Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Der Vater einer Legende: Wer griff 1918/19 zum Dolch?

Günter Herlt, Berlin

Die »Dolchstoß-Legende« geistert seit 100 Jahren durch Deutschland. Sie sollte eine Quelle für Trost, Hass und Rache werden. Sie wurde gespeist von Obristen, Monarchisten und Antikommunisten. Sie sollte die gewaltsame Niederschlagung der Novemberrevolution rechtfertigen. Sie unterhöhlte den Neuanfang der Weimarer Republik. Sie half auch den Nazis bei der Machtergreifung und diente deren Rachefeldzügen bis zum bitteren Ende. 1918/19 wie auch 1945 waren Abermillionen Deutsche ratlos, ausgehungert und vergrämt – zu großen Teilen aber auch bereit zum Umsturz aller Verhältnisse, die in diese Massengräber mit 20 plus 50 Millionen Opfern geführt hatten.

Am 18. November .1919, in Auswirkung der Novemberrevolution, tagte ein Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung, um zu ergründen, was die Ursachen des Zusammenbruchs waren. Dort traten – jedoch nicht als Hauptschuldige, sondern als Sachverständige – die Feldmarschälle Hindenburg und Ludendorff auf. Die erklärten nassforsch: »Unsere Frontkämpfer waren im Felde unbesiegt! Doch die Rebellion in der Heimat hat der kämpfenden Truppe den Dolch in den Rücken gestoßen!«

Was war der Zweck der Lüge?

Es ging um die Reinwaschung der Herrschenden und die Verdammung der  Unbeherrschten. In Wahrheit hatten beide Kronzeugen schon im Sommer und Herbst 1918 dem Staatssekretär Admiral von Hintze mitgeteilt: »Es muss vor dem unvermeidlichen Zusammenbruch der Front ein diplomatischer Weg zum Waffenstillstand gefunden werden.«

Wer nicht sucht, kann nicht finden. Der Zorn eskalierte: Die Matrosen der Kriegsflotte verweigerten die Ausfahrt. Die Soldaten liefen zum Feind oder zu den Rebellen in der Heimat über. Die Frauen in den Rüstungsfabriken streikten. Die Linken hatten mit dem Spartakusbund und der Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands ihre Wegweiser aufgestellt.

Rosa Luxemburg schrieb im Dezember 1918: »Auf den Schlachtfeldern Frankreichs war der blutige Wahn von der Weltherrschaft des preußischen Säbels zerronnen.«

Doch zur gleichen Zeit erklärte SPD-Führer Friedrich Ebert vor Truppen, die zur Niederschlagung der Novemberrevolution angefordert wurden: »Eure Opfer und Taten sind ohne Beispiel. Kein Feind hat euch überwunden!«

So trugen die geschlagenen Feldherren im Chor mit Politikern, Historikern, Journalisten und Kriegervereinen die Legende vom »Dolchstoß der November-Verbrecher« noch Jahr­zehnte lang weiter bis ins Nazireich.

Die Legende hat eine Urgroßmutter:

Das war die deutsche Tragödie von Siegfried dem Drachentöter. Der war unverwundbar und daher unbesieglich, weil er im Blut des getöteten Drachen gebadet hatte! So stand es in den Lesebüchern aller Schulen.

Da war aber auch zu lesen, warum Siegfried dennoch getötet wurde. Bei seinem Blutbad war ihm ein Laubblatt auf den Rücken gefallen. Jene Stelle war als einzige ungeschützt. Das erfuhr sein Widersacher Hagen und stach genau dort zu!

Solche Tragödie braucht nur dreierlei Akteure: Den starken Retter, den treulosen Verräter und den heimtückischen Mörder. So wurden später auch Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hinterrücks ermordet, weil sie am konsequentesten gegen Krieg und Ausbeutung antraten!

Inzwischen wurde es zur Methode aller nationalistischen Populisten, die objektiven Zusammenhänge von Ursache und Wirkung ins Gegenteil zu verkehren, um aus verlorenen Schlachten noch propagandistische Gewinne zu ziehen. Da wird dann der großmäulige Kaiser übersehen, der Deutschland einen »Platz an der Sonne« mit der Losung »Viel Feind – viel Ehr!« erkämpfen wollte. Und der rechtsradikale Hitler, der die »arische Herrenrasse« zur Weltherrschaft führen wollte. Über das WIE sprach er 1932 im Düsseldorfer Industrieklub vor 700 Monopolherren: »Schutz des Privateigentums, Kampf gegen den Bolschewismus und Eroberung von neuem Lebensraum.«

Damit der Zusammenhang nicht so krass auffiel, wurden einige Notstandskabinette mit Zivilisten wie Max von Baden, Brüning und Herrn von Papen dazwischengeschaltet. Die aber scheitern mussten. Zumal der SPD-Vorstand Hindenburg anbetete und auf einen eigenen Präsidentschaftskandidaten verzichtete.

