«: Nora Verlag, Berlin 2020. – Und in: https://findling-goetschendorf.net/2026/01/05/der-vergessene-findling/.
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