Das Blutvergießen muss aufhören!
Vered Berman, Mitglied von »Parents Circle Families Forum«, Ansprechperson zu Antisemitismus an der Alice Salomon Hochschule Berlin
Rede auf dem Potsdamer Parteitag der Partei Die Linke
Liebe Delegierte des Bundesparteitags,
ich bin Enkelin von Holocaust-Überlebenden. Meine Großeltern mütterlicherseits waren die einzigen Überlebenden aus ihren jeweiligen Familien. Sie sind nach Israel ausgewandert, nicht aus einer bestimmten Ideologie, sondern in der Hoffnung, dass sie und ihre Kinder, mein Onkel und meine Mama, dort sicher sein könnten.
Diese Hoffnung ist 40 Jahre später während der zweiten Intifada für meine Familie geplatzt. Im Juni 2003 hat ein 18-Jähriger aus Hebron ein Selbstmordattentat in Jerusalem verübt. 17 Menschen sind gestorben. Ich war damals 19 Jahre alt, gerade Au-pair in Berlin. Meine Schwester hat mich angerufen und die schrecklichsten Wörter meines Lebens gesprochen:
»Ima neherga ba Pigua – Mama ist bei dem Attentat ums Leben gekommen«. Ich bin nach Israel zurückgeflogen, um meine Mutter zu beerdigen. Das sollte keine 19-Jährige so machen müssen. Mein Opa, der seine Schwestern und Eltern nicht beerdigen konnte, weil sie kein Grab haben, musste seine Tochter beerdigen. Das sollte kein Elternteil machen müssen.
Liebe Delegierte, ich bin dankbar dafür, dass ihr euch gegen Antisemitismus einsetzt. Dankbar, weil Antisemitismus real ist. Er ist keine Nebensache und keine Erfindung. Im Oktober '23 habe ich als Beraterin bei OFEK e.V., einer Beratungsstelle bei antisemitischen Vorfällen, gearbeitet.
Die steigenden Vorfallszahlen sind für mich nicht abstrakt, das sind reale Menschen. Der Anstieg an antisemitischen Vorfällen nach dem 7.10. war enorm, und die Intensität der Gewalt hat sich auch deutlich erhöht.
Antisemitismus bedroht Menschen, bedroht Jüdinnen und Juden hier in Deutschland. Der Kampf gegen Antisemitismus ist eine linke Pflicht.
Mir macht es aber Sorgen, wenn dieser Kampf getrennt von anderen oder sogar auf ihren Kosten geführt wird. Der Kampf gegen Antisemitismus ist Teil vom Kampf für die Menschheit. Dazu gehört genauso der Kampf gegen Rassismus, gegen Besatzung, gegen Entrechtung, gegen Kriegsverbrechen, egal von wem sie ausgehen.
Wir müssen jede Form der Entmenschlichung bekämpfen, wenn sie von einer israelischen Regierung ausgeht, wenn sie von der Hamas ausgeht, wenn sie von jüdischen Siedlern ausgeht und auch, wenn sie in unseren eigenen politischen Reihen auftaucht.
Im Parent Circle treffen sich israelische und palästinensische Hinterbliebende. Wenn wir uns gegenseitig zuhören, merken wir schnell, dass das Leid der anderen genauso real ist wie unser eigenes.
Abir, die zehnjährige Tochter von meinem Freund Wissam Aramin, wurde vor ihrer Schule von einem israelischen Grenzsoldaten erschossen. Laor, der Sohn von meiner Freundin Michal Halev, wurde am 7. Oktober ermordet, als er beim Nova Festival tanzen war.
Wir sind 850 Familien, die den schlimmsten Schmerz tragen. Kein Schmerz hebt den anderen auf. Wir haben den höchsten Preis gezahlt und dennoch haben wir uns entschieden, nicht in der Logik von Rache und Entmenschlichung zu leben. Das ist keine Naivität, das ist politischer Mut.
Jüdische Sicherheit und palästinensische Freiheit sind keine Gegensätze, sondern bedingen sich gegenseitig. Wer nur die eine Seite sieht, wird keine Lösung finden. Als Linke sollten wir etwas anderes anbieten. Nicht Konkurrenz der Opfer, sondern eine konsequente Politik der Menschenrechte für alle.
Wir sprechen gerne von »Nie wieder«. Dieser Satz ist Teil meiner Familiengeschichte. Gerade deshalb glaube ich, »Nie wieder« muss »Nie wieder für alle« bedeuten, immer.