Wie wurde Hindenburg zum Denkmal?

Paul von Hindenburg wurde im Oktober 1847 als Sohn eines preußischen Offiziers und Gutsbesitzers in Posen (heute Poznań in Polen) geboren. Er ging zur Schule in einer Kadettenanstalt, lernte befehlen und gehorchen. Hat 1866 mitgefochten in der Schlacht von Königgrätz (Hradec Králové). Stürmte 1870/71 im Deutsch-Französischen Krieg gegen Sedan. Wurde anschließend pensioniert, aber 1914 zum Beginn des I. Weltkrieges als Feldmarschall reaktiviert. Siegte in Tannenberg und in den Masuren gegen den Zaren. Hatte mit Ludendorff als Stabschef das Oberkommando an der Ostfront. Doch nach der gescheiterten Frühjahrsoffensive 1918 und dem starken Protest in der Heimat und an der Front, rät er zum Waffenstillstand und drängt Kaiser Wilhelm II. zur Flucht nach Holland. Er selber geht nach Hannover in den Ruhestand, denn ohne Monarchie kann er nicht atmen.

1919 erfand er für den Ausschuss der Nationalversammlung die »Dolchstoß-Legende«. 1925 schlugen die Rechtsparteien Paul von Hindenburg als Reichspräsidenten vor. Die Rechnung ging auf. 1932 gelang auch seine Wiederwahl, weil KPD, SPD und andere Antifaschisten trotz 250 Mandate nicht zur Aktionseinheit fanden, während die Nazipartei allein auf 230 Sitze kam. Am 30. Januar 1933 beauftragt Hindenburg den NSDAP-Führer Hitler mit der Regierungsbildung. Der spannte vorerst einige bürgerliche Spezialisten aus der Notstandsregierung von Papen mit ein, was einen zivilen Eindruck machte. Ende Februar 1933 brennt er Reichstag. Das wird Hitlers Alibi zur Verfolgung der Linken. Hindenburg unterschreibt Notverordnungen gegen alle antifaschistischen Aktivitäten. Bei der Reichstagswahl im März 1933 bekommen die Nazis 288 Sitze und tagen in der Potsdamer Garnisonskirche.

Der Handschlag zwischen Hindenburg und Hitler wird als Verbrüderung von Tradition und Neuzeit deklariert, was Hitler salonfähig macht. Der Judenboykott der Nazis flammt auf. Die Bücherverbrennung geht los. Der Weg in die Diktatur ist frei. 100 kleine Schritte führten in den großen stinkenden Abgrund der Nazidiktatur!

Die deutsche Eiche war ziemlich biegsam

Hindenburg war ein Produkt und ein Werkzeug seiner Zeit und seiner Klasse. Sein Lieblingsspruch war: »Meine Ehre heißt Treue!« Dabei nahm er es mit der Treue gar nicht so genau. Er hatte den Eid auf den Kaiser geleistet, aber ließ sich zur Galionsfigur der bürgerlichen Republik machen. Er wurde auf die Weimarer Verfassung vereidigt, aber baute Brücken zur Nazidiktatur. Er fügte gern hinzu: »Trotz schwerer Bedenken«.

Aber selbst das Glockenspiel der Garnisonkirche »Üb immer Treu und Redlichkeit« machte ihn nicht treuer. Und mit seiner Redlichkeit war es auch nicht weit her. Ein Feldherr, der ausruft »Mir bekommt der Krieg wie eine Badekur!«, der hat doch kein Gefühl für die Leiden der Soldaten und deren Frauen und Kinder beiderseits der Fronten! Der hat dann auch innenpolitisch keinen Noske gestoppt, der sich als »Bluthund gegen die Roten« angeboten hat. Dabei fehlte es damals nicht an Mahnungen. Die klarste rief Thälmanns KPD: »Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler! Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!«

Jedes Denkmal mahnt: »Denke mal!«

Deutschland hatte wenig Glück mit seinen gekrönten und ungekrönten Herrschern. Umso unbegreiflicher ist, warum unsere heutigen Herrscher die Vorzüge der Demokratie feiern und als »Oberlehrer« für Moral und Frieden durch die Welt ziehen, aber gleichzeitig den Stützen der Monarchie und der braunen Barbarei Lorbeerkränze flechten, Orden anheften, Straßen und Plätze in der Hauptstadt widmen, das Kaiserschloss nachbauen, die Garnisonkirche aus der Asche graben usw. Sind das nicht Zeichen einer gewissen Gewissenlosigkeit unter den herrschenden Eliten? Wer aus der Geschichte nicht lernt, riskiert, dass sie sich wiederholt! Das halten diese Erde und deren Bewohner aber nicht aus.

Zurück zur Übersicht