Der Organisator
Dr. Ronald Friedmann, Berlin
Es gab viele Judenreferenten im Dritten Reich, doch nur einen Judenreferenten im Reichssicherheitshauptamt, der Mord- und Terrorzentrale des faschistischen Deutschlands. Und dieser Judenreferent war weder »banal« [1] noch war er das sprichwörtliche kleine Rädchen ohne Einfluss in einer gewaltigen Maschinerie des Todes, die sich seiner Kontrolle entzog. Dieser Judenreferent war ein Überzeugungstäter, der seinen Hass auf alle Andersdenkenden und alle Andersseienden, seinen Antikommunismus und Antisemitismus, geschützt und gefördert durch einen Staat, der das materialisierte Unrecht war, bewusst und in vollen Zügen ausleben konnte: Adolf Eichmann.
Adolf Eichmann wurde am 19. März 1906, vor 120 Jahren, in Solingen im Rheinland geboren. Sein Vater war Buchhalter, der 1914 mit seiner Familie in das österreichische Linz zog, wo er eine leitende Position in der städtischen Elektrizitäts- und Straßenbahngesellschaft übernahm. Anders als alle seine Geschwister, verließ Adolf Eichmann die Schule ohne Abschluss. Auch eine Lehre als Mechaniker brach er ab. Nachdem er durch Vermittlung seines Vaters zunächst zwei Jahre als einfacher Arbeiter in einer Bergbaugesellschaft beschäftigt gewesen war, gelang es Eichmann schließlich, sich eine Existenz als Verkäufer aufzubauen. So war er von 1927 bis zum Frühjahr 1933 regionaler Handelsvertreter einer österreichischen Tochterfirma der US-amerikanischen Standard Oil.
Freiwillig
Bereits im April 1932 war Eichmann Mitglied der österreichischen NSDAP und der SS geworden. Nach dem Verbot der Nazipartei und ihrer Gliederungen im Juni 1933 verließ er Österreich und ging nach Deutschland, wo Hitler und seine Partei wenige Monate zuvor die politische Macht übernommen hatten. Als Angehöriger der sogenannten Österreichischen Legion erhielt Eichmann eine vierzehnmonatige paramilitärische Ausbildung bei der SS. Im Oktober 1934 meldete er sich freiwillig zum Sicherheitsdienst (SD) der SS. Dabei spielte vermutlich eine Rolle, dass sich Eichmann und Ernst Kaltenbrunner, der später als Chef der Sicherheitspolizei und des SD sein Vorgesetzter wurde, seit der gemeinsamen Schulzeit in Linz kannten.
Im Juni 1935 übernahm Eichmann die Leitung des Referats »Zionismus« in der neugeschaffenen SD-Abteilung »Juden«. Schwerpunkt seiner Tätigkeit wurde – in enger Zusammenarbeit mit der Gestapo – die euphemistisch als »Auswanderung« umschriebene massenhafte Vertreibung der Juden aus Deutschland. In einer sehr wahrscheinlich von Eichmann verfassten Denkschrift »Zur Judenfrage« vom Januar 1937 hieß es zunächst, dass »der Jude« ein »ewiger Feind des Nationalsozialismus« sei, um dann festzustellen, dass die »Entjudung Deutschlands nur erfolgen [könne], wenn den Juden in Deutschland die Lebensbasis, d. h. die wirtschaftliche Betätigungsmöglichkeit, genommen wird.« Eichmann behauptete: »Das wirksamste Mittel, um den Juden das Sicherheitsgefühl zu nehmen, ist der Volkszorn, der sich in Ausschreitungen ergeht.« Insgesamt gelte es, die »Auswanderung nach Gebieten, wo die Juden dem Reich nicht schaden können, zu fördern.«
Nach der deutschen Besetzung Österreichs im März 1938 wurde Eichmann nach Wien versetzt und dort mit der Einrichtung einer »Zentralstelle für jüdische Auswanderung« beauftragt: Mit brutalem Terror wurden innerhalb weniger Monate Zehntausende österreichische Juden ausgeplündert und zur Emigration gezwungen. Ein Jahr später, im Juli 1939, wurde Eichmann nach Prag versetzt und leitete auch dort den Aufbau einer solchen »Zentralstelle«.
Im Juli 1941, nur wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, wurde Eichmanns Referat im Rahmen einer Umstrukturierung des im September 1939 geschaffenen Reichssicherheitshauptamtes als Referat 4 (Juden- und Räumungsangelegenheiten) der berüchtigten Abteilung IV B angeschlossen. Damit war Eichmann für die gesamte Organisation und Koordination der Deportation von Juden aus Deutschland und den besetzten europäischen Ländern zuständig.
»Unbedenklich«
Noch stand die systematische Vernichtung der europäischen Juden nicht auf der politischen Tagesordnung, auch wenn die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD den in der Sowjetunion scheinbar unaufhaltsam vorrückenden Truppen der Wehrmacht mit dem Befehl folgten, in den eroberten Gebieten alle Kommunisten, Sowjetfunktionäre und Juden sofort zu töten. Doch sehr schnell schlug dieser Vernichtungskrieg gegen den zunehmend als »jüdisch« apostrophierten politischen Feind in einen Vernichtungskrieg gegen die gesamte jüdische Bevölkerung der Sowjetunion, also auch Frauen, Kinder und Alte, um: Im »Ereignisbericht« einer Einsatzgruppe vom 31. Oktober 1941 hieß es deshalb: »Es kann heute unbedenklich festgestellt werden, dass der Jude ausnahmslos im Dienst des Bolschewismus gestanden hat.« Der Entschluss der faschistischen deutschen Führung zur »Endlösung der Judenfrage« in Europa resultierte also unmittelbar aus dem ursprünglichen und nie aufgegebenen Ziel der Vernichtung des »jüdischen Bolschewismus«. [2]
Als am 20. Januar 1942 Vertreter aller wichtigen Ministerien der Hitlerregierung sowie der einschlägigen Dienststellen der SS zu einer Staatssekretärskonferenz zusammenkamen, die als »Wannseekonferenz« in die Geschichte einging, war die grundsätzliche Entscheidung über den Mord an den europäischen Juden bereits gefallen. Nun ging es ausschließlich darum, die Zuständigkeiten für die längst begonnenen Deportations- und Vernichtungsaktionen zu klären und den zeitlichen Ablauf der nachfolgenden Maßnahmen abzustimmen. Etwa elf Millionen Juden aus dem gesamten deutschen Macht- und Einflussbereich in Europa sollten noch vor dem Kriegsende »in den Osten evakuiert« und dort einer »Sonderbehandlung« unterzogen, also ermordet werden. Eichmann hatte das Eröffnungsreferat für Reinhard Heydrich verfasst, der als Leiter des Reichssicherheitshauptamtes zu diesem Treffen eingeladen hatte, und er schrieb auch das offizielle Protokoll.
Gründlich
Eichmann wurde zum Organisator des Massenmordes: Ihm unterstand die Planung sämtlicher Transporte, er sorgte für die Einhaltung der Fahrpläne und die Zusammenstellung und Auslastung der Eisenbahnzüge, die Millionen Menschen in die Ghettos und Lager brachten. Wiederholt besuchte er im Rahmen seiner Zuständigkeiten die großen Vernichtungslager und wurde dort Augenzeuge von Massentötungen. Dass er in seiner Funktion mehr tat als nur seine »Pflicht«, wurde spätestens bei der von Eichmann persönlich geleiteten Deportation der ungarischen Juden in das Vernichtungslager Auschwitz deutlich, die unmittelbar nach der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen im März 1944 begann: Er sorgte mit deutscher Gründlichkeit dafür, dass innerhalb von nur acht Wochen 437.000 ungarische Juden in den Tod geschickt wurden.
Eichmann akzeptierte die deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg nicht. Vielmehr sah er es weiterhin als seine wichtigste Aufgabe an, den Kampf gegen den »Bolschewismus« und »die Juden« weiterzuführen. Doch vorerst musste er untertauchen. Seine Flucht auf der »Rattenlinie Nord« führte ihn anfangs in die Lüneburger Heide, wo er unter falscher Identität und getrennt von seiner Familie fast fünf Jahre als Hühnerzüchter lebte. Im Juni 1950 gelangte Eichmann mit Hilfe des Vatikans und eines Flüchtlingspasses des Roten Kreuzes nach Argentinien, wo er sich unter dem Namen Ricardo Klement eine neue Existenz aufbauen und schließlich sogar Frau und Kinder nachholen konnte.
In Argentinien erhielt Eichmann von Anfang Unterstützung aus den Kreisen alter Nazis, unter denen sehr schnell bekannt wurde, wer sich hinter dem Namen Klement verbarg. Anders, als viele seiner »Kameraden« später glaubhaft machen wollten, war er keineswegs isoliert und wurde gemieden. Vielmehr gab es großes Interesse an seinen »Insiderkenntnissen«, und viele seiner zahlreichen Gesprächspartner aus dem Zirkel um den ehemaligen niederländischen SS-Mann und Nazi-Propagandisten Willem Sassen hofften, dass er die Berichte über den Massenmord an den europäischen Juden als »Lüge« und »Feindpropaganda« entlarven würde. Doch das konnte und wollte Eichmann nicht, es wäre in seinem Verständnis »Verrat« an seiner »Mission« gewesen. [3]
Es war dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zu verdanken, dass der israelische Geheimdienst schließlich alle notwendigen Informationen erhielt, um Eichmann in seinem argentinischen Exil aufzuspüren und ihn nach Israel zu bringen, wo ihm vor einem ordentlichen Gericht der Prozess gemacht wurde: Bauer hatte die Hinweise, die er durch persönliche Kontakte erhielt, vor den bundesdeutschen Behörden geheim gehalten, weil er fürchten musste, dass alte Nazis aus dem »neuen« Bonner Regierungsapparat Eichmann warnen könnten.
Der Prozess in Jerusalem gegen Eichmann wegen »Verbrechen gegen das jüdische Volk«, »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«, »Kriegsverbrechen« und die »Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation«, der am 11. April 1961 begann und am 15. Dezember 1961 mit einem Todesurteil endete, wurde von der internationalen Öffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Eichmann und sein (west-)deutscher Anwalt hatten alle Möglichkeiten erhalten, die Verteidigung angemessen vorzubereiten. Während des gesamten Prozesses behauptete Eichmann, im juristischen Sinne unschuldig gewesen zu sein und nur auf Befehl gehandelt zu haben. Doch die Beweise, die die Staatsanwaltschaft vorlegen konnte, buchstäblich tausende Dokumente, vor allem aber die Aussagen der mehr als hundert Zeugen, ließen keinen Zweifel an der umfassenden Schuld des Angeklagten.
Das Todesurteil gegen Adolf Eichmann wurde in der Nacht zum 1. Juni 1962 vollstreckt.
Anmerkungen:
[1] Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, Piper, München 1964.
[2] Zu diesem Thema sehr empfehlenswert: Jochen Hellbeck, Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025.
[3] Mehr zu diesem Thema in: Bettina Stangneth, Eichmann vor Jerusalem, Arche Literatur Verlag, Zürich und Hamburg 2011.
Mehr von Ronald Friedmann in den »Mitteilungen«:
2025-04: Mördertruppe in schwarzer Uniform
2025-02: Braune Neugründung
2024-06: Auf Weisung des Kraken