»Nie wieder« bedeutet, daran festzuhalten, dass jedes Menschenleben gleich viel wert ist. Das Leben eines jüdischen Kindes, das Leben eines palästinensischen Kindes, das Leben meiner Mutter.
Das Leben von Abir Aramin, von Laor Halev, das Leben von den Menschen in Gaza. Ich wünsche mir eine Linke, die diesen Zusammenhang nicht fürchtet, eine Linke, die Antisemitismus entschieden bekämpft und die gleichzeitig den Mut hat, gegen Besatzung, Krieg, Entrechtung, Entmenschlichung und Genozid aufzustehen.
Deutschland hat eine besondere Verantwortung gegenüber jüdischen Menschen. Eine Verantwortung, Antisemitismus entschieden entgegenzuwirken. Diese Verantwortung darf aber nicht in bedingungslose Unterstützung von gewaltvollen Regierungen und Systemen übersetzt werden. Das erfüllt nicht das Versprechen »Nie wieder«.
Diese Art der Unterstützung hat meine Mutter nicht geschützt, und sie schützt auch mich und meine Kinder hier in Deutschland nicht vor Antisemitismus. Und lasst mich eins klar machen: Es ist leicht zu sagen, man kritisiere Netanjahu, Ben Gvir und Smotrich. Diese Rechtsextremen zu kritisieren ist das Mindeste, was man von Linken erwarten kann.
Aber das ganze System der Besatzung gehört abgeschafft, und das ist ein System, was auch von Liberalen in Israel aufrechterhalten wird. Wir werden erst dann frei sein, wenn alle frei sind.
Deshalb macht es mir Sorgen, wenn wir diese Kämpfe voneinander trennen, wenn jüdische Sicherheit gegen palästinensische Freiheit ausgespielt wird, wenn Kritik an der israelischen Regierung als antisemitisch bezeichnet wird oder wenn umgekehrt Antisemitismus relativiert wird, weil man gerade über Gaza sprechen möchte. Beides führt in eine Sackgasse.
Als Linke dürfen wir uns nicht für eine Form der Menschenwürde entscheiden und gegen eine andere. Wenn ihr bei Israel/Palästina Partei ergreifen wollt, dann doch bitte nicht so. Stellt euch doch auf die Seite der linken Israelis und Palästinenser:innen, die zusammenarbeiten, gemeinsam für Gerechtigkeit und gegen Unterdrückung kämpfen. Eine Linke, die das Nullsummenspiel von den rechten Kräften vor Ort in Deutschland nachspielt, kann sich darin nur zerfleischen. Und die Gewinner sind weder Juden und Jüdinnen noch Palästinenser:innen, sondern die Rechten und die AfD, die doch die größte Gefahr für uns Juden und Palästinenser:innen in Deutschland sind.
Liebe Delegierte, ich möchte euch herzlich einladen, mit uns eine Brücke zu bauen. Was das bedeutet, sagt am besten mein Freund Wajid Meise aus der West Bank. Wajids 13-jähriger Bruder Hasem wurde von israelischen Soldaten erschossen. 11 Jahre später war er als erster vor Ort, als zwei seiner Cousins gemeinsam mit dem Säugling von einem in ihrem Auto von jüdischen Siedlern erschossen wurden. Das Bild von dem Baby kriegt er nie weg.
Am nächsten Tag entschied er sich, dem Parent Circle beizutreten. Wajid pflegt zu sagen, dass wir gemeinsam eine Brücke bauen über die Flüsse von Blut, die in Palästina und Israel fließen, damit unsere Kinder einst gemeinsam über diese Brücke laufen können. Das Blut, das da drunter fließt, das ist das Blut von meiner Mutter. Das ist das Blut von Wajids Bruder, von Laor Halev, von Abir Aramin, von Wajids Cousins und dem Baby. Das ist das Blut von Abertausenden Palästinenser:innen und Israelis. Ich möchte euch bitten, mit uns diese Brücke zu bauen.
Und wenn ihr das nicht könnt, dann möchte ich euch bitten, die Hände von dem Konflikt zu lassen. Seid bitte nicht Teil des Problems, seid ein Teil der Lösung! Danke.
Freitag, den 19. Juni 2026. – Nach dem Transkript auf Youtube
https://www.youtube.com/watch?v=MZrgfMZNJ3Y.
Die Rede wurde wiederholt von starkem Beifall unterbrochen.
(Vgl. auch: https://parentscirclefriends.de/rede-von-vered-berman-auf-dem-parteitag-die-linke/.)