Die »revolutio« des Francis Bacon
Prof. Dr. Hermann Klenner, Berlin
Vor vierhundert Jahren, am Ostersonntag 1626, starb der 1561 in London als Sohn einer hochgebildeten Lady und des Großsiegelbewahrers der englischen Krone geborene Francis Bacon an den Folgen eines (geglückten) Experiments, bei dem er sich selbst infizierte.
Bereits wenige Jahrzehnte nach seinem Tod wurde der Universalgelehrte Bacon, von Haus aus Jurist, als Spiritus rector der drei bedeutendsten Wissenschaftsakademien Europas anerkannt, der 1660 in London, der 1666 in Paris und der 1700 in Berlin gegründeten. Er, der sich nicht als Nach-Denker, sondern als Vor-Denker verstand, war der Allererste, der zur Kennzeichnung des eigenen Denkeinsatzes den Terminus revolutio benutzte. Immanuel Kant verband mit Bacons Namen den Begriff einer »Revolution der Denkart«. Thomas Jefferson, Autor der Unabhängigkeitserklärung der dreizehn nordamerikanischen Kolonien Englands von 1776, hielt Bacon für den ranghöchsten der drei bedeutendsten Männer der Weltgeschichte.
In den nach ihm kommenden Wissenschaftlergenerationen des In- und Auslands wurde Bacon als Leitwissenschaftler betrachtet, der an der Spitze derer gestanden habe, die die Aufklärung vorbereiteten, indem sie Aristoteles als zu formal-logisch, Platon als zu material-theologisch und die Scholastiker als scheinheilige Ignoranten charakterisierten. Bacon selbst hingegen hatte sich zur Tradition der antiken Materialisten, insbesondere zu Demokrit und Epikur bekannt, aber auch zu den Dialektikern Heraklit und Empedokles. John Desmond Bernal zählt in seiner vierbändigen Science in History von 1954/1967 Francis Bacon zu den beiden Geburtshelfern der mit dem bürgerlichen Kapitalismus entstehenden Neuen Wissenschaft. Tatsächlich hat Bacon den Ansatz zu einer selbstbewussten Gesellschaftskonzeption eines beginnenden Kapitalismus geliefert.
Jedenfalls ist Francis Bacon der bedeutendste Materialist vor Marx, dessen bedeutendster Vorgänger als Dialektiker Hegel ist.
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Nachfolgend als Anregung zum Weiterdenken einige Sentenzen Bacons, entnommen seinem 2006 in Freiburg erschienenen, von mir herausgegebenen und mit einem umfangreichen Anhang versehenen Werk Über die Würde und die Förderung der Wissenschaften (»Of the Proficience and Advancement of Learning«, London 1605/1623):
Wie kommt es, dass Philosophen die Anhänger reicher Leute sind, und nicht die reichen Leute Anhänger von Philosophen?
Religion ist der himmlische, Geld der irdische Reichtum.
Was würdig ist zu existieren, ist auch wert, erkannt zu werden, denn das Wissen ist eine Widerspiegelung des Seins.
Das ist die wahre Philosophie, die gleichsam nach dem eigenen Diktat der Welt geschrieben ist, denn Philosophie ist nichts anderes als der Welt Abbild.
Die Menschen gestalten ihr eigenes Schicksal.
Man kann der Natur nur gebieten, wenn man ihr gehorcht.
Die Suche nach allerletzten Ursachen ergibt gar nichts; sie ist so unfruchtbar wie eine gottgeweihte Jungfrau.
Sprechen wie die Menge; denken wie die Weisen.
Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit und nicht von Autoritäten.
Allzuviel Zeit aufs Studieren zu verwenden, ist Müßiggang: An einigen Büchern sollte man nur schnuppern, andere verschlingen und nur wenige durcharbeiten.
Wenn man erst einmal vom Urteil eines anderen abhängig geworden ist und auf dessen Ansichten schwört, dann vermehrt man die Wissenschaft nicht mehr, sondern beschränkt sich darauf, jenen anderen in sklavischer Abhängigkeit zu umkreisen.
Der menschliche Verstand ist kein reines Licht; er ist vom Willen des Menschen beeinflusst und erzeugt eine Wissenschaft für das, was man will.
Die Vernunft sollte als fruchtbar, die Gewohnheit als unfruchtbar angesehen werden.
Die Wahrheit geht öfter aus dem Irrtum hervor als aus dem Vorurteil.
In der bürgerlichen Gesellschaft herrscht entweder Recht oder Gewalt; aber es gibt auch eine Art von Gewalt, die Recht nur vortäuscht, und eine Art von Recht, die eher einen Beigeschmack von Gewalt hat als von Gerechtigkeit.
Solange Menschen Menschen sind und Vernunft Vernunft bleibt, so lange wird eine berechtigte Furcht ein berechtigter Grund für einen Präventivkrieg sein.
Es ist grausam, den Gesetzen Gewalt anzutun, damit die Gesetze den Menschen Gewalt antun.
Wissen und Macht koinzidieren.
Der Boden hoher Stellungen ist schlüpfrig, und das Ende pflegt ein Sturz zu sein.
Im Frieden beerdigen die Söhne ihre Väter; in Kriegen beerdigen die Väter ihre Söhne.
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