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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Die Maßnahmen und die Folgen

Heinz Keßler (1920-2017), Fritz Streletz (1926-2025) – Buchauszug

 

Bereits am 13. August 1961 begannen sich die Geister in beiden Lagern zu scheiden. Die Scharfmacher und antikommunistischen Ideologen formulierten die Propaganda-Muster, die seither benutzt werden.

Natürlich machte diese konzertierte Aktion des Warschauer Vertrages aus den Gegnern des Sozialismus keine Freunde. Der Antikommunismus beherrschte nach wie vor ihr Denken, die Absicht, die Sowjetunion und ihre Verbündeten zu liquidieren, war damit nicht erloschen. Aber die kühlen Köpfe unter den kalten Kriegern, denen bewusst war, dass ein Atomkrieg ihnen möglicherweise die Basis der eigenen Existenz vernichtete, waren froh darüber, dass die akute Gefahr der Selbstvernichtung zunächst abgewendet worden war. Nicht durch eigenes Zutun, sondern durch eine vernünftige, logisch zwingende Maßnahme der Gegenseite. Man konnte also weiter Profite machen. Dafür war die neue Lage ganz nützlich – die Sowjets hatten zu verstehen gegeben, dass sie bereit waren, die Interessen des Westens zu respektieren, sofern der Westen dies auch mit den sowjetischen Interessen tat. Das war eine vernünftige Basis für eine friedliche Koexistenz.

Pflichtschuldig protestierten die drei Stadtkommandanten am 15. August bei ihrem sowjetischen Kollegen, Oberst A. J. Solowjow, in Berlin-Karlshorst, wurden aber nicht einmal selbst vorstellig. Ihre Verhindungsoffiziere übergaben drei gleichlautende Schreiben, in denen die »illegalen« Absperrmaßnahmen moniert wurden – die Aufforderung jedoch, diese aufzuheben und die Sperren zu entfernen, sucht man in den Schreiben vergeblich. Natürlich nicht. Ihre Chefs hatten diese ja akzeptiert.

Am 17. August geschah das gleiche in Moskau: Übergabe der Protestnoten der drei Westmächte, aber auch diese enthielten keine Aufforderung zur Rücknahme der Maßnahmen.

Selbst in Bonn hielt man die Füße still, nachdem Adenauer die Zeichen aus Washington, London und Paris verstanden hatte. Die Sondersitzung des Kabinetts am 15. August gab die Parole aus: »Ruhe bewahren«. Aber nicht etwa aus Einsicht, sondern weil man sich überrascht gab. Kanzleramtsberater Horst Osterheld im Anschluss vor der Presse: »Der Kanzler hatte von Gegenmaßnahmen gesprochen. Und alle Welt rechnete damit. Aber zwischen den drei Westmächten, der Bundesregierung und Berlin war für den Fall der gewaltsamen Absperrung Ost-Berlins von West-Berlin keine Gegenmaßnahme vorbereitet, und zwar einfach deshalb nicht, weil man mit einem solchen Fall nicht gerechnet hatte.«

Anderentags empfing Adenauer den sowjetischen Botschafter Smirnow. ln dem offiziellen Kommuniqué versicherte der Bundeskanzler der BRD zur Überraschung aller, »dass die Bundesregierung keine Schritte unternimmt, welche die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR erschweren und die internationale Lage verschlechtern«.

Abweichend davon wandte sich Adenauer mit der Forderung an Kennedy, endlich Maßnahmen zu ergreifen, Verhandlungen mit der Sowjetunion könne er wenig abgewinnen. Am 5. September ließ ihn Kennedy schriftlich wissen: »Da wir unserer selbst sicher und in unserer Entschlossenheit fest sind, teile ich nicht die Auffassung, dass wir Verhandlungen ablehnen sollten, weil dies als Zeichen unserer Schwäche ausgelegt werden könnte.« […] 

(Seiten 148-149)

Aufschlussreich ist [...] ein Gespräch mit dem Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht im Jahr 1962, das dieser mit dem BBC-Korrespondenten Paul Oestreicher führte. Die Berliner Zeitung veröffentlichte Oestreichers Beitrag am 24. Oktober 2009 unter der Überschrift »Im Schützengraben raucht man nicht«.

Der Journalist war im September 1961 zum ersten Mal von seinem Sender nach Berlin geschickt worden. Er sprach mit dem Stellvertreter des britischen Stadtkommandanten und war erstaunt, dass dieser (wie auch andere in der Stadt) mit gespaltener Zunge redete.

Offiziell verurteilte der Brite »aufs Schärfste« die Maßnahmen am 13. August, inoffiziell, also vertraulich, hörte Oestreicher von ihm jedoch das Gegenteil: »Wir Westmächte sind über den Mauerbau eigentlich erleichtert. Für absehbare Zukuııft ist Westberlin gesichert. Der destabilisierende Flüchtlingsstrom war einfach nicht mehr tragbar. Ein ökonomischer Zusammenbruch Ostdeutschlands hätte eine unkalkulierbare sowjetische Reaktion ausgelöst. Die Gefahr eines neuen Krieges ist nun erst einmal gebannt. Zwar hat uns der Zeitpunkt des Mauerbaus überrascht, nicht aber die Mauer an sich. Die Sowjets wussten sehr wohl, dass sie keine westlichen Gegenmaßnahmen zu befürchten hatten. Und schlussendlich hat man uns mit der Mauer auch noch eine nützliche Propagandawaffe geliefert.«

Am 3. Dezember 1962, und deshalb vor allem dieser Einschub, war Oestreicher in Schloss Niederschönhausen, dem Amtssitz des Staatsratsvorsitzenden. An dem Gespräch nahmen auch Albert Norden und Otto Winzer, der Außenminister, teil. Walter Ulbricht begründete dem britischen Gast den Grund des Mauerbaus (der Begriff »Schutzwall«, so erinnerte sich Oestreicher, sei von ihm angeblich nicht benutzt worden). Dieser sei zur Rettung des Weltfriedens »eine tragische Notwendigkeit« gewesen. Und auf seinen Einwand, ob es denn nicht Alternativen gegeben hätte, ob man nicht liberaler, menschenfreundlicher hätte handeln können, sagte Ulbricht laut Oestreicher: »Ich sitze an vorderster Front. Ein Soldat im Schützengraben zündet keine Zigarette an. Nur auf diese Weise konnte ich den Sozialismus retten. Die Früchte werden kommende Generationen ernten. Ich werde das nicht mehr erleben, ich muss den Hass meiner Bürger auf mich nehmen.« […] 

(Seiten 159-160)

ln der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 wurden, als Folge einer falschen Information des Politbüromitglieds Schabowski auf einer Pressekonferenz, die Grenzübergangsstellen geöffnet. Das war weder mit der Führungsmacht noch mit den anderen für Berlin zuständigen Staaten abgestimmt. Es war ein Akt, der objektiv gegen internationales Recht und gegen die für Berlin geltenden Regelungen verstieß.

Es fiel kein Schuss, niemand kam zu Schaden.

Wenn es überhaupt noch eines Beweises bedurft hätte, wie verlogen und demagogisch die Parole von den »schießwütigen Grenzern« war: in jener Nacht und in den folgenden Tagen wurde er erbracht.

Auch dafür rächte sich anschließend die politische Klasse und die Justiz der Bundesrepublik. Wir hatten ihr antikommunistisches Feindbild von den angeblichen Mördern und Mauerschützen vor der Welt überzeugend widerlegt.

Die Sicherungsmaßnahmen der Staatsgrenze der DDR zu Westberlin wurden nicht nur vom sozialistischen Lager begrüßt, sondern weltweit als Beitrag zur Friedenssicherung in Europa gesehen und gewürdigt.

Als Beleg gilt die Tatsache, dass zwischen 1961 und 1989 rund 30.000 Delegationen aus 120 Staaten die Grenzsicherungsanlagen und die Ausstellung am Brandenburger Tor besichtigten. Dabei wurde mit Anerkennung nicht gespart, der Einsatz der Grenzsoldaten gelobt.

Am 16. April 1986 war auch der erste Mann der Sowjetunion zu Besuch. Gorbatschow trug sich in das Gästebuch des Stadtkommandanten ein. »Am Brandenburger Tor kann man sich anschaulich davon überzeugen, wie viel Kraft und wahrer Heldenmut der Schutz des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden vor den Anschlägen des Klassenfeindes erfordert. Die Rechnung der Feinde des Sozialismus wird nicht aufgehen. Das Unterpfand dessen sind das unerschütterliche Bündnis zwischen der DDR und der UdSSR sowie das enge Zusammenwirken der Bruderländer im Rahmen des Warschauer Vertrages. Ewiges Andenken an die Grenzsoldaten, die ihr Leben für die sozialistische DDR gegeben haben.«

Gorbatschow erklärte dies als höchster Repräsentant des sozialistischen Lagers, als Oberster Befehlshaber der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Vertrages und damit als international anerkannter höchster Vorgesetzter aller Armeen des Warschauer Vertrages. Mit seiner Eintragung in das Ehrenbuch am Brandenburger Tor bestätigte er den gesetzlichen Auftrag der Grenztruppen der DDR und damit auch, dass es notwendig und richtig war, zuverlässig die Staatsgrenze militärisch zu sichern.

Jedoch war eben dieser Gorbatschow nicht bereit, das wenige Jahre später zu bestätigen. Beim sogenannten Honecker-Prozess, bei dem wir zu siebeneinhalb bzw. zu fünfeinhalb Jahren verurteilt wurden, unterließ er es, als Zeuge aufzutreten und sich zu dieser Eintragung zu äußern. Stattdessen erklärte er am 20. Dezember 2004 vor Schülern der Hildegard-Wegschneider-Oberschule in Berlin-Wilmersdorf: »Wenn ich mich an die Mauer in Berlin erinnere, spüre ich heute noch Entsetzen über dieses Bauwerk.«

(Seiten 165-166)

Auszüge aus: Heinz Keßler, Fritz Streletz, »Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben«, edition ost im Verlag Das Neue Berlin, 2. Auflage 2011, mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Eine aktualisierte Neuausgabe von 2021 (ISBN 978-3-360-01897-7) ist bei edition ost für 15,- Euro sofort lieferbar (siehe www.eulenspiegel.com/buecher/edition-ost/titel/ohne-die-mauer-haette-es-krieg-gegeben-2.html).

Armeegeneral a.D. Heinz Keßler trat drei Wochen nach dem Überfall als Wehrmachtsoldat zur Roten Armee über. Von 1956 bis 1985 Stellvertretender Verteidigungsminister, danach Verteidigungsminister bis 1989.
Generaloberst a.D. Fritz Streletz war von 1979 bis 1989 Stellvertreter des Oberkommandierenden der Streitkräfte des Warschauer Vertrages, Stellvertretender Minister für Nationale Verteidigung und Chef des Hauptstabes der NVA sowie 19 Jahre Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates der DDR. Am 28. September 2026 wäre er 100 Jahre alt geworden